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Grußwort auf der Festveranstaltung aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel

Kürzlich war ich in einer Ganztagsschule in Berlin, einer Grundschule, die haben einen Tanz aufgeführt. Dann hat mich ein Mädchen mitgenommen, und ich musste mittanzen. Was hab ich hier heute ein Glück! Stellen Sie sich das mal vor - das Bandscheibenproblem!

Ich will versuchen, in dieser fröhlichen und dieser schönen Stunde, in der die Gesamtschule Bonn-Beuel ihr 25jähriges Jubiläum feiert, nicht dazu beizutragen, dass wir trauriger werden, wohl aber dazu, dass wir ein wenig nachdenken über die bildungspolitische Situation, in der wir uns in Deutschland gegenwärtig befinden. Dass das hier eine besonders erfolgreiche Schule ist, dass habe ich bei früheren Besuchen schon erfahren, die ich in meiner Ministerpräsidentenzeit hier gemacht habe. Ich glaube, zu den wichtigen Voraussetzungen solchen Erfolges gehört es, dass hier in vielen Projekten gelernt wird, die weit über den schulischen Alltag hinaus reichen.

Ich habe überlegt, ob das mit der Biene zusammenhängt, die in Ihrem Emblem ist, und dann habe ich mich an den sozialen Funktionen der Bienen zu orientieren versucht, aber dann bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass im 20. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung, also in der hinter uns liegenden Zeit, die Arbeitsteilung so stark gewachsen ist, und dass in der industriellen Fabrikation - aber auch bei vielen Dienstleistungen - es auf jeden Arbeitsschritt und damit auch auf jeden Menschen, der ihn ausführt, ankommt, und dass alle aufeinander angewiesen sind.

Nun werden Sie sich fragen, worauf ich hinaus will. Ich steuere auf einen Satz zu, auf einen Gedanken, den Hartmut von Hentig ausgesprochen hat, und zwar im Jahr 1968. Da hat er ein Buch vorgelegt: "Systemzwang und Selbstbestimmung", und er beschreibt die Gefahren und die Chancen der Arbeitsteilung: Sie mache den einzelnen abhängig, aber sie fördere auch die Zusammenarbeit mit anderen. Erfolgreiche Zusammenarbeit sei aber wesentlich angewiesen auf die Selbstständigkeit jedes Einzelnen.

Wenn ich ihn richtig verstehe, dann müssen wir also lernen, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen - jeder an seinem Platz in der Gesellschaft, denn er will beides: Selbstbestimmung und Verantwortung. Nun ist es keine Frage, wo Hartmut von Hentig den Ort sieht, der solches Lernen möglich machen soll, nämlich in der Gesamtschule. So heißt der Untertitel des Buches "Über die Bedingungen der Gesamtschule in der Industriegesellschaft".

Die Gesamtschule ist ihrer Idee nach jedem Einzelnen und dem Gemeinwohl verpflichtet. Sie will jeden seinen individuellen Begabungen und Fähigkeiten entsprechend fördern. Die Gesamtschule schert die Schülerinnen und Schüler nicht alle über einen Kamm, sondern akzeptiert die Unterschiede, sie versucht ihnen gerecht zu werden, ohne die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler zu sprengen. Diese Schule lebt von der Überzeugung, dass Schüler in der Schule eine Gemeinschaft bilden, auch wenn sie sich verschiedenartig entwickeln und spezialisieren.

Nun haben die Gesamtschulen nicht alles einlösen können, was sich ihre Vordenker in den sechziger und siebziger Jahren erhofft haben. Die "real existierenden" Gesamtschulen unterscheiden sich oft von dem Idealbild. Das haben ja nicht allein Pädagogen entwickelt, sondern auch Gesellschaftstheoretiker. Die Gesamtschule hatte vor allem damit zu kämpfen, dass sie sich gegen die Schulen des dreigliedrigen Schulwesens durchsetzen musste.

Viele Eltern haben die Gründung von Gesamtschulen zwar begrüßt, aber ihre Kinder dann doch auf ein angesehenes Gymnasium geschickt. "Bloß keine Experimente mit den eigenen Kindern" - das war und das ist bis heute eine weit verbreitete Haltung, und mancher wollte in den siebziger Jahren erst einmal abwarten, ob sich die neue Schulform bewähren und langfristig durchsetzen würde.

Das hat dazu geführt, dass besonders viele Schülerinnen und Schüler die Gesamtschule besuchten, die sich den Wechsel an ein Gymnasium nicht ganz zutrauten, aber gerne das Abitur machen wollten. Die Gesamtschulen wurden in vielen Fällen zu einer Art weiterführenden Realschule mit der Möglichkeit zum Abitur. Den Gymnasien konnten sie damit natürlich keine Konkurrenz machen. Sie erschienen in der öffentlichen Wahrnehmung - ich finde, auch bei diesem Jubiläum ist es gut, wenn wir uns das eingestehen - bald als Gymnasien zweiter Klasse.

