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Tischrede von Bundesratspräsident Prof. Dr. Wolfgang Böhmer anlässlich eines Abendessens zu Ehren des Präsidenten der Vereinigten Republik Tansania Herrn Benjamin Mkapa

Ich heiße Sie herzlich Willkommen bei uns in Berlin.

Wie Sie ja schon sehen und teilweise erfahren haben, ist der Herr Bundespräsident erkrankt, so dass mir heute die angenehme Aufgabe zufällt, ihn hier zu vertreten und Sie in seinem Namen zu begrüßen.

Herr Präsident, Sie kommen zu Ihrem ersten Staatsbesuch nach Deutschland und doch begrüße ich mit Ihnen einen guten alten Bekannten und Freund Deutschlands. Als Außen-minister Tansanias haben Sie schon früher an Staatsbesuchen in Deutschland teilgenommen.

Dieser Staatsbesuch ist der dritte eines tansanischen Präsidenten in Deutschland und diesmal gilt die Einladung Ihnen als dem gewählten Präsidenten der Vereinigten Republik Tansania. Deshalb herzlich Willkommen. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Tansania sind ausgezeichnet. Wir teilen eine gemeinsame Geschichte, die weit über die 42 Jahre der Unabhängigkeit Tansanias hinausweist und uns eng verbindet. Ihr Land, Herr Präsident, hat die gemeinsame Vergangenheit als positiven Faktor und als Ausgangspunkt und Verpflichtung für die freundschaftliche Zusammenarbeit verstanden. In Ihrem Land gibt es heute noch Zeugnisse dieser gemeinsamen Geschichte und Vergangenheit, z. B. eine heute noch benutzte Bahnlinie und einige historisch interessante Gebäude. - Ich sollte vielleicht vorsichtshalber auch noch sagen, dass die Rede von Herrn Bundespräsidenten Rau ausgelegt ist. Er hat mir gestattet, seine Rede zu benutzen und gleichzeitig auch erlaubt, sie individuell ein wenig anzureichern.

Herr Bundespräsident Rau war im letzten Jahr zum ersten Mal als Bundespräsident in Afrika. Dieser Besuch, die Herzlichkeit der Gastgeber und die Begeisterungsfähigkeit der Menschen haben ihn tief beeindruckt. Herr Präsident, Tansania, ist das afrikanische Land, das viele Deutsche mit dem Kilimandscharo, der Serengeti und Sansibar in Verbindung bringen. Es hat für unsere Ohren einen besonderen, einen guten Klang. Auch heute ist jedem deutschen Gymnasiasten der Roman "Sansibar oder "der letzte Grund" von Alfred Andersch geläufig.

Andersch erzählt in diesem Roman, wie im Herbst 1937, also einer der dunkelsten Phasen der deutschen Geschichte, eine kleine Gruppe von Menschen in dem Ostseestädtchen Rerik zusammentrifft. Menschen, die aus politischen oder privaten Gründen aus Nazideutschland fliehen müssen. In den Augen des Schiffsjungen, des heimlichen Helden der Erzählung, figuriert ein erträumtes Sansibar als Gegenwelt der kleinbürgerlichen Enge Reriks und zur Verfolgung und Unfreiheit in Deutschland.

Sansibar im indischen Ozean bedeutete für sie in diesem Roman, Freiheit, Ferne und Aben-teuer. Es verkörperte für sie die Utopie einer besseren Welt. Aber wir wissen auch, dass das allein nicht die ganze Geschichte Sansibars ist. Wer einmal dort war, wird sich erinnern an bedrückende Zeugnisse aus der Vergangenheit, Zeugnisse der Sklaverei noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Zeugnisse einer Vergangenheit die glücklicherweise inzwischen überall, auch in Sansibar, überwunden ist.

Alle die freundlichen Eindrücke von den begeisterungsfähigen Menschen in Tansania, von denen Bundespräsident Rau berichtet hat, kann ich gerne aus eigenem Erleben bestätigen. Ich war 1996 für einige Monate mit meinem Sohn in Tansania in Lugala, in einem kleinen Hospital südlich von Efakala in der Provinz Morogoro und habe dort einige Zeit gearbeitet. Dies gehört mit zu den tiefsten Eindrücken meines Lebens.

Ich erinnere mich auch an ein Krankenhaus in Ibea an der südlichen Grenze Tansanias am Malawisee, einer der schönsten Gegenden der Welt. Wir sind dort auf einer kleinen Straße durch den Regenwald gefahren. Die Bäume waren so dicht, dass nur selten die Sonne durchkam - und links und rechts von uns Bananenstauden, Apfelsinenbäume, Kakaostauden. Das war eine Welt, wie wir sie in Deutschland als Paradies bezeichnen würden.

