Navigation und Service

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zur Grundsteinlegung für das Jüdischen Kultur- und Gemeindezentrums am Jakobsplatz in München

Sie haben es gespürt, liebe Frau Knobloch, die Art und Weise, wie Sie erzählt haben, von ihrem 9. November 1938, die hat uns alle bewegt. Wir können nachempfinden, wie widersprüchlich die Gefühle und Gedanken heute an diesem wichtigen Tage sind.

Es gibt ja in jedem Leben Daten, die wie eine Last auf einem liegen, so wie es andere Daten gibt, derer man sich dankbar und glücklich erinnert. Das ist im Leben der einzelnen so, aber es gibt keinen Tag, der so wie eine Last auf den Schultern des deutschen Volkes liegt wie der
9. November, der 9. November, an dem Hass und Gewalt gegen Juden vom Staat ausging, von den Organen des Staates. Das ist der entscheidende Unterschied - auch angesichts mancher antisemitischer Äußerungen - dass der Staat heute den Auftrag hat und wahrnimmt, einzutreten für Toleranz und Gemeinsamkeit, für eine Zivilgesellschaft, in der man, wie das Adorno einmal gesagt hat, "ohne Angst verschieden sein" kann. Dieser 9. November 1938 liegt wie eine Last auf unserem Volk, obwohl es auch andere 9. November gibt, an die wir mit Scham oder mit Freude denken.

Umso wichtiger ist es und umso schöner ist es, dass hier in München jetzt die Zivilgesellschaft mithilft, das Jüdische Zentrum erstehen zu lassen; dass Kirchen, Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Unternehmen, dass alle mittun, damit hier ein neues Zeichen für Heimat entsteht.

Damals vor 65 Jahren waren der Rassismus und die Gewaltpolitik vor aller Augen. Das zeigte sich in Deutschland ganz unverstellt, und darum meine ich jedenfalls, es sei der richtige Tag für einen neuen Grundstein.

Wir sind heute hier, weil wir allen sagen und zeigen wollen, wir werden alles dafür tun, dass das niemals mehr geschieht und niemals mehr geschehen kann. Wenn wir das glaubwürdig sagen, dann wird aus dem Tag der Erinnerung und des Schmerzes auch ein Tag der Freude, der Hoffnung und der Zuversicht.

Sie haben es erzählt, Frau Knobloch, und ich erinnere daran, dass im September dieses Jahres und in den Wochen seither aufgedeckt wurde, dass zum Mord entschlossene Rechtsextremisten auch 65 Jahre nach der Zerstörung wieder ein Zentrum jüdischen Lebens attackieren wollten, schon bevor es gebaut ist.

Wir müssen heute zeigen, dass Einschüchterung und Gewalt das Klima in unserem Land nicht bestimmen dürfen und nicht bestimmen werden. Jede Frau, jeder Mann überall in Deutschland müssen sicher sein vor Diskriminierung und vor Gewalt. Wir sind ein Land der Freiheit und der Toleranz, und deshalb wollen und werden wir Hass, Rassismus und Gewalt nicht dulden, übrigens auch nicht Relativierung und Geschichtsklitterung, wie wir das in diesen Tagen erlebt haben. Angriffe gegen jüdische Mitbürger oder gegen jüdische Einrichtungen sind in sich schon schlimm, aber sie zielen ja nicht nur auf sie. Sie sind Angriffe auf unsere Gesellschaft als ganze. Wer Minderheiten angreift, der legt einen Sprengsatz an das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft. Darum steht heute der Staat, und darum steht heute die große Mehrheit der Gesellschaft gegen die Gewalt.

Wir sind aber darauf angewiesen, dass möglichst viele Bürger sich engagieren, sonst kommt es zu anderen Daten, zu einem anderen 9. November und auch den gibt es in der Geschichte unseres Landes und dieser Stadt.

