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Rede von Bundespräsident Johannes Rau beim Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen

I.

"Liebe Mutter! Ich liege hier in einem Behelfskrankenhaus auf dem Flur und muss morgen weiter, weil alles überfüllt ist und die Russen auch hierher kommen.(...) Bitte, erschrick nicht, liebe Mutter, aber ich bringe Gabi nicht mit, und ich habe einen erfrorenen Arm. Ich hätte vielleicht Gabi sonst noch weiter getragen. (...) Ich (...) habe sie gut eingewickelt und an der Straße hinter Kanth tief in den Schnee gelegt. Da war Gabi nicht allein, denn mit mir waren ein paar tausend Frauen mit ihren Kindern unterwegs, und sie legten auch die Gestorbenen in den Graben, weil dort bestimmt kein Wagen und keine Autos fahren und ihnen noch ein Leid antun können. (...) Es war so schrecklich kalt, und es stürmte so eisig, und es fiel Schnee, und es gab nichts Warmes, keine Milch und nichts. (...) Hier liegt eine Frau aus der Brandenburger Straße. Die hat alle drei Kinder verloren."

Solch schreckliches Leid steht hinter dem Wort "Flucht", hinter dem Wort "Vertreibung" und hinter dem Unwort "ethnische Säuberung". Es gibt Millionen solcher Leidensgeschichten, weil Millionen von Menschen zu Flüchtlingen und Vertriebenen gemacht worden sind und werden - im vergangenen Jahrhundert vor allem in Europa, heute vor allem in Afrika. Auch in Zukunft wird die Welt dieses Übel wohl niemals ganz überwinden, trotz allem, was wir dafür tun müssen und tun können.

Das Leid der Vertriebenen ist zuallererst persönliches Leid. Auch wenn Millionen gleichzeitig vertrieben werden - die Furcht und den Schmerz, die Trauer, das Heimweh leidet immer der einzelne Mensch, und er muss in seinem Leben mit den Verletzungen und Erinnerungen zurechtkommen. Das Leid jeder und jedes Einzelnen steht vor allen Bewertungen, vor allen Betrachtungen über Recht und Unrecht und Ursache und Folge. Sich diesem Leid zuzu­wenden, mit denen zu fühlen, die es ertragen müssen, das ist ein Gebot der Menschlichkeit.

II.

Vor zwei Generationen wurden im Zuge des Krieges, den Deutschland begonnen hat, auch etwa fünfzehn Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Ihnen ist bitteres Unrecht zugefügt worden. Sie haben unermesslich gelitten.

Die meisten Vertriebenen haben Unvorstellbares durchgemacht. Das lässt sich nacherzählen - die ungeheuren Strapazen der Trecks, die Gnadenlosigkeit der Angriffe, die Gräueltaten gegen Unschuldige und Wehrlose, das oft jahrelange Dahinvegetieren, die Behandlung als Freiwild und als Arbeitssklaven, das Elend der Abschiebungstransporte. All das lässt sich nacherzählen, und es lässt sich auch zählen - allein in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und während der Flucht und Vertreibung gab es weit über eine Million Vergewaltigungen. Wie groß aber die Qualen der Menschen waren und wie das Erlittene bis heute an den Betroffenen frisst, das bleibt un­vorstellbar.

All das trifft und prägt nie die Erlebnisgeneration allein. Das Trauma der Vertreibung und der Verlust der Heimat haben auch auf die Nachkommen gewirkt. Ich zitiere noch einmal: "Ich war vier Jahre alt, als mit Gewehr­kolben an die Eingangstür meines Elternhauses gehämmert wurde. (...) Innerhalb von 15 Minuten mussten wir unter Bewachung das Haus verlassen. (...) Wir wurden nach Sibirien deportiert. (...) Dort träumten Mama und Oma nie enden wollende Familiengeschichten. Im Lauf des sechsjährigen Aufenthaltes (...) war ich in der Lage, mir viele familiäre Ereignisse, wie sie sich in den glücklichen Vorkriegsjahren ereignet haben, ins Gedächtnis zu rufen. Ich wusste auch genau, wie mein Elternhaus aussah."

