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Eröffnungsansprache von Bundespräsident Johannes Rau beim 54. Weltkongress des Internationalen Statistischen Instituts

I.

Ich hätte Ihnen noch lange zuhören können bei den Vergleichen zwischen statistischen Konferenzen und Olympischen Spielen. Ich wäre gespannt gewesen, wann Sie an die entscheidende Stelle gekommen wären, dass bei den Olympischen Spielen nur Amateure erwünscht sind und bei diesem Kongress nur Professionals. Ich glaube, das ist ein wichtiger Unterschied, den man nicht unterschlagen kann. Nun aber sage ich: Herzlich willkommen in Deutschland und in Berlin. Ich selber habe eigentlich Urlaub - aber den habe ich gern unterbrochen, um Sie zu begrüßen.

Ich sehe voller Hochachtung, was die Statistik im allgemeinen und was das Internationale Statistische Institut im besonderen weltweit für das Gemeinwohl leisten. Außerdem bietet sich - wir haben es soeben gehört - die Gelegenheit, den Weltkongress willkommen zu heißen, in Deutschland bisher nur alle hundert Jahre. Es wird also einige Zeit dauern, bis Sie wieder zu uns kommen.

Als der Kongress 1903 in Berlin tagte - mit 245 Teilnehmern damals ein Weltereignis -, war die gerade neueröffnete, allererste Berliner U-Bahnverbindung Stadtgespräch: Sie war gute elf Kilometer lang, und der größte Teil davon schon richtig unterirdisch. Eine Fahrt mit der Untergrundbahn galt noch als kleines Abenteuer. Heute ist das Berliner U-Bahn-Netz mehr als zehnmal so lang - auch noch immer überwiegend unterirdisch - , und Jahr für Jahr wird die U-Bahn vierhundert Millionen mal von Fahrgästen genutzt - nicht mehr aus Lust am Abenteuer, sondern um schnell und sicher voranzukommen.

Wie überall ist also auch in Berlin im Lauf der Jahrzehnte manches größer und schneller geworden. Das hat die Einheimischen nur mäßig beeindruckt. Sie sind so liebenswert pampig und gutmütig wie eh und je. Die legendäre Berliner Mischung "Herz mit Schnauze" ist noch ganz die alte. Seit dem Ende der Teilung Deutschlands und Europas kann Berlin wieder an seine besten Zeiten anknüpfen. Berlin ist heute eine Werkstatt der deutschen und europäischen Einheit und ein Laboratorium des Neuen und hoffentlich auch des Fortschritts. Die Stadt steckt voller Kreativität und Lebensenergie. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie neben Ihren Beratungen wenigstens ein bisschen Zeit finden, Berlin zu entdecken oder wiederzuentdecken und Land und Leute besser kennen zu lernen. Ich habe gelesen, dass es ein Rahmenprogramm mit vielen interessanten Exkursionen gibt. Ich bin mir gewiss, dass Sie dabei auch viele gute Eindrücke aus Deutschland mitnehmen können.

II.

Die Statistik hat es nicht immer leicht bei den Menschen: Die einen respektieren zwar ihre Klarheit und Klugheit, aber sie empfinden doch Scheu, ja fast Schrecken vor ihr, gleichsam als stünden sie der Zeustochter Athene gegenüber, der Göttin der Weisheit, die aber in ihrem Brustpanzer das Haupt der Medusa trug.

Andere Zeitgenossen dagegen spotten: Die wirklichen Götter der Statistik, das seien ja wohl eher Fortuna, Hermes und Justitia - die stets unberechenbare Glücksgöttin, der Gott des
Handels und Betruges und die Gottheit mit den verbundenen Augen. Manchmal hört man sogar Kalauer wie den folgenden: "Haben Sie Ihre Telefonnummer vergessen? Dann bitten Sie einen Statistiker um Hilfe - der wird die Nummer gerne für Sie schätzen!"

