Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Johannes Rau in der Fudan-Universität

Es ist eine große Ehre für mich, dass Sie mich eingeladen haben, hier, an der berühmten Fudan-Universität zu Shanghai zu Ihnen zu sprechen. Ich weiß, dass Sie große Anstrengungen unternehmen, zu einer der führenden Universitäten der Welt zu werden. Auf diesem Weg sind Austausch und Kooperation Schlüsselwörter. Wissenschaftlicher Erfolg lässt sich heute nicht mehr im Alleingang erzielen. Deshalb legt man gerade an der Fudan Universität sehr großen Wert auf internationale Zusammenarbeit und auf interdisziplinäre Forschung und Lehre. Darum ist Ihre Universität für mich ein guter Ort, um über Wissenschaft und wissenschaftliche Zusammenarbeit zu sprechen.

Ich bin für eine Woche nach China gekommen. Das ist gewiss eine sehr kurze Zeit, um Ihr großes Land wirklich kennenzulernen. Was ich bisher gesehen und gehört habe, hat mich außerordentlich beeindruckt. Einerseits habe ich Zeugnisse der alten und unvergleichlichen Kultur Chinas kennengelernt, zum Beispiel die Ausgrabungen der Tonkriegerarmee in Xi'an. Ich habe die Große Mauer gesehen, ein Zeugnis höchster Bau- und Ingenieurskunst. Ich habe aber auch mit Staunen gesehen, wie China sich vorbereitet auf das 21. Jahrhundert, wie es mit riesigen Schritten einer neuen Zeit entgegengeht. Gerade hier in Shanghai ist das überdeutlich zu sehen. Es ist wohl für jeden Besucher eindrucksvoll, wenn er erfährt, mit welchem Optimismus, mit welcher Kraft und mit welcher Dynamik China seinen Weg in die Zukunft geht.

Ein Schwerpunkt meines Besuches ist die Begegnung mit Wissenschaftlern. Das habe ich ganz bewusst so entschieden. Ich bin überzeugt davon, dass die Wissenschaften für die Zukunft unseres Planeten besondere Bedeutung haben. In den Wissenschaften werden die wichtigen Weichen gestellt für unsere Fahrt in die nähere und in die weitere Zukunft. Darum tragen Wissenschaftler heute eine so große Verantwortung, oft weit über ihr Fachgebiet hinaus.

Dazu kommt: Die Wissenschaft ist heute weniger denn je allein eine regionale oder nationale Angelegenheit. Kaum irgendwo ist der internationale Austausch so rege und so selbstverständlich wie in den Wissenschaften. Das ist in den einzelnen Disziplinen gewiss unterschiedlich - aber im Großen und Ganzen kann man sicher sagen, dass die "scientific community" eine globale Gemeinschaft ist.

Das bedeutet beides: Zusammenarbeit und Wettbewerb. Zusammenarbeit ist notwendig und wird immer notwendiger. Die Universitäten sind aber auch miteinander im Wettbewerb: um die besten Erkenntnisse, die besten Forscher und Lehrer und auch um die besten Studenten. Wenn dieser Wettbewerb fair ausgetragen wird, kann das die Sache der Wissenschaft nur fördern.

Es ist genau ein Vierteljahrhundert her, seit Deutschland und China ein Regierungsabkommen über wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit unterzeichnet haben. Da scheint es mir an der Zeit, Bilanz zu ziehen und in die Zukunft zu schauen. Ich glaube, dass unsere beiden Länder nur gewinnen können, wenn sie, wo immer es geht, wissenschaftlich zusammenarbeiten und den wissenschaftlichen Austausch pflegen. Dafür möchte ich bei meinem Besuch hier in China besonders werben.

Deswegen war ich an der Qinghua-Universität in Peking, deshalb war ich im Chinesisch-Deutschen Zentrum für Wissenschaftsförderung, deswegen war ich im Deutsch-Chinesischen Institut für Rechtswissenschaft an der Universität von Najing, und deswegen bin ich nun hier bei Ihnen, um mich einigen grundsätzlichen Fragen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zuzuwenden.