Von Ihrer verehrten Frau, Herr Präsident, weiß ich, dass sie zur lutherischen Kirche in Tansania gehört, die dort sehr aktiv ist, auch diese beiden genannten Krankenhäuser betreibt und unterstützt wird von der lutherischen Kirche Dänemarks und Deutschlands. Es gibt bei uns Krankenhäuser, die zu diesen Patenschaftsbeziehungen haben, weshalb schon mehrere Mitarbeiter aus Deutschland in diesen Krankenhäusern gearbeitet haben. Der Bischof der lutherischen Kirche Tansanias ist ganz aktiv im lutherischen Weltbund, hat uns in Wittenberg besucht und ist sehr daran interessiert, diese Zusammenarbeit weiter auszubauen.

Aber wir wissen natürlich auch, dass wir noch eine ganze Reihe nicht immer einfacher sozialer Probleme zu lösen haben, für die Sie die politischen Rahmenbedingungen gestalten. Und dafür ist wichtig, dass Tansania heute eine Insel der politischen Stabilität geworden ist in einer von Umstürzen ethnischen Konflikten, Bruder- und Bürgerkriegen geprägten Region. Tansanias Entwicklung gibt vielen anderen Staaten Afrika Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In einer Region, in der es viele Kriege gab und noch gibt, kommt Tansania mehr und mehr eine Vermittlerrolle zu. Deutschland begrüßt, dass sich Tansania bei der Konfliktvermittlung und Befriedung in der Region der großen Seen im Sudan und in Somalia, vor allem aber auch im Nachbarland Burundi engagiert.

Wir möchten Sie, Herr Präsident, und Ihr Land bei diesem Engagement ausdrücklich unter-stützen und begleiten daher im Rahmen der Europäischen Union die afrikanischen Anstrengungen, auch jenseits der tansanischen Grenze mehr Frieden und Stabilität zu schaffen. Tansania hat vor wenigen Wochen für ein Jahr den Vorsitz in der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika übernommen und ich möchte Ihnen zu dieser Bestätigung der herausragenden regionalen Rolle Tansanias gratulieren. Ich hoffe darauf, dass es unter Ihrem Vorsitz gelingen wird, auch den Menschen Simbabwes wieder die Aussicht auf eine Zukunft in Frieden politischer Freiheit und wirtschaftlicher Prosperität zu öffnen.

Der Kontinent Afrika steht immer noch vor gewaltigen Herausforderungen. Ich denke hier an den Kampf gegen Aids und gegen Armut und Hunger, an ethnische Konflikte und Bürger-kriege. Alle diese Probleme machen nicht an den Grenzen der Staaten halt. Nur gemeinsam im regionalen und globalen Miteinander haben wir die Chance, diese große Herausforderungen unserer Gegenwart zu meistern. Und deshalb begrüßt Deutschland ausdrücklich die Bemühungen Tansanias um eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit den anderen Staaten der Region "East African Community".

Herr Präsident, hinter Ihnen und Ihrem Land liegen schwierige wirtschaftliche und soziale Reformen, die Tansania insgesamt in einem Klima des sozialen Friedens verwirklicht hat. Das ist ganz entscheidend Ihr Verdienst. Ich möchte Sie dazu ermutigen, den nicht immer leichten Weg marktwirtschaftlicher Formen konsequent fortzusetzen. Tansania beginnt die Früchte dieser harten Arbeit zu ernten. Deutschland wird Tansania bei der Reform des Landes weiter unterstützen. Wir haben unsere bilaterale Entwicklungszusammenarbeit in diesem Frühjahr für drei Jahre neu geregelt und beträchtlich ausgebaut. Auch darin drückt sich unsere Anerkennung für Ihr Reformprogramm und seine bisherige Umsetzung aus.

Herr Präsident, Sie sind seit 1995 im Amt. Sie sind im Jahr 2000 mit einem glanzvollen Ergebnis wiedergewählt worden. Und Sie werden 2005 Ihr Amt einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin übergeben. Sie haben sich frühzeitig und eindeutig darauf festgelegt, dass eine Änderung der Verfassung, die Ihnen eine dritte Amtszeit ermöglichen würde, für Sie nicht in Frage kommt. Damit setzen Sie erneut ein Zeichen. Sie schreiben damit die guten Traditionen Ihres Landes fort. Für Ihre weitere Arbeit wünsche ich Ihnen und Ihrem Volk von ganzem Herzen viel Erfolg.