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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich eines Abendessens, gegeben von I. E. der Präsidentin von Irland, Frau Mary McAleese

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

sehr geehrter Herr McAleese,

meine Damen und Herren,

I.

meine Frau und ich danken herzlich für die Gastfreundschaft, mit der wir in Ihrem Land aufgenommen worden sind. Wir wären lieber schon im Juni gekommen, dann hätten wir die Teilnehmer an den Special Olympics treffen können. Leider hat das - wie so oft - mein Terminkalender verhindert.

Die Augen der Welt waren während der Special Olympics auf Ihr Land gerichtet, und jeder konnte sehen, was die Menschen in Irland so besonders auszeichnet: Die großherzige Gastfreundschaft, verbunden mit Hilfsbereitschaft und beispielhaftem zivilen und sozialen Engagement, und ein Klima ansteckender Heiterkeit und Lebensfreude. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft - das hat Sie schon ausgezeichnet, als Sie nach dem Zweiten Weltkrieg Hunderte von Kindern aus Deutschland aufnahmen. Für diese "Operation Shamrock" sind wir Ihnen bis heute dankbar.

Schon unsere ersten Begegnungen und Gespräche heute Nachmittag haben in der entspannten und vertrauensvollen Atmosphäre stattgefunden, die die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern kennzeichnet. Die gegenseitige Sympathie und die kulturelle Nähe haben ihre Wurzeln in einer langen Geschichte mit vielfältigen Berührungspunkten. Um nur einen herauszugreifen: Goethe, der selber nie in Irland war, kam über seine Leidenschaft für die Mineralogie in Kontakt mit irischen Gelehrten. Er wurde schließlich zum ersten Ehrenmitglied der Royal Irish Academy ernannt.

Der Bogen der kulturellen Kontakte spannt sich bis zu Künstlern und Schriftstellern unserer Zeit. Heinrich Böll hat die Schönheit Irlands und die Liebenswürdigkeit seiner Menschen im "Irischen Tagebuch" eindrucksvoll beschrieben. Es wurde ein Kultbuch der fünfziger Jahre und hat dazu beigetragen, dass Irland viele Deutsche in seinen magischen Bann schlägt. Sie kommen in großer Zahl als Touristen auf die Grüne Insel oder finden hier ihre zweite Heimat.

II.

Wir wissen auch in Deutschland, dass sich das Irland, wie Heinrich Böll es beschrieb, inzwischen gewandelt hat. Die Schönheit der Natur und die Freundlichkeit der Menschen sind geblieben. Irland hat aber in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der das Land grundlegend verändert hat. Der Aufschwung ist mit dem Deutschen Wirtschaftswunder der fünfziger und sechziger Jahre zu vergleichen, und das irische Volk kann wahrlich stolz auf seine Erfolgsgeschichte sein. Wir freuen uns mit Ihnen darüber, dass besonders die Mitgliedschaft in der Europäischen Union in Irland so viel kreative Energien und wirtschaftliche Dynamik freigesetzt hat.

Ihre Biografie, Frau Präsidentin, ist eng mit dem Konflikt im Norden dieser Insel verbunden. Wir verfolgen Ihren unermüdlichen Einsatz um Verständigung und Versöhnung mit großer Anteilnahme und mit viel Hochachtung. Die enge Zusammenarbeit der irischen und britischen Regierungen bei dem Bemühen, das historische Karfreitagsabkommen umzusetzen, hat unsere volle Sympathie.

Die vielversprechende wirtschaftliche und politische Entwicklung in Irland ist eine gute Grundlage für die deutsch-irische Zusammenarbeit. Deutsche Investoren fühlen sich nach wie vor vom irischen Markt angezogen. Der deutsch-irische Handelsaustausch zeigt weiterhin bemerkenswerte Zuwächse, und das, obwohl das wirtschaftliche Umfeld weltweit nicht günstig ist. Viele junge Iren wählen Deutsch als Fremdsprache, und ich hoffe, dass es noch viel mehr werden. Gemeinsam sollten wir dazu beitragen, dass der hohe Standard des Deutschunterrichtes an den Schulen und Universitäten in Irland gewahrt wird.

III.

Die bilateralen Beziehungen entfalten sich unter dem Dach der gemeinsamen Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Sie, Frau Präsidentin, haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Mitgliedschaft in der Europäischen Union keinesfalls die kulturelle Identität der europäischen Völker gefährdet. Gerade die Vielfalt macht die Stärke Europas aus. Da stimme ich völlig mit Ihnen überein. Die Vielfalt der Meinungen in außenpolitischen Fragen, so legitim sie ist, darf aber nicht zu Uneinigkeit und damit zur Schwächung der Europäischen Union führen. In manchen Fällen wäre es besser, wir redeten zuerst miteinander, bevor wir unsere Positionen festlegen und unabgestimmt verkünden.

Und es ist das gleichberechtigte Miteinander von großen und kleinen Staaten, das die Europäische Union unter allen Organisationen in der Welt so einzigartig macht. Das ist eine der Botschaften, die ich bei meinem Besuch vermitteln will: Wir müssen die Anliegen der kleinen Mitgliedsstaaten ernst nehmen. Sie müssen sich in der EU, für die gerade eine neue Verfassung erarbeitet worden ist, mit ihren Anliegen wiederfinden. Das europäische Einigungswerk kann nur dann gelingen, wenn zwischen den großen, mittleren und kleinen Mitgliedsstaaten ein echter Ausgleich der Interessen geschieht.

IV.

Wir stehen vor ernsten globalen Herausforderungen. Dabei stimmen unsere Länder in vielen Fragen überein, zum Beispiel bei der Bekämpfung des Terrorismus und bei der Entwicklung von Strategien zur Beilegung regionaler Konflikte. Wir teilen auch die Überzeugung, dass die Vereinten Nationen und ihre Organisationen die wichtigsten globalen Instrumente der multi-lateralen Politik bleiben müssen. Von den vielfältigen Erfahrungen Irlands in Friedenseinsätzen können wir Deutsche nur profitieren.

Frau Präsidentin, Sie haben vor einiger Zeit in einer Rede auf die besonderen Qualitäten Ihrer Landsleute hingewiesen und gesagt: "Freundschaft zu stiften ist unsere Stärke (friendship building is our forte)". Wir spüren diese Freundschaft auch am heutigen Abend und erwidern sie von Herzen. Meine Damen und Herren, ich bitte Sie deshalb jetzt, Ihr Glas zu erheben und mit mir gemeinsam auf das Wohl der Präsidentin und ihres Gatten, auf das Wohl des irischen Volkes und auf die deutsch-irische Freundschaft in einem immer weiter zusammenwachsenden Europa zu trinken.