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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Preisverleihung zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

I.

Herzlich willkommen im Schloss Bellevue.

Ich möchte Ihnen sagen: Ich war überwältigt von der Fülle der Teilnehmer am Geschichtswettbewerb und von der Qualität der Arbeiten. Ansich ist der Begriff "Die Geschichte" ein Missverständnis, weil Geschichte ja nicht ein Singular ist, sondern aus ungezählten Einzelgeschichten besteht. Sie setzt sich wie ein Mosaik zusammen und es entsteht als Summe von Erzählungen aus der Vergangenheit "die Geschichte".

Aber wer erzählt uns von der Vergangenheit? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig; mindestens so wichtig wie das, was erzählt wird. Jede Generation wirft ihr eigenes Licht auf die Geschichte, und das Bild, das eine Generation sich macht, wird bestimmt von vielen individuellen Blicken. In diese Blicke - oder Blickwinkel - gehen die besonderen Interessen und Erfahrungen ein, die jemand hat, oder die jemand gerade nicht hat.

Geschichte ist nichts Statisches. Sie ist nicht ein für allemal festgelegt. Sie wird immer wieder neu erzählt und geschrieben. Je nachdem, wie die vorhandenen Fakten und Dokumente bewertet, angeordnet, verknüpft und kommentiert werden, kann Geschichte viele Gesichter bekommen.

Deshalb müssen wir akzeptieren, dass uns die Vergangenheit nie ganz "gehört": Was ich noch als Kind erlebt habe, was also meine ureigensten Erfahrungen und Erinnerungen sind, das wird für eine Gruppe junger Menschen heute, wenn ich es erzähle, ein neues Gesicht gewinnen, denn sie teilen meine Erfahrungen nicht, sie haben andere, und die vergleichen sie mit dem, was sie aus der Vergangenheit hören.

Daraus entsteht etwas Neues. Das ist nicht falsch oder verfälscht; dieses Neue trägt vielmehr etwas von den jugendlichen Betrachtern in sich, was mir auf Anhieb vielleicht fremd wäre.

Umgekehrt denken die Jugendlichen - vielleicht auch meine Kinder: "Achsowar das damals, als unser Vater noch zur Schule ging! Heute ist es aber ganz anders!" Oder sie denken: "Da hat sich nicht viel verändert."

Ein solcher Austausch zwischen Menschen, die früher etwas erlebt haben, und Menschen, die das heute aus ihrer Erfahrung heraus verstehen wollen, schafft ein besonderes Geschichtsbewusstsein.

Das ist nicht leicht: Es ist schon eine besondere Anstrengung, sich in das hineinzudenken, was Menschen in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten gedacht und gefühlt haben, mit welchen gesellschaftlichen, mit welchen politischen Bedingungen sie zurecht kommen mussten. Je größer der Zeitabstand wird, desto schwieriger ist diese Aufgabe, aber wenn das gelingt, dann kann man viel daraus lernen.

II.

Man kann Geschichte auch als eine Reise in die Vergangenheit beschreiben. Das ist ein schöner Vergleich, denn auf einer Reise erfährt man viel Neues, und man muss sich gewöhnlich auch mit dem Fremden auseinandersetzen.

Wenn ich vorher gesagt habe, dass uns die Vergangenheit niemals ganz "gehört", so meine ich damit auch, dass wir noch viel aus der Vergangenheit erfahren können.

Je nachdem, welche Fragen wir stellen, werden wir in den Archiven, aber auch im Gespräch mit Zeitzeugen etwas Neues und Anderes herausfinden als die Geschichtsschreiber und die Geschichtsforscher vergangener Zeiten.

Die Alltagsgeschichte ist ein Feld, nach dem lange nicht gefragt wurde; und so wusste man auch wenig über die Lebensbedingungen der Menschen und ihrer Mehrheit. Geschichte, so stellte man sich das vor, wurde in den Zentralen der Macht bestimmt.

Heute käme niemand mehr auf die Idee, die Geschichte der Bundesrepublik entstehe aus den Lebensläufen unserer Bundeskanzler.

Damit bin ich bei der Preisfrage des diesjährigen Geschichtswettbewerbs: Zu dem Thema "Weggehen - Ankommen. Migration in der Geschichte" sind viele eindrucksvolle Lebensgeschichten erforscht und aufgeschrieben worden: von Menschen, die nie im Licht der Öffentlichkeit gestanden haben, zu denen die jungen Geschichtsforscher aber einen ganz persönlichen Bezug haben; Lebensgeschichten, die beispielhaft stehen für die Erfahrungen von Millionen Menschen.

Da denke ich an die Wettbewerbsbeiträge zum Thema "Flucht und Vertreibung", aber auch an Arbeiten, die sich mit der Arbeitsmigration befassen.

III.

Das Thema des diesjährigen Wettbewerbs hat besondere Ansprüche gestellt:

Die Vergangenheit als Zeit war nicht das einzige Reiseziel; auch das Durchwandern des Raumes - die Migration - war zu erforschen.