Das sagte eine Polin, die nach der Teilung Polens durch Hitler und Stalin von den Sowjets aus ihrer Heimat vertrieben wurde. So wie in dieser polnischen Vertriebenenfamilie war es nach dem Krieg viele Jahre auch unter deutschen Dächern: schier endlose Gespräche am Fami­lientisch über glücklichere Tage, von der Schönheit der Heimat, vom Elternhaus, von der Hoffnung auf Rückkehr und schließlich voller Wehmut über das Schwinden dieser Hoffnung.

Dabei ist den Vertriebenen etwas Wichtiges und Wertvolles gelungen - und darin liegt eine ihrer großen Leistungen, von denen ich heute sprechen will: Die Vertriebenen haben ihren Kindern und Enkeln nicht Hass und auch nicht den Wunsch nach Vergeltung eingepflanzt, sondern die Überzeugung und den Willen, am Aufbau eines besseren Deutschlands und eines friedlich geeinten Europas mitzuarbeiten. Gewiss, anfangs hörte man in Vertriebenenkreisen noch oft den Ruf nach Rache und nach Revanche. Wer wollte das leugnen? Die allermeisten Vertriebenen wussten aber, dass dieser Weg nur neues Leid heraufbeschworen und dass er ins Abseits geführt hätte. Sie wählten den friedlichen Neubeginn.

Das war die zentrale Botschaft der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950. Sie war ein zukunftsweisendes Zeichen für Einsicht, Mut und Hoffnung; aber sie musste ja auch wirklich gelebt werden. Das haben Millionen von Vertriebenen getan und an ihre Kinder weitergegeben, im Westen wie im Osten des geteilten Landes. Heute gibt es da längst keinen nennenswerten Unterschied mehr zwischen den Bundes­bürgern mit und denen ohne Vertreibungsschicksal.

III.

Diese Haltung der Vertriebenen ist gewiss auch eine der Voraussetzungen dafür gewesen, dass sie in der neuen Umgebung heimisch werden und neue Wurzeln schlagen konnten. Es war eine wichtige Bedingung, aber beileibe nicht die einzige. Am Anfang ging es für viele ums schiere Überleben, so drückend war die allgemeine Not.

Einen Strom von zehn, zwölf Millionen völlig mittellosen Menschen aufzunehmen, das würde unser Land selbst heute noch bis zum äußersten beanspruchen. Dabei leben wir doch in einer vergleichsweise heilen und komfortablen Welt. Damals waren fast alle größeren Städte Trümmerwüsten. Allein im Westen waren mehr als vier Millionen Wohnungen zerstört. Schon von den Einheimischen hatten Millionen kein vernünftiges Dach mehr über dem Kopf.

Anfangs schien es fast unmöglich, angemessen für die Vertriebenen zu sorgen. In Schleswig-Holstein war 1947 fast jeder zweite Einwohner Vertriebener, 1950 noch jeder dritte. Ich selber habe 1946 in Wuppertal zwei jüngere Brüder bekommen. Meine Eltern nahmen zwei Jungen aus Ostpreußen auf. Die beiden hatten auf der Flucht ihre Mutter und ihre drei Geschwister begraben. Der Vater war verschollen.

Bis weit in die fünfziger Jahre hinein gab es fast überall an den Stadträndern Flüchtlingslager. Noch im Herbst 1949 lebten allein in Bayern über 94.000 Menschen in 465 Flüchtlingslagern. Das letzte wurde dort erst im Juli 1963 aufgelöst.

In Ostdeutschland bekamen viele Vertriebene Land, das auf Befehl der Besatzungsmacht enteignet worden war; weil es aber nur wenig Hilfe bei der Bewirtschaftung gab, mussten viele Neubauern schnell aufgeben und neu auf die Suche nach Einkommen und Unterkommen gehen. Schon wenige Jahre nach Kriegsende wollte die SED von den Nöten der sogenannten "Umsiedler" nichts mehr wissen. Sie drohten die Freundschaft zu den kommunistischen Bruderstaaten zu stören. Das "Umsiedlerproblem" wurde kurzerhand für erledigt erklärt, obwohl davon keine Rede sein konnte.

