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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anläßlich eines Mittagessens gegeben von der Deutschen Handelskammer Shanghai

Herzlichen Dank, daß Sie alle zu dem Mittagessen gekommen sind, das die deutsche Handelskammer Shanghai ausgerichtet hat. Ich bin seit vier Tagen mit meiner Frau hier in China und bleibe noch für weitere vier Tage im Land, und da wäre es natürlich anmaßend, wenn man jetzt sagte, daß man China kenne. Ein wenig Neues hat man aber doch gelernt. Zuletzt war ich hier in Shanghai vor zwanzig Jahren. Die Stadt war nicht wiederzuerkennen, als wir gestern ankamen. Sie ist völlig verändert. Sie hat Dimensionen, von denen ich vorher gehört hatte. Immer wenn ich in Berlin stolz sagte, daß sich die Stadt Monat für Monat ändere, wurde mir geantwortet: Kommen Sie nach Shanghai, dann werden Sie sehen, wie schnell dort Veränderungen vor sich gehen.

Auch das politische Klima hat sich nach meinem Eindruck völlig verändert. Bei meinen ersten Besuchen 1983 und 1988 ging Sicherheit vor Risiko. Heute ist die Bereitschaft zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen jenseits des politischen Rahmens groß, und die Fähigkeit des Zuhörens ist ausgeprägt. Das habe ich in den Gesprächen mit der chinesischen Führung am stärksten empfunden, daß die Bereitschaft, auf Argumente einzugehen, das Gespräch unter alten Freunden zu suchen, stark gewachsen ist. Das galt für das Gespräch beim Staatspräsidenten, den ich vor zwei Jahren zum ersten Mal getroffen habe, das galt für die übrigen Gesprächen mit dem Ministerpräsidenten, mit dem Präsidenten des Nationalkongresses und mit allen in politischen Ämtern, mit denen wir zusammengetroffen sind.

Wenn ich in Deutschland Botschafter akkreditiere, dann sprechen sie in ihrer Sprache, und oft muß das Gespräch gedolmetscht. Aber es gibt auch ein paar Worte, die braucht man nicht zu dolmetschen: "Siemens" und "VW" zum Beispiel, die kommen in allen Sprachen vor, denn die großen deutschen Unternehmen sind weltweit aktiv, und darüber bin ich froh. Nicht froh bin ich darüber, daß zuwenig bekannt ist, daß nicht nur die großen zehn, nicht nur die großen hundert, sondern daß fast 2.000 Unternehmen in fernen Ländern arbeiten, 1.600 allein hier in China, und daß die meisten von ihnen kleine und mittlere Unternehmen sind. Es ist zuwenig bekannt, daß die deutsche Wirtschaft ihre Prosperität, ihr Ausbildungsniveau, ihre Patentlizenzen, vor allem kleinen und mittleren Unternehmen verdankt, auch wenn es die großen Projekte sind, die für die meisten Schlagzeilen sorgen. Dazu gehört ganz gewiß das BASF-Projekt in Nanjing, das ich besucht habe.

Ein Schwerpunkt der Chemischen Industrie ist im Jangtse Delta, dem sogenannten "Drachenkopf" Vor einiger Zeit habe ich sogar gehört, daß die chinesische Presse schon von einem deutschen Gewerbegebiet dort, nördlich von Shanghai, spricht.

Nach meinem Eindruck sind deutsche Unternehmen in China auch deshalb so gern gesehen, weil sie auch in schwierigen Zeiten hier geblieben sind und weil sie ungebrochenes Vertrauen gezeigt haben. Zu diesem Vertrauen trägt gewiß auch bei, daß deutsche Firmen in China nicht nur investieren, sondern auch ausbilden. Soeben habe ich das beispielhafte Berufsschulprojekt von Bayer erläutert bekommen. Das ist eine großartige und gute Sache.

