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Schiller-Rede von Bundespräsident Johannes Rau

I.

Ich freue mich darüber, heute hier in Marbach zu sein. Für einen Mann, der von Jugend auf mit Büchern und Autoren zu tun hatte, der geschrieben hat und Verlagsbuchhändler gelernt hat, der selber einen Verlag geleitet hat - für den bleibt das hier immer ein ganz besonderer Ort. Der richtige Ort.

Eine Schiller-Rede haben Sie bei mir bestellt. Das ist nicht leicht. Lassen Sie mich deswegen - wie es gute deutsche Redentradition ist - mit einem Zitat beginnen - allerdings stammt es nicht von Schiller:

"Die Geschichte gibt den Nationen immer wieder Gelegenheiten, ihre großen Menschen zu entdecken und in der Erkenntnis dieser Großen sich den Spiegel vorzuhalten, in dem sie sehen können, ob sie selber - hier und jetzt - das Maß dieser Größe ausfüllen. [...] Es kann für sie, wenn sie noch die Kraft der Wandlung in sich spürte, Anlass zu Hoffnung und eine Quelle neuen Werdens, eines neuen Findens zu sich selbst werden."

An diesen Sätzen ist vielerlei bemerkenswert. Gewiss der Inhalt, aber auch der Ort, die Zeit und der Redner sind hochinteressant.

Zunächst muss ich Ihnen sagen, dass mit diesen Sätzen eine Rede über Schiller beginnt.

Wann aber, und von wem?

Es handelt sich um eine Rede von Professor Carlo Schmid, damals Vizepräsident des Deutschen Bundestages, einer der "Väter" des Grundgesetzes, vielleicht einer der gelehrtesten Männer, die je in Deutschland Politik gemacht haben. Er hat die Rede gehalten am Vorabend des 150. Todestages von Friedrich Schiller, am 8. Mai 1955. Die Rede fand statt - und das finde ich nun wirklich bemerkenswert - als Großveranstaltung im Berliner Sportpalast - und diese Veranstaltung stand unter dem Motto "Schiller und das unteilbare Deutschland".

An dieser Konstellation lässt sich vieles von dem deutlich erkennen, was Schiller bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts für die Deutschen bedeutet hat. Und es zeigt sich, wie fern uns vieles geworden ist, was im Verhältnis zu Schiller einstmals große Bedeutung hatte.

Da ist zunächst das selbstverständliche Pathos der Rede, in der ganz ungebrochen davon gesprochen wird, dass "die großen Menschen" der Nation den Spiegel vorhalten können, ja dass eine Nation in einem großen Menschen - in diesem Fall Schiller - zu sich selbst finden könne. Ob das stimmt oder nicht, das will ich hier nicht diskutieren. Es stimmt aber wohl, dass uns solche Gedanken und Redeweisen sehr fern geworden sind. Auch wenn von Zeit zu Zeit über die deutsche Identität oder die Nation diskutiert wird: Dass jemand vorschlägt, eine Selbstfindung der Deutschen im Spiegel von Schillers Leben und Werk zu versuchen, kann man sich eigentlich nicht mehr so recht vorstellen.

Dann der Ort der Rede. Er ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Zunächst verbinden die meisten der heute Lebenden mit dem Wort "Sportpalast" die schrecklichen Reden von Goebbels. Auch wenn er noch lange Jahre nach dem Krieg für alle möglichen Veranstaltungen benutzt worden ist: Im historischen Gedächtnis verbindet der "Sportpalast" sich mit diesen Reden. Nun redete in diesem Sportpalast Carlo Schmid über Friedrich Schiller - und kommt mit keinem Wort auf die historische Bedeutung des Ortes zu sprechen.