Auch im Westen war die Zeit bis zu Wirtschaftswunder und Vollbeschäftigung noch lang und bitter. 1950, im Jahr der Charta der deutschen Heimatvertriebenen, waren in der Bundesrepublik noch zwei von fünf Vertriebenen arbeitslos, und weit über die Hälfte von ihnen hatte keine ausreichende Wohnung. Wer Arbeit hatte, war meist berufsfremd beschäftigt und musste sich oft mit den unteren Lohngruppen zufrieden geben. Bundespräsident Heinrich Lübke hat an all das vor 43 Jahren erinnert, zum zehnten Jahrestag der Charta im Jahr 1960, weil es schon damals schien, dass Viele es vergessen hatten.

IV.

Das alles darf nicht vergessen werden und soll nicht vergessen werden. Nur wenn wir an das erinnern, was damals war, wird ja deutlich, wie unendlich viel die Deutschen in jenen Jahren miteinander gemeinsam geleistet haben. Sie haben das Land wieder aufgebaut und eine stabile Ordnung begründet. Unser Volk hat sich der entsetzlichen Wahrheit gestellt, welche Verbrechen bis hin zum Völkermord Deutsche begangen hatten. Wir haben uns darum bemüht, Sühne zu leisten, und Schritt für Schritt das Vertrauen der Welt zurückgewonnen.

An all diesen Leistungen haben die Vertriebenen ihren Anteil. Ihr Aufbauwille und ihr Unternehmungsgeist waren enorm. Sie wollten anpacken. Auch fast 60 Jahre später noch spürt man etwas von der Verblüffung, mit der ein bayerischer Landrat über die Neuankömmlinge berichtet hat: "Wenn irgendwo eine Baracke [leer-]steht, taucht sofort ein Gründer auf, um darin eine Industrie aufzuziehen."

Auch aus dem Ländle - Herr Ministerpräsident Teufel, ich habe im vergangenen Jahr in Stuttgart bei der 50-Jahr-Feier daran erinnert - auch aus Baden-Württemberg also waren der Erfindergeist und die Schaffenskraft der Vertriebenen binnen kurzem nicht mehr wegzudenken. Die Vertriebenen machten dort bald ein Fünftel der Bevölkerung aus, und auch dort haben sie Unschätzbares zum Aufbau und zum Aufschwung beigetragen. So war es überall.

Dabei haben die Vertriebenen viel Solidarität erfahren und viel materielle Unterstützung bekommen. Für Westdeutschland genügen in diesem Zusammenhang die Stichworte "Lastenausgleich" und "Bundesvertriebenengesetz". Der Bund der Vertriebenen und die Bundesregierung haben darüber jüngst noch einmal Bilanz gezogen, eine Bilanz, auf die unser Land stolz sein kann.

Freilich: Das meiste haben die Vertriebenen bei ihrem Neuanfang doch aus eigener Kraft schaffen müssen. Dabei hatten es die Alten gewiss am schwersten - sie blieben oft auf Dauer entwurzelt und heimatlos. Auch der mittleren Generation hat der Neubeginn unsagbar viel Kraft und Arbeit abverlangt. Am leichtesten fanden die Kinder ihren Weg; aber auch für sie war er steinig genug.

Kurzum: Die Vertriebenen haben sich mit harter Arbeit eine neue Lebensgrundlage geschaffen und enorm dazu beigetragen, Deutschland in Ost und West gut wieder aufzubauen. Insgesamt hatten sie es ungleich schwerer als die Alteingesessenen.

V.

Leider ist es den Vertriebenen oft unnötig schwer gemacht worden. Auch das darf nicht verschwiegen werden. Es gab Kränkungen, und manche wirken fort bis heute. Sie wollen ausgesprochen sein, weil sie sonst nicht heilen und weil sie sonst weiter schmerzen.

Zunächst einmal hat wohl jede und jeder Vertriebene irgendwann erlebt, dass Einheimische mit ihnen anfangs hartherzig umgingen, ihnen voller Vorurteile und ablehnend begegneten - später kam der Neid auf die Hilfen für die Vertriebenen und auf ihren Gewerbefleiß hinzu.

