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Festansprache von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt "50 Jahre Deutsche Welle" im alten Plenarsaal zu Bonn

Wir haben es gerade gehört: Der erste Bundespräsident, Professor Theodor Heuss, hat der Deutschen Welle zum Start des Programms ein Wort als Auftrag mit auf den Weg gegeben, das sich heute ein wenig seltsam anhört: "Entkrampfung".

Das war zur damaligen Zeit wohl ein genau passendes Stichwort. Das Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarländern und zu den anderen Staaten der Welt war noch keineswegs so freundschaftlich wie heute. Das Verhältnis "verkrampft" zu nennen, war vielleicht eher noch eine Untertreibung.

Nun also sollte, acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Stimme Deutschlands wieder in der Welt hörbar werden - die Stimme Deutschlands und die deutsche Sprache.

Für viele Menschen in aller Welt war das die Sprache des Aggressors gewesen, die Sprache der Lüge und des Hasses, die Sprache der Propaganda und der Unmenschlichkeit.

Ein neues, demokratisches und friedliebendes Deutschland wollte sich der Welt präsentieren, ein Deutschland allerdings auch, dass unter den Folgen des Krieges noch zu leiden hatte, das geteilt war und in vieler Hinsicht seiner selbst noch unsicher, selber noch sozusagen "verkrampft."

Beim Start vor fünfzig Jahren, als man sich zunächst, wie es Bundespräsident Heuss ausgedrückt hatte, "an die lieben Landsleute in aller Welt" wendete, hat man nicht ahnen können, welche Erfolgsgeschichte die Deutsche Welle einmal schreiben würde.

Die Verbindung der Deutschen in aller Welt zur Heimat war die erste Aufgabe und sie spielt noch immer eine wichtige Rolle im Programmangebot. Der Bundespräsident merkt das übrigens mindestens einmal im Jahr - bei seiner Weihnachtsansprache, die er eigens für die Deutschen im Ausland hält, und die über die Deutsche Welle ausgestrahlt wird. Nicht mehr nur über den Rundfunk, sondern heute auch via Fernsehen und Internet. Durch Zuschriften aus aller Welt merke ich, wie viele Deutsche in aller Welt diese Verbindung suchen und halten möchten.

Die "Brücke zur Heimat" - das bleibt eine wichtige Aufgabe. Sehr schnell allerdings, schon drei Jahre nach ihrer Gründung, begann die Deutsche Welle auch in anderen Sprachen zu senden.

Dieser wichtige Dienst hat sich im Laufe der Jahre immer mehr ausgebreitet; immer mehr Sprachen kamen hinzu. Viele Menschen in unserem Land werden sich fragen: Ist das notwendig? Brauchen wir das? Ist es richtig, viele Millionen Euro an Steuergeldern aufzuwenden, um von Deutschland aus in fremden Sprachen für die ganze Welt Radio und Fernsehen zu machen?

Darauf sage ich: Ja, wir brauchen die Deutsche Welle. Sie ist eine notwendige und wichtige Investition, eine Investition, auf die wir keinesfalls verzichten sollten. Meiner Ansicht nach geht es bei dem fremdsprachigen Programm der Deutschen Welle um zweierlei:

Erstens geht es um differenzierte Informationen über Deutschland. Vielfältige Beziehungen verbinden uns mit fast allen Ländern der Welt. Umso wichtiger ist es, in aller Welt ein Bild von Deutschland zu verbreiten, das der deutschen Wirklichkeit entspricht. Genauso wie es bei uns viele Klischeebilder und verzerrende Auffassungen über andere Länder gibt, so ist es auch umgekehrt. Das Bild von Deutschland im Ausland wird oft von wenigen festen Vorstellungen beherrscht. In drei Stichworten: Nazizeit, Fußballnationalmannschaft, Wirtschaftsmacht. Als viertes spielt vielleicht noch die klassische Kultur eine Rolle.

Hier liegt eine große Aufgabe für die Deutsche Welle. Gewiss: sie ist kein Massensender. Aber sie erreicht die Interessierten, die Meinungsträger- und -macher, die Multiplikatoren. Für dieses Publikum gilt: Die Deutsche Welle soll ein Bild von Deutschland vermitteln, das der gegenwärtigen Wirklichkeit entspricht, ein Bild, das unser Land in seiner bunten Vielfalt zeigt und das einladend ist.

