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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Festveranstaltung "50 Jahre UNICEF Deutschland"

Kürzlich war ich gemeinsam mit der Bundesfamilienministerin, Frau Renate Schmidt, die heute auch hier ist, beim Jubiläum einer Vereinigung, die sich in Deutschland für Kinder einsetzt. Sie hatte fünfzigtausend Mitglieder und feierte 50. Jubiläum. Das war sehr schön. Aber ein bisschen bedrückt waren wir doch, als der Vorsitzende die Mitgliederzahl mit Fünfzigtausend verglich mit dem größten Automobilclub, den es in Deutschland gibt. Der hat Millionen Mitglieder. Das heißt, wir brauchen mehr Menschen, die ihre Mobilität einsetzen für andere, die danach fragen, wie wird diese Welt menschlicher, auch wenn sie gut funktioniert. Denn das Funktionieren allein bringt es ja nicht: Wir leben von dem, was Menschen über das Zumutbare hinaus tun.

Ich hatte in meiner Heimatstadt, in Wuppertal, unter anderem einen Pastor, der liebte Wortspiele und Kollekten, und einen Satz von dem habe ich immer in Erinnerung behalten: Er sagte, bevor der Klingelbeutel herumgereicht wurde, wenn jeder das doppelte von dem gibt, was er geben wollte, dann hat er genau die Hälfte dessen gegeben, was Gott von ihm erwartet. Der Mann hatte gute Ergebnisse.

Wir brauchen unsere Welt nicht klein zu reden. Aber dass vor 32 Jahren die Vereinten Nationen beschlossen haben, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe auszugeben, vor 32 Jahren, und dass wir noch nicht einmal die Hälfte dessen erreicht haben, auch in Deutschland nicht, das finde ich, das ist ein ziemlicher Skandal. In ganz Europa gibt es nur ein Land, das die 0,7 Prozent erreicht hat. Das ist nicht das reichste, das ist nicht das Land mit der stärksten Industrie. Das ist nicht das Land mit den niedrigsten Steuern, sondern es ist eines der kleinen Länder aus der Europäischen Union, das die 0,7 Prozent wenigstens erreicht hat. Der Durchschnitt liegt bei 0,3 Prozent, wir sind bei 0,27 Prozent. Ich finde, das ist nicht gut für die stärkste Industrienation Europas. Wer die Bilder gesehen hat, und wer von den Erlebnissen hört, die die Zurückkommenden machen - meine Frau und Frau Christiansen haben viele von Ihnen gehört - der weiß, bei jeder dieser Reisen gibt es diese Highlights, von dem man neue Zuversicht gewinnt.

Aber es gibt auch diese Stunden, in dem man sagt, das hat ja doch alles keinen Zweck. Und ich bin gekommen und ich möchte zu Ihnen sprechen, um zu sagen, ja, es hat Zweck, es hat Zweck, aus achttausend Ehrenamtlichen sechzehntausend zu machen, und zwar nicht in fünfzig Jahren, sondern in den nächsten zehn Jahren. Das wünschte ich mir.

Es hat Zweck, einen Weltkindergipfel zu veranstalten, wie ihn Konstantin und Marian erlebt haben, die vorher bei mir zu Gast gewesen sind. Es hat Zweck, die Sache der Kinder auf die Tagesordnung der internationalen Politik zu setzen. Zweck hat es deshalb, weil wir von den Kindern erwarten und erhoffen können, dass sie unsere Arbeit fortsetzen und sie besser machen, als es uns geschenkt war.

Es gibt ja im merkwürdigen deutschen Sprachgebrauch solche Formulierungen wie "sei nicht kindisch", und selbst in der Lutherschen Übersetzung des neuen Testaments wird genau unterschieden zwischen kindlich und kindisch. Aber das Kindliche, das Sein wie ein Kind, das Werden wie ein Kind, das ist so etwas wie der Horizont, nach dem man sich ausstreckt und den man auch als Erwachsener nicht erreichen kann. Kinder rühren uns an. Dostojewski hat einmal gesagt, die Geburt eines jeden Kindes sei ein Zeichen Gottes dafür, dass er diese Welt noch nicht aufgegeben hat. Wenn das stimmt für jede Geburt, dann gilt das auch für jeden Geborenen. Dann gilt es auch für die in Asien, Afrika und Lateinamerika, die heute schon nicht mehr betteln um Brot oder um Geld, sondern um Wasser, das man trinken kann. Und soweit sind wir ja, dass Millionen und Aberhundertmillionen kein Trinkwasser haben, das ihnen zugemutet werden könnte. Wir wissen, die meisten Seuchen kommen von verseuchtem Trinkwasser. Und wir, wir rüsten auf, wir industrialisieren, wir machen eine Politik, als ob es diese anderen Teile der Welt gar nicht gäbe. Und ich denke, UNICEF muss uns wach halten, damit wir alle Kontinente sehen. So, wie uns die Welthungerhilfe wach halten muss, so, wie uns Wohlfahrtsverbände wach halten müssen, denn wir dürfen nicht vergessen: keiner von uns kann leben, ohne die Gemeinschaft, die ihn trägt, und Menschen, die keine Gemeinschaft haben, die sie trägt, verdorren und verdursten im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Und darum rede ich, seitdem ich mein Amt habe, und habe es vorher zu tun versucht, auch darüber, dass Entwicklungshilfe eine innerdeutsche Angelegenheit ist und nicht nur etwas für reiselustige Kameraden, sondern eine Sache, die uns alle betrifft und uns alle angeht. Darum bin ich froh darüber, dass einer der ersten Entwicklungshilfeminister heute hier ist, der später Bundespräsident geworden ist: Walter Scheel, den ich herzlich grüße.

"Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt mich auf", steht im neuen Testament. Das heißt auch, wer ein solches Kind am Leben erhält, der nimmt an meinem Leben teil, und ich wünschte mir mehr als achttausend Menschen und ich wünschte mir mehr Botschafter, deren Botschaft erkennbar ist. Weil man ihnen abspürt und weil man ihrem Leben, ihrem Reden und ihrem Tun entnehmen kann, dass sie da sind, damit Kinder auf dieser Welt nicht elend zugrunde gehen, sondern damit wir Kinderlachen erleben, das aus Freude und Dankbarkeit kommt. Das wird kein breites Grinsen sein. Das wird kein schallendes Gelächter sein, aber ein dankbares Lächeln zu erfahren, das ist mehr, als einen Scheck entgegen zunehmen. Ich wünsche uns, dass wir viele Schecks sammeln für UNICEF und ich wünsche, dass wir die Bilder der Kinder nicht aus dem Blick verlieren und aus dem Gedächtnis, die gerettet worden sind oder die durch unser Tun gerettet werden könnten.