Da mussten die Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmer erst einmal eine ganze Reihe von Voraussetzungen klären. Dazu gehörte es, sich nicht nur mit der Fremdheit des Vergangenen auseinander zusetzen; sie mussten auch einen Zugang zu fremden Ländern finden.

Ich bin beeindruckt davon, wie gut die Preisträgerinnen und Preisträger diese schwierigen Aufgaben bewältigt haben. Ein paar Arbeiten habe ich mir angeschaut. Ich glaube eine Art roten Faden gefunden zu haben: Häufig waren es persönliche Beziehungen, die den Anstoß zu einem Projekt gegeben haben.

Ein Beispiel dafür ist die Arbeit "Glück im Unglück" von Berit Glück aus Münster. Sie ist heute hier und ich möchte sie herzlich und besonders grüßen. Berit hat die Flucht ihrer Großmutter aus Gleiwitz in Oberschlesien erforscht und dabei erfahren, dass es der Großmutter gar nicht leicht fiel, über die Vergangenheit zu erzählen: Vieles, was schmerzlich gewesen war, tauchte aus der Erinnerung wieder auf.

Erna Glück hat sich aber schließlich ihrer Enkelin zuliebe dazu aufgerafft, noch einmal alles aus dem Gedächtnis aufzuschreiben, was für Berits Arbeit wichtig war: die genauen Umstände der Flucht; die Gefühle, als klar wurde, dass es keine Rückkehr nach Gleiwitz mehr geben würde; die innere und die äußere Not; die Ablehnung durch Andere, denen es besser ging, aber auch die Hilfsbereitschaft; das Eingewöhnen in der neuen Heimat.

Mir scheint, das ist eine Arbeit, die beiden viel gegeben hat. Und gewiss verstehen sich Großmutter und Enkelin jetzt noch besser als vorher.

Berit hat vieles aus der verschütteten Geschichte ihrer Familie wieder freigelegt. Vieles, was die Eltern und Großeltern vielleicht verschwiegen haben, um dem Schmerz der Erinnerung auszuweichen, ist jetzt in der nächsten Generation aufgehoben. Weil Berit nicht selbst betroffen ist, konnte sie ganz unbefangen an ihre Aufgabe herangehen. Ich bin mir sicher, dass sie dabei viel gelernt hat.

Eine große Leistung hat aber auch Erna Glück, die Großmutter, vollbracht: Sie hat sich noch einmal der Vergangenheit ausgesetzt, hat in Gedanken Vieles noch einmal durchlebt, woran sie sich all die Jahre nicht gern erinnert hat, und hat alles für ihre Enkelin aufgeschrieben.

IV.

Wir brauchen nicht nur die Geschichtsbücher, in denen die großen Züge der Weltpolitik in Fakten und Zahlen dargestellt werden.

Wir brauchen Geschichten, wie Erna Glück sie Berit erzählt und wie Berit sie aufgeschrieben hat. In solchen Geschichten bekommt "die Geschichte" ein menschliches Gesicht.

Und noch etwas ist mir wichtig: Einsicht in geschichtliche Zusammenhänge kann man nicht gewinnen, wenn man Jahreszahlen auswendig lernt - obwohl es schon wichtig ist, die eine oder andere Zahl im Kopf zu haben.

Wer so wie Berit und viele andere am Wettbewerbsthema gearbeitet hat, der bekommt einen ganz anderen Einblick: Gewiss haben alle erfahren, wie schwierig es ist, die Ergebnisse ihrer Recherchen so aufzuschreiben und so aufzubereiten, dass sie für die Leser interessant sind. Das heißt nichts Anderes, als dass sie uns heute etwas zu sagen haben. Da muss man manches besonders hervorheben, anderes weglassen, damit man den Leser nicht verwirrt oder langweilt. Da muss man sich genau überlegen, welche Beispiele man auswählt, damit die Geschichte lebendig wird.

Dabei hat sicher jeder die Erfahrung gemacht, dass er ohne Wertung nicht auskommt: Wenn man sich leidenschaftlich für etwas interessiert - und davon zeugen alle erfolgreichen Beiträge des Wettbewerbs -, dann ergreift man Partei, ohne es zu wollen.

Damit ist den Teilnehmern eine wichtige Einsicht über Geschichtsschreibung gewissermaßen in den Schoß gefallen: Ob man will oder nicht, man bezieht Stellung. Es gibt keine völlig neutrale Geschichtsbeschreibung.

Jede und jeder, der Geschichte schreibt, hinterlässt seine eigenen, ganz persönlichen Spuren in der Darstellung; und die sind auch ein Teil der Geschichte.

Ich möchte die Preisträgerinnen und Preisträger beglückwünschen: Ihr habt großartige Arbeit geleistet.

Ich möchte aber auch allen danken, die mitgemacht haben: Sie haben etwas Wichtiges beigetragen: etwas, ohne das unsere Gesellschaft auf einem Auge blind wäre. Wir müssen immer wieder auch zurückblicken, damit wir zuversichtlich nach vorne schauen können.

Ich gratuliere herzlich und danke auch den Juroren und der Stiftung, die diesen Preis möglich macht.