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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des 50. Jahrestages der Wiedergründung der Deutschen Schule Stockholm

Fünfzig Jahre deutsche Schule in Stockholm, das ist ein Anlass zum herzlichen Gruß und Glückwunsch. Ich bin ganz besonders froh darüber, dass Sie, Majestät, und Sie, Königin Silvia, meine Frau und mich auch hier wieder so freundlich begleiten.

Ich danke Herrn Ehrhardt, dem Vorsitzenden des Schulvereins, und der Direktorin, Frau Remme, dafür, dass sie uns schon ein wenig von ihrer Schule erzählt haben, die ja in Wirklichkeit nicht fünfzig Jahre alt wird, sondern, wenn ich es richtig gelesen habe, zu den ältesten Schulen ganz Schwedens gehört. Nun ist Alter kein Verdienst, im Gegenteil. In der Bibel steht: "...so bald Männer in Israel 50 Jahre alt werden, sollen sie nicht mehr arbeiten." Es geht aber weiter: "... sondern ihrem Bruder dienen...". Also sind wir hier zum Dienen an der Deutschen Schule. Alter ist kein Verdienst, aber dass bei den letzten Untersuchungen des schwedischen Schulwesens Ihre Schule einen ganz vorderen Platz gehabt hat, das finde ich besonders erfreulich und dazu will ich herzlich gratulieren.

Ich besuche sehr gerne deutsche Schulen im Ausland, aus mehreren Gründen. Erstens, weil in diesen Schulen viele Karrieren beginnen: Die Tochter des finnischen Ministerpräsidenten geht zur deutschen Schule in Helsinki. Der Bürgermeister von Porto begrüßte uns vor 14 Tagen in fehlerfreiem Deutsch. Er hat sein Abitur an der deutschen Schule in Porto gemacht. So könnte man viele, viele nennen, die aus deutschen Schulen kommen und die sich in der Regel im Beruf, im öffentlichen Leben bewährt haben.

Der zweite Grund, warum ich gerne deutsche Schulen besuche, ist, dass ich der Auffassung bin, dass wir Deutschen unsere Sprache noch nicht genug schätzen und ihrer nicht bewusst sind, sie nicht genug gestalten. Und ich wünsche mir viele, die die deutsche Sprache auch außerhalb der Grenzen des deutschen Sprachraums sprechen, lesen, in ihr lernen und dafür werben, dass Deutsch gesprochen wird. Es ist ja noch nicht so lange her, da war in Schweden das Deutsche die zweite Fremdsprache. Inzwischen gibt es die internationale Zusammenarbeit und die Globalisierung, die dazu geführt haben, dass auch deutsche Universitäten oft nur englisch unterrichten. Da wünsche ich mir, dass wir eine Schneise schlagen für die deutsche Sprache, denn sie ist ein Geschenk und wir sollten uns dieses Geschenkes würdig erweisen.

Der dritte Grund, warum ich gern gekommen bin, ist der, dass deutsche Auslandsschulen - und das gilt auch für die siebzig, die sich am 2. Mai, glaube ich, in Berlin zu einem Verband deutscher Auslandsschulen zusammengeschlossen haben -, dass die meisten dieser Auslandsschulen inzwischen Begegnungsschulen sind. Und wir haben es ja eben gehört, 60 % schwedischer Schüler, 30 % deutsche Schüler, 10 % aus anderen Sprachkulturen und dann aus dreißig verschiedenen Ländern. Das ist ein wahrlich farbiges Bild und ich wünsche mir, dass dieser Begegnungscharakter zunimmt. Denn Begegnung heißt nicht, dass wir beliebig werden, sondern dass wir eigenes Profil entdecken und entwickeln in der Begegnung mit den anderen. Hermann Hesse hat einmal gesagt: "Gestaltlose Nebel begegnen sich nie." Und ich denke, da hat er einen wahren Satz gesagt.

