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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Festaktes zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Philologenverbandes

I.

Verehrter Herr Heesen,

liebe Frau Kollegin Laurien, in guter Erinnerung an die gemeinsamen Jahre in der Bildungspolitik!

Ein Zitat am Anfang macht sich immer gut. Da ich heute unter so vielen gebildeten Leuten bin, ist die Auswahl nicht leicht. Also beginne ich - wie so oft - mit dem halbernsten Spruch von Karl Valentin: "Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von allen".

Über Bildung und Schule möchte ich heute zu Ihnen sprechen. Wenn ich die Bildungsdebatten der vergangenen Jahre Revue passieren lasse, dann kann das Zitat von Karl Valentin überzeitliche Geltung beanspruchen: Es scheint wirklich schon alles gesagt zu sein. Wenn ich also heute auch vieles Bekannte wiederhole, dann tue ich das, weil Sie mich eingeladen haben und weil viel Richtiges noch darauf wartet, verwirklicht zu werden; und darauf kommt es ja an.

Lassen Sie mich aber zunächst etwas zu dem Anlass sagen, zu dem wir heute hier zusammen­gekommen sind:

Ich finde, hundert Jahre Deutscher Philologenverband - das ist ein sehr, sehr schönes Jubiläum. Wenn wir an das denken, was an gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, ja an Brüchen diese hundert Jahre umspannt, dann kann ein solches Jubiläum wahrlich auch nachdenklich machen. Über all das werden Sie sich untereinander austauschen, denn Ihr Verband macht Ihnen heute ein spannendes Geschenk: Ich habe in der Studie von Bernhard Fluck über den Deutschen Philologenverband und das Gymnasium im 19. und 20. Jahrhundert schon vorher lesen dürfen, und ich bin beeindruckt von dem Panorama deutscher Bildungspolitik, das da vor meinen Augen erstanden ist.

II.

Beeindruckt war und bin ich aber vor allem von der Leistung, die Lehrerinnen und Lehrer erbracht haben und auch heute noch jeden Tag erbringen. Einige von Ihnen werden wissen, dass ich acht Jahre lang als zuständiger Minister in Nordrhein-Westfalen aktiv gewesen bin, bevor ich das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, dass ich mit Schule und Lehrerbildung viel zu tun gehabt habe.

Wenn ich das, was Sie tun, richtig zu würdigen versuche, dann fällt mir nach wie vor auf, dass die Bezeichnung "Philologe" ein wenig in die Irre führen kann, weil sie ja nur die halbe Wahrheit ist: Natürlich haben Sie alle ein anspruchsvolles Fachstudium durchlaufen - und dabei legen Sie den Begriff der Philologie so weitherzig aus, dass auch die Naturwissenschaftler in Ihrem Verband unterkommen. Sie sind aber Tag für Tag nicht nur als Philologen, sondern auch als Pädagogen gefordert. Beide Bereiche - das Fachwissen und die Pädagogik, der Umgang mit jungen Menschen - sind in Ihrem Berufsalltag untrennbar miteinander verbunden.

Über diese Frage hat schon Jacob Grimm nachgedacht, einer der Urväter der deutschen Philologie. Er hat einmal freimütig geschrieben: "Kritische Ausgaben zu bereiten macht mir, ich gestehe es, kein Vergnügen, mein Spruch lautet: Besser gelernt als gelehrt."

Das Gegeneinandersetzen von Philologie und Pädagogik gehört nach meiner Erfahrung zu den Hypotheken des deutschen Bildungswesens, und Hypotheken soll man ja tilgen. Ich weiß, dass das meist Jahrzehnte dauert. Für all das, was Sie dazu beitragen, möchte ich Ihnen ausdrücklich danken.

Der Lehrerberuf muss sich heute gegen Attacken aus vielen Richtungen verteidigen - das musste er übrigens auf unterschiedlichste Weise immer schon: wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Privilegien der Beamten, wegen der vermeintlich überlangen Ferien; oder weil die Öffentlichkeit gerne für alles, was in der Gesellschaft schiefgeht oder woran es mangelt, die Schule und die Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich macht.

Eine aktuelle Studie über den Lehrerberuf zeichnet ein völlig anderes Bild:

  • Jede zweite Lehrerin und jeder zweite Lehrer fühlt sich durch den Beruf im Übermaß belastet.
  • Fast jede dritte Lehrkraft resigniert unter dem Eindruck der Überforderung.