Oft schnitt die Ablehnung ins Herz. Als Flüchtlingskind vor der Tür der Nachbarskinder warten zu müssen, während die Kinder der Einheimischen hereingebeten wurden - das vergisst man nicht. Und beim wohlbestallten Bauern vergeblich um ein wenig Milch für das kranke Kind zu bitten, auch das vergisst man nicht - so haben es Ihre Eltern erlebt, Frau Steinbach.

Solchen Erfahrungen stehen freilich die Hilfsbereitschaft und die Solidarität vieler anderer Alteingesessener gegenüber, und auch die guten Beispiele sind unvergessen: "Meine Mutter sagte immer", erinnert sich ein Mann viele Jahre später, "wenn sie zum Bäcker L. gegangen ist und hat ihr Brot geholt, dann hat der manchmal die Brotmarken nicht angenommen. Oder er hat ihr ein Brot gegeben, das war dann größer als sie es den Marken nach kriegen durfte. Das ist der Grund, deswegen gehen wir auch heute noch dahin unser Brot kaufen."

Diese guten Beispiele haben sich bald überall durchgesetzt. Die Menschen lernten sich kennen, legten Vorurteile ab, fanden zueinander - übrigens auch vor dem Traualtar. Ehen zwischen Einheimischen und Vertriebenen wurden schnell zu einer guten Selbstverständlichkeit.

Eine andere Kränkung haben die Vertriebenen wohl viel dauerhafter empfunden: Ihr schweres Schicksal sei den Einheimischen im Grunde gleichgültig gewesen, sie hätten davon nichts hören wollen und sich abgewandt. Die Vertriebenen seien mit ihrem Leid innerlich sich selbst überlassen worden, obwohl sie so sehr der Anteilnahme bedurft hätten.

Daran ist gewiss und leider viel Wahres. Aber auch viele Einheimische hatten ja unendliches Leid erfahren: Auch mehr als 800.000 Menschen aus den westlichen Teilen des Reichs, die vor dem Bombenkrieg im Osten Zuflucht gesucht hatten, haben Flucht und Vertreibung durchgemacht. Auch wer an Rhein und Ruhr in Trümmern hauste, unter denen tote Freunde und Verwandte lagen, der hatte auch ein Stück Heimat verloren. Auch dort fanden sich Erzählgemeinschaften, die einander immer wieder die erlebten Schrecken erzählten, um Halt zu finden und um gemeinsam Kraft zum Überleben zu schöpfen. Dieter Forte hat das in seinen Romanen über eine Kindheit im Trümmermeer von Düsseldorf für mich ergreifend geschildert.

Deutschland war 1945 ein Land von Entwurzelten, niedergedrückt von persönlichem Unglück und auch stumm und starr vor der immer genaueren Erkenntnis der ungeheuren Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands. Darum plädiere ich für Verständnis dafür, dass die Heimatvertriebenen bei ihren Mitmenschen leider oft wenig Gehör fanden.

Die Vertriebenen haben aber noch eine weitere Kränkung erfahren, und die ging wahrscheinlich am tiefsten. Viele wollten den Vertriebenen nicht nur nicht zuhören, sie wollten ihnen sogar den Mund verbieten. Manche hatten Leid nie selber erlebt und wollten darum vom Leid anderer nichts hören. Manche sagten, die Vertreibung liege doch schon so weit zurück, das sei doch längst uninteressant. Manche schließlich haben auch da nur von den geschichtlichen Ursachen gesprochen, wo es um das unendlich große Leid ging, das daraus Vielen entstanden war: Sie hielten den Vertriebenen vor, ihr Schicksal sei doch die Quittung für früheren Nationalismus und für den von Deutschland begonnenen Krieg.

Das war nicht nur herzlos, das war auch dumm. Ich habe das nie verstehen können. Selbst da gilt freilich: Es ist nie zu spät, doch noch miteinander ins Gespräch und ins Reine zu kommen. Und außerdem, Hand aufs Herz: Haben nicht auch manche Vertriebene und Vertriebenenvertreter im Laufe der Jahre so manches gesagt, das herzlos und verletzend wirkte und auch nicht klüger war?

Seither hat sich hierzulande in den Köpfen und in den Herzen gottlob viel getan. Ich bin überzeugt davon: Nie waren die Zeiten günstiger, um in Deutschland und in Europa mit unseren Nachbarn das Gespräch über das Thema Flucht und Vertreibung neu aufzunehmen und mit Herz und Verstand voranzubringen.

