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Erwiderung und Dank des Bundespräsidenten bei der Präsentation des Sonderpostwertzeichens "17. Juni 1953" und der entsprechenden Gedenkmünze durch den Bundesminister der Finanzen, Herrn Hans Eichel

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich dem, was der Bundesminister berichtet und dargestellt hat, noch einige Sätze hinzufügen: Sie haben soeben gesehen, dass mir der Bundesfinanzminister das erste Exemplar von Briefmarke und Münze überreicht hat. Das ist so üblich. Das zweite ging dann an Herrn Eppelmann, der gemeinsam mit Herrn Meckel, der heute nicht da sein kann, Vorschläge machen wird, über die dann die Bundesregierung entscheidet, was denn mit dem zusätzlichen Ertrag, den 25 Cent, geschehen soll, welche Opferverbände in welcher Weise, welche Projekte gefördert werden sollen.

Wir haben das ja im Bundestag schon öfter erlebt, dass es Gesetzentwürfe gibt, mit denen Opfer besonders entschädigt werden sollen. Die werden immer von Oppositionsparteien beantragt, von Regierungen abgelehnt, ganz gleichgültig wer gerade regiert und wer gerade in der Opposition ist. Man kann darüber streiten. Ich will in diesem Streit nicht eingreifen, aber ich will doch sagen, dass es für mich nicht nur jeden Samstag, wenn hier Opfer vor dem Schloss Bellevue demonstrieren, eine wichtige Erkenntnis ist, dass es viele Menschen gibt, die sind Opfer des DDR-Regimes geworden und haben nicht bekommen, worauf sie nach ihrer Meinung und nach meinem Eindruck einen Anspruch hätten. Da ist manches hinter dem zurücklieben, was wir uns unter Gerechtigkeit vorstellen. Das trifft jetzt nicht eine Regierung, das trifft alle und darum habe ich mich sehr stark dafür eingesetzt, dass wenigstens ein Zuschlag auf die Sonderbriefmarke kommt. Ich war da nicht mit allen Philatelisten einer Meinung, denn die Meinung, dass eine Marke ohne Zuschlag einen stärkeren Umsatz haben würde, die ist unbestreitbar und unbestritten. Trotzdem glaube ich, es war richtig, diesen Weg zu gehen.

Nun lassen Sie mich noch hinzufügen: Dieser 17. Juni muss ja erst freigeschaufelt werden, denn es hat eine Zeit gegeben, da hatte man den Eindruck, auch durch östliche Propaganda, das war in Wirklichkeit eine RIAS-Veranstaltung. Das war gar nicht der Aufstand der Arbeiter, sondern das war von Westberlin gesteuert. Die DDR hat vieles getan, um diesen Eindruck zu erwecken. Ich weiß es besser von denen, die da mitgemacht haben zum Teil unter Einsatz ihres Lebens. Ich weiß als einer der Älteren hier aber auch wie das mit Festtagen so geht.

Nach dem 17. Juni 1953 wurde er zum gesetzlichen Feiertag und dann ging es ihm wie dem 1. Mai und wie dem 3. Oktober, die wurden in Verbindung gebracht mit Brückentagen und ich habe damals einen bitteren Aufsatz geschrieben unter der Überschrift: "Ein Päckchen nach drüben, ein Koffer nach Italien", weil wir alle die Chance, die dieser Tag uns geboten hat, nicht genug wahrgenommen haben. Wir in Westdeutschland, die wir reisen durften, auch bevor es die spätere Passierscheinregelung gab, wir haben doch Jahre und Jahrzehnte - jedenfalls die meisten von uns - in getrennten Verhältnissen gelebt und die Wirklichkeit in der DDR nicht genug angenommen.

Dagegen habe ich immer angeschrieben und protestiert. Gerade in diesen Jahren - Rainer Eppelmann wird sich erinnern - war "Weltall-Erde-Mensch" mit Jugendweihe und der Auseinandersetzung um die Konfirmation auf dem Höhepunkt; damals war der Generalsekretär der FDJ Erich Honecker. Damals haben wir zu wenig mitgedacht mit denen, die im östlichen Teil Deutschlands leben mussten und die keine Freiheit hatten.

Ich habe im Oktober 1987 Honecker in einem Gespräch mal daran erinnert und habe gesagt: "Ich kämpfe gegen Sie schon seit der Jugendweihe, da waren Sie damals immer mit Havemann zusammen, wie geht's dem eigentlich?" Das hörte er nicht gern. Honecker und Havemann machten diese Aktion "Weltall-Erde-Mensch" um die Jugendweihe zu popularisieren, die ja etwas anderes war als die Jugendweihe vorher und nachher. Die war ja ein wirkliches Indoktrinationsinstrument in der DDR.

Ich bin damals sehr oft in den Ländern der DDR gewesen, und ich habe zu denen gehört, die das Glück hatten, dass sie die Kontakte nie aufgeben mussten und die in Mecklenburg und in Sachsen und in Thüringen und in Sachsen-Anhalt oder in Brandenburg Freunde hatten. Viele dieser Freunde waren vom 17. Juni geprägt und der war für sie ein Datum wie heute für viele der 9. November ein Datum ist.

50 Jahre nach dem 17. Juni besteht die Gefahr, dass wir der Verschüttung dieses Datums weiter nachgeben. Deshalb bin ich sehr froh, dass im Augenblick viele Veranstaltungen stattfinden: Radiosendungen und Fernsehberichte, in denen uns erzählt wird, wie viele Menschen damals ihr Leben eingesetzt haben und viele haben es auch verloren, um der Freiheit einen Raum zu geben und um der Demokratie eine handbreit Boden zurückzugewinnen.

Deshalb ist für mich, der ich mit dem Bundesfinanzminister regelmäßig Briefmarken austausche - Wohlfahrtsmarken und andere - und der ich selber ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler bin, deshalb ist dies für mich hier heute ein besonderer Anlass. Ich möchte Sie einfach bitten, dies Datum "17. Juni" weiter zu sagen als einen der wenigen stolzen Tage, die es in der deutschen Geschichte gibt. Es gibt so viele Tage in unserer Geschichte, die hängen mit Niederlagen oder mit Irrtümern zusammen. Der 17. Juni war äußerlich eine Niederlage, aber er war kein Irrtum und darum bin ich froh, dass es jetzt diese Marke und diese Gedenkmünze gibt. Ich hoffe, dass ein Ertrag dabei zustande kommt, der einigen Menschen das Leben etwas lebenswerter macht für die ihnen verbleibende Zeit. Wer am 17. Juni mitgemacht hat, der ist heute im Schnitt siebzig und darüber. Da bleibt nicht viel Zeit, aber die Zeit, die bleibt, die sollte sinnvoll und gerecht gelebt werden können. Noch einmal herzlich willkommen, tun Sie etwas für den Umsatz dieser Briefmarke.

Vielen Dank!