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Rede von Bundespräsident Johannes Rau bei der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland

Frau Präses, Hohe Synode!

Wenn man wie ich 35 Jahre lang Mitglied der Landessynode gewesen ist - es gibt auch Menschen, die einem lange Amtszeiten vorwerfen; das habe ich auch schon erlebt -, ist man beim Besuch einer EKD und dann noch der EKD-Synode natürlich auch emotional aufgela­den. Man möchte schrecklich viel los werden und viel sagen und erzählen.

Ich war am Anfang meiner Amtszeit bei Ihnen in Leipzig - Sie haben daran erinnert -, und ich bin in meinem letzten Amtsjahr bei Ihnen. Ich bin der achte Bundespräsident. Vier dieser acht hatten Ämter in der evangelischen Kirche. Mal sehen, was kommt!

Ich habe mit großem Interesse jeden Tag die Berichte von Ihrer Arbeit gelesen. Ich habe eben schon im Scherz gesagt: Ich habe ein Amt, das man spätestens im dritten Wahlgang bekommt. Das ist schön.

Nun bin ich gekommen, um ein persönliches Wort des Dankes und ein Wort des Gru­ßes zu sagen. Ich war dabei, als Präses Kock sein Amt an Präses Schneider abgab. Ich habe damals etwas zu sagen versucht über den Auftrag der Kirchen und habe keinen Satz zu Präses Kock gesagt, weil ich mir das für heute aufbewahren wollte. Ich möchte nicht aus diesen 35 Jahren erzählen, sondern von den letzten sechs Jahren zu sprechen, in denen Präses Kock ein verlässlicher Begleiter gewesen ist, ein Ermunterer, ein Ermahner, ein Mann, der zuhören konnte und die Gabe des Wortes hatte. Ich glaube, dass Präses Kock, der damals in Wetzlar so überraschend gewählt wurde, sechs Jahre einen guten Dienst getan hat, nicht nur für die evangelische Kirche, sondern für unser Land. Ich möchte ihm von Herzen danken für den Einsatz - ich weiß nicht, wie Sie es formuliert haben - als Gaul, der den Karren zieht. Herzlichen Dank, lieber Bruder Kock. Sie haben der evangeli­schen Kirche ein unverwechselbares Profil gegeben, und dafür bin ich sehr dankbar.

Nun bin ich seit vier Jahren ein Berliner, und mein Bischof ist Ratsvorsitzender. Schon "mein Bischof" ist für einen Reformierten aus dem Bergischen schwer zu sprechen.

Aber Wolfgang Huber, der ein so schwieriges Amt in Berlin-Brandenburg wahrnimmt, war natürlich in vielen Fragen, die mich beschäftigt und bewegt haben, eine unverwechselbare Stimme - noch mal das Wort "unverwechselbar". Denken Sie an meine Rede zur Gentech­nologie und an seine Arbeit im Nationalen Ethikrat. Denken Sie an das, was ich zu sagen versucht habe über das Miteinander von Deutschen und Nichtdeutschen in unserem Land, und an die Situation in bestimmten Bezirken Berlins, in denen Deutsche sich als Minderheit empfinden. Dass Wolfgang Huber jetzt diese Funktion übernimmt, gibt mir sehr viel Hoffnung darauf, dass die Botschaft gehört wird, und zwar nicht als Erinnerung an vergangene Zeiten, son­dern als ein Wort, das Zukunft öffnet, Leben möglich und Miteinanderleben leichter macht.

Sein Stellvertreter ist Landesbischof Kähler. Ihm bin ich nur einmal bewusst begegnet, das war in einer der schwersten Stunden meines und seines Lebens. Das war, als wir in Erfurt 16 Tote, Schüler und Lehrer, zu beklagen und zu verabschieden hatten. Ich habe selten in einer Situation so ratlos dagestanden wie vor diesen fast 100.000 Menschen. Ich wusste damals, dass die Eltern und der Bruder des Täters aus einer Wohnung am Domplatz zuhörten, was wir sagten. Mir ist in dieser Stunde in Erfurt, die ja bis heute andauert, auch in Briefen, die ich bekomme, in Gesprächen, die ich führe, deutlich geworden, wie wichtig es ist, dass Tröstendes und Rettendes gesagt wird mit der Glaubwürdigkeit derer, die das nicht nur sagen, sondern leben oder zu leben versuchen. "Nicht dass ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach."

Wir leben in einer Zeit, in der mir sehr viel hilflose Orientierungslosigkeit bei den Menschen begegnet. Das fängt bei Kindern an. Die Zahl der Miterzieher ist gewachsen und ist größer als die Zahl der Fernsehprogramme. Es gibt eine Entwicklung, die manchmal den Eindruck schafft, als sei die Schule nur noch dazu da, sich von Fernsehprogrammen auszuruhen. Dann kommt eine Schule, die schon sehr früh einen Leistungsdruck formuliert, weil junge Menschen jetzt begreifen, dass der Arbeitsmarkt anders geworden ist. Es ist nicht mehr selbstver­ständlich, dass ich einen Ausbildungsplatz, dass ich eine Arbeit finde. Dann haben wir eine politische Wirklichkeit, in der vieles vermischt wird, und das verunsichert die Bürger. Rente mit 67, da glauben manche, das sei ihre mögliche Lebenswirklichkeit. Dann gibt es Gesprä­che über Arbeitszeitverlängerung und Nachrichten über Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stun­den.