Die Idee, dass unterschiedlich begabte Kinder in einem Klassenverbund gemeinsam lernen sollten, eine Idee, über deren Vorteile heute wieder viel diskutiert wird, die verlor an öffentlicher Wirkung. Das hat vielen Gesamtschulen große Probleme bereitet, manche sind daran auch gescheitert.

Nun passiert das Überraschende, dass PISA die Gesamtschule wieder ins Gespräch bringt. Interessant ist dabei, von welch unvermuteter Seite heute die Befürworter kommen. Anfang Oktober hat sich Jürgen Hogeforster - der war bis vor kurzem Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hamburg -, in der Wochenzeitung ZEIT zu Wort gemeldet und sagt: "Unser System verspricht Förderung durch Selektion. Ich glaube, Selektion bewirkt genau das Gegenteil. Wenn wir die Schüler zusammenlassen, wenn sie mehr voneinander lernen und wir uns um Schwierigkeiten kümmern, ermöglichen wir mehr Selbstständigkeit und Zusammenarbeit, darauf kommt es in Zukunft im Beruf an."

Meine Damen und Herren, wenn man an zurückliegende Debatten denkt, dann kann man es merkwürdig finden, dass sich ein führender Vertreter gerade des Handwerks mit dieser Haltung in die Bildungsdebatte einschaltet - und auch, dass ich ihn heute zitiere. Aber es ist doch ein gutes Zeichen, dass die Probleme des Bildungswesens weit über die Schule hinaus jetzt endlich ernst genommen werden. Das zeigt, es ist gesellschaftlich etwas in Bewegung gekommen.

Bei PISA haben die Länder gut abgeschnitten, die ihre Schüler deutlich länger zusammen lernen lassen, als das in Deutschland die Regel ist. In Finnland, dem PISA-Siegerland, besuchen Kinder und Jugendliche bis zum Abschluss der neunten Klasse gemeinsam die Schule; auch in Australien, England, Frankreich, Kanada und Schweden, um nur einige der "PISA-Gewinner" herauszugreifen, findet der Unterricht in der Regel bis zur neunten oder gar bis zur zehnten Klasse gemeinsam statt.

Da stellt sich wie von selbst die Frage, ob die frühe Auslese im deutschen Schulsystem nicht mit dafür verantwortlich ist, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler so enttäuschend abgeschnitten haben.

In Deutschland geht die Schere zwischen den leistungsschwächeren und den leistungsstärksten Schülern besonders weit auseinander. Dennoch sind auch die besten deutschen Schüler international allenfalls guter Durchschnitt. Offenbar geht die frühe Auslese nicht einher mit gezielter Förderung.

Eine weitere Studie, die jetzt vorgelegt worden ist - die Internationale Grundschul-Leseuntersuchung IGLU - hat gezeigt, dass die Übergangsempfehlungen, die deutsche Schüler nach Abschluss der vierten Klasse bekommen, nicht allein auf Leistung beruhen. Es wird aus der Untersuchung nicht ganz klar, welche Faktoren die Schulempfehlungen außerdem beeinflussen. Wir müssen aber auf jeden Fall prüfen, welche Rolle die soziale Herkunft der Schüler dabei spielt.

Die Erfahrungen anderer Länder lehren uns, dass die guten Schüler schwächere Schüler mitziehen können und dass beide Seiten viel davon haben. Das fördert nicht nur die Leistungsfähigkeit aller, sondern auch Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn. Andere Länder zeigen uns auch, dass individuelle Förderung ein wirkungsvolles Mittel gegen das "Sitzenbleiben" ist. Schließlich zeigen sie, dass eine Schule, in der unterschiedliche Lernniveaus nebeneinander bestehen, den Schülerinnen und Schülern bessere Orientierung geben kann. Wie sollen die jungen Menschen auch ihren Platz in der Gesellschaft finden können, wenn die Schule nur einen eingeschränkten Ausschnitt dieser Gesellschaft abbildet?

Ich bin überzeugt davon, dass sich die Mängel im deutschen Bildungswesen nicht durch einfache, auch nicht durch resolute Änderungen in der Schulstruktur beheben lassen. Wir brauchen keine Neuauflage des alten Streits zwischen Gymnasium und Gesamtschule. Aber niemand sollte sich neuen Erkenntnissen und Einsichten verschließen. Auch in der bildungspolitischen Debatte ist es ja nichts Ehrenrühriges, wenn man im Lauf der Jahre dazulernt.

Klar ist: Eine andere Schulstruktur allein löst nicht alle Probleme. Was wir brauchen, ist ein Streit um Inhalte: Was sollen die Schulen den jungen Menschen vermitteln? Welches Wissen brauchen Schulabgänger heute, damit sie den Schritt in die Eigenständigkeit und in das Berufsleben sicher tun zu können? Geht es allein um Wissen? Muss es nicht ebenso darum gehen, optimistische und selbstbewusste junge Menschen heranzubilden? Wie können die Schulen das leisten?

