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Laudatio von Bundespräsident Johannes Rau "Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen" an Valéry Giscard d'Estaing

I.

Die Geschichte des Karlspreises ist ein Spiegelbild des europäischen Einigungsprozesses. Wir denken an Jean Monnet und an Robert Schuman, die Initiatoren der europäischen Integration. Wir denken an Konrad Adenauer, der Deutschland fest in die europäische Zusammenarbeit eingebunden hat, an Paul Henri Spaak mit seiner Idee von einer europäischen Verteidigung. Wir denken an Emilio Colombo und natürlich an Jacques Delors, der der europäischen Zusammenarbeit in schwierigen Zeiten besondere Impulse gegeben hat.

In diesem Jahr wird ein großer französischer Patriot ausgezeichnet, ein visionärer Europäer, ein Förderer der deutsch-französischen Freundschaft: Valéry Giscard d'Estaing. Das ist eine wirklich gute Wahl. Ich beglückwünsche die Karlspreisgesellschaft und den Preisträger gleichermaßen.

Die Wahl ist wirklich gut, aber sie ist nicht ohne Risiko. Der Preis wird ja auch verliehen für etwas, was noch nicht vollendet ist. Noch ist offen, ob es dem Konvent gelingt, das zu leisten, was in der Preisbegründung von ihm erhofft wird. Er soll, so heißt es dort, "über fünfzig Jahre nach Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl der Gemeinschaft durch eine Verfassung die innere Form geben, die sie in den Stand versetzt, auch als politische Union eine führende Rolle in der Welt wahrzunehmen."

Es stimmt ja: Die europäische Zusammenarbeit steht heute vor einer großen Bewährungsprobe. Sie ist wohl nur vergleichbar mit der Gründungsphase nach dem Kriege und mit der Zeit des politischen und ökonomischen Umbruchs in Europa seit der Mitte der achtziger Jahre. Unsere Zusammenarbeit steht vor drei großen Herausforderungen:
  • Die Europäische Union muss die Erweiterung gestalten, die vor wenigen Wochen in Athen besiegelt worden ist, und sie muss in den nächsten Jahren die Tür offen halten für weitere Beitrittskandidaten.
  • Sie muss die inneren Reformen voranbringen und sich gleichzeitig im Konvent und auf der anschließenden Regierungskonferenz auf eine europäische Verfassung verständigen.
  • Die Europäische Union muss schließlich zeigen, dass Europa seine Verantwortung in der Welt wahrnehmen will und wie die europäischen Antworten auf die globalen Fragen und Probleme aussehen. Wir spüren, wie drängend die Bürgerinnen und Bürger Europas danach fragen.

II.

Ohne Risiko ist die Entscheidung der Karlspreisgesellschaft, was die Verdienste des Preisträgers um das Zusammenwachsen Europas anbelangt. Der Präsident der französischen Republik, Valéry Giscard d'Estaing, hat die Interessen seines Landes vertreten, dabei aber immer auch die Interessen des ganzen Europa im Blick gehabt. Damit steht er in der Tradition der Gründerväter Europas. Sie waren fest davon überzeugt, dass Europa einen weiteren Krieg nicht überstehen würde und dass seine einzige Chance in einer immer engeren Zusammenarbeit der europäischen Nationen lag.

Valéry Giscard d'Estaing hat die Zusammenarbeit in Europa stets in einer historischen Perspektive gesehen. In seiner Autobiographie spricht er von der Notwendigkeit einer neuen Renaissance. Nur sie, so sagt er, könne den historischen Niedergang Europas aufhalten. Er selber hat danach gehandelt. Viele der großen Projekte der europäischen Integration gäbe es ohne seine Impulse und Beiträge nicht.

Das gilt (Oberbürgermeister Dr. Linden hat bereits darauf hingewiesen) ganz besonders für das europäische Währungssystem, das er mit seinem Freund Helmut Schmidt entwickelt und durchgesetzt hat, und für den Europäischen Rat. Jean Monnet hat zu Valéry Giscard d'Estaing einmal gesagt: "Die Schaffung des Europäischen Rates, die Ihr Werk ist, ist die wichtigste Entscheidung auf dem Weg zur Einheit Europas seit der Unterzeichnung des Vertrages von Rom!" Wie Recht er hatte mit seinem Urteil über die Bedeutung des Europäischen Rates, das zeigen die aktuellen Debatten über einen Präsidenten für den Europäischen Rat.