Ich habe Ihr Angebot, vor Ihnen zu sprechen, besonders gern angenommen, weil ich darin auch das Interesse erkenne, den Austausch mit deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen auszubauen. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Professor Winnacker, begleitet mich zusammen mit dem Mediziner Professor Ganten und Professor Schwarte vom Institut für Nachrichtenverarbeitung. Ich kann Sie nur ermutigen, mit diesen Mitgliedern meiner Delegation darüber zu sprechen.

Zunächst einmal bin ich dankbar dafür, dass es bereits eine Fülle von Projekten gibt, an denen deutsche und chinesische Wissenschaftler gemeinsam forschen und arbeiten. Wenn ich alle aufzählen wollte, reichte meine Redezeit bei weitem nicht aus.

Darum will ich nur darauf hinweisen, dass sowohl nach der Zahl der Projekte als auch dem Finanzvolumen nach China für Deutschland inzwischen der Partner Nr. 1 ist, was wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit angeht. Andererseits ist auch Deutschland für China - neben den Vereinigten Staaten - der wichtigste Partner.

Ich weiß, dass auf der Prioritätenliste vieler chinesischer Studierender die USA ganz oben stehen. Ich verstehe das, aber ich sage Ihnen: Ein Blick nach Deutschland lohnt sich auch. Als große Wirtschaftsnation in Europa und als ein weltoffenes Land freuen wir uns darüber, wenn der Austausch von Studenten und Wissenschaftlern zwischen beiden Ländern noch weiter wächst.

Ich finde es aber schon eindrucksvoll und für die künftige Zusammenarbeit ermutigend, dass die Alexander von Humboldt Stiftung im vergangenen Jahr 186 Forscher aus China mit einem Stipendium bei einem Forschungsaufenthalt in Deutschland unterstützt hat; China liegt damit bei den Humboldt-Stipendiaten weltweit vorn. Das ist ein Zeichen für die Bedeutung und die Stärke der chinesischen Wissenschaft, denn die Humboldt Stiftung nimmt nur die besten Forscher ihres Fachs in ihr Programm auf. Wir freuen uns, wenn wir Jahr für Jahr weitere hochqualifizierte chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Kreis der "Humboldt-Familie" begrüßen dürfen. Nebenbei gesagt: Dass die Humboldt-Stiftung meistens eine gute Nase bei der Auswahl der Bewerber hat, zeigt sich auch daran, dass der gegenwärtige Präsident der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, Professor Lu Yongxiang, ein ehemaliger Humboldt-Stipendiat ist.

Ich freue mich auch darüber, dass die Arbeit und die verschiedenen Programme des DAAD immer mehr chinesische Studenten zu einem Studienaufenthalt in Deutschland bewegen. Im vergangenen Jahr bekamen fast 700 Studenten ein Stipendium. Sehr viele Studierende aus China bezahlen ihren Aufenthalt in Deutschland selber. Insgesamt stellen sie die größte Gruppe nicht-europäischer Studierender in Deutschland. Wenn ich höre, dass insgesamt ca. 14.000 Chinesen in Deutschland studieren, so scheint mir, dass mein Land ein angesehener und attraktiver Studienort ist. Ich hätte nichts dagegen, wenn sich das noch weiter herumspräche. In diesem Zusammenhang bitte ich Sie, Deutsch als zweite Fremdsprache zu pflegen und mit unserer Unterstützung die jungen Leute über die neuen Studien- und Forschungsangebote in Deutschland zu informieren.

Ich fände es gut, wenn dieser akademische Austausch keine Einbahnstraße wäre und daher begrüße ich die deutschen Studenten hier besonders herzlich. Ich wünsche mir sehr, dass auch mehr Deutsche in China studieren als bisher, dass sie den Mut finden, Ihre gewiss schwierige Sprache zu lernen, dass sie dann aber auch die einmalige Chance haben, die reiche alte Kultur Ihres Landes und seine dynamische moderne Wissenschaft kennenzulernen.

Ich freue mich darum besonders über das Programm "Sprache und Praxis in China", das Männer und Frauen aus der deutschen Wirtschaft zu "China-Experten" werden lassen kann: Auf eine einjährige Sprachausbildung in China folgt ein einjähriges Praktikum, vorzugsweise in joint ventures. Dies Programm ist vielleicht nicht im strengen Sinne wissenschaftlich. Im Hinblick auf die immer engere Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft scheint es mir aber von großer Bedeutung zu sein.