Ich treffe morgen meine mittel- und osteuropäischen Kollegen in Salzburg, wo wir miteinander darüber sprechen, wie es denn weitergeht mit Europa und welchen Beitrag wir leisten können, auch durch Bildungssysteme und auch über die Schulen. Ich will über die wichtigen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem schwedischen Schulwesen sprechen, über die neunjährige Grundschule, über den Ganztagsunterricht, über die unterschiedlichen Ergebnisse in der Pisa Studie, bei der wir Deutschen gar nicht mehr so gut aussehen, wie unsere schwedischen Freunde. Ich will jetzt kein pädagogisches Kolleg zu halten versuchen, sondern ich will nur sagen, dass wir eine große Chance haben, wenn wir die jungen Menschen in den Schulen herausfordern, sich selber auf die Probe zu stellen, etwas zu lernen, sich etwas anzueignen, ihre Grenzen zu erfahren, aber auch zu überschreiten.

Und gegen die falsche Konkurrenz zwischen Naturwissenschaften und musischen Fächern. Ich glaube, dass wir in Deutschland im Augenblick ein wenig dazu neigen, die Frage der internationalen Verbreitbarkeit zu stark auf die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer zu legen. Natur, Kunst, Musik, auch Sport, das ist nie die Sahne auf dem Kuchen, das ist immer die Hefe im Teig einer Gesellschaft. Und wenn die Schule das vermittelt, wenn sie diese Fähigkeiten herausfordert und intellektuelle Fähigkeiten stärkt, dann hat sie ihren Dienst richtig getan. Es kommt freilich hinzu, dass ich mir Schulen wünsche, in die man gerne geht, oder in denen man gerne lernt und lehrt. Und darum freue ich mich über die Feststellungen, die Sie, Frau Rektorin, getroffen haben, dass hier häufig gefeiert wird. Hoffentlich auch fröhlich gefeiert und hoffentlich auch ohne Festreden.

Ich habe manche schwedische Schule im Laufe meines Lebens kennengelernt und besucht, immer wieder nur stundenweise, und auch hier ist unser Besuch sehr nach Minuten begrenzt. Das muss so sein bei einem zweitägigen Staatsbesuch, bei dem man die eigene Neugierde befriedigen möchte und möglichst viele Menschen treffen, kennenlernen, ihnen zuhören und ihnen erzählen möchte. Ich wünsche allen, die in diese Schule gehen, dass sie es gerne tun, dass sie die Dimension Europa nicht aus dem Blick verlieren und auch nicht den Reichtum, den dieser Kontinent hat, und der mit der Osterweiterung in den nächsten Jahren noch einmal deutlicher wird. Dann kommen Länder hinzu, die wie viele im Westen oder im Osten gelegen haben, die aber nie im Osten gewesen sind, sondern immer in Zentraleuropa. Diese Länder mit ihren Kulturen und ihren Entwicklungen kennenzulernen, in Kunst und Literatur, in Malerei und Musik, das ist eine ganz große Chance. Und ich glaube, wir sollten diese Chance wahrnehmen.

Ich danke Ihnen für den freundlichen Empfang. Ganz besonders dankbar bin ich dafür, dass so viele Kinder den König und die Königin sehen wollten. Ich hoffe, dass ihnen das gelungen ist. Wir wissen, dass wir hier in Schweden in diesen Tagen gern gesehene Gäste sind. Und das sage ich als jemand, der 1931 geboren ist, also vor zweiundsiebzig Jahren. Und der am Ende des Zweiten Weltkrieges vierzehn Jahre alt war, zu dessen Kinder- und Schülererlebnissen nicht nur viele Schulwechsel gehörten, sondern auch Nächte in Bunkern aus Angst vor Angriffen, und Evakuierung und Rückkehr. Dass wir Deutschen jetzt ein Volk sind in der Mitte Europas, da wir von lauter Freunden umgeben sind, das ist ein Wunder vor unseren Augen. Und wir sollten das Staunen darüber nicht vergessen. Die Freude darüber nicht und die Dankbarkeit dafür nicht. Und darum sollten wir Menschen sein, die einmal verbunden und weltoffen ihren Beitrag leisten dazu, dass diese Welt ein wenig menschlicher wird als sie jetzt ist. Ich wünsche der Deutschen Schule hier in Stockholm von Herzen alles Gute, den Eltern, den Schülern, den Altschülern und den Gäste von Herzen Gottes Segen.