Giscard d'Estaing gehört zu den wenigen Politikern in Europa, die in fast allen europäischen Organen Erfahrung sammeln konnten, im Europäischen Rat, im Ausschuss der Regionen und im Europäischen Parlament.

Als es darum ging, einen Präsidenten zu finden für die so schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, den Vorsitz des Europäischen Konvents zu übernehmen, war es daher keine Überraschung, dass viele den Namen Valéry Giscard d'Estaing nannten "Wir brauchen Intelligenz und Erfahrung, und in beiden Bereichen ist Giscard d'Estaing einer der besten Kandidaten, die man im heutigen Europa finden kann.". Mit diesen Worten hat Präsident Chirac für die Kandidatur von Valéry Giscard d'Estaing geworben. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Als Sie am 28. Februar 2002 den Konvent eröffneten, haben Sie gesagt: "Ja, wir dürfen träumen und den Traum von Europa vermitteln!" Eine europäische Verfassung, das ist wahrlich nicht nur ein Traum von und für Juristen, sondern sie entspricht auch dem tiefen Wunsch, Europa dauerhaft befriedet, geeint und handlungsfähig zu sehen.

Der Konvent war und ist ein großes Experiment, in dem Menschen aus unterschiedlichen Verfassungstraditionen und mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen zusammenkommen. Immerhin konnten Sie aber auf die Erfahrungen meines Amtsvorgängers Roman Herzog im Grundrechtekonvent zurückgreifen. Der Arbeit des Konvents ist zugute gekommen, dass Sie ihm ein guter und gestrenger Präsident waren. Sie haben die Möglichkeiten, die Ihnen Ihr Amt gibt, voll ausgeschöpft und dem Konvent viele Impulse gegeben.

Von Beginn an haben Sie keinen Zweifel daran gelassen, dass der Konvent nur dann erfolgreich sein werde, wenn er einen einzigen Verfassungsentwurf vorlegt und nicht mehrere Varianten. Nur ein gutes Ergebnis des Konvents, das war Ihre Überzeugung, kann zu einer schnellen Einigung auf der anschließenden Regierungskonferenz führen.

Dabei haben Sie als Präsident des Konvents wahrlich etwas riskiert. Ihre Vorschläge zu den europäischen Institutionen kamen überraschend und waren umstritten. Sie sind in der Öffentlichkeit heftig kritisiert worden. Jeder hat aber gewusst und deshalb akzeptiert, dass Sie möglichst gute und klare Ergebnisse wollten. Sie wollen sich eben nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden geben.

III.

Mit Valéry Giscard d'Estaing erhält zum achten Mal eine Persönlichkeit aus Frankreich den Karlspreis. Aus keinem anderen Land, auch nicht aus Deutschland, kommen mehr Preisträger, obwohl wir Sie ein wenig auch zu uns rechnen wollen; schließlich sind Sie ja in Koblenz geboren.

Ihre Auszeichnung würdigt auch die deutsch-französische Zusammenarbeit. Die ist gerade in schwierigen Zeiten zum Wohle Europas besonders wichtig. Sie selber, Herr Präsident, haben darauf hingewiesen, dass: "(...) in der Geschichte Europas die Zeiten, in denen Deutsche und Franzosen eng beieinander standen, stets Zeiten des Fortschrittes gewesen sind."

Natürlich haben Franzosen und Deutsche häufig auch unterschiedliche Interessen und Auffassungen. Deshalb haben sie sich besonders intensiv darum bemüht, Kompromisse zu finden. Die anderen Mitgliedstaaten, deren Positionen oft zwischen dem deutschen und dem französischen Pol lagen, konnten sich diesem Kompromiss dann fast immer anschließen. Auch darin liegt die Bedeutung des deutsch-französischen Motors für Europa.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit war immer dann besonders erfolgreich, wenn sie darauf gerichtet war, andere zu gewinnen und mitzunehmen und auch die Interessen der kleineren Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu berücksichtigen.

Über viele Jahre und über alle Parteigrenzen hinweg hat sich das deutsch-französische Tandem bewährt - von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle über Helmut Kohl und Francois Mitterrand bis zu Gerhard Schröder und Jacques Chirac. Sie selber, lieber Valéry Giscard d'Estaing, bildeten gemeinsam mit Helmut Schmidt, so würde man heute auf gut neudeutsch sagen, ein europäisches "dreamteam".

