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Grußwort von Bundespräsident Johannes Raubei der Preisverleihung "Fit for Fair" der Otto-Brenner-Stiftung

Lieber Herr Dr. Blank,

Herr Peters,

meine Damen und Herren,

ich bin wahrscheinlich einer der wenigen hier im Saal, die Otto Brenner noch selber gekannt und die mit ihm zusammengearbeitet haben. Ich habe mit ihm die Schule der IG Metall in Sprockhövel eingeweiht, als ich vor mehr als 30 Jahren Wissenschaftsminister in meinem Heimatland Nordrhein-Westfalen war.

Ich habe aber auch noch aktuellere und schönere Erinnerungen als Schuleinweihungen. Vor vier Wochen war die Mannschaft von Hertha BSC bei mir im Schloss Bellevue zu Gast, und da bin ich Ehrenmitglied geworden. Ich habe das gern angenommen, weil man die Schwachen unterstützen muss, und weil auch im irdischen Leben gilt, was im Neuen Testament steht, dass die Letzten auch mal die Ersten sein können. Jetzt habe ich das Trikot Nr. 1. Ich fürchte, in nächster Zeit werde ich es nicht tragen. Mir ist das Risiko zu groß - und zwar für Hertha und für mich.

Mit diesem Trikot habe ich jetzt Sportbekleidung, und Sportbekleidung, das weiß ich von meinen Kindern, ist bei jungen Menschen sehr beliebt, nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag. Sportbekleidung ist Ausdruck eines Lebensgefühls, ein Symbol, heutzutage sagt man: Kult. Hier sind einige im Saal, auch solche, die Otto Brenner nicht mehr gekannt haben können, die können sich aber doch noch an die Zeit im vorigen Jahrhundert erinnern, als sich in Hessen einer als Minister mit Turnschuhen vereidigen ließ. Den "Turnschuhminister" haben sie ihn damals genannt. Nun weiß ich nicht, nach welchen Kriterien der heutige Bundesaußenminister damals seine Turnschuhe ausgesucht hat, aber es sind Schuhe, die heute im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt sind.

Ich weiß, immer mehr Menschen machen sich Gedanken darüber, unter welchen Bedingungen, unter welchen Arbeitsbedingungen und mit welchen Folgen für die Umwelt die Waren produziert werden, die wir jeden Tag kaufen und konsumieren. Das gilt für ganz unterschiedliche Güter und Produkte - für Obst, für Gemüse, für andere Lebensmittel, für Teppiche und Textilien, aber auch für Fußbälle, für Sportschuhe und für Sportbekleidung.

Jeder von uns kann etwas tun. Jeder kann zu einem fairen Welthandel beitragen. Das scheint naiv, aber es gibt gute Bespiele dafür. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen fair gehandelten Kaffee, Orangensaft und Kakao und versuchen damit zu einer gerechteren Welt beizutragen. "Transfair" leistet seit mehr als zehn Jahren wertvolle Arbeit, die ich nach Kräften unterstütze. Im Schloss Bellevue und in der Villa Hammerschmidt in Bonn werden nur fair gehandelter Kaffee und Saft getrunken.

Nun hat es im Vorfeld der heutigen Preisverleihung, Herr Dr. Blank hat darauf hingewiesen, ein paar Diskussionen gegeben. Es gab manche Irritationen, es gab viele Telefongespräche und viele Briefe, hitzige Gespräche, vielleicht auch ein paar Missverständnisse, so ist mir jedenfalls berichtet worden. Das macht deutlich: Wir haben es hier mit einem Thema zu tun, das nicht nur sehr wichtig ist, sondern auch sehr sensibel, denn es geht um berechtigte wirtschaftliche Interessen und um individuelle und gesellschaftliche Wertvorstellungen von Leben und Arbeit. Bei solchen Themen ist es besonders dringlich, dass sorgfältig recherchiert wird und dass die Beteiligten miteinander sprechen, bevor sie sich öffentlich oder halböffentlich übereinander äußern.

Miteinander sprechen, verhandeln, Vereinbarungen treffen, das ist in Deutschland eine bewährte Tradition zwischen Unternehmen und Gewerkschaften. Da sehe ich im konkreten Fall noch Verbesserungsmöglichkeiten. Ich habe aber auch den Eindruck, dass beide Seiten das wissen und dass sie sich in Zukunft entsprechend verhalten werden. Fairness sollte ja nicht nur oberstes Gebot sein bei den Arbeitsbedingungen in den so genannten Entwicklungsländern, sondern auch im Umgang miteinander und untereinander.

Für mich stehen bei der heutigen Preisverleihung zwei Gesichtspunkte im Vordergrund. Erstens ist es mir wichtig, junge Menschen zu ermutigen, damit sie sich nicht nur für sich selber interessieren und verantwortlich fühlen, sondern für andere da zu sein versuchen. Zum Zweiten liegt mir daran, dass wir über allen ökonomischen Fragen der Globalisierung nicht verdrängen, dass in einer globalisierten Welt auch unsere Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in fernen Ländern wachsen muss. Ich fahre nächste Woche in vier lateinamerikanische Länder. Da wird das natürlich ein großes Thema sein.