Er erwähnt auch mit keinem Wort, dass sich an diesem 8. Mai 1955, an dem er spricht, die deutsche Kapitulation im Zweiten Weltkrieg zum zehnten Male jährt. Heutzutage würde wohl kein Redner darüber hinweggehen, wenn er an diesem Datum über die deutsche Nation und ihre Einheit spräche. Ich will diese Bemerkung keineswegs als verspätete Kritik an dem von mir hoch verehrten Carlo Schmid verstanden wissen. Wir sehen daran nur noch einmal, wie sehr sich die Zeiten geändert haben.

Und ein letztes Beispiel für diesen Abstand. Undenkbar ist es wohl heute, dass Tausende von Menschen sich zusammenfänden, um eines Dichters, nein, heute sagen wir: eines Schriftstellers zu gedenken. Dichterverehrung in dieser Form ist uns fremd geworden - auch die Inanspruchnahme eines Klassikers für eine politische Idee, wie in diesem Falle das "unteilbare Deutschland".

1955 war das nichts Außergewöhnliches. Es war vielmehr ein weiterer, vielleicht ein letzter Höhepunkt der Schiller-Verehrung, die in Deutschland schon eine lange Tradition hatte. Diese Schiller-Verehrung ist uns heute nicht nur fremd geworden, wir haben sie zum großen Teil gar nicht mehr in Erinnerung. Und dabei spielt sie in der deutschen Geschichte keine unwichtige Rolle.

II.

Ich bin kein Schiller-Experte und es ist auch nicht Sinn meiner Ansprache, diese Geschichte detailliert auszubreiten, aber an einige Momente will ich doch erinnern. Auch die Geschichte der Schiller-Verehrung kann uns nämlich, wenn auch nicht unbedingt einen Spiegel vorhalten, so aber doch etwas darüber erzählen, wie wir uns verändert haben.

Die erste große politische Ehrung wurde Schiller bekanntlich nicht in Deutschland zuteil, sondern in Frankreich. Gemeinsam mit 17 anderen Ausländern wie Washington, Pestalozzi oder Klopstock bekam er 1792 von der französischen Nationalversammlung - mit der Unterschrift von Danton - das französische Ehrenbürgerrecht verliehen. In dem Dekret hieß es, diese Männer, also auch Schiller, seien mutig für die Sache der Freiheit eingetreten und könnten deshalb von einer durch Aufklärung zur Freiheit gelangten Nation nicht als Fremde angesehen werden.

Verehrung bedeutet immer auch ein Stück Eingemeindung - und so war der berühmte Satz Goethes:" denn er war unser" so etwas wie ein Signalwort für eine nach Schillers Tod immer mächtiger werdende Schiller-Verehrung der Deutschen.

Zwei große Höhepunkte hatte diese Verehrung, die zeitweise durchaus Züge eines Schiller-Kultes annahm.

Der erste Höhepunkt war ganz gewiss der hundertste Geburtstag Schillers im Jahre 1859. Dieses Jahr hat wohl die größten Schillerfeierlichkeiten der Geschichte erlebt. Eine beispiellose Feierwelle geht durch alle deutschen und deutschsprachigen Länder. Sicher spielt es eine Rolle, dass zu dieser Zeit eine neue Welle nationaler Einigungsgefühle die Menschen bewegte. Im gleichen Jahr, 1859, wird der "Deutsche Nationalverein" gegründet. Es ist immer noch und gerade heute besonders erstaunlich, dass es ein Dichter war, der eine unvergleichliche Volksbewegung auslöste. "Schiller hat uns im Reich der Dichtung zu einer einigen Nation gemacht", so drückte es ein Festredner in Dessau aus.

In fast 500 Städten des gesamten deutschen Sprachraumes wurde der 10. November als eine Art nationaler Feiertag begangen: Fackelzüge, Transparente, Illuminationen, Freudenfeuer, Festbankette, szenische Aufführungen. Man feierte in Rathäusern und Schulen, in Universitäten und Theatern, und auch in Handwerksbetrieben.