IV.

Morgen diskutiert das Plenum des Europäischen Konvents zum ersten Mal auf der Grundlage eines vollständigen Verfassungsentwurfs. Damit tritt die Arbeit des Konvents in die entscheidende Phase ein. Ich möchte an alle Mitglieder des Konvents appellieren: Finden Sie miteinander ein Ergebnis, das gut ist für ganz Europa und dem alle in der Regierungskonferenz zustimmen können!

Europa kann nur gelingen, wenn zwischen den großen, den mittleren und den kleineren Länder ein Ausgleich ihrer Interessen geschieht. Alle müssen am Ende sagen können, alle Staaten, aber auch alle Bürger: Ja, das ist unsere Verfassung! Nur dann kann auch das europäische Bewusstsein weiter wachsen. Sie, die Mitglieder des Konvents, können ein neues, wichtiges Kapitel europäischer Geschichte schreiben. Haben Sie Mut! Geben Sie Europa eine Zukunft!

Europa, das sind die Bürgerinnen und Bürger unseres Kontinents. Idee und Wirklichkeit der Europäischen Union leben von ihrer Zustimmung.

Die europäische Verfassung sollte vor allem vier Aufgaben erfüllen:

  • Sie sollte mehr Transparenz schaffen und die europäischen Entscheidungsprozesse verständlich und effizient machen;
  • sie sollte die Demokratie in Europa stärken und dem Europäischen Parlament mehr Rechte geben, auch das, den Kommissionspräsidenten zu wählen;
  • die Verfassung sollte die Kompetenzen der Union und der Mitgliedstaaten klar voneinander abgrenzen, entsprechend dem Grundsatz der Subsidiarität,
  • sie sollte das Gleichgewicht zwischen den Organen der Union wahren.
Ich weiß wohl: Eine Verfassung für Europa - das sehen nicht alle nur positiv. Manche haben die Sorge, dass sich mit einer solchen Verfassung Macht verlagern und Identität auflösen könnte. Hier wird mit Recht Wachsamkeit gefordert. Es muss beim gleichrangigen Miteinander von großen und kleinen Staaten bleiben. Das hat ja die Europäische Union in der Geschichte und in der Welt zu einem Erfolg gemacht, der beispiellos und beispielhaft ist. Darauf vertrauen ja alle: Ganz unterschiedliche Partner arbeiten gleichberechtigt zusammen und verzichten auf Teile ihrer nationalen Souveränität, in ihrem eigenen Interesse und im Interesse der Gemeinschaft.Darum sage ich: Niemand in Europa darf die Nummer Eins sein oder werden wollen.

In weniger als einem Jahr werden zehn weitere Staaten zur Europäischen Union gehören. Damit wird die unnatürliche Teilung Europas überwunden. Europa findet wieder zusammen.

Auch mit 25 Mitgliedern und mit einer Verfassung ist die Europäische Union nicht vollendet. Jean Monnet hat schon zu Beginn der europäischen Zusammenarbeit gesagt: "Europaistnicht,sondern Europawirdimmer."

V.

Die Krise um den Irak hat in den zurückliegenden Monaten auch zwischen Regierungen in Europa zu Differenzen geführt. Die Bürgerinnen und Bürger in Europa stimmten viel stärker miteinander überein.

Wir müssen uns jetzt fragen, welche Rolle Europa international spielen will und kann und welche Verantwortung Europa übernehmen soll. Wir müssen uns auf gemeinsame Ziele einigen und auf Instrumente, damit wir diese Ziele erreichen können. Die Menschen erwarten, dass Europa gemeinsam handelt.

Wir können auf einem breiten Fundament an gemeinsamen Werten und Überzeugungen aufbauen. Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und eine sozial verpflichtete Marktwirtschaft sind in der Europäischen Union fest verankert. Diesen Werten wissen sich auch die neuen Mitgliedsstaaten verpflichtet. Die gemeinsame Erfahrung europäischer Kriege ist ein Quell unserer Friedenssehnsucht. Paradoxerweise ist sie zugleich ein Teil unserer europäischen Identität.

Europa hat bis in die jüngste Zeit unterschiedliche historische Erfahrungen gemacht. Die Menschen in der einen Hälfte unseres Kontinents haben jahrzehntelang in Unfreiheit leben müssen. Die wiedergewonnene Freiheit lässt uns unsere gemeinsame Geschichte wieder entdecken und Europa gemeinsam bauen.

