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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Einweihung der Johannes-Rau-Mehrzweckhalle des jüdischen Gemeindezentrums in Düsseldorf

Eine Sporthalle auf meinen Namen! Ich bin einmal 13,9 gelaufen, aber das waren nur 60 Meter, das heißt, die Zeit war in Ordnung, aber die Strecke war zu kurz...

Ich gestehe, dass ich mich mit einem solchen Scherz erst einmal selber über die Hürde bringe, dass etwas nach mir benannt wird, denn das ist ein merkwürdiges Gefühl, daran muss man sich, glaube ich, erst noch gewöhnen.

Hoffentlich müssen sich die Kinder und die Jugendlichen nicht zu sehr daran gewöhnen, sondern hoffentlich erscheint ihnen das als selbstverständliche Geste, dass ein nicht-jüdischer Deutscher einem solchen Haus, einer solchen Erziehungsstätte, den Namen mitgibt.

Dabei kommen mir zwei Erinnerungen, die ich doch gern sagen möchte, nein, eigentlich drei. Die erste ist: Wenn ich nach Moskau fuhr, in die Hauptstadt der Sowjetunion, dann hatte ich für das Gespräch mit der Staatsführung, zum Beispiel mit Breschnew, immer eine Liste von Juden, die aus der Sowjetunion auswandern wollten und es nicht durften. Ich habe dann die Namen im Gespräch genannt. Zwei davon weiß ich noch: den späteren israelischen Minister Anatoli Schtschranski, ich habe ihn selber in der Knesset dann begrüßen dürfen, als er kam. Ich hatte ihn wohl viermal genannt. Der andere Name war Ida Nudel.

Wie oft habe ich dafür geworben, dass Juden aus der Sowjetunion auswandern durften. Deshalb ist die große Stärkung der jüdischen Gemeinde auch durch Juden, die aus der Sowjetunion kommen, für mich ein Stück eigener Lebensgeschichte. Das ist das eine.

Das zweite: Ich erinnere mich an die Gespräche mit Ignaz Bubis - immer war Herbert Schnoor dabei - in denen es darum ging, dass wir Aufenthaltsrechte für die aus der Sowjetunion kommenden Bürger bekamen und dass die deutschen Ministerpräsidenten da mittaten, ohne dass wir Kontingente festlegten. Das hat zu einer Erfolgsgeschichte geführt, von der ich glaube, dass sie einer der entscheidenden Gründe für den Zuwachs von jüdischem Leben in Deutschland ist.

Das ist gut, und es gibt viele Anlässe, das zu feiern, bei denen ich oft Paul Spiegel treffe - nicht nur heute, sondern auch am kommenden Sonntag, wenn wir in München das neue jüdische Kultur- und Gemeindezentrum einweihen.

Lassen Sie mich aber einen dritten Gedanken sagen, der mir nicht aus dem Sinn geht: Meine Reisen nach Israel und in den Nahen Osten werden immer häufiger, aber auch immer kürzer. Die letzte zum 80. Geburtstag von Schimon Peres war die kürzeste. Die davor - auch in diesem Jahr - war nur wenige Stunden länger. Da war ich auf Einladung des jordanischen Königs in Amman. Ich bin dann von Amman über Bethlehem nach Jerusalem gefahren. In Bethlehem war ich in der christlichen Schule "Talita kumi", einer deutschen Gründung in Bethlehem, und im Anschluss daran war ich in Jerusalem in der "Hand in Hand-Schule", die der Sohn einer Düsseldorfer Kirchenmusikerin leitet. Ich war da gemeinsam mit Teddy Kollek. Ich habe an einem Vormittag in Bethlehem und Jerusalem junge Menschen getroffen, die nichts anderes wollten, als dass der Friede sicherer und die Sicherheit friedlicher wird. Das haben mir beide gesagt, in Bethlehem wie in Jerusalem.

Diese Sehnsucht nach Frieden die ich da gespürt habe, die begleitet mich jeden Tag und sie erinnert mich immer wieder daran, dass Terror und Gewalt auf Dauer keine Chance haben dürfen. Dass wir Frieden suchen und Frieden sicher und Sicherheit friedlich machen müssen. Davon spreche ich gern und bei vielen Gelegenheiten.

In der vergangenen Woche war ein solches Gespräch für meine Frau und für mich besonders eindrucksvoll und schwierig. Meine Frau hatte wie jedes Jahr das Chaim-Sheba-Medical-Center ins Schloss Bellevue eingeladen, dieses wohl größte Krankenhaus in Israel. Sie hat das von Lea Rabin übernommen, einmal im Jahr zu einem Benefiz-Abend einzuladen. Nun gibt es viele Benefiz-Abende. Aber an diesem Abend saßen wir neben einer jungen Frau, sie war 24, die in einem Café in Haifa Opfer eines Anschlags geworden war. Sie war, wie sie sagte, zu 60 Prozent zerstört worden. Sie trug besondere Kleidung wegen der Verbrennungen dritten Grades. Sie hatte ein entsprechend wirkendes Gesicht und sie hatte nur noch ein Auge. Sie hat mit uns gesprochen und mit uns gesungen, damit der Friede einkehrt. Sie hat für die Hilfe gedankt, die Deutschland dabei leistet.

Das war ein bewegender Abend, und dieser Abend strahlt für mich in den heutigen Abend hinein.

Wenn ich so viele Kinder und junge Menschen sehe, die so gern in die Schule gehen, jedenfalls behaupten sie das, dann denke ich, wie schön es ist, das es diese erste jüdische Schule in Nordrhein-Westfalen nun schon seit zehn Jahren gibt.

Ich wünsche der jüdischen Gemeinde Glück und Segen, und ich wünsche mir eine Zeit, in der man ohne Angst verschieden sein kann. Ich wünsche mir eine Zeit, in der, wie das in unserem gemeinsamen Buch steht, die Löwen und die Lämmer zusammenleben können. Ich wünsche mir eine Zeit, in der wirklich die Schwerter zu Pflugscharen werden. Diese Zeit ist versprochen. Versprochen ist auch, dass wir immer die Kraft haben werden, für das Ziel einzustehen und nicht zu resignieren.

Resignation ist Juden und Christen verboten. Mut und Zuversicht ist ihnen versprochen. Schalom.