Auch in Städten in anderen Ländern, in denen viele Deutsche lebten, gab es große Feiern, zum Beispiel in Paris und in Brüssel. Im englischen Manchester war übrigens Friedrich Engels, das darf ich als Wuppertaler bemerken, "Direktionsvorsitzender" einer "Schiller-Anstalt".

Natürlich wurden bei den Feiern ungezählte Reden gehalten. Für die Sammlung dieser Reden im folgenden Jahr konnten von den anderthalbtausend eingereichten nur 340 berücksichtigt werden.

Es war in der Tat eine Bewegung, die alle ergriff oder zumindest ergreifen sollte. In einer Wiener Zeitung hieß es: "Politisch getrennt, in Parteien zersplittert, von den Leidenschaften des Tages erfüllt, sind alle Deutschen einig im Geiste Schillers...".

Die Feierlichkeiten von 1859 reichten oft schon weit über das Bildungsbürgertum hinaus - an vielen Orten machten Arbeitermusik- und Arbeitergesangsvereine einen großen Teil der Feiernden aus. Erst die Feiern zum 100. Todestag Schillers im Jahre 1905 wurden aber ganz entscheidend von den Arbeitern und von der Sozialdemokratie mitbestimmt.

Ein zeitgenössischer Schiller-Forscher schrieb: "Vor allem aber: eine Bevölkerungsgruppe, der im Jahre 1859 überhaupt noch keine selbständige Bedeutung zukam, die Arbeiterklasse, hat so kräftig eingegriffen, dass ihre Beteiligung der Schiller-Feier auf einer weiten Strecke geradezu ein besonderes Gepräge gab"

Ein Beispiel: Keine einzige der 91 sozialdemokratischen Zeitungen und Zeitschriften im deutschen Kaiserreich verzichtete auf einen Beitrag zu Schiller.

Man wollte zeigen, dass dieser Exponent der deutschen Hochkultur auch auf die Seite der Arbeiterklasse gehört, man wollte zeigen, dass die große Kultur nicht nur Sache des Bildungsbürgertums ist. Typisch für diese Haltung ist ein Gedicht, das damals erschien:

"Denn er war unser!, Nein, ein größer Wort,
Ein heiliges, soll uns vom Munde gehen,
Das reißt die Kühlen und die Kleinen fort,
Das soll im Kampf wie Scharlachfahnen wehen,
Machtvoll erbrausend hallt's die deutsche Erde:
Steht auf und ringt, dass Schillereuerwerde!"

Alle anderen feierten natürlich auch. Gelegentlich bestritten einzelne gesellschaftliche Gruppen sich gegenseitig das Recht, Schiller in Anspruch zu nehmen. Schon damals gab es Kritik daran, dass jeder glaubte, Schiller für seine Sache vereinnahmen zu können.

In einer Wochenzeitung hieß es:

"Wer feiert Schiller nicht?... Jede Richtung, jede Partei, jeder Stand, jede Strömung, alles entdeckt Schiller als Vorläufer, Vorbild und Schrittläufer der eigenen Bestrebungen und Interessen - also feiert man ihn."

Selbstverständlich kann man in Frage stellen, ob bei all diesen Feiern, ja bei dem "Schiller-Rummel", wie man auch schon zeitgenössisch klagte, wirklich Schiller und sein Werk gemeint waren - oder eben nur ein bestimmtes Bild, das man sich machte, ein "Image". Oft schien das Werk aus nicht viel mehr zu bestehen als aus einigen allbekannten Zitaten.

Trotz dieser Kritik und trotz allen Unbehagens, das sich einstellt, wenn man sieht, wie der Dichter auch instrumentalisiert wurde, eines bleibt festzuhalten: In der deutschen Geschichte hatte ein Dichter eine so ungeheure Popularität erreicht, dass praktisch jeder irgendetwas mit ihm verband, dass praktisch jeder wenigstens ein Gedicht, wenigstens eine Sentenz aus einem Drama zu sagen gewusst hätte und in den aktiven Sprachschatz aufgenommen hatte. Alle Schüler, auch die Volksschüler, wurden irgendwann einmal mit Balladen oder Stücken, zumindest in Ausschnitten, konfrontiert.