VI.

Ich will das zuerst mit Blick auf Deutschland begründen:

Unser Land hat die Einheit in Freiheit erlangt. Nun können auch die Vertriebenen in den östlichen Ländern ihre Geschichte erzählen, und auch die meisten anderen ehemaligen Bürger der DDR können darüber berichten, wie lange sie unter den Folgen des von Deutschland entfesselten Krieges besonders leiden mussten.

Seit einigen Jahren haben Historiker, Soziologen und Psychologen das Thema Flucht und Vertreibung wiederentdeckt. Bisher verschlossene Archive stehen nun offen. Manche Fragen sind noch wenig oder gar nicht wissenschaftlich untersucht, zum Beispiel das Schicksal der Vertriebenen in der SBZ und in der DDR und die Langzeitfolgen der Vertreibung für die Erlebnisgeneration und für ihre Kinder und Enkel. Die größte Forschungslücke, sagen Kenner der Materie, gibt es bei vergleichenden Untersuchungen über Umsiedlungen und Vertreibungen in ganz Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Viel zu wenig erforscht ist auch der enge Zusammenhang zwischen Vertreibungspolitik und Holocaust.

Mindestens ebenso positiv wie das neuerwachte Interesse der Wissenschaft sind das Interesse und die große Anteilnahme der Bürgerinnen und Bürger an diesem Kapitel unserer Geschichte. In den vergangenen Jahren haben wir einen erfreulichen Wandel erlebt: Zeitzeugen über die Vertreibung, zeitgeschichtliche Darstellungen, literarische Gestaltungen des Themas wie die Novelle "Im Krebsgang" von Günter Grass und auch Fernseh-Dokumentationen finden ein großes und interessiertes Publikum. Die Menschen reagieren betroffen und mit Trauer auf die geschilderten Leiden, und manche, vor allem die Jüngeren, erkennen überhaupt zum ersten Mal, wie schwer der 2. Weltkrieg auch die Deutschen getroffen hat.

Für diese neue Anteilnahme gibt es gewiss mancherlei Gründe. Besonders wichtig erscheinen mir zwei. Zuallererst: Spätestens seit 1990 ist die Erinnerung an die Vertreibung nicht mehr mit dem Ost-West-Konflikt und mit strittigen Fragen der deutschen Außenpolitik belastet.

Die Deutschen - auch die große Mehrheit der Vertriebenen - wollten den Ausgleich mit Polen und Tschechien und mit den anderen mittel- und osteuropäischen Völkern, und wir haben diesen Ausgleich erreicht. Deutschland und seine Nachbarn sind sich darüber einig, dass sie ihre Beziehungen auf die Zukunft ausrichten und nicht mit politischen und rechtlichen Fragen belasten wollen, die aus der Vergangenheit herrühren.

Wenn wir das ernst meinen und wenn wir uns im Alltag daran halten, dann steht die Beschäftigung mit dem Unrecht der Vertreibung grundsätzlich nicht mehr unter dem Verdacht, es gehe wechselseitig um alte Vorwürfe und um gegenseitiges Aufrechnen. Das spüren die Menschen und darum öffnen sie sich für das Thema.

Ich sehe noch einen weiteren wichtigen Grund für die verstärkte Zuwendung der Deutschen zu diesem Abschnitt unserer deutschen und europäischen Geschichte: Die meisten Menschen, die die Vertreibung bewusst erlebt haben, sind heute im Rentenalter. Sie waren eine unauffällige, eine "stille" Generation, die anpackte und in der DDR und in der Bundesrepublik mithalf, die Karre aus dem Dreck zu ziehen - und zwar die meisten durchaus in dem Bewusstsein: "Das haben wir uns alle gemeinsam eingebrockt, das müssen wir nun gemeinsam auslöffeln." Diese Generation geht nun den eigenen Spuren noch einmal nach und erzählt ihr Schicksal auch den Enkeln. Großeltern und Enkel sind ja bekanntlich natürliche Verbündete.