Diese subjektiven Aussagen spiegeln sich in der Altersstatistik: In keinem der sechzehn Länder der Bundesrepublik Deutschland unterrichten mehr als 30 Prozent der Lehrkräfte bis zum gesetzlichen Pensionsalter von 65 Jahren. Im Durchschnitt sind es weniger als zehn Prozent. Das durchschnittliche Pensionsalter liegt bei 59 Jahren. Der Hauptgrund für das vorzeitige Ausscheiden ist Krankheit, häufig das Burn out-Syndrom, eine existentielle Verunsicherung durch Überforderung.

Bei aller Skepsis in dem einen oder anderen konkreten Fall: Wer an dieser Situation etwas ändern will, der muss nicht nur die statistischen Daten ernst nehmen, sondern vor allem die menschlichen Probleme, die dahinter stehen.

Ich meine, hier könnte eine bessere, eine breiter angelegte Ausbildung Hilfe zur Selbsthilfe geben: Das Fachstudium muss durch überfachliche Qualifikationen ergänzt werden, und damit darf nicht Schluss sein, wenn der Berufsalltag begonnen hat.

Lehrerbildung und Lehrerfortbildung müssen auch dazu beitragen, dass Lehrer Freude an ihrem Beruf haben und behalten, weil sie ihre Arbeit als befriedigend und als sinnvoll empfinden. Dazu brauchen sie Unterstützung: Erziehungswissenschaftler und Psychologen müssen mit denen, die das Lehrerstudium inhaltlich gestalten, und mit den Lehrern selbst an einem Strang ziehen. Sie müssen Wissen und Erfahrungen austauschen und beides in die berufsbefähigende und die berufsbegleitende Ausbildung bringen.

Die Schule ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem immer anspruchsvolleren Arbeits­platz geworden:

  • Die Anforderungen an die Persönlichkeit des Lehrers sind höher denn je.
  • Immer mehr verfügbares Wissen fordert ständiges Mitdenken und Entscheiden darüber, was wie gelehrt werden soll.
  • Viele Kinder und Jugendliche können sich nur noch mit Mühe konzentrieren, weil die allgegenwärtigen Medien und eine kurzatmige Event-Kultur ihre Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen.
  • Dazu kommt in jüngster Zeit der Handlungsdruck, den die Ergebnisse der PISA-Studien erzeugt haben.

Die Diskussion dieser Ergebnisse wird ja aus unterschiedlichen Perspektiven geführt:

  • Da sind Politiker, die aus ihrer Verantwortung heraus das Schulsystem möglichst rasch reformieren und den Anschluss an die erfolgreichen Länder finden wollen.
  • Wirtschaft und Industrie machen sich Gedanken über den Standort Deutschland. Sie erhoffen sich schnelle Besserung durch betriebswirtschaftliche Standards und Methoden in den Schulen.
  • Bildungsforscher verweisen auf die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte, auf die aktuellen Ergebnisse der Lernforschung und auf das, was man daraus lernen könnte und sollte.
  • Natürlich machen auch die Pädagogen, die ihren eigenen Alltag selbstkritisch beobachten, kompetente Verbesserungsvorschläge.

Es ist viel Richtiges und Wichtiges in der Zeit nach PISA gesagt worden, aber es ist auch ein babylonisches Stimmengewirr entstanden, in dem man oft sein eigenes Wort kaum mehr versteht.

Wir brauchten statt des Turms von Babel einen Leuchtturm: Wir brauchten Orientierung in unübersichtlichen Zeiten, damit wir die Bildungslandschaft im richtigen Licht sehen.

Ich will versuchen, einige Punkte besonders hervorzuheben. Da wird Ihnen - ich habe es schon gesagt - vieles bekannt vorkommen. Aber ich halte mich nicht nur an Karl Valentin, sondern auch an Konrad Lorenz, der einmal gesagt hat: "Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden. Verstanden ist nicht einverstanden. Einverstanden ist noch lange nicht angewendet. Angewendet ist noch lange nicht beibehalten."

III.

Müssten wir uns nicht noch einmal ganz grundsätzlichen Fragen zuwenden? Die wichtigste lautet: Welche Aufgaben soll die Schule in der Gesellschaft wahrnehmen?

Ich sehe ganz widersprüchliche Anforderungen:

  • Die Schulen sollen auf das Leben in einer Gesellschaft vorbereiten, die durch Konkurrenz und Leistungswettbewerb bestimmt ist.
  • Sie sollen aber auch zur Demokratie erziehen: zu Solidarität, zu einem geregelten Mit­einander, zur Teilhabe des Einzelnen am Gemeinwesen.
  • Dabei sollen sie sich auf die unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen einstellen.