Gute wirtschaftliche Zusammenarbeit kann also dazu beitragen, die Dialogfähigkeit zu erhöhen. Das halte ich für ganz wichtig. Dadurch, daß China nun seit Dezember 2002 zur WTO gehört, ist ein erheblicher Schritt in die Zukunft getan worden und ich hoffe, daß das auch den Direktinvestitionen in China einen Schub gibt. Die ausländischen Direktinvestitionen in China sind im vergangenen Jahr um 12,5 Prozent gestiegen. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres haben sie noch einmal um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugenommen. Der Beitritt zur WTO zeigt, daß China immer mehr ein hochinteressanter Markt wird. Wer hier den Anschluß verpaßt, der vergibt große Chancen.

Statistiken aller Art muß man immer vorsichtig zur Kenntnis nehmen. Sie alle werden das Churchill-Wort dazu kennen. Dennoch China ist heute die siebtgrößte Handelsnation der Welt, und ich bin fest davon überzeugt, daß China noch weiter aufsteigt, und dazu ist es wichtig, daß nach wie vor bestehende Handelshemmnisse nach und nach abgebaut werden und daß der Finanzsektor gestärkt wird. Genauso wichtig ist es, den wirtschaftlichen Fortschritt sozial verträglich zu gestalten.

Ich kenne die Diskussionen, die seit einiger Zeit um den Wechselkurs der chinesischen Währung geführt werden, und die Probleme, die damit für andere große Industrieländer verbunden sind. Ich warne dennoch vor radikalen Schritten. Die haben in anderen asiatischen Industrienationen schon zu schweren Verwerfungen geführt. Hier ist Behutsamkeit gefragt. Ich will nicht verschweigen, daß auch viele europäische und amerikanische Unternehmen, die hier produzieren, von der derzeitigen Wechselkursrelation profitieren.

Auf dem wirtschaftlichen Weg, den China eingeschlagen hat, braucht das Land hochwertige Technologie und hochwertige Produkte. Wenn ich mir auf der einen Seite den riesigen Markt und auf der anderen Seite die Warenpalette deutscher Unternehmen vorstelle, dann sehe ich da noch ein großes Potential. Das know-how deutscher Unternehmen ist gefragt beim Aufbau und beim Ausbau der Infrastruktur, der Energiewirtschaft, in der chemischen Industrie, im Umweltschutz, im Maschinenbau, in der Logistikwirtschaft, in der Wasserwirtschaft, in der Telekommunikation und in vielen anderen Bereichen. Dabei ist der Transrapid, mit dem ich morgen fahre, ein ganz wichtiges Projekt. Aber ich glaube, es gibt in China auch zusätzlichen Bedarf für die hervorragende deutsche Rad-Schiene-Technik.

Einige Firmen habe ich besuchen können. Mit vielen deutschen Managern habe ich gesprochen. Da gibt es unterschiedliche Erfahrungen, die zusammenhängen mit der Größe der Unternehmen, mit den Erwartungen, die jeder Einzelne mitgebracht hat. Mir scheint, China ist ein selbstbewußtes Land, auf dessen Kultur und Tradition man sich einstellen muß, und wer das nicht tut, der wird scheitern. Aber wer sich darauf einläßt, der kann viel Unterstützung erfahren und auch Erfolg haben.

Ich hoffe, daß die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China sich weiterhin so gut entwickelt, wie wir das in den vergangenen Jahren erlebt haben. Ich bin sicher, daß die Deutsche Handelskammer in Shanghai ihren Teil dazu beiträgt, mit ihrem Wissen, mit ihren Kontakten, mit ihren Erfahrungen. Sie sind mit Deutschland und China vertraut. Sie können Brücken schlagen zum Nutzen der Menschen in beiden Ländern. Für die Arbeit, die Sie in der Vergangenheit geleistet haben, möchte ich Ihnen herzlich danken und Sie gleichzeitig ermuntern, in ihrem Bemühen um das deutsch-chinesische Verhältnis nicht nachzulassen.

Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mir mit soviel Stehvermögen zugehört haben.