Bei aller Vereinfachung, gewiss auch oft Verfälschung, die der wirkliche Schiller im Kult um seine Person und sein Werk erfuhr - eines bleibt bemerkenswert: Ein Gegenstand der Hochkultur wurde zum populären Idol, hochartifizielle sprachliche Kunstwerke wurden - und sei es im Fragment - Gegenstände allgemeinen Wissens - und allgemeiner Verehrung und Wertschätzung.

Ja, es gibt viele Zeugnisse für einen gewissen Stolz darauf, dass Schiller keineswegs nur etwas für die Bildungsbürger war, sondern eben für alle - und es gibt das deutliche - sozusagen volkspädagogische - Bemühen darum, Schiller wirklich zum Dichter für alle zu machen.

III.

Diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Dass der große Schillerkult vorbei ist, ist nicht unbedingt zu bedauern. Leider ist aber mit dem Kult auch die Kenntnis und die Lektüre der Klassiker weitgehend verschwunden. Das ist schon sehr zu bedauern. Zwar brauchen die großen Schriftsteller nicht unbedingt hymnische Verehrung - aber die Kenntnis ihrer Werke kann für die Beschäftigung mit den großen Fragen des menschlichen Lebens und der Gesellschaft immer noch außerordentlich fruchtbar sein.

Wir sind durch verschiedene Ursachen und aus verschiedenen Gründen skeptisch geworden gegenüber Verehrung, gegenüber Idolisierung und erst recht gegenüber Instrumentalisierung. Es scheint, als sei uns die Kraft und der Wille zur Verehrung abhanden gekommen.

Keineswegs bedeutet das , dass wir in einer Zeit ohne Vorbilder leben. Es gibt für die meisten Menschen Vorbilder, ab und zu werden sie in mehr oder weniger erleuchteten Umfragen auch abgefragt. Es sind Vorbilder, die dem individuellen Leben Orientierung geben, Vorbilder, die für Menschlichkeit stehen, für Durchhaltevermögen, für Gerechtigkeit, für Frieden.

Von manchen in den genannten Umfragen aufgestellten Rangfolgen halte ich nichts. Bemerkenswert ist aber, dass die Vorbilder offensichtlich sehr individuell ausgewählt werden, dass jeder sehr speziell nach Vorbildern in seinem Leben Ausschau hält. Sonst wäre es auch nicht so, dass sehr viele junge Menschen die eigene Mutter und/oder den eigenen Vater als ihre wichtigsten Vorbilder nennen. Wie das ganze Leben, so hat sich auch die Orientierung an Vorbildern stark individualisiert. Es gibt kaum noch Vorbilder, die von allen oder der großen Mehrheit angenommen werden.

Wenig oder gar nicht werden als Vorbilder jene sogenannten "Kultfiguren" genannt, von denen unsere Zeit so viele kennt. Diese Kultfiguren sind tatsächlich nicht unbedingt das, was man Vorbilder nennen kann. Es ist ein neues Phänomen - und es ist interessant zu sehen, welche Menschen heute zu Kultfiguren werden. In der Mehrheit kommen sie aus dem Sport oder aus dem Showgeschäft.

Besonders im Sport muss man, um zur Kultfigur zu werden, Leistung bringen, man muss auf seinem Gebiet gut sein. Leistung allein aber reicht nicht aus, um zur Kultfigur zu werden. Es muss irgendetwas Ungewöhnliches, etwas "Schräges", wie man auch sagt, hinzukommen, um das zu werden, was man mit dem neuen Wort "kultig" bezeichnet, das fast schon inflationär gebraucht wird.