Bitte fragen Sie sich einen Augenblick lang mit mir, ob in den Diskussionen über die Ergebnisse von PISA diese Anforderungen genügend und angemessen berücksichtigt worden sind und werden.

IV

Eines der bestürzendsten Ergebnisse der PISA-Studie ist für mich das Ausmaß, in dem die soziale Herkunft bei uns den Bildungserfolg bestimmt, deutlich stärker als in vielen anderen Ländern. Schon einige Jahre vor PISA hat eine Hamburger Studie gezeigt, dass man den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen in deutschen Schulen geradewegs anhand der Zahl der Bücher vorhersagen kann, die im Elternhaus stehen: Wo es viele Bücher gibt, da werden aus den Kindern erfolgreiche Abiturienten; wo das Lesen keine oder nur eine geringe Rolle spielt, da reicht es oft nicht einmal zum Hauptschulabschluss.

Damit dürfen wir uns nicht abfinden, und das übrigens nicht nur aus sozialen Gründen. Wir können es uns als führende Wirtschafts- und Technologienation nicht leisten, dass viele junge Menschen bei uns hinter dem zurückbleiben, was sie leisten könnten.

Wie können wir also dieser folgenreichen Ungleichheit entgegenwirken, die die Kinder schon von Zuhause mitbringen?

Gewiss nicht dadurch, dass wir durch eine verfrühte Auslese die Unterschiede noch verstärken. Eine Pädagogik, die sich die Auslese von Spreu und Weizen zum Leitbild macht, verfehlt ihr Ziel. Sie bringt viele Einzelne um ihre Lebenschancen und sie schadet unserer ganzen Gesellschaft.

Eine gute Schule, das zeigen uns die PISA-Resultate im internationalen Vergleich, lässt Verschiedenheit möglichst lange bestehen. Sie grenzt die Schwächeren nicht aus. Wenn in Finnland ein Kind die Ziele seiner Lerngruppe nicht erreicht hat, dann muss der Lehrer eine umfangreiche Begründung dafür liefern. Er, nicht das Kind, trägt die Verantwortung dafür.

Was geschieht derzeit noch bei uns mit einem solchen Kind? Es wiederholt die Klasse und wird meist nicht besonders gefördert. Es erfährt Demütigung und Entmutigung; es erfährt Langeweile.

Was wir brauchen, ist

  • eine Schule, in der Persönlichkeitsbildung vor Selektion geht;
  • eine Schule, die den jungen Menschen befriedigende Erfahrungen vermittelt;
  • eine Schule, die Hoffnung macht und Wissen vermittelt, sich in einer unüber­sichtlichen Welt zurecht zu finden;
  • eine Schule, die den Kindern und Jugendlichen Selbstbewusstsein gibt - ein Selbstbewusstsein, das entsteht, wenn sie etwas schaffen und sich an ihren Aufgaben bewähren.

Die Aufgaben können nicht für alle gleich sein - aber sie müssen dasselbe Ziel haben.

Ich meine, davon sollten wir uns leiten lassen, wenn wir über bundesweite Bildungsstandards reden: Sie dürfen nicht zu einem weiteren Auslese-Instrument werden.

Wir müssen auch darauf achten, dass die Orientierung an Standards nicht die Besonderheiten der einzelnen Schulen in ihrem jeweiligen Lebensraum beschädigt.

Eine Schule, die zur Demokratie erzieht, braucht die Öffnung zur Gesellschaft, zum kommunalen Raum, in dem sie zuhause ist, und sie braucht eigene Gestaltungsmöglichkeiten.

In unseren Schulen muss sich die Lebenswelt spiegeln. Nur so wird das soziale Lernen möglich, nur so spüren die Schülerinnen und Schüler, dass Schule etwas mit ihrem Leben zu tun hat, dass sie dort etwas Lebens-Wichtiges erfahren und lernen können und sollen.

Dafür braucht die Schule Zeit und ihren eigenen sozialen Raum. Deshalb finde ich es richtig, wenn jetzt viele Schulen zu Ganztagsschulen werden. In der Gemeinschaft zu leben und zu lernen, das muss eingeübt werden. Dazu braucht man mehr Zeit als den halben Tag. Ich füge aber hinzu: Wer nur die Vormittagsschule verdoppelt oder die Ganztagsschule als Halbtagsschule mit betreuter Freizeit missversteht, der kann nicht den gewünschten Erfolg haben. Und darum brauchen wir gute Lehrpläne. Solche Lehrpläne sollten auch berücksichtigen, was die Lernforscher schon lange wissen: Fachunterricht im 45-Minuten-Takt ist keine günstige Bedingung dafür, dass Schülerinnen und Schüler nachhaltig und engagiert lernen.

