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Grußwort anlässlich der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft in der Universität Bamberg

Wer immer wieder die Chance hat, ein Grußwort, eine Eröffnung einer Tagung durch Professor Mikat zu hören, der reist gerne an. Ich bin also gern gekommen.

In der breiten Landschaft wissenschaftlicher Gesellschaften und großer, wichtiger Stiftungen gibt es keine, die mit einem so minimalen Aufwand ein so monumentales Werk schafft. Professor Mikat hat uns die verschiedenen Publikationen genannt, vom Staatslexikon bis zu den Publikationen zur Bioethik, einem Thema, das nun wahrlich höchste Aktualität auch dadurch bekommt, weil wir es so lange vernachlässigt haben.

Dass wir in Deutschland Menschen haben, die den Dialog der Wissenschaften nicht nur innerhalb der Disziplin, sondern zwischen den Disziplinen suchen und führen: Das ist auch ein Verdienst der Görres-Gesellschaft und des Mannes, der offenbar fest entschlossen ist, meine Amtszeiten noch zu übertreffen.

Ich will Ihnen jetzt nicht die Geschichten von Paul Mikat und Johannes Rau erzählen, die gemeinsamen und die trennenden und die überschneidenden. Ich habe ihn kennen gelernt, als er 1962, aus Würzburg kommend, Kultusminister in Nordrhein-Westfalen wurde. Keiner kannte den Namen, jedenfalls bei uns.

Dann haben wir ihn zu übersetzen versucht: "der Strahlende" und haben ihn beobachtet - kritisch, skeptisch. Da musste man schon flinke Augen haben, wenn man überall da sein wollte, wo er wirkte. Dann ist im Laufe der Zeit ein Lebenswerk dieses Mannes entstanden, das kann man sich gar nicht vorstellen in der Einzahl - dass das Einer gleichzeitig alles macht.

So sind unsere Wege sich begegnet in Akademien - ich nenne Göttingen und Nordrhein-Westfalen, die Akademie der Wissenschaften - in Kuratorien, in denen wir miteinander gesessen haben, in Jurys und Gremien. Da ist eine Freundschaft entstanden, die wortkarg ist, aber verlässlich, dauerhaft und ernst gemeint, und wir möchten sie weiterführen, solange wir dazu die Kraft haben, unsere Aufgaben wahrzunehmen. Deshalb ist mein Besuch bei der Görres-Gesellschaft in diesem Jahr auch eine besondere Heraushebung ihres Präsidenten Paul Mikat, dem ich in großer Dankbarkeit und viel Respekt verbunden bin.

Nun ist die Görres-Gesellschaft selber - Sie haben davon gesprochen - jetzt 127 Jahre alt, aber sie ist keine alte Dame. Im Gegenteil, je älter sie wird, desto jünger kommt sie mir vor.

Das hat etwas zu tun mit der Rolle der Wissenschaft in unserer Gesellschaft. Es hat auch etwas zu tun mit den Problemen, die sich uns allen heute stellen.

Ich will jetzt nicht wiederholen, welche Ziele die Görres-Gesellschaft genannt hat seit ihrer Gründung. Aber ich möchte einige Wesenszüge herauszugreifen versuchen, die mir sehr modern vorkommen.

Die Görres-Gesellschaft hat seit ihrer Geburtsstunde nie darauf verzichtet, Wissenschaft mit dem Maßstab der Ethik zu messen. Ich erinnere daran: Es gab durchaus Zeiten, da hatten viele Wissenschaftler jede Verantwortung für ihre Methoden und Ergebnisse über Bord geworfen und sich einem politischen Diktat gebeugt. Das war so in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes.

Es gab auch Zeiten, in denen das Dogma verkündet wurde, die Wissenschaft habe ganz und gar unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen zu existieren. Forderungen und Aufgabenstellungen aus der Mitte der Gesellschaft dürfe sie sich nicht zu eigen machen. Sonst gehe ihre mühsam erkämpfte Unabhängigkeit verloren. So haben viele in den Universitäten und Forschungsinstituten der Nachkriegszeit gedacht.

Die Görres-Gesellschaft hat in diesen Entwicklungen immer die Rolle einer Außenseiterin gespielt. Ihr Fundament war und ist eine Religiosität, die sich dem Gemeinwohl und ethischen Grundsätzen verpflichtet fühlt.

Wenn ich mir das Programm ansehe, dass Sie sich für Bamberg vorgenommen haben, dann bliebe ich am liebsten noch ein paar Tage hier, um mich in die Hörsäle zu setzen und zuzuhören.

Man sieht es den Themen Ihrer Sektionssitzungen an, dass Sie nach wie vor verantwortungsbewusst in der Tradition der Gesellschaft verwurzelt sind.

  • Mit der Frage "Wozu noch Familie?" werden Sie sich genauso wissenschaftlich befassen wie mit dem Thema der Demenz, das mir ein Menetekel des demografischen Wandels in unserer Gesellschaft zu sein und zu werden scheint.
  • Die Europäische Union steht auf Ihrem Tagungsprogramm, aber auch die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme.
  • Schließlich werden Sie neueste Forschungsergebnisse der Palliativmedizin austauschen und über die Aspekte von Kommunikation und Interaktion im Internet diskutieren: Das alles sind Brennpunkte unserer Gesellschaft, das alles sind schmerzliche und drängende Fragen, auf die die Menschen Antworten suchen und brauchen.

Entscheidend ist dabei der Blickwinkel: Dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die PISA-Ergebnisse, nicht Strukturdiskussionen im Bildungswesen, sondern die Kernfrage, was das alles mit Familie zu tun hat.

Lassen Sie mich noch ein Beispiel herausgreifen: Die Palliativmedizin ist ein medizinischer Bereich, der in unserem Gesundheitswesen stärker verankert werden muss, als er das ist. Die Zielsetzung, Schmerzen und unheilbare Krankheiten zu lindern und erträglicher zu machen, das ist eine Frage, die - jedenfalls aus meiner Alltagserfahrung -, immer dringender und immer wichtiger wird.

So gesehen, fühlt die Görres-Gesellschaft den Puls der Zeit, und sie tut es um der Menschen willen.

Sie tut es in einer ungewöhnlichen Organisationsform, ohne hauptamtliche Mitarbeiter. Ehrenamtliches Engagement: In einer Zeit, in der viele von der Bürgergesellschaft reden und sie nicht zu definieren wissen, ist das ein wahres, haltbares Beispiel.

Ich gratuliere Ihnen herzlich: Zu Ihrem Präsidenten, zu Ihrer Konferenz. Sie sind übrigens die einzige Gesellschaft, die es in 127 Jahren auf fünf Präsidenten gebracht hat. Die Bundesrepublik Deutschland ist erst 54 Jahre alt und hat schon acht! Und giert nach dem Neunten!

Ich wünsche Ihnen, dass weder das von Paul Mikat zitierte Wort aus 1 Korinther 13 sich bewahrheitet, noch das wahrscheinlich vom gleichen Autor stammende aus der Apostelgeschichte: "Sie berieten aber lange, weshalb sie wohl zusammengekommen wären". Und vorher heißt es: "Die Einen redeten so, die anderen redeten anders und die Gemeinde ward irre." Werden Sie das bitte nicht, sondern sehen Sie, dass wir hinfort Orientierung gewinnen, und dass der, der Orientierung gefunden hat, nicht mehr bloß meditiert, sondern sich auf den Weg macht.

Alles Gute!