Ein weiterer Schritt sind chinesisch-deutsche Hochschulpartnerschaften, die Firmen und Unternehmen konkrete Angebote zur Ausbildung ihrer chinesischen und deutschen Mitarbeiter vor Ort machen. Deutsche und chinesische Hochschulen könnten maßgeschneiderte Ausbildungsprogramme entwerfen und dabei auch Forschungsinteressen der Unternehmen berücksichtigen.

Zukunftsträchtig ist überhaupt die langsam beginnende Zusammenarbeit im gesamten Bereich der Bildung. So kooperieren zum Beispiel die RWTH Aachen und die Tsinghua-Universität seit zwei Jahren unter dem Motto "gemeinsam studieren, gemeinsam forschen". Sie haben ein Projekt für gemeinsame Ausbildungsgänge in Produktionstechnik und Automobilbau entwickelt, die zu Masterabschlüssen führen, die in beiden Ländern anerkannt werden. Wie ich höre, ist man in China auch daran interessiert, eine Fachhochschule nach deutschem Muster aufzubauen. Das ist gewiss auch ein Qualitätsbeweis für das Prinzip der deutschen Fachhochschulen.

China baut konsequent sein Hochschulwesen aus. Dabei wird immer mehr auch deutlich, wie sehr das regionale, soziale und wirtschaftliche Umfeld bei der Konzeption von Hochschulpolitik berücksichtigt werden muss. Deutschland kann mit seinen Erfahrungen einer regionalisierten Hochschul- und Forschungspolitik gute Beiträge in partnerschaftlicher Zusammenarbeit leisten.

Die deutsch-chinesische Zusammenarbeit hat inzwischen auch zu einer ganzen Reihe von gemeinsamen Umweltforschungs-Projekten geführt. Das ist ein besonders wichtiges Feld. Die klimatischen Veränderungen auf der Erde verlangen nach einer immer genaueren, umfassenderen Umweltforschung und nach Gegenstrategien, damit nicht in Zukunft Millionen von Menschen zu Opfern schlimmer Katastrophen werden - vom wirtschaftlichen Schaden ganz abgesehen. Der Schutz der natürlichen Ressourcen - dabei denke ich ganz besonders an das Trinkwasser - muss stärker in den Mittelpunkt unserer Bemühungen rücken.

Die Satellitentechnologie schafft immer neue und bessere Kommunikationsmöglichkeiten. Dazu kommen die wichtigen Aufklärungsmöglichkeiten mit Blick auf Wettervorhersagen, auf Ernten und auf Bodenschätze. Ich freue mich darüber, dass China im gesamten Bereich der Raumfahrttechnik so überragende Fortschritte gemacht hat, auch in Zusammenarbeit mit deutschen und europäischen Institutionen.

Die modernen Techniken für Information und Kommunikation haben außerordentlich große wirtschaftliche Bedeutung. Sie können aber auch eine wunderbare Hilfe für Benachteiligte sein, besser oder überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der Anschluss an das weltweite Informations-Netz kann das traditionelle Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land verringern. Auch in abgelegenen Gegenden bekommen Menschen Zugang zu Bildung und Information, die bisher davon abgeschnitten waren, weil es an Schulen und anderen Einrichtungen fehlte. Die Teilnahme aller am gesellschaftlichen Leben durch Information und Bildung wird eines der ganz großen Themen der kommenden Jahre sein - und damit verbunden auch die Kommunikationstechnologie. Ich verspreche mir deshalb sehr viel von den beiden Instituten für Informations- und Kommunikationstechnologie, die in Peking und in Berlin unter gemeinsamer Leitung im Aufbau sind.

Riesige, bis vor wenigen Jahren in dieser Form noch gar nicht absehbare Fortschritte macht auch die Biotechnologie, in der China weltweit zu den führenden Ländern gehört. Auch auf diesem Gebiet arbeiten deutsche und chinesische Wissenschaftler zusammen. Wie gut die Kontakte inzwischen sind, konnte man vor wenigen Monaten daran sehen, dass bei Ausbruch der SARS-Epidemie die Max-Planck-Gesellschaft hier in Shanghai ganz schnell ein Hochsicherheitslabor zur Verfügung stellen konnte. Ebenfalls ganz schnell konnte mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein gemeinsames Forschungssymposion zu dieser Krankheit in Peking einberufen werden.

