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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anläßlich eines Mittagessens, gegeben vom Regierungschef der Sonderverwaltungsregion Hongkong, Herrn Tung Chee Hwa

Sehr geehrter Herr Tung,

Exzellenzen,

meine Damen und Herren,

Deutschland hat eine eigenwillige Geschichte. Die Länder und die Städte sind - als selbständige Gebilde - vor dem Nationalstaat entstanden. Deshalb ist es für uns eine sehr spannende Geschichte, wenn eine Kronkolonie Teil eines Nationalstaates wird und ihre Eigenständig behält. Wenn das dann eine Region ist, die aufgrund ihrer geographischen Lage und aufgrund der Kühnheit ihrer Architektur weltweit so bekannt ist wie Hongkong, dann kommt man mit großer Neugier zu Ihnen. Deshalb fragen wir uns nicht erst seit sechs Jahren: "Kann das gehen - ein Land, zwei Systeme?" Manchmal geht nicht einmal ein Land und ein System. Und deshalb haben wir das, was wir heute gehört haben und das, worauf wir noch mit Spannung warten, mit großem Interesse aufgenommen. Meine Frau und ich sind sehr dankbar, Herr Tung, für den freundlichen Empfang, den Sie uns während Ihres Urlaubs bereiten. Wenn wir bedenken, was in den letzten sechs Jahren war und was in den nächsten vier, fünf Jahren geschieht, dann dürfen wir auch nicht vergessen, was in den letzten Monaten geschehen ist. Was da die Angehörigen Ihres Gesundheitsdienstes, die Ärzte und Pfleger, leisten mußten, um SARS zu besiegen, diese unerwartete Krankheit, die ganz Asien in Atem hielt: Das haben wir bewundert und zu unterstützen versucht. Wir Deutschen müssen uns das noch einmal bewußt machen, was das bedeutet, daß eine Stadt, eine Handelsstadt, die mit dem freien Verkehr von Gütern, Menschen und Ideen Verbindungen in alle Welt hat, was das für eine solche Stadt wirtschaftlich bedeutet, wenn eine Epidemie auszubrechen droht. Mir macht das immer wieder deutlich, daß wir bei globalen Herausforderungen, wie SARS es eine war, auch globale Antworten brauchen, konzertierte Antworten der ganzen Weltgemeinschaft. Mein Eindruck aus den Gesprächen, die wir geführt haben, ist, daß die Menschen hier Mut zur Zukunft haben und gleichzeitig die Realität sehen. Daß sie ein festes demokratisches Fundament suchen und sich nicht immer selber auf die Fußspitzen schauen, sondern den Blick nach vorne richten. Ich glaube, wenn man in Hongkong geboren ist oder lebt, muß man einfach Weltbürger sein. Man kann kein Nationalist werden, aber ein Patriot bleiben.

Ich wünsche der Stadt Hongkong und ihren Bürgerinnen und Bürgern von Herzen alles Gute und ich wünsche, daß Freiheit und Wohlstand Hand in Hand gehen können.