V.

Meine Damen und Herren, diese Gedanken sind zum Teil nicht populär, sie sind nicht neu, aber vor dem Hintergrund der PISA-Ergebnisse darf man sie ruhig wiederholen und auch fragen, warum wir nicht danach handeln. Wir sollten fragen:

  • Sind wirklich alle Möglichkeiten schon ausgeschöpft und alle Mängel überwunden, die wir vor Jahrzehnten mit der Gesamtschule verbunden haben?
  • Wäre sie nicht ein Ort, an dem Solidarität und das Aushalten von Unterschieden idealerweise gelernt werden könnten?

Hartmut von Hentig, der die Bielefelder Laborschule als Gesamtschule konzipiert und geleitet hat, wusste schon warum: Diese Schule ist selbst Gegenstand der Pädagogik, denn - ich zitiere - "die in ihr auftretenden Unterschiede sind ein wichtiges Lernpensum für alle".

Bitte missverstehen Sie das nicht als Präsidentenvotum in der Schulstrukturdebatte.

Mir geht es aber sehr wohl darum, dass wir die Ideen, die der Gesamtschule zugrunde liegen, nochmals hervorholen, vorurteilsfrei betrachten und prüfen: daraufhin, ob sie uns bei der Lösung unserer heutigen Probleme vielleicht doch helfen können.

Besonders drängend stellen sich die Probleme dar, wenn wir auf die Schülerinnen und Schüler aus Familien schauen, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in Deutschland ihre neue Heimat gefunden haben.

Es ist wahrlich eine Anklage an unser Bildungssystem, dass die Bildungschancen dieser Kinder und Jugendlichen besonders schlecht sind. In vielen Städten und Kreisen hat jeder zehnte ausländische Jugendliche keinen Schulabschluss. Die Folgen für die Chancen dieser jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt sind verheerend.

Verschiedenheit aushalten heißt darum auch Integration fördern:

  • intelligente und lebensnahe Ideen entwickeln, um das Positive, Bereichernde von Unterschieden in der Schule erfahrbar zu machen,
  • aber auch Nachteile benennen und anpacken.

Da wird es nicht damit getan sein, ein paar zusätzliche Sprachkurse einzurichten; die Migrantenkinder müssen sich zuallererst bei uns zuhause fühlen können. Wir müssen sie ernst nehmen mit ihren Schwierigkeiten genauso wie mit dem Reichtum ihrer eigenen Kultur.

Nur so kann die Schule eine demokratische Einrichtung bleiben und junge Menschen auf eine Welt vorbereiten, in der neben Kenntnissen und Fähigkeiten mehr denn je Wertebewusstsein und Orientierungsfähigkeit nötig sind.

VI

Trotz allem sollten wir uns wegen der PISA-Studie nicht immerzu Asche aufs Haupt streuen.

PISA kann zum Hoffnungszeichen werden, wenn wir die richtigen Lehren daraus ziehen und die Schule besser, wenn wir sie menschenfreundlicher machen.

Wenn wir es positiv sehen, war der PISA-"Schock" heilsam, denn

  • er hat uns die Bedeutung der Bildung für unsere Gesellschaft ins Bewusstsein gerufen;
  • er hat uns darüber belehrt, dass die Vormacht der Einzelfächer nicht der Weisheit letzter Schluss ist;
  • er hat unwiderruflich klar gemacht, dass die Schule, bewusst oder unbewusst, erzieht und nicht nur Wissen verabreicht.

Über diese - und viele andere - Punkte scheint mir jetzt ein breiter Konsens zu bestehen. Das ist durchaus nicht selbstverständlich; bei früheren Bildungsdebatten spielten Ideologien eine weit größere Rolle. Wir können heute von Voraussetzungen ausgehen, die durch wissenschaftliche Ergebnisse und langjährige Erfahrungen untermauert sind.

Vieles wird gefordert; Vieles ist auch schon begonnen worden. Ein schwieriger Prozess ist in Gang gekommen.

Wichtig scheint mir, dass dieser Prozess sich nicht in Aktionismus verzettelt.

"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", sagt ein indianisches Sprichwort.

Wir müssen in Ruhe abwägen und entscheiden, was sinnvoll ist. Dazu gehört es, Fachleute einzubeziehen - nicht nur aus den Schulen und Ministerien, sondern auch aus Universitäten und Forschungsinstituten.