Es gibt also inzwischen gute Kontakte und sehr viele gemeinsame Programme, Institutionen, Projekte und ich bin sicher, dass diese Zusammenarbeit in Zukunft weiter ausgebaut wird. Dabei entsteht - und das ist sicher ebenso wichtig wie wissenschaftlicher Fortschritt - ein immer engeres Netz von persönlichen Beziehungen. Auch das ist gut für unsere beiden Länder.

Einen Wunsch möchte ich hier formulieren. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit erstreckt sich bisher nahezu ausschließlich auf Naturwissenschaften und Technologie. Deutschland und China haben aber auch große geisteswissenschaftliche Traditionen. Kultur, Philosophie, auch Religion sind Gegenstand denkerischer Auseinandersetzung. Zu einem vollständigen Verständnis von Wissenschaft gehören auch die Geisteswissenschaften. Gewiss sind gerade auf diesem Gebiet die kulturellen oder nationalen Eigenprägungen besonders deutlich. Gerade deshalb wird in Philosophie und Kultur, in Religion und Kunst besonders das Eigene und das von den anderen Verschiedene sichtbar. Und gewiss sind der Austausch und der Dialog auf diesen Gebieten deshalb schwieriger als in Naturwissenschaften und Technologie. Gerade deswegen ist der Dialog aber auch besonders wichtig.

Wenn wir mit dem anderen zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir ihn auch verstehen lernen - mit seinem Selbstverständnis, seinen kulturellen Wurzeln, seiner geistigen Prägung. Und schließlich ist die Zukunft keineswegs nur eine technologische, sondern auch eine geistige Herausforderung. Die naturwissenschaftliche Forschung hilft uns, Ziele zu verwirklichen. Sie kann uns aber nichts darüber sagen, welche Ziele wir anstreben sollen, wofür wir arbeiten wollen, wie wir leben wollen. All das kann nur in geistiger, letzten Endes philosophischer Auseinandersetzung erörtert werden.

An diesen Wunsch anschließend möchte ich noch einige Gedanken mit Ihnen teilen, die die Wissenschaften und die Arbeit der Wissenschaftler betreffen. Ich spreche Sie dabei nicht zuerst als Wissenschaftler an, die sich hingebungsvoll ihrer jeweils besonderen Arbeit widmen, sondern ich spreche Sie an als die politisch interessierten Bürger, die Sie ja auch sind.

Die Menschen verbinden oft mit all den wissenschaftlichen Fortschritten nicht nur Hoffnungen, sondern auch Sorgen und Ängste. Gerade am Beispiel der Biotechnologie lässt sich zeigen, wie die Möglichkeiten der Wissenschaft umschlagen können in verantwortungslose Hybris - ohne Rückbindung an menschliche Werte und moralische Überzeugungen. Vor nicht langer Zeit haben einige Wissenschaftler behauptet, das erste geklonte Menschenkind sei geboren worden. Zwar fehlt dazu bislang jeglicher Beweis, aber man kann wohl davon ausgehen, dass es irgendwo irgendjemanden gibt, der daran arbeitet, aus welchen Motiven auch immer. Besonders bei Fragen der Fortpflanzungsmedizin müssen wir uns darum bemühen, zu international gültigen ethischen Standards zu kommen.

Die Fortschritte in den Wissenschaften, über die wir uns freuen, stellen uns immer wieder neu vor grundsätzliche Fragen:

  • Wie gehen wir mit der Natur um?
  • Welches Menschenbild haben wir?
  • Was kann Fortschritt heute bedeuten - und was darf er nicht bedeuten?

Das sind politische und ethische Fragen, die in der ganzen Gesellschaft frei diskutiert werden müssen.