Nur wenn wir unsere Stärken zusammenführen, können wir unser Gewicht auch außenpolitisch zur Geltung bringen. Dazu brauchen wir mehr Selbstbewusststein und mehr Selbstvertrauen, mehr Solidarität und mehr Loyalität.

Der Übergang zu Mehrheitsentscheidungen, eine Solidaritätsklausel und Konsultationsmechanismen, ein europäischer Außenminister, später vielleicht auch ein gemeinsamer europäischer diplomatischer Dienst - das alles können wichtige Elemente einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union sein. So kann sie ein starker Partner in der Welt werden.

VI.

Die Europäische Union spielt schon jetzt eine wichtige Rolle auf der globalen Bühne:

  • Sie ist die größte Handelsmacht der Welt. Wir setzen uns dafür ein, dass die schwächeren Staaten einen fairen Marktzugang bekommen, dafür, dass Handelshemmnisse abgebaut werden.
  • Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten leisten weltweit den größten Beitrag zur finanziellen und technischen Hilfe für die ärmeren Staaten der Welt.
  • Sie fördert die regionale Zusammenarbeit auch auf anderen Kontinenten. Damit trägt sie bei zur politischen Stabilität und zur wirtschaftlichen Entwicklung vieler Länder.
  • Die Europäische Union setzt sich dafür ein, dass überall auf unserer Erde die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten bleiben und
  • sie tritt ein für die Herrschaft des Rechts.

Bei allen Problemen, Schwächen und bei allen großen Defiziten: Das ist der Beginn einer gemeinsamen Außenpolitik.

VII.

Sie, verehrter Valéry Giscard d'Estaing, haben einmal gesagt: "Eine der Voraussetzungen, den historischen Niedergang Europas zu beenden, ist es, eine gemeinsame Sicht der europäischen Sicherheit zu entwickeln."

Auch hier gibt es Fortschritte. Die Europäische Union spielt heute bei der Sicherung des Friedens und bei der politischen Stabilisierung auf dem Balkan eine herausragende Rolle. Wir haben leidvoll erfahren müssen, dass der Einsatz von Gewalt als ultima ratio notwendig sein kann. Darum braucht eine europäische Sicherheitspolitik neben allen zivilen Mitteln auch eine militärische Komponente. Die Europäische Union und die NATO müssen freilich Hand in Hand arbeiten.. Es ist gut, dass die Europäische Union auf die militärischen Kapazitäten und Fähigkeiten der NATO zurückgreifen kann.

Wenn wir regionale Konflikte lösen und wenn wir beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus Erfolg haben wollen, müssen wir nach den Ursachen der Konflikte und der Gewalt fragen. Armut, soziale Ungerechtigkeit und Angst vor kultureller Überfremdung sind ein Nährboden für viele regionale Konflikte und auch für Terrorismus. Hier muss europäische Politik ihre wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Möglichkeiten nutzen. Wir wissen doch alle: Konflikte können nur dann wirklich gelöst werden, wenn sich die internationale Staatengemeinschaft einig ist.

VIII.

Europa steht heute, wie nach dem Zweiten Weltkrieg und wie am Ende der achtziger Jahre, vor großen Entscheidungen. Wir Europäer haben es in der Hand, unsere Rolle in der Welt zu bestimmen. Nur ein einiges Europa kann wirksam Einfluss auf die Entscheidungen in den Vereinten Nationen nehmen, kann ein starker Pfeiler in der NATO sein und ein verlässlicher Partner der Vereinigten Staaten.Wir haben viel erreicht auf dem Weg zu einem einigen Europa, zu einem Europa, in dem große und kleine Staaten gleichberechtigt zusammenarbeiten, in dem wir eine gemeinsame Identität entwickeln und doch die Vielfalt unserer Kulturen erhalten. Wir brauchen Visionen und den Mut, diesen Weg weiter zu gehen. Das wollen wir: Einheit vertiefen und Vielfalt bewahren. Eins ist gewiss: Europa muss einig sein oder es wird bedeutungslos.Die Einigung eines freiheitlichen Europas ist schon oft beschworen worden. Unserem alten Kontinent sollte sie Frieden und Sicherheit geben. Das ist uns gelungen. Sie, verehrter Valéry Giscard d'Estaing, haben dazu einen Beitrag geleistet, den Europa nicht vergessen wird.