In Wahrheit ist gute Statistik nicht blind, und sie blendet und täuscht uns auch nicht, sondern sie kann uns die Augen öffnen. Darum ist Statistik eine unersetzliche Ratgeberin, auch und gerade für Politik. Ich wünschte mir freilich, dass manche Politiker diesem Rat öfter und aufmerksamer zuhörten und ihn besser beherzigten. Zum Beispiel zeigen uns in Deutschland schon seit längerem die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, dass hierzulande im Jahre 2050 die Hälfte der Menschen über achtundvierzig und ein Drittel sogar sechzig Jahre und älter sein werden. Es wird dann also voraussichtlich viel weniger Berufstätige und im Verhältnis dazu viel mehr Rentner und alte Menschen geben als heute. Die Alterspyramide droht fast auf dem Kopf zu stehen. Wer über diesen Befund nachdenkt, der erkennt: Es sind politische Entscheidungen nötig, damit die Systeme der sozialen Sicherung, die zu Zeiten einer ganz anderen Altersschichtung aufgebaut worden sind, auch in fünfzig Jahren noch stabil bleiben können.

Statistiken zeigen nicht nur, wo politisch gehandelt werden muss. Auch ob wirksam gehandelt wird, lässt sich statistisch messen. Zum Beispiel ist bei uns in Deutschland die Zahl der Toten im Straßenverkehr mittlerweile die niedrigste seit Einführung der entsprechenden Zählungen vor fünfzig Jahren, und das vor dem Hintergrund einer enorm gewachsenen Fahrzeug- und Verkehrsdichte. Es lohnt sich also, immer anspruchsvollere Sicherheitsbestimmungen für Autos und für Straßen durchzusetzen und die Autofahrer dazu anzuhalten, vorsichtig und rücksichtsvoll zu fahren. Die Statistik hilft uns schließlich auch zu erkennen, was wir unterlassen sollten: Sie hat uns zum Beispiel darüber belehrt, wie sehr wir unter Umweltverschmutzung leiden und wie dringend es ist, dass wir uns nicht weiter an unseren natürlichen Lebensgrundlagen versündigen.

Damit will ich nun nicht behaupten, dass jede statistische Erhebung unverzichtbar ist. Es gibt auch manche Datensammlungen, deren Sinn und Nutzen selbst mit großem Wohlwollen nur schwer zu erkennen sind. Gelegentlich hat man fast den Eindruck, es würden "Bleistifte für Linkshänder" gezählt. Das sind aber die Ausnahmen. In aller Regel leisten die statistischen Dienste ausgesprochen nützliche und wertvolle Arbeit. Darum ist es ein Irrtum, im Namen von Entbürokratisierung und Sparsamkeit möglichst viele Statistiken abzuschaffen. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass Aufgabenbereiche der Statistik abgeschafft worden sind, die dann nur zwei, drei Jahre später von allen politisch Verantwortlichen händeringend vermisst und zurückgefordert wurden. Diesen Fehler sollte man nicht immer wiederholen. Auch bei Sparzwang gilt mit Blick auf die statistischen Dienste die alte Handwerkerweisheit: Dreimal messen, ehe man einmal schneidet!

III.

Ich habe eingangs erwähnt, wie hoch ich die Bedeutung der Statistik für das internationale Gemeinwohl schätze. Auch dazu ein Beispiel: In Deutschland schrumpft die Bevölkerungszahl, weltweit aber steigt sie unverändert rasant. Die Vereinten Nationen veröffentlichen alle zwei Jahre ihre Berechnungen darüber. Selbst bei Annahme des mittleren Entwicklungspfades dieser Prognosen wird die Weltbevölkerung bis zum Jahre 2050 auf 8,9 Milliarden Menschen zunehmen, das heißt um weitere 2,6 Milliarden.

Schon heute indes, das zeigt eine andere Statistik, leiden 1,4 Milliarden Menschen unter chronischem Wassermangel; schon heute müssen fast doppelt so viele ohne ausreichende Kanalisation oder angemessene sanitäre Anlagen auskommen; und schon heute hängen damit achtzig Prozent aller Krankheiten in den sogenannten Entwicklungsländern zusammen. Jeder zweite Mensch dort leidet an Krankheiten, die durch unsauberes Trinkwasser hervorgerufen werden, und Jahr für Jahr sterben daran fünf Millionen Menschen. Das Bevölkerungswachstum droht diese Missstände erheblich zu verschärfen. Das ist weit mehr als Statistik: Das ist ein Appell, die Verhältnisse endlich zum Besseren zu verändern!