Das alles ist keine leichte Aufgabe. Anderen ein bestimmtes Bild zu vermitteln - das kann ja nur gelingen, wenn man selber ein bestimmtes Bild von sich hat. Und so könnte ich mir denken, dass in den Redaktionen der Deutschen Welle nicht wenig darum gerungen wird, wie Deutschland sich selber sieht. Ich könnte mir auch denken, dass es für diese Bestimmung hilfreich ist, dass die Mitarbeiter der Deutschen Welle aus 60 Ländern kommen. Ihr Blick, ihre Wahrnehmung werden auch ein guter Spiegel für das Selbstverständnis sein.

Eines steht für mich auf jeden Fall fest: Wenn wir über Deutschland informieren, wenn wir in gewisser Weise Sympathiewerbung für Deutschland machen - und zwar weltweit - dann können wir uns selber gar nicht so schlecht finden. Wenn die Jammer- und Untergangsszenarien, die wir täglich hören und lesen müssen, der Wirklichkeit entsprächen, dann müsste die Deutsche Welle sofort ihren Betrieb einstellen.

Nein, indem wir uns diesen Sender leisten, zeigen wir: Wir leben gerne hier in Deutschland, wir haben keinen Grund, uns zu verstecken, wir haben allerdings auch keinen Grund, uns besser zu machen als wir sind. Wir können guten Gewissens für unser Land so werben, wie es ist. Wir stellen seine Kultur vor, die von Goethe bis Grönemeyer reicht, wir stehen zu seiner Geschichte, die neben der unauslöschlichen Schuld auch Zeiten kennt, auf die wir mit einem gewissen Stolz zurückblicken können, wir vertuschen die gegenwärtigen Probleme nicht, aber wir zeigen auch, was uns gelingt.

Die zweite wesentliche Aufgabe des fremdsprachigen Programms ist die Information über andere Länder, über die jeweiligen Regionen, in denen die Deutsche Welle gehört wird. Wir vergessen in Deutschland oft, dass zwei Drittel aller Staaten der Welt keineswegs Rechtsstaaten oder Demokratien sind. Wir vergessen, dass viele Menschen unter Zensur und Informationsmangel leiden. Hier leistet die Deutsche Welle einen wesentlichen Beitrag zu Aufklärung, zu politischer Information, zur Erweiterung des kultureller Horizontes.

Vor allem da, wo Krieg und Bürgerkrieg herrschen, ist das objektive Informationsangebot der Deutschen Welle gefragt - und es ist gut, dass die Verantwortlichen flexibel reagieren und dort ihre Präsenz besonders verstärken, wo die Probleme am brennendsten sind. So war es im Balkan, so ist es heute in Afghanistan. Wenn ich höre, dass in Kabul und darüber hinaus der Bekanntheitsgrad der Deutschen Welle bei 80 Prozent liegt, dann ist das eine Zahl, auf die Sie stolz sein können. Sie spricht dafür, dass der Sender sich in langen Jahren - in den beiden afghanischen Hauptsprachen sendet die Deutsche Welle zum Beispiel seit dreißig Jahren! - einen exzellenten Ruf an Seriosität und Glaubwürdigkeit erarbeitet hat. Das ist wohl das kostbarste Pfund, mit dem ein Medium wuchern kann.

Wir verdanken der Deutschen Welle viel, auch wenn wir sie im eigenen Land gar nicht hören und sehen können. Immerhin kann man aber auch von Deutschland aus die Internet-Adresse anwählen und so einen Eindruck von der Arbeit und von der Leistungsfähigkeit des Senders bekommen. Dort gibt es Seiten in 31 Sprachen, dort gibt es ein wichtiges Portal für den interkulturellen Dialog - unter anderem auf arabisch -, und es gibt dort - neben noch manch anderem - ein wichtiges Portal, das über Studieren und Forschen in Deutschland informiert - in fünf Sprachen. Dieses Angebot wird von interessierten jungen Leuten in aller Welt rege genutzt.

Die Deutsche Welle als unsere Stimme in die Welt hat es verdient, dass wir sie heute gebührend feiern. Sie hat es verdient, dass sie ein neues, ultramodernes Funkhaus bekommen hat. Sie hat es aber auch verdient, dass sie finanziell so abgesichert ist, dass sie verlässlich in die Zukunft planen kann.

Wenn Deutschlands Name in der Welt einen guten Klang hat, dann hat die Deutsche Welle daran gewiss ihren Anteil.