Was ist dieses "Schräge", dieses "Kultige", wie kann man es genauer auf den Begriff bringen? Es hat nicht so sehr mit dem zu tun, was man früher als verehrungs-oder nachahmenswürdiges Vorbild begriffen hat. Wenn Persönlichkeiten aus dem Fernsehen oder eben dem Unterhaltungsgeschäft als "kultig" bezeichnet werden, dann steckt in diesem Begriff, wie mir scheint, schon mehr als nur ein Hauch von Ironie.

"Kultige" Personen erfahren fast das Gegenteil dessen, was man einst als kultische Verehrung bezeichnet hat. Sie werden zwar ständig in den Medien präsentiert, sie werden inszeniert und inszenieren sich selber in einem Ausmaß, das jede frühere Schiller-Feier übersteigt, sie sind Gegenstand von Gesprächen in der Familie und am Arbeitsplatz, sie werden mit all ihren Affären und Geschichten, mit ihren Vorzügen und Nachteilen täglich durchleuchtet - aber sie werden vermutlich von den meisten von uns nicht wirklich ernst genommen.

Selbstverständlich gibt es auch Stars, die wegen ihrer künstlerischen Begabung und Leistung verehrt und also auch durchaus ernst genommen werden.

Seltsam ist aber, dass es eben auch Kultfiguren gibt, die fast oder ganz ohne eigene Leistung dazu werden. "Kultig" kann jemand werden zum Beispiel wegen besonders auffällig fehlender Intelligenz, oder wegen eines Sprachfehlers, oder wegen eines besonders "schrägen" Aussehens, aber auch wegen besonders auffälliger Gewöhnlichkeit. Manchmal reicht schon die Heirat mit einem Prominenten, dass man es "in die Medien" geschafft hat- und so prominent geworden ist.

Manche Medien sind inzwischen Maschinerien zur Erzeugung von Kultfiguren geworden, Die Haltbarkeit des Ruhmes hängt allerdings sehr von der Verkaufs- oder Einschaltquote ab.

Zu diesen "Kultfiguren", die für kürzere oder längere Zeit das ganze Land bewegen, blicken die meisten Menschen nicht auf. Man behandelt sie eher mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid, aus ein bisschen Neid und viel Ironie. Der große Wirbel um Kultfiguren und Superstars geht tatsächlich einher mit einer ziemlich umfassenden Ironisierung - ja einer Ironisierung von Kult und Verehrung selber. Das ist ein besonderer Ausdruck dessen, was man Spaßgesellschaft nennt.

IV.

Die Trivialisierung von "Kult", die Trivialität dessen, was als Kult gilt, ist ganz gewiss ein großer Unterschied etwa zum Schiller-Kult. Fühlte sich dort der einfache Mensch sozusagen zur Begegnung mit kultureller Leistung hingezogen, so sind es heute gerade oft Intellektuelle, die einen großen Reiz am Trivialen entdecken und oft etwas schadenfroh beobachten, wie die weniger reflektierten darauf hereinfallen.

Man könnte über all diese Erscheinungsformen mit einem Schulterzucken hinweggehen, wenn sich nicht doch Fragen aufdrängten: Was sagt das über unsere Gesellschaft? Was und wer sind wir, wenn solche Kultfiguren sich auf der Bühne drängeln? Durch sie werden auch tagtäglich in aller Öffentlichkeit genau jene Werte bis zur Lächerlichkeit preisgegeben, nach denen wir uns im privaten Leben doch zu richten versuchen und für die auch Vorbilder standen oder stehen.

Die meisten im Publikum delektieren sich an Verhaltensweisen, Einstellungen und Charakterzügen, denen sie im privaten Umgang miteinander wohl lieber nicht begegnen möchten.