So lässt sich auch für stärkere entwicklungspolitische Anstrengungen gerade in der Sprache der Statistik sehr überzeugend werben. Übrigens: Der Aufbau leistungsstarker statistischer Dienste in den weniger entwickelten Staaten ist selbst ein wichtiger Beitrag zur Entwicklungspolitik. Diese Länder brauchen solche Dienste, damit sie die eigene Lage und den eigenen Entwicklungspfad noch genauer erkennen können, damit sie die Hilfe und Selbsthilfe noch wirksamer gestalten können. Darum begrüße ich ganz besonders, wie sehr sich das Internationale Statistische Institut auch in diesem Bereich engagiert. Beispielsweise ermöglicht der vom Institut geschaffene "Development Fund" jungen Statistikerinnen und Statistikern aus Entwicklungsländern die Teilnahme an diesem Weltkongress. Das ist vorbildlich. Diese jungen Leute möchte ich besonders herzlich begrüßen. Ich empfehle eine solche Praxis allen anderen wissenschaftlichen Communities zur Nachahmung.

IV.

Weil die Statistik eine den Menschen wohlgesonnene und hilfreiche Wissenschaft ist, konnte sie alle Lebensbereiche durchdringen und überall Gutes bewirken. Natürlich gäbe es Handel und Wandel auch ohne Statistik; aber erst sie verschafft den Handelnden die nötige Transparenz und sie zeigt, wie weit die globale Zusammenarbeit und Arbeitsteilung schon gediehen ist und welche Chancen und Risiken das birgt.

Dabei profitieren natürlich auch die Statistiker von den fast unglaublichen Fortschritten in der Kommunikations- und Informationstechnologie. Längst können ungeheure Datenmengen in der Zeit eines Wimpernschlags um den Globus gesandt werden, und mathematische Aufgaben, über deren Lösung früher ein Gelehrtenleben verging, erledigt heute im Handumdrehen jeder Heimcomputer.

Gleichzeitig wächst überall noch der Hunger nach Informationen und also auch der Hunger nach Statistik. Darüber dürfen Sie sich freuen. Freilich muss zu diesem Hunger auch die
Fähigkeit kommen, das Angebotene geistig aufzunehmen und zu verdauen. Möglichst viele interessierte Bürgerinnen und Bürger sollten statistische Informationen auch wirklich verstehen und bewerten können. Da stellt sich eine pädagogische Aufgabe, zu deren Lösung gewiss auch das Internationale Statistische Institut wesentlich beitragen kann. Außerdem sollte es natürlich für jeden Statistiker eine Sache der Berufsehre sein, dem Publikum allein genießbare Statistiken anzubieten und keine, deren Zutaten zweifelhaft sind.

V.

Die Statistik ist eine quicklebendige Wissenschaft. Sie entwickelt sich ständig fort, und wie in jeder Fakultät gibt es in ihr Schulen und Denkrichtungen, ungelöste Probleme und sogar Stilfragen und wissenschaftliche Moden.

Seit nun hundertachtzehn Jahren - und in seinen Vorläufern sogar seit hundertfünfzig - trägt das Internationale Statistische Institut maßgeblich dazu bei, die für alle Felder der Statistik bedeutsame statistische Methodenlehre voranzubringen und den internationalen wissenschaft­lichen Austausch zu fördern. Darum richten sich alle zwei Jahre die Blicke der Fachgenossen aus aller Welt auf diesen Kongress und auf seine Ergebnisse. Mir fehlt leider das Fachwissen, um Ihren Beratungen zu folgen oder um gar in Entzücken zu geraten angesichts der Schönheit und Klarheit mancher mathematischer Lösungen, die auf diesem Kongress gewiss präsentiert werden. Ich weiß aber, dass dem Connaisseur hier in den nächsten Tagen viel geboten wird und dass Ihre Erkenntnisse die Menschen in vielen Lebensbereichen weiter voranbringen.

Darum wünsche ich Ihnen ertragreiche Beratungen, fruchtbringende Gespräche und einen guten Aufenthalt in Berlin und in Deutschland. Und noch etwas ganz zum Schluss: Berlin wird laut Tourismusstatistik bei Gästen aus aller Welt immer beliebter. Die Zahl der Übernachtungen stieg im Jahr 2000 gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent auf 11,4 Millionen. Berlin zählt damit nach London, Paris und Rom zu den meistbesuchten Städten Europas. Dazu tragen auch Sie mit Ihrem Kongress bei. Ich kann Sie nur ermuntern: Kommen Sie bald
wieder. Sie werden es nicht bereuen, und das macht sich nicht nur für Berlin sehr gut, sondern auch in unserer Statistik. Herzlich willkommen.