In München gab es aber auch Widerstand. Es gab die "Stillen Helden", es gab Retter und Helfer. Es gab Menschen, die Juden geholfen haben, oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Vor 10 Monaten habe ich hier in der Universität an die Geschwister Scholl und an den Kreis ihrer Mitstreiter erinnern dürfen. Die jungen Menschen der "Weißen Rose" haben auf ihren Flugblättern auch die Judenverfolgung zu einem Zeitpunkt angeprangert, von dem später viele noch behauptet haben, sie hätten davon nichts gewusst und davon nichts gesehen. Der 23jährige und seine 21jährige Schwester Sophie schreiben: "Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen. Ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann". So heißt es in einem der Flugblätter, die in der Universität abgeworfen worden sind.

Da kamen Menschen mit klaren politischen Vorstellungen und einer festen moralischen Haltung in der "Weißen Rose" zusammen. Sie wussten: Man verliert die eigene Würde und die Selbstachtung, wenn man zulässt, dass die Würde und die Achtung anderer verletzt werden.

Ich finde, dass wir daran erinnern müssen, dass die Geschwister Scholl und die Mitstreiter der "Weißen Rose" ein Beispiel dafür sind, dass es auch in der Diktatur Anstand, Mitmenschlichkeit und einen klaren Blick für die Wirklichkeit gegeben hat. Sie gehören zu den besten Traditionen unseres Landes.

Darum meine ich, heute gebe es gute Gründe dafür, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Es gibt neues jüdisches Leben in Deutschland. Der starke Zuwachs an Mitgliedern führt zu großer kultureller Vielfalt und zu stärkerer öffentlicher Wahrnehmung.

Schon früher haben einige Länder Staatsverträge geschlossen. Am 27. Januar dieses Jahres haben die Bundesrepublik Deutschland und der Zentralrat einen Vertrag unterzeichnet, der eine besondere Förderung der jüdischen Gemeinden in Deutschland gesetzlich festlegt. Deutschland fühlt sich als Gesamtstaat dem religiösen, dem intellektuellen, dem kulturellen jüdischen Leben in der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, und die Begründung sagt zurecht, dass der Erfolg dieser besonderen Bemühungen ein "Gradmesser für die Stärke und die Stabilität der Demokratie" in Deutschland ist.

Ja, wir wollen ein Deutschland, geprägt von Offenheit, von Hilfsbereitschaft von Interesse am Anderen, von der Bereitschaft zu historischer Verantwortung.

Als der Zentralrat 1950 gegründet wurde, lebten in Deutschland 25.000 Jüdinnen und Juden. Heute gibt es wieder 83 jüdische Gemeinden mit etwa 100.000 Mitgliedern, und es kommen immer mehr hinzu. Jede und jeder Einzelne ist ein Vertrauensbeweis für unser Land. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

Freilich weiß ich, dass der große Zuwachs die Gemeinden auch vor Probleme stellt. Die vielen Zuwanderer aus Osteuropa bringen andere Lebensformen, ihre Kultur, ihre Tradition mit nach Deutschland, und wir alle wissen, wie schwierig das oft sein kann.

Was unsere Gesellschaft im Ganzen mit Zuwanderern erlebt, das erleben die jüdischen Gemeinden auf ihre besondere Weise.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass niemand in Deutschland Angst haben muss, ganz gleich wie er aussieht, ganz gleich wo er herkommt, ganz gleich was sein Glaube ist, ganz gleich wie stark oder wie schwach, wie gesund oder krank er ist. Lassen Sie uns gemeinsam für ein Deutschland sorgen, in dem man, wie ich es eben gesagt habe, "ohne Angst verschieden sein" kann.

Probleme sind dazu da, dass wir sie miteinander lösen, und ich wünsche mir und uns allen, dass dieses neue Jüdische Kultur- und Gemeindezentrum ein Ort des Gottesdienstes wird; ein Ort des Dialogs, des gegenseitigen Kennenlernens; ein Ort, der über München hinaus weit in unsere Gesellschaft wirkt.

Jakob hat mit Gott gerungen, und es war tiefe Nacht. Er war völlig verzweifelt, aber Jakob hat dann mit Gott gelebt.

Gottes Segen für Ihre Gemeinde und für unser Land.