Gerade in der Enkelgeneration haben freilich Viele fundierte Kenntnisse über die Vertreibung und über deren Vorgeschichte auch dringend nötig. Der Stand der historischen Allgemeinbildung lässt ohnedies einiges zu wünschen übrig. Noch schlechter als ohnehin schon ist es aber um die Kenntnisse über den früheren deutschen Osten und über die Vertreibung bestellt.

Natürlich gibt es erfreuliche Ausnahmen. Zum Beispiel habe ich im vergangenen Herbst beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten das Thema "Weggehen - Ankommen. Migration in der Geschichte" als Aufgabe gestellt. Jetzt liegen die Wettbewerbsbeiträge vor. Viele berichten von der Flucht und Vertreibung der Deutschen, und ich finde es eindrucksvoll, wie einfühlsam und sachkundig die jungen Leute sich mit diesem Thema beschäftigt haben.

Aber im Allgemeinen trifft leider zu, was der Althistoriker Alfred Heuß schon 1984 beklagt hat: Die jüngeren Deutschen wissen nur noch wenig über den früheren deutschen Osten und über die Katastrophe, die zu seinem Verlust geführt hat. Dass Königsberg und Breslau deutsche Großstädte waren wie Köln und München, ist heute Vielen unbekannt, und entsprechende Ungewissheit herrscht dann natürlich auch darüber, in welchem Land eigentlich Menschen wie Immanuel Kant oder Gerhart Hauptmann geboren wurden, lebten und arbeiteten. Wer so wenig über den deutschen Osten weiß, so kritisierte Heuß mit Recht, der begreift gar nicht, welchen Substanzverlust die Deutschen durch den 2. Weltkrieg erlitten haben und wie "sich hierin Hitlers Verbrechensprinzipien gegen die Deutschen selbst kehrten."

Auf diese Erkenntnis kommt es doch entscheidend an! Im Grunde lässt sich die ganze deutsche Politik ab 1933 überhaupt nur aus dem Prinzip der nationalistischen und rassistischen Vertreibung verstehen. Diesem Ziel dienten die Verfolgung und Vertreibung der Juden schon zu Friedenszeiten und das Münchner Abkommen, dem dienten die Umsiedlung der Südtiroler und dann das Hereinholen vieler anderer deutscher Minderheiten "heim ins Reich", wie das hieß.

Überall im deutschen Machtbereich sind ethnische Minderheiten und ganze Völker verfolgt, versklavt und vertrieben worden, sobald man sie in die Gewalt bekam: So wurden aus dem westlichen Polen gleich nach der Besetzung binnen Monaten weit mehr als eine Million polnische Bürger deportiert, um Platz für Deutsche zu schaffen. Und das sollte ja nur der Anfang sein: Die Pläne für die Vertreibung von Millionen Polen und Russen lagen bereit. Im "Generalplan Ost" und im "Generalsiedlungsplan Ost" kalkulierte die SS allein mit mehr als dreißig Millionen russischen Opfern dieser Landnahme. In der Vernichtung der europäischen Juden erreichte diese rassistische und ethnokratische Politik ihre schrecklichste Form. Götz Aly hat Recht: Der Holocaust gehört "mitten hinein" in die historische Konstellation, der am Ende auch die deutschen Vertriebenen zum Opfer fielen.

Wie untrennbar bis zuletzt die deutschen Verbrechen und die Vertreibung der Deutschen ineinander verschlungen waren, das haben viele Vertriebene mit eigenen Augen erlebt. Ein Schlesier erinnert sich: "Eine böse Vorahnung ergriff mich, als der Elendszug der KZ-Häftlinge des Lagers Auschwitz Anfang Januar 1945 durch unser Dorf zog. Ein schreckliches Erlebnis. Sie waren alle, obwohl es bitterkalt war, nur in der dünnen Häftlingsbekleidung, mit Holzpantinen ohne Strümpfe bekleidet. (...) Als ich am nächsten Morgen zur Schule ging, lagen Dutzende von erschossenen Häftlingen am Straßenrand."

Auch in der Nacht, als die "Wilhelm Gustloff" sank und in Pillau ungezählte verzweifelte Flüchtlinge auf den Transport über die Ostsee warteten, wurden nahebei am Strand noch viele Häftlinge aus dem KZ Stutthoff erschossen.

