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Tischrede von Bundespräsident Johannes Raubeim Abendessen für die Mitgliederdes Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir haben heute Nachmittag drei neue Mitglieder feierlich in den Orden Pour le mérite aufgenommen. Ich heiße Sie alle sehr herzlich hier willkommen. Diesmal hat der Orden für Wissenschaften und Künste sich - wenn ich es richtig verstanden habe - mehr den Künsten zugeneigt. Er hat sich für einen Bildhauer und einen Vertreter der Baukunst entschieden.

Darum will ich auch in meinen Eingangsworten mich eher der Kunst zuwenden und Ihnen einige Gedanken präsentieren, die mir zu dem Thema durch den Kopf gehen. Vielleicht macht es Ihnen ja Appetit, bei Tisch weiter darüber zu reden oder später einmal.

Bei meiner Tischrede bei unserem letzten Zusammentreffen, am 3. Juni 2002 - fast genau vor einem Jahr - habe ich meine Grußworte geschlossen mit einem Vers aus einem Gedicht von Eduard Mörike: "Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst."

Damals habe ich das Mörike-Zitat auf den Orden selber bezogen - und damit die Hoffnung verbunden, Sie könnten sich darin wiedererkennen: als eine Gemeinschaft, die im freien Spiel der Geistes- und Gestaltungskräfte zu sich selber findet.

Diesmal möchte ich Mörikes Worte aus einer anderen Perspektive zu beleuchten versuchen. Aktuelle Entwicklungen und Erkenntnisse geben mir dazu Anlass.

Ich möchte etwas sagen über die Rolle der Kunst - oder der Künste - für das Individuum und für die Gesellschaft: Das ist über die Jahrtausende immer eine zentrale Frage der Selbstbestimmung gewesen - der Künste selber und der Gesellschaft.

Hier kann man, wenn ich es richtig sehe, zwei gegensätzliche Positionen unterscheiden. Nehmen wir die Dichtkunst als Beispiel: Auf der einen Seite stand sie seit Aristoteles im Spannungsfeld zwischen ästhetischer Erfahrung und ethischer Bildung. Furcht und Mitleid sollte die Tragödie erregen, um beim Betrachter eine Katharsis, eine innere Reinigung zu bewirken. Später hat Horaz den Anspruch der Dichter bekräftigt und betont, zu erfreuen und der Gemeinschaft zu nützen. Diese Idee lässt sich bis in die Neuzeit verfolgen.

Auf der anderen Seite schrieb der Ästhetiker Karl Philipp Moritz im 18. Jahrhundert über das Schöne: "Dieses hat seinen Zweck nicht außer sich, sondern ist wegen seiner eignen innern Vollkommenheit da." Moritz kam damit Kants Bestimmung vom "interesselosen Wohlgefallen" am Schönen um einige Jahre zuvor.

"Wegen seiner eignen innern Vollkommenheit": Die Fortsetzung dieses Gedankens kann man in dem zitierten Vers Eduard Mörikes finden, aber auch später bei Walter Benjamin: "Das höchste Wirkliche der Kunst ist isoliertes, geschlossenes Werk", sagt Benjamin. Nun ist gerade das, die Isolation und Abgeschlossenheit der Kunst, immer wieder in die Kritik geraten. Das zeigt sich in den Assoziationen der Wissenschaft mit einem Elfenbeinturm und der Kunst mit einem Glasperlenspiel.

Heute wird vermehrt die Frage gestellt, welchen "Nutzen" Kunstausübung und Kunstwahr­nehmung haben können, und wir bekommen Antworten aus wissenschaftlichen Disziplinen, die vergangenen Jahrhunderten - erst recht der Antike- verschlossen waren. Das ist für mich Grund, neu darüber nachzudenken; Grund genug auch, neue Perspektiven kritisch zu betrachten und zu überprüfen.

Wir erleben, dass der Nützlichkeitsgedanke wieder in den Vordergrund tritt. Ich beobachte, wie die ästhetische Erfahrung funktionalisiert wird.

"Musik macht schlau."

"Wer Theater spielt, ist gut in Mathe."

Solche Aussagen kann man, vor allem seit der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse, immer wieder in den Schlagzeilen auch seriöser Publikationen lesen. Und es sind seriöse Untersuchungen von Fachleuten, die zu solchen Aussagen führen, die manchmal allerdings arg verkürzt dargestellt werden.