Um eine Medienberühmtheit und dann vielleicht eine Kultfigur zu werden, kommt es nämlich oft nicht nur darauf an, rüpelhaft oder schamlos zu sein oder treulos, sondern auch, sich dazu öffentlich zu bekennen, "dazu zu stehen", wie das genannt wird. Rücksichtslos andere in aller Öffentlichkeit herunterzumachen, Geheimnisse auszuplaudern, Unbeherrschtheit, Egoismus und Narzissmus munter und stolz vor aller Augen zur Schau zu stellen - das sind doch seltsame Eigenschaften und Handlungsweisen. Offenbar ist alles erlaubt oder zumindest verzeihlich, solange es in den Medien geschieht. Der höchste Wert, der alle anderen Werte relativiert, ist es offensichtlich, eine öffentliche Figur zu werden.

Man mag solche Sicht für antiquierten Kulturpessimismus halten. Es war aber immerhin die ZEIT, die wohl nicht im Geruch des Reaktionären steckt, die vor kurzem auf ihrer ersten Seite feststellte: "Die Medien erwecken den Eindruck, die Intimsphäre sei kein schützenswertes Gut mehr, allein deshalb, weil das größte denkbare Glück für alle scheinbar darin besteht, sich selbst öffentlich auszustellen."

Ich habe gesagt, dass das "Kultige" nicht wirklich ernst genommen wird. Es gibt aber Ausnahmen. Viele, oft sehr junge Menschen schauen ihren selbstgewählten Superstars zu, ohne die oft zynische Inszenierung zu durchschauen, deren Objekt sie sind, also auch ohne ironische Distanz. Sie nehmen ihre Superstars ernst. Vielleicht teilen sie nicht die von ihnen indirekt vermittelten Werte. Vielleicht suchen sie sich ihre Vorbilder und Wertorientierungen tatsächlich jenseits dieser Kultfiguren.

Vielleicht aber teilen sie mit den Kultfiguren diesen Wunsch nach öffentlicher Beachtung. Und vielleicht ist diese Sucht nach öffentlicher Beachtung Anzeichen für ein schweres gesellschaftliches Defizit: dass viele Menschen einfach zu wenig Beachtung erfahren, zu wenig Achtung.

In den Superstars und Kultfiguren feiern die Fans möglicherweise vor allem ihren eigenen Wunsch nach Achtung und Beachtung - und sie drücken damit auch das Defizit an wirklichen Vorbildern aus. Vielleicht ist es ja bezeichnend, dass das Wort "Respekt" gegenwärtig einer der wichtigsten Begriffe der Jugendsprache ist, obwohl doch gerade durch Respektlosigkeit Aufmerksamkeit erzielt wird. Ich glaube, dass gerade viele junge Menschen den Mangel an Respekt, den Mangel an Aufmerksamkeit und an Achtung sehr gut und sehr tief spüren.

An dieser Stelle kann man vielleicht genauer den Unterschied beschreiben, der etwa zwischen dem Schiller-Kult der Vergangenheit und dem Umgang mit den Kultfiguren heute ausmacht.

Der Unterschied besteht, so glaube ich, darin, dass in der Schiller-Verehrung mit der Person oder mit dem Werk ein wirkliches Ideal verehrt wurde, für das Person und Werk standen, ja, das über die Person hinausging - nehmen wir z.B. das Schillersche Freiheitspathos. Mag sein, dass Person und Werk mit diesem Ideal gar nicht so viel zu tun hatten, mag sein, dass es falsche Instrumentalisierung gegeben hat, mag sein, dass uns manche dieser Ideale heute nicht mehr so viel sagen: der Umstand, dass hier ein Ideal verehrt wurde, das das eigene Leben überstieg und ihm so zur Orientierung wurde, das macht den eigentlichen und den legitimen Kern einer Verehrung aus, wie man sie in der Schiller-Verehrung finden kann.

Bei unseren heutigen Kultfiguren kommt es mir so vor, als wenn das Alltägliche sich nur feiere - ein bisschen schräger und ein bisschen anders als der Normalbürger, auf keinen Fall aber wird ein Ideal gefeiert, das moralische oder ethische Orientierung gäbe. Nichts weist in Wirklichkeit über den Gefeierten hinaus, alles weist nur auf die Person selber. Mag sein, dass eine gewisse Haltung, ein gewisses Aussehen nachahmenswert erscheinen - letztlich ist es die Feier des Selbst oder seiner Wünsche.