Die Otto-Brenner-Stiftung zeichnet heute junge Frauen und Männer aus, die bei jungen Menschen, die Sportartikel kaufen, Bewusstsein dafür wecken wollen, dass sie als Käufer Einfluss darauf haben, wie Unternehmen ihre Produkte herstellen. Die Sportschuhe, die in Berlin und Leipzig, in München oder Düsseldorf verkauft werden, werden heute fast ausschließlich in sogenannten Entwicklungsländern produziert. Die Fabriken liegen geographisch von uns weit entfernt, aber sie sind nicht aus unserem Blickfeld. Uns ist nicht gleichgültig, was da geschieht. Das ist, wenn ich es richtig verstehe, die Botschaft dieses Wettbewerbs "Fit for Fair".

Es gibt gute und schlechte Beispiele in jedem Wirtschaftsbereich. Nach meinem Eindruck wissen heute aber immer mehr Unternehmen, dass sie es sich nicht länger leisten können, in Asien, in Afrika oder Lateinamerika unter Bedingungen produzieren zu lassen, die Anlass zu Kritik geben. Das gilt natürlich besonders für Unternehmen, deren Produkte so viel öffentliche Aufmerksamkeit finden wie Sportschuhe und andere Sportbekleidung. Nach meinem Eindruck erkennen immer mehr Unternehmen, dass es auch in ihrem eigenen wirtschaftlichen Interesse ist, wenn sie sozial und ökologisch verantwortlich handeln. Dieses Verhalten wird nicht dadurch weniger wert, dass es oft der Kritik und der Anstöße von außen bedurfte und bedarf, damit sich im Unternehmen etwas verändert und damit Unternehmen sich ändern. Es darf uns ja nicht gleichgültig sein, wie die Menschen leben und arbeiten, die das herstellen, was wir kaufen.

Die Hersteller von Sportartikeln wissen, dass faire Produktionsbedingungen heute auch ein zugkräftiges Werbeargument sind. Auch darum haben sich viele Firmen den klaren Regeln unterworfen, die die "Fair Labor Association" aufgestellt hat. Das trägt dazu bei, die wirtschaftliche Globalisierung sozial zu gestalten. Diesem Ziel dient auch der von Kofi Annan, dem UNO-Generalsekretär, ins Leben gerufene "Global Compact", mit dem weltweit agierende Unternehmen sich verpflichten, grundlegende Arbeitsbedingungen zu erfüllen. Dazu gehören die Achtung der Menschenrechte, das Recht auf gewerkschaftliche Betätigung und freie Tarifverhandlungen, die Ächtung von Zwangsarbeit, das Verbot von Kinderarbeit, das Verbot jeglicher Diskriminierung und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Diese Grundsätze gelten für das ganze Unternehmen, ganz gleich, in welchem Land es produziert oder produzieren lässt.

Ich bin dankbar für jede Firma, die sich diesen Grundsätzen verpflichtet fühlt. Ich danke allen dafür, dass sie sich einsetzen, damit die Bedeutung dieser Grundsätze noch stärker ins öffentliche Bewusstsein kommt.

Viele große Unternehmen haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass ihnen die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen dabei helfen kann, Missstände zu beseitigen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und im Gastland, aber auch im eigenen Land, anerkannt und gut gelitten zu sein. Übrigens rechnet sich das auch. Ausbeutung von Menschen und Umweltzerstörung sind nicht nur unfair und unanständig, sie sind - auf Dauer jedenfalls - auch gegen die wirtschaftliche Vernunft. Darum sind weltweit geltende Sozial- und Umweltstandards ein Beitrag zur Bekämpfung unlauterer Konkurrenz und fördern damit letztendlich die Unternehmensrendite.

Globale Unternehmen tragen globale Verantwortung. Sie müssen sich deshalb auch global kritische Fragen stellen lassen. Kluge Eigentümer und Manager wissen das und packen den Stier bei den Hörnern: Sie suchen das Gespräch mit den Kritikern und machen deutlich, dass sie auch in weit entfernten Ländern nichts zu verbergen haben.

Ich hoffe und ich wünsche mir, dass auf der Jahrestagung der Otto-Brenner-Stiftung, die sich an diese Preisverleihung anschließt, auch gute Beispiele verantwortungsbewusster Unternehmen zur Sprache kommen. Es gibt ja viele solcher guten Beispiele. Wir sollten alle mit unseren Möglichkeiten dazu beitragen, dass es in Zukunft noch mehr werden. Ich finde wie Herr Dr. Blank, dass es ein gutes Zeichen ist, dass Verantwortliche der großen deutschen Sportartikelunternehmen heute hier sind und das Gespräch mit denen suchen, denen vieles nicht schnell genug geht und manches nicht weit genug geht. Ich kann ja beides oft gut verstehen.

Diese Ungeduld empfinden gewiss auch die Preisträger. Also sage ich Ihnen allen meinen Glückwunsch. Sie haben sich Gedanken über ein Thema gemacht, das uns alle angeht. Das verdient Dank und Anerkennung, weil Sie sich nicht nur für sich selber interessieren, sondern Verantwortung spüren und etwas tun.

Ich fände es gut, wenn die Sportartikelhersteller und ihre Kritiker sich gegenseitig nicht nur als Gegner sähen und sich nicht als Feinde empfänden, sondern als Partner. Partner können durchaus unterschiedliche Interessen haben und unterschiedliche Sichtweisen, aber sie können sich auf ein gemeinsames Ziel verständigen. Das Ziel muss sein, dass Unternehmen mit guten Produkten gutes Geld verdienen, weil sie ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung gerecht werden. Das kann gelingen und das wird gelingen. Das wünsche ich mir und Ihnen.

Ich gratuliere den Preisträgern und wünsche Ihnen allen einen schönen, sinnvollen, nützlichen und erfüllten Tag.