Gewiss, Umsiedlungen und Vertreibungen hat es schon vor 1933 gegeben, und schon damals lag kein Segen darauf. Erst mit den Nationalsozialisten schlug diese Praxis europaweit in gesetzlose Brutalität um. Der Historiker Hans Lemberg hat es auf den Begriff gebracht: "So ist durch Hitler die Hemmschwelle hinsichtlich dessen, was man mit Menschen und Menschengruppen meinte zu tun können, (...) ebenso gesenkt worden, wie das Grenzen-Verschieben durch ihn wieder in Schwung gekommen ist."

Diese Erkenntnis zeichnet niemanden von der Verantwortung für eigenes Handeln frei - nicht die, die Hitler die Hand zum Münchener Abkommen reichten und nicht die Konferenzteilnehmer von Teheran, Jalta und Potsdam; nicht die, die in Mittel- und Osteuropa erst mit den Deutschen gemeinsam die Juden entrechteten, danach die Deutschen, und auch nicht jene, die schon im Exil jahrelang die Vertreibung planten. Hitlers verbrecherische Politik entlastet niemanden, der furchtbares Unrecht mit furchtbarem Unrecht beantwortet hat.

Die gesamteuropäische Katastrophe kann aber nur in ihrem Gesamtzusammenhang wirklich verstanden werden, und nur das kann aufklärend wirken. Solche Aufklärung wünsche ich mir für die heutigen und für die künftigen Generationen in Deutschland und überall in Europa. Dafür brauchen wir einen europäischen Dialog, und der wird von allen Beteiligten ungeschminkte Selbsterkenntnis verlangen.

VII.

Auch für einen solchen aufrichtigen europäischen Dialog sind nach meiner Überzeugung die Bedingungen so günstig wie nie:

Deutschland ist zum ersten Mal in seiner Geschichte von Freunden und Partnern umgeben und erhebt gegen niemanden Gebietsansprüche. Wir Deutschen haben mit Sympathie und voller Anerkennung und Dankbarkeit erlebt, wie die Völker Mittel- und Osteuropas sich 1989 von der sowjetischen Vorherrschaft befreit haben. Das war eine wichtige Bedingung für den Erfolg der friedlichen Revolution in der DDR und für die deutsche Einheit. Unsere Nachbarn im Osten haben ihr zugestimmt und uns aufrichtig zu ihr beglückwünscht. Wir werden bald mit ihnen gemeinsam in der Europäischen Union zusammenleben, in der Grenzen nicht mehr trennen, sondern verbinden sollen. Unsere Kinder werden die Zukunft Europas gemeinsam gestalten.

In den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten und in den früheren deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa verändert sich auch die Einstellung der Menschen zum deutschen Kulturerbe: "Ich könnte jeden Tag einen Artikel über die Deutschen in Breslau schreiben", sagt eine Journalistin einer großen polnischen Tageszeitung, die dort erscheint. Sie habe jüngst ein Foto von vier Volkssturm-Kindersoldaten veröffentlicht. Da haben die meisten Leser voller Mitleid wissen wollen, "ob die Jungen heute noch am Leben sind." Eine solche Reaktion wäre vor 1990 wohl kaum vorstellbar gewesen.

Bei unseren östlichen Nachbarn verändert sich auch die Einstellung zur Vertreibung der Deutschen. Sie war in Polen und auch in Tschechien Gegenstand aufrichtiger und sehr selbstkritischer Debatten; es gibt dort schon heute viele Stimmen des Bedauerns und der Trauer, der Erinnerung an das damalige Unrecht und der Mahnung. Es gibt auch andere Stimmen, wer wollte das leugnen. Auch bei unseren Nachbarn schmerzen viele Narben noch, und immer noch ist sehr leicht das Argument zur Hand, es seien schließlich die Deutschen selber gewesen, die Stalin an die Elbe holten. Dennoch scheint mir das Nachdenken darüber, was den Deutschen an Unrecht und Leid zugefügt worden ist, weit vorangekommen, seit diese Staaten ihre Freiheit wiedererlangt haben. Die Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises an die Initiatoren des "Kreuz der Versöhnung" im tschechischen Wekelsdorf zeigt ja, wie viel Gutes schon auf den Weg gebracht wurde.