Mir geht es nicht darum zu überprüfen, ob die Untersuchungen repräsentativ und ob die Er­gebnisse in allen Einzelheiten tragfähig sind. Ich stelle aber fest, dass das öffentliche Interesse sich neuerdings vor allem dann auf die ästhetische Bildung richtet, wenn sich daraus, tatsäch­lich oder vermeintlich, ein unmittelbarer Kompetenzerwerb, also ein Nutzen ableiten lässt. Mit anderen Worten und zugespitzt: Kinder bekommen bessere Noten in der Schule, wenn sie Klavier spielen. Schicken wir sie also in die Klavierstunde!

Gestützt werden solche Aussagen beispielsweise durch eine breit angelegte musikpädagogische Forschung, aber auch - auf das Theater bezogen - von den hervorragenden Ergebnissen, die eine Wiesbadener Gesamtschule bei PISA erzielt hat. Das Konzept dieser Schule baut auf die freisetzende Wirkung darstellenden Spiels. "Wer Theater spielt, ist gut in Mathe", sagt die Schulleiterin dazu. Gewiss gibt es mittlerweile präzise hirnphysiologische Untersuchungen, die einen solchen Zusammenhang auch organisch nachweisen.

Ich finde es gut, dass der Ruf nach einer fundierten musischen Erziehung in den vergangenen Jahren wieder etwas lauter geworden ist. Fachliches Wissen hilft unserer Gesellschaft ja nur dann, wenn runde und reife Persönlichkeiten es vertreten. Dass unsere Kinder zu solchen Persönlichkeiten heranwachsen, dazu soll die ästhetische Erziehung beitragen. Wenn die Umsetzung der PISA-Ergebnisse sich darauf richtet, so erreicht sie ein wesentliches Bildungsziel.

Das darf aber nicht dazu führen, die Kunst ganz und gar einem Zweck - und sei er noch so berechtigt - zu opfern. Das Wesen der Kunst erschöpft sich darin nicht. Sie hat ja in doppelter Wortbedeutung ihren Eigensinn: Einerseits als ein mitunter sperriger, widerspenstiger Erfahrungsbereich, eine Welt, die sich dem rationalen Verstehen nicht erschließen mag; andererseits trägt die Kunst ihren Sinn und Daseinszweck in sich selber - eben den ihr und nur ihr eigenen Sinn.

Das spüren wir immer wieder im Werk der Ordensmitglieder, die als Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Tänzer, darstellende Künstler und Komponisten tätig sind. Sie erfahren die Magie der Kunst: jenen unauflösbaren und oft unerklärbaren Überschuss, der sich gegen den Sachzwang genauso sperrt wie gegen den Nützlichkeitswahn.

Sie wissen auch, dass im künstlerischen Schaffensprozess die Fragen nach Nutzen und Anwend­barkeit, gewissermaßen die pragmatischen Imperative unserer Gesellschaft, unbedeutend erscheinen können, wenn die Kunst - die Musik, die Malerei, die Bildhauerei, die Literatur, die darstellende Kunst, der Tanz - ganz zu sich selbst kommt. Dann wird alles andere unwichtig und zweitrangig. Diese Erfahrung haben die schaffenden Künstlerpersönlichkeiten uns, den Betrachtern und Zuhörern, voraus. Aber in besonders glücklichen Momenten teilt sich das auch uns mit.

Warum ist mir das wichtig, meine Damen und Herren, und warum sage ich es heute Abend in diesem Kreise? Weil ich mir wünsche, dass die Sinnangebote allen künstlerischen Tuns offen gehalten werden; dass sie nicht restlos vereinnahmt werden können für noch so ehrenhafte Zielsetzungen; dass jener oft widerständige Kern, von dem ich gesprochen habe, uns nicht irritiert, sondern ermutigt.

Wir müssen den Eigensinn der Kunst ja schon deshalb achten und schätzen, weil wir sonst auch von seinen positiven Nebenwirkungen auf den Feldern des Nützlichen nichts ernten kön­nen.

Das Bewusstsein und das Gespür dafür wach zu halten und zu fördern: Darin sehe ich eine wichtige und eine schöne Aufgabe des Ordens Pour le mérite.

Noch einmal herzlich Willkommen!