In all dem stelle ich jedenfalls fest, dass die Zahl derer, die Orientierung suchen, sich der Zahl derer annähert, die Orientierung brauchen. Da kommt es nach meiner Überzeugung darauf an, dass wir deutlich machen, wer der Adressat und wer der Absender der Nachricht und der Botschaft ist. Das wünsche ich meiner Kirchengemeinde, das wünsche ich meiner heimischen Kirche und der, in der ich jetzt lebe, in Berlin. Das wünsche ich natürlich nicht nur für die Kirchen, aber auch und gerade für sie. Der Ökumenische Kirchentag in Berlin war da ein nach meiner Überzeugung helles Zeugnis, ein hilfreiches Zeugnis. Aber jeder Kirchentag und jeder Katholikentag konfrontiert uns mit der Frage, warum es eigentlich so ist, dass bei Kirchen- und Katholikentagen die große Mehrheit ganz junge Leute sind und dass im nor­malen Gemeindeleben die Alterspyramide sich völlig umkehrt und man die jungen Leute wie eine Stecknadel suchen muss.

Dennoch sage ich ebenso freimütig bei aller Liebe zu diesem Ökumenischen Kirchentag, der mir unend­lich Freude gemacht hat: Dass einige stolz darauf waren, dass das eigentliche spirituelle Ereignis der Dalai Lama gewesen sei, habe ich nicht ganz verstehen können.

Das kann nach meiner Überzeugung auch nur sein, wenn man glaubt, die Kirche des Wortes sei identisch mit der Kirche der Wörter. Da müssen wir lernen - gerade als Evangelische, vielleicht auch von den katholischen Mitchristen -, dass es immer um den ganzen Menschen geht, nicht nur um seinen Kopf. Wenn es heißt, "unser Sinnen und Verstand", dann sind wirk­lich nicht nur der Verstand, sondern auch die Sinne gemeint. Wenn wir nicht den ganzen Menschen erreichen, auch mit dem, was er an emotionalen Bedürfnissen hat, die ja nicht unrealistisch sein müssen, wenn es uns nicht gelingt, dass wir Menschen so ansprechen, dass sie in ihrer Gesamtheit gemeint sind, als von Gott geliebte Wesen, dann wird die Bot­schaft stumpf, die wir weitergeben.

Das gilt übrigens auch für das politische Wort der Kirche. Bischof Huber hat dazu gestern Klares gesagt. Es ist wieder die Zeit, in der wir darauf achten müssen, dass diese merkwür­dige Symmetrie von steigenden Börsenkursen mit Entlassungen und Freisetzungen nicht gottgewollt ist. Es ist nicht so, dass man diese Zeilen einfach hinnehmen muss: "Bestes Jahr in der Geschichte des Unternehmens seit 125 Jahren" - und dann eine Zeile darunter: "5000 Entlassungen bis Ende 2005".

Dass die Wirtschaft um des Menschen Willen da ist und nicht umgekehrt, das muss immer wieder gesagt und muss immer wieder gehämmert werden, und das gilt für die Ausbildungs­platzfrage genauso wie für die Tatsache, dass nur noch in der Hälfte der Betriebe in Deutschland Menschen über 50 Jahren beschäftigt sind. Da habe ich manchmal den Ein­druck, das Sozialwort von 1997 ist noch zu wenig gehört worden und ein neues könnte fällig sein. Ich möchte diesen Rat hier geben.

Sie spüren vielleicht, dass auch für jemanden, der wie ich viele, viele Gelegenheiten hat zu reden, eine Synode etwas Besonderes ist. Ich rate Ihnen: Behalten Sie das bei, dass Sie etwas Besonderes sind, werden Sie nicht zum Abbild der Parlamente, so wichtig die Parla­mente sind.

Ich habe bei anderer Gelegenheit schon einmal reklamiert, dass die eigentlichen politischen Debatten gar nicht mehr im Parlament stattfinden, und ich hatte vorgeschlagen, eine Plenar­sitzung am Sonntagabend um halb zehn Uhr zu machen, damit die, die in der Talkrunde sind, da reden, wo sie hingehören. Das hat mir auch Ärger eingebracht, aber damit lebt man inzwischen doch ganz fröhlich.

Ich werde im nächsten Jahr aus meinem Amt scheiden, dann habe ich wieder Zeit für Syno­den. Ich habe aber die Altersgrenze überschritten, und wenn ich dann mein Amt aufgebe, habe ich 46 ununterbrochene Mandatsjahre hinter mir, davon 28 Regierungsjahre. Da kann man dann wirklich sagen, wie es in Psalm 90 heißt: Manches ist "Mühe und Arbeit" gewesen. Es hat aber auch Freude gemacht und macht weiter Freude, auch in den kommenden acht Monaten und danach. Wir müssen deutlich machen: Politik, die nicht das Ziel hat, das Leben der Men­schen menschlicher zu machen, soll sich zum Teufel scheren, ob sie schwarz oder rot oder grün oder gelb ist. Das Ziel der Politik ist, das Leben der Menschen menschlicher zu machen.

Zu dem Amt, das ich bekleide, gehören viele Reisen. Ich kann die Zahl der Länder gar nicht nennen, wo ich gewesen bin. In den nächsten Wochen geht es in vier südamerikanische Länder. Bei manchen dieser Besuche denke ich, dass die Menschen froh wären, wenn sie unsere Sor­gen hätten. Was wären die froh, wenn die Frage nach Trinkwasser und nach Brot nicht ihre erste und einzige Sorge wäre. Ich rate dazu, dass wir in Deutschland aus dem Zustand der Nörgelei herauskom­men und aus einer Stimmung, die sich ständig mit sich selber beschäftigt, statt danach zu fragen, warum wir die größte Industrienation, was den Export angeht die größte Exportnation der Welt, sind, ob wir genug tun dafür, dass es nicht die erste, zweite und dritte Welt gibt, sondern Eine Welt, um deren Wohl wir uns kümmern und für deren Heil wir Gott bitten. Ich grüße die Synode.