Wir müssen auch über die Qualität der Schulen sprechen: Wie sieht guter Unterricht aus? Sind detaillierte Lehrpläne hilfreich oder schränken sie die Lehrerinnen und Lehrer nur unnötig ein? Es gibt jetzt einen ersten Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz, der sagt, dass es nirgendwo sonst auf der Welt so viele Lehrpläne und Stundentafeln gibt wie in Deutschland. Brauchen die Schulen nicht größere Freiheiten, etwa wenn sie ihr Kollegium auswählen? Wie lässt sich erreichen, dass die Schulabschlüsse der Länder besser vergleichbar und gleichwertig werden?

Das sind nur einige Fragen, und viele andere ließen sich hinzufügen. Wir müssen uns um die Schulkultur bemühen, um die Kultur des Lernens und des Zusammenlebens in der Schule. Nur so können unsere Schulen jeden Einzelnen stärken und gemeinschaftsstiftend wirken.

Wir brauchen endlich eine inhaltliche Neubestimmung der Arbeit von Schulen. Wenn dabei auch die Idee des längeren gemeinsamen Lernens wieder auftaucht, dann müssen wir danach fragen, wie sie sich auf die verschiedenen Schulformen - einschließlich der "real existierenden" Gesamtschulen, wie wir sie weithin antreffen, - übertragen lässt.

Die Gesamtschule Bonn-Beuel kann uns nach meinem Eindruck bei Antworten auf diese Frage helfen. Sie hat nicht darauf vertraut, dass die Schulform an sich das soziale Verhalten der Schülerinnen und Schüler positiv beeinflusst. Sie hat sich in den fünfundzwanzig Jahren seit ihrer Gründung immer wieder neu darum bemüht, die Vielfalt und Verschiedenheit in ihrer Schülerschaft als Chance zu nutzen. Die Schulgemeinschaft in Bonn-Beuel gibt sich selber eine Gestalt. Wir haben das heute auf faszinierende Weise erlebt, dass für die Schülerinnen und Schüler der Gestaltungsprozess eine motivierende Herausforderung ist, und dass die Lehrerinnen und Lehrer mit Erfolg versuchen, ihn zu fördern und durch vielfältige Anregungen zu unterstützen.

Ich will an ein paar Beispielen zum Schluss zeigen, was das konkret bedeutet. Der Leitsatz Ihrer Schule lautet "Jedes Kind ist einzigartig". Mir ist das durchaus bekannt, und diesen Satz spricht jeder. Aber wie viele Schulen lassen sich bei ihrer Arbeit auf allen Feldern von diesen Satz leiten: Jedes Kind ist einzigartig? Als Vater von drei schulpflichtigen Kindern bringe ich Zweifel vor. In Bonn-Beuel werden Schüler innerhalb des Klassenverbundes ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert. Sie legen großen Wert auf den Zusammenhalt der Klasse, auch wenn die Schüler in einzelnen Fächern verschiedene Kursniveaus besuchen. Der Klassenverbund bleibt grundsätzlich erhalten, und er wird von nur wenigen Lehrern unterrichtet: Dadurch entstehen "Häuser des Lernens", die tatsächlich so etwas wie ein Zuhause sein können. Sie geben dem einzelnen Schüler einen Platz, und sie geben ihm das Gefühl, nicht nur dabei zu sein, sondern dazuzugehören.

In den Lerngemeinschaften werden die Schüler nun freilich nicht nur mit dem Satz des Thales und dem Ring des Nathan konfrontiert, sondern sie lernen die Wirklichkeit jenseits der schützenden und manchmal auch abschottenden Schulmauern kennen und sie lernen, bei konkreten Projekten selber Verantwortung zu übernehmen. In Bonn-Beuel lernen die Schüler tatsächlich für das Leben.

Dafür steht das Engagement der Schule gegen Rassismus, für das sie vor drei Jahren mit dem Preis der Aktion Courage ausgezeichnet worden ist. Dazu gehören die Medienprojekte, dazu gehört der Einsatz für die Gesundheitserziehung, die von großen Stiftungen gefördert werden. Dazu gehört auch die Integration behinderter Kinder, und dazu gehört das Einüben demokratischer Strukturen im Rahmen des Projekts Selbstständige Schule.

Ich möchte der Schule gratulieren, und ich möchte von hier aus auffordern, dass alle die ihnen anvertrauten jungen Menschen unfassend auf das Leben vorzubereiten versuchen.

Die Gesamtschule taugt nicht mehr als bildungspolitischer Kampfbegriff, auch und gerade in Bonn-Beuel nicht, sondern als ein Modell des lebendigen Ortes für gemeinsames Lernen. Ich wünsche mir, dass die Medien dieses Modell künftig unbefangener zu Kenntnis nehmen, dass es unbefangene Nachahmer findet, sie sich vom gelungenen Beispiel inspirieren lassen.