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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich eines Abendessens, gegeben von S. E. dem Präsidenten von Island, Herrn Dr. Ólafur Ragnar Grímsson

Herr Präsident,

Frau Moussaieff,

meine Damen und Herren,

I.

für die freundlichen Worte der Begrüßung, Herr Staatspräsident, danken meine Frau und ich Ihnen von Herzen. Wir denken gern an Ihren Besuch in Berlin vor einigen Wochen zurück und wir haben uns auf das Wiedersehen mit Ihnen und Ihrer Frau gefreut. So können wir Ihnen noch einmal zur Hochzeit gratulieren und für die gemeinsame Zukunft alles Gute und Gottes Segen wünschen.Der Besuch in Ihrem Land erfüllt uns einen lang gehegten Wunsch, die Menschen Islands und seine überwältigende landschaftliche Schönheit kennen zu lernen oder wiederzusehen. Denn meine Frau hat sich Ihre Insel schon früher einmal zu erwandern versucht. Wir wollen mit unserem Besuch aber auch deutlich machen, wie sehr sich mein Land mit dem Ihren verbunden fühlt.

II.

Seit einem Jahrtausend bestehen zwischen Isländern und Deutschen enge kulturelle, wirtschaftliche und menschliche Bande. Trotz der großen Entfernungen und der Mühen einer Reise in früheren Jahren hat es in beide Richtungen immer auch einen geistigen Austausch gegeben.

Vermutlich hat Bischof Friedrich im Jahre 981 als erster Deutscher Island besucht. Später wurde der erste isländische Bischof Isleifur Gissurarsson zur Ausbildung nach Herford geschickt.

Das erste Gesangbuch in isländischer Sprache, das Bischof Martin Einarsson herausgegeben hat, enthält viele Übersetzungen von Liedern Martin Luthers - auch das ein Zeichen für die engen geistlichen Beziehungen. Genauso wie in Deutschland war die Übersetzung der Bibel auch in Island Anstoß für die Entwicklung und Identität der eigenen Sprache.

Heute Mittag durften wir miteinander ein Denkmal in Hafnarfjördur enthüllen, das an den Bau der ersten evangelisch-lutherischen Kirche in Island erinnert, die im Jahre 1537 von deutschen Kaufleuten errichtet wurde.

Auch über die Literatur erschließt sich uns Deutschen Island. Der Bogen spannt sich von der "Edda" und den isländischen Sagen bis zum Werk von Halldór Laxness und Gunnar Gunnarsson. Und die Wagnerianer unter uns mögen mir verzeihen, dass ich die Insel aus "Feuer und Eis" noch nicht als Heimat von Brunhilde identifiziert habe - die durch eine ziemlich unfeine List, die niemandem zum Glück gereichte, an den Niederrhein gelockt wurde.

Als ich noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, war ich gelegentlich bei dem isländischen Botschafter zu Gast. Keiner der Abende verging ohne die Darbietung eines in Deutschland studierenden oder arbeitenden isländischen Künstlers, so hat sich bei mir der Eindruck von Island als Land der Sänger und Musiker verfestigt. Sicher haben Sie einen ganz besonders großen Anteil künstlerisch begabter Menschen in Ihrem Land, und wir freuen uns darüber, dass so viele von ihnen in Deutschland studieren und leben. Den konkreten Beweis habe ich gleich mitgebracht: Im Tübinger Kammerorchester, das morgen im Konzerthaus Salurinn spielen wird, bilden die Brüder Emilsson als Dirigent und erster Geiger das musikalische Rückgrat des Orchesters.

III.

Herr Präsident, die politische Diskussion in Europa kreist gegenwärtig um die Ergebnisse des Verfassungskonvents, um die EU-Erweiterung, um eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik. In dieser Situation ist es mir wichtig. Ihr Land zu besuchen und zu zeigen, dass wir nicht nur Nabelschau betreiben, sondern dass wir uns des Wertes und der engen Verbundenheit mit unseren europäischen Partnern außerhalb der EU sehr wohl bewusst sind. Und dass wir diese Beziehungen, die kulturell so fest untermauert sind, pflegen und stärken wollen.

Dabei gibt es ja schon ein beachtliches Geflecht vertraglicher Bande. Island ist der Europäischen Union durch den Vertrag über den europäischen Wirtschaftsraum eng verbunden. Seit 1992 gibt es ein Fischereiabkommen. Island ist assoziiertes Mitglied in der Schengen-Zusammenarbeit und über das Dubliner Asylübereinkommen nimmt es an Europol teil.

Die Erweiterung der Europäischen Union, besonders auch den Beitritt der baltischen Staaten, hat Island nachdrücklich unterstützt. Ihr Land wird wirtschaftlich und politisch, so hoffe ich, von der größer werdenden Europäischen Union profitieren. Schon jetzt ist die Europäische Union, mit der Island mehr als zwei Drittel seines Handels abwickelt, der wirtschaftlich bei weitem bedeutendste Partner. Es ist also kein Wunder, dass es auch in Ihrem Land eine Debatte über einen möglichen EU-Beitritt gibt, und wir sind gespannt, wie diese Debatte weitergehen wird. Eins kann ich Ihnen aber schon heute versichern: Dass Island uns ein willkommener Partner sein würde.

Partner sind wir schon in der NATO. Welche wichtigen Beiträge ein Land im internationalen Konfliktmanagement auch ohne Armee leisten kann, dass zeigt die effiziente Rolle Islands als "Lead Nation" für die Flugleitung am Flughafen in Pristina. Wir werden uns sicher weiter Gedanken machen müssen, welche Rolle die NATO unter den veränderten weltpolitischen Bedingungen nach Aufhebung des Ost-West-Gegensatzes spielen soll.

Mir scheint sicher zu sein: Wir brauchen die NATO auch zukünftig als wichtige Brücke und Bindeglied zwischen den Partnern auf beiden Seiten des Atlantiks. Island hat hierbei - nicht nur geografisch - eine wichtige Funktion.

IV.

Wir wollen in Europa Verantwortung übernehmen in der Welt und wollen den USA ein echter Partner sein. Dazu können Island und Deutschland viel beitragen.

In diesem Sinne bitte ich Sie, meine Damen und Herren, mit mir gemeinsam das Glas zu erheben und zu trinken auf das Wohl des Präsidenten der Republik Island und seiner Gemahlin, auf das Wohl Ihres Landes und auf die tiefe Freundschaft und Verbundenheit zwischen Deutschen und Isländern.