V.

Solche Veränderungen sind immer auch Anfragen an die Gesellschaft, an die politische, kulturelle und ethische Lage, auch Anfragen an Medien - und an die Schule sind angebracht.

Ich plädiere gewiss nicht für ein Zurück zum Schiller-Kult. Ich frage aber, ob mit dem Kult nicht zugleich auch Maßstäbe, Vorbilder und Ideale aufgegeben wurden. Ich frage auch, ob es wirklich richtig ist, dass wir das Wort vom "Volk der Dichter und Denker" nur mehr ironisch über die Lippen bringen. Schämen wir uns dieser kulturellen Blüte? Ahnen wir vielleicht intuitiv, dass viele der kulturellen Hervorbringungen unserer Tage gegenüber den Klassikern nicht gut bestehen können?

Viele Entwicklungen sind nicht zurückzudrehen und es hat keinen Sinn, gegen Windmühlen zu kämpfen. Die Gesellschaft, in der wir leben, wird von den Medien und ihren Wirkungsmustern geprägt. Bildung hat in dieser von den visuellen Medien geprägten Gesellschaft eine besondere, nämlich eine kritische Funktion. Und ich bin fest davon überzeugt, dass zu einem solchen Begriff von Bildung die Bildung des sprachlichen Vermögens und die literarische Bildung unverzichtbar sind.

Musik und Bilder, Film und Video - all das sind wichtige Ausdrucksformen und in all diesen Sparten gibt es Klassiker, die man kennen sollte. Es ist aber die Sprache, die uns das nächstliegende und wichtigste Ausdrucksmedium ist. Schrift und Sprache sind es, die in unserer Kultur Subjektivität, Vernunft und Wahrheit möglich machen. Immer noch gilt einer, der sich gut auszudrücken weiß, als gebildet - und immer noch gilt das Schreiben eines Buches als etwas besonders Bedeutendes.

Unfreiwillig machen das übrigens unsere gegenwärtigen Kultfiguren deutlich, die nun ein autobiographisches Buch nach dem anderen veröffentlichen, wenn auch nicht selber geschrieben. Das Buch ist eben immer noch ein besonderer Ausweis künstlerischer und intellektueller Anstrengung und Gestaltung.

Es wäre ein Verschleudern kultureller Schätze, wenn wir unsere Sprachfähigkeit und unsere Ausdruckmöglichkeiten nicht wenigstens von Zeit zu Zeit an den Gedichten und Stücken unserer Klassiker schulen würden. Auch ein bisschen Schiller hat in dieser Hinsicht noch keinem geschadet.

VI.

Meine Damen und Herren,

ich habe begonnen mit dem Hinweis auf die große Schiller-Veranstaltung mit Carlo Schmid im Berliner Sportpalast im Jahre 1955. Nun - auch vor fast fünfzig Jahren war die Schiller-Begeisterung nicht über Gebühr strapazierbar. Ich zitiere aus einem Zeitungsbericht über diese Veranstaltung:

"Als Schmid jenes Schillerwort zitierte, nach dem wir zunächst aufgerufen seien, fremde Freiheit zu bewahren, um dann selber versuchen, frei zu sein, klang spontaner Beifall auf. Allerdings zeigte sich in der Art des immer wieder anschwellenden Beifalls bald, dass die Zuhörer dem Redner bedeuten wollten, diese Sentenz von Schiller als Schlusspointe seines Vortrages zu nehmen. Die Hörerschaft, die nicht darauf vorbereitet schien, einen nicht nur ausgezeichneten, sondern auch breit angelegten Vortrag zur Würdigung Schillers zu hören, zwang den Redner schließlich, den Vortrag abzubrechen."

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen dafür, dass sie mich heute besser behandelt haben.