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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Zentralen Eröffnung des Ökumenischen Kirchentages 2003

I.

Es gibt Dinge, die hat selbst Berlin noch nicht erlebt:
Einen Ökumenischen Kirchentag, den ersten überhaupt, und Hunderttausende bei der Eröffnung.
Ich freue mich darüber, dass Sie alle hier sind.
Ich freue mich darüber, dass ich hier sein kann.
Ich freue mich als bergischer Evangelischer,aber auch als Bundespräsident bin ich gerne gekommen.

Was in diesen Tagen hier geschieht, das hat für unsere ganze Gesellschaft Bedeutung, weit über die christlichen Kirchen hinaus.

Katholiken und Protestanten, Orthodoxe und Mitglieder anderer christlichen Kirchen haben mehr als zwei Jahre miteinander beraten und geplant.

Sie haben gestritten und Kompromisse gefunden.Nun kann es beginnen.

II.

Ein Ökumenischer Kirchentag im Land der Reformation: Welch ein Weg von der Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert zu neuer Gemeinsamkeit am Beginn des 21. Jahrhunderts! Der Ökumenische Kirchentag von Berlin kann die Kirchenspaltung nicht aufheben.

Er kann aber Zeichen setzen und Fragen stellen. Er kann Mut machen, Neues zu wagen und den jeweils anderen nie mehr aus dem Blick zu verlieren.

Ich wünsche mir, dass dieser Kirchentag möglichst vielen Menschen hilft, Vorurteile abzubauen und Orientierung zu gewinnen.

Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Miteinander von Christen in Deutschland nicht alles verändert! Es ist ja nicht lange her, da gab es ganz bittere Konflikte in den Städten und Dörfern unseres Landes zwischen "Katholischen" und "Evangelischen".

Ich habe da noch ganz lebhafte Erinnerungen.

Es ist gut für unsere ganze Gesellschaft, dass die Christen weitergekommen sind: Dass viel weniger noch vom "falschen Gesangbuch" die Rede ist, dass die zählebigen Vorurteile zwischen den Konfessionen verschwinden, die Klischees und mancher Hochmut.

Viel an gegenseitiger Fremdheit ist überwunden - durch gemeinsames Beten und Arbeiten, in der Begegnung und im Gespräch.

Akademiker und Theologen haben dazu gewiss einen wichtigen Beitrag geleistet - aber was nützte das ohne das praktische Miteinander der vielen Christen in den Familien, in den Schulen und in den Kirchengemeinden?

III.

Der Ökumenische Kirchentag ist keine geschlossene Veranstaltung.

Juden und Muslime tragen zum Programm bei. Das ist gerade hier in Berlin besonders wichtig.

Ich weiß, dass auch viele den Wert des Ökumenischen Kirchentags für unsere ganze Gesellschaft erkennen und anerkennen, die selber nicht an Gott glauben.

Wo gibt es das sonst, dass so viele Junge und Alte, Frauen und Männer, Bürger und Politiker, Ostdeutsche und Westdeutsche, Protestanten und Katholiken, Angehörige anderer Religionen und auch manche, die an keinen Gott glauben, zusammenkommen und einander offen und unbefangen begegnen?

Dieser Ökumenische Kirchentag widmet sich in den nächsten Tagen Fragen des Glaubens und Anfragen der Welt. Das geschieht in dem Bewusstsein, dass heute in Deutschland nur noch knapp zwei Drittel einer christlichen Kirche angehören, in den neuen Ländern nur etwa jeder fünfte.

IV.

Ich freue mich darüber, dass zu den Hunderttausenden aus allen Teilen Deutschlands fast fünftausend Gäste aus aller Welt nach Berlin gekommen sind.

"Ihr sollt ein Segen sein" - so heißt das Leitwort dieses Ökumenischen Kirchentages.

Ich wünsche mir, dass all diese Menschen den Segen erfahren, der verheißen ist, und dass sie gleichzeitig selber ein Segen sind - für sich und für andere.

Segen brauchen wir alle - auch wenn manche das anders nennen.

Ich freue mich mit Ihnen auf die kommenden Tage.