Bei den Entwicklungspsychologen, bei den Lernforschern und Erziehungswissenschaftlern ist inzwischen eine Generation nachgewachsen, die nicht von den bildungspolitischen Glaubens­kriegen der siebziger Jahre geprägt ist. Ihren Rat müssen wir einholen. Das geschieht mir noch zu wenig: Diese Forschungsgebiete sind mit der schulischen Praxis nicht so verknüpft, wie das wünschenswert wäre: mit Fragen der Lehrerausbildung und der Unterrichtsgestaltung. Sonst könnte man in manchen Diskussionen nicht ernsthaft über Alternativen wie die zwischen "Kuschelpädagogik" und "Leistungsschule" streiten.

Die Kernfrage an Schule und Pädagogik lautet doch:

Kann die Schule heute - und unter welchen Bedingungen kann sie es - der jungen Generation umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten mitgeben, wie sie ihr Leben verantwortlich gestalten können? Wir alle - auch die Lehrerinnen und Lehrer - sind doch oft selber von der Komplexität der Lebensverhältnisse überfordert.

Wer sich da in Fachchinesisch und Spezialistentum flüchtet, wird niemandem Orientierung geben.

Das Eingeständnis dagegen, dass man etwas nicht oder nicht auf Anhieb weiß, kann beide Seiten enorm entlasten. Wenn die Lehrenden ihre eigenen Grenzen kennen und akzeptieren, dann gelingt ihnen das auch leichter bei den Lernenden. Und es spiegelt unsere Lebens­wirklichkeit ehrlicher wider, als wenn wir behaupten, alle Probleme mit der Hilfe unseres manchmal schon etwas angestaubten Wissensvorrates lösen zu können.

Wer versteht sie denn, die Rentenformel? Und doch betrifft die Frage der Alterssicherung uns alle. Wer kann die Grundlagen der Gesundheitsreform nachvollziehen? Vom Steuersystem gar nicht zu reden.

Damit die Heranwachsenden sich nicht einem unüberschaubaren System ausgeliefert fühlen, müssen wir ihnen dabei helfen,

  • selbstbewusst die Fragen zu stellen, auf die sie Antworten brauchen, damit sie in der Gemeinschaft gut leben können;
  • sie brauchen ein Training darin, Wichtiges von Nebensächlichem zu unterscheiden; zu erkennen, wo der Teufel im Detail steckt und wo wir nur mit dem berühmten "Mut zur Lücke" zurecht kommen;
  • sie sollen sich als eigenständige Persönlichkeiten behaupten können, statt in der Informations- und Wissensflut unterzugehen.

Das scheinen Schlüsselqualifikationen zu sein, zu denen die Schule junge Menschen heute befähigen muss. Wir sind solche Schulen der jungen Generation schuldig: damit sie nicht resigniert und sich nicht im Gefühl der Ohnmacht von unserer Gesellschaft abwendet.

VII.

PISA hat uns alle beeindruckt, manche sogar eingeschüchtert, weil Messergebnisse immer etwas Unbestechliches zu haben scheinen. Wir dürfen aber nicht nur noch auf die Messgeräte starren, voller Angst, der Zeiger könne weiter nach unten gehen.

Viel Wichtiges hat PISA nicht gemessen - und auch übrigens nicht behauptet, dass man es messen kann.

Wie Lehren und Lernen so gelingen kann, dass Schüler und Lehrer dabei Sinnerfahrungen machen, die ihnen Mut und Zutrauen geben - dafür gibt es keine Kennzahl; das steht auf keiner Skala. Dazu gehören nicht nur Fachwissen und Didaktik. Dazu braucht es auch Zuverlässigkeit, Ausdauer, Interesse am anderen Menschen, Humor und eine gute Portion Fantasie.

Ich weiß, meine Damen und Herren, dass Sie alle sich jeden Tag neu darum bemühen und ich weiß auch, wie schwer das oft ist. Ich weiß, wie viel Eigeninitiative, Einsatz und Einfühlungsvermögen Sie für die Schülerinnen und Schüler aufbringen. Dafür möchte ich Ihnen stellvertretend für alle Lehrerinnen und Lehrer in unserem Land meinen herzlichen Dank sagen.

Dass der Alltag in unseren Schulen vom Erfolg Ihrer Anstrengungen bestimmt wird - das wünsche ich Ihnen und das wünsche ich uns allen. Ich wünsche Ihnen eine fröhliche, selbstbewusste Feier, in der Sie nach neuen Wegen suchen. Herzlichen Dank!