Das alles sind wirklich gute Voraussetzungen dafür, dass in Deutschland und in Europa im Geist der Wahrhaftigkeit und der Versöhnung über das Thema Flucht und Vertreibung gesprochen werden kann. Wir können die Gunst der Stunde nutzen, wir können sie aber auch verspielen. Welche Wahl wollen wir treffen?

VIII.

Vielleicht treffen wir die Wahl bereits, ohne es zu merken und ohne es zu wollen. In Deutschland ist eine Debatte entbrannt, die bei unseren Nachbarn manche beunruhigt und sorgenvoll stimmt. Es geht um ein Zentrum gegen Vertreibungen.

Ich gestehe, dass mich der Ton und der Stil mancher Beiträge in dieser Debatte bedrücken. Wenn ich mir die prominenten Kontrahenten ansehe, dann finde ich auf beiden Seiten untadelige Demokraten, aufrechte Europäer und Menschen, an deren Engagement für die Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern Europas kein Zweifel besteht.

Wie kommt es dann, dass sie sich mittlerweile fast schon unversöhnlich gegenüberzustehen scheinen? Warum wird mit Unterstellungen gearbeitet? Warum wirft die eine Seite der anderen vor, sie wolle unsere Nachbarn an den Pranger stellen, und die andere kontert, die Gegenseite habe doch nur Angst vor denen? All das führt uns doch nicht weiter! Das verringert unsere Gesprächsfähigkeit und bestärkt unsere Nachbarn in dem Verdacht, dass ihnen da nichts Gutes ins Haus steht - warum sonst würden sich die Deutschen selber so erbittert darüber streiten?

Ich glaube noch immer daran, dass alle einen aufrichtigen und umfassenden europäischen Dialog wollen. Dann aber lautet das erste Gebot, alles zu unterlassen, was den Streit in Deutschland weiter anheizt. Wir sollten gemeinsam darüber nachdenken, wie eine Einladung an unsere europäischen Partner und Freunde aussehen muss, damit sie redliche Aussicht auf Annahme hat. Dafür lassen sich ja doch Kriterien entwickeln.

Der Beschluss des Deutschen Bundestages vom vergangenen Juli enthält wichtige Kriterien. Wir brauchen einen Ansatz, der einen möglichst gesamteuropäischen Dialog über die Vertreibungen möglich macht, die im vergangenen Jahrhundert auf unserem Kontinent stattgefunden haben. Wir müssen in Europa Wege finden, um die europäische Öffentlichkeit über diese Vertreibungen in ihrem historischen Zusammenhang und mit ihren ideologischen Hintergründen zu informieren. Wir brauchen die dauerhafte Erinnerung an das individuelle Leid der Opfer und an das schwere Schicksal ganzer Volksgruppen. Es muss gelingen, die fortdauernden psychischen, mentalen und sozialen Wirkungen von Flucht und Vertreibung auf die Opfer und auf die Täter, auf das Zusammenleben in den Gesellschaften und auf die Beziehungen der europäischen Völker zueinander zu erforschen.

All das muss im Geist der Zusammenarbeit und der Versöhnung und mit Blick auf unsere gemeinsame Zukunft in Europa geschehen. Alle sollten dazu eingeladen sein, niemand soll dagegen ein Veto einlegen können, und niemand soll glauben, er könne totschweigen, was geschehen ist. Für gegenseitige Schuldzuweisungen aber, für das Hin und Her von Aufrechnung und Gegenaufrechnung und für die Anmeldung gegenseitiger materieller Ansprüche darf es keinen Raum mehr geben, denn das liegt hinter uns, und wer solches Verhalten wiederbeleben will, der führt uns wieder in den Teufelskreis.

IX.

In ganz Europa sprechen viele Menschen für sich und mit anderen das Vaterunser. Sie tun das auf deutsch, auf polnisch, auf tschechisch und sie bitten: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

Wir alle sind auf Vergebung angewiesen. Auch Gläubige anderer Religionen beten darum. Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft. Vergebung leugnet die Schuld nicht und wischt sie nicht weg. Aber Vergebung ist eine Voraussetzung dafür, dass wir dauerhaft in Frieden zusammenleben. Das wollen wir in Europa.

  • Englische Fassung der Rede (PDF-Download)