Es ist eine scheinbar einfache Frage, die wir uns vorlegen müssen. Sie heißt: Was ist gut für den Menschen? Die Frage ist nicht neu. Sie ist gestellt worden, seit Menschen angefangen haben, über ihr Tun und über ihre Ziele nachzudenken. Sie muss aber immer wieder neu gestellt werden, sie muss immer ganz konkret gestellt werden, sie muss immer bezogen sein auf die tatsächlichen Möglichkeiten, die wir haben, die wir haben werden oder die wir haben können.

Die Frage kann nicht einer allein beantworten. Und sie kann auch nicht von dem einen stellvertretend für andere gegeben werden. Sie muss im Gespräch gefunden werden und die Antwort muss Bestand haben vor den ethischen Grundsätzen, die in den Kulturen der Welt über die Jahrtausende hin entwickelt worden sind. Gewiss: diese Kulturen sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Gestalt und Geschichte.

Die Grundfragen nach dem rechten Handeln sind aber in allen Kulturen gestellt worden, weil sie sich einfach überall stellen, wo Menschen zusammenleben: Was ist richtig? Was ist falsch? Was soll ich tun, was sollen wir tun, damit Gutes entsteht und Böses verhindert wird? Ich bin überzeugt davon, dass sich auch in den Antworten, die unsere Kulturen darauf gegeben haben und geben, Gemeinsamkeiten finden lassen. In der einen Welt, zu der wir mehr und mehr zusammenwachsen, ist der Dialog darüber unverzichtbar.

Die Suche nach richtigen Antworten auf die Fragen nach dem, was wir tun sollen, fordert auch den Dialog zwischen den verschiedenen Wissenschaften. Gerade an Ihrer Universität pflegt man deshalb ja die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Im Deutschen spricht man vom Elfenbeinturm, wenn man ein Denken beschreiben will, das nur um sich selber kreist. Die Wissenschaft kann aber nicht im Elfenbeinturm leben. Ihre Forschungsergebnisse, ja schon ihre Forschungsvorhaben haben eine soziale und eine politische Dimension. Das wissenschaftliche Arbeiten soll gewiss frei sein. Freiheit ist die Voraussetzung aller wissenschaftlichen Arbeit. Freiheit bedingt aber immer auch Verantwortung. Darum ist es notwendig, die politischen, die ethischen und die sozialen Folgen immer mitzudenken.

Wissenschaft und Technik brauchen den internationalen Gedankenaustausch. Das kann nur gelingen in einer friedlichen Welt. Das ist ein Grund mehr, warum es sich lohnt, für eine friedlichere Welt und für eine gerechtere Welt zu streiten.

Wissenschaft verbindet die verschiedenen Kulturen auf der Erde. Wissenschaftler in Europa und in China, in Amerika und in Indien arbeiten oft an den gleichen Aufgaben und Problemen. Sie verfolgen oft gleiche Ziele. Sie lesen die gleichen Forschungsberichte und besuchen die gleichen Kongresse.

Es ist gewiss richtig, wenn man sagt: Es gibt keine deutsche Physik, keine chinesische Chemie und keine amerikanische Biologie. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung über die Sachfragen kennt längst keine Nationen oder Kulturen mehr.

Manche politischen, sozialen und ethischen Fragen werden in den verschiedenen Kulturen aber manchmal durchaus unterschiedlich gesehen. Hier sollten wir möglichst genau, möglichst sensibel aufeinander hören und miteinander sprechen. Wir sollten versuchen, ohne Arroganz und ohne Besserwisserei auszukommen. Wir sollten aber auch vermeiden, bloß nebeneinander herzuleben und nebeneinander her zu forschen.

Die Wissenschaft bestimmt in vielem unser Schicksal - morgen noch mehr, als sie es heute schon tut. Wir sind aber freie Menschen und wir können bestimmen, welche Wissenschaft wir wollen, welche wir für richtig halten. Wir können und müssen uns gemeinsam immer wieder neu darüber verständigen, welche Richtung wir dem Fortschritt geben wollen. Wir müssen abwägen, welche Möglichkeiten unser Leben wirklich freier machen und welche uns bloß neuen Zwängen unterwerfen.

Wir haben große Möglichkeiten. Wir sollten sie nutzen für eine gute Zukunft der Menschen, in China, in Deutschland und überall auf der Welt.