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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Staatsbankettes, gegeben von Staatspräsident Vicente Fox

Meine Frau und ich haben uns schon lange auf den Besuch in Mexiko gefreut. Für uns stand außer Frage, dass unsere erste offizielle Reise nach Lateinamerika Mexiko einschließen müsse. Unsere Erwartungen sind nicht enttäuscht worden: Die Herzlichkeit und Freundlichkeit, mit der uns die Menschen in Mexiko willkommen geheißen haben, haben meine Frau und mich sehr bewegt, und ich danke Ihnen dafür herzlich.

Wir haben heute, am ersten Tag unseres Besuches in Mexiko, bereits einen guten Eindruck von der Lebendigkeit und Dynamik von Mexiko-Stadt bekommen, von der Tiefe seiner Kultur und von der Lebensfreude seiner Menschen.

I.

Die deutsch-mexikanische Freundschaft hat eine lange und gute Tradition, die vor genau 200 Jahren - und Sie, Herr Präsident Fox, haben es erwähnt - mit der Forschungsreise Alexander von Humboldts begonnen hat. Ich freue mich sehr darüber, dass dieses wechselseitige Interesse füreinander bis heute anhält. Heute nachmittag konnte ich eine Tagung von deutschen und mexikanischen Wissenschaftlern eröffnen. Sie tauschen sich gemeinsam mit den mexikanischen Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung über den Stand ihrer Forschungen aus und beraten über die Vertiefung ihrer Zusammenarbeit.

Das deutsche Interesse an Mexiko, an seiner langen Geschichte, an seiner Tradition und seiner geheimnisvollen Kultur zeigt sich schon in der Zahl von mehr als 300.000 deutschen Touristen, die in jedem Jahr nach Mexiko fahren. Die spektakuläre Aztekenausstellung in Berlin und Bonn hat in diesem Jahr vielfach zur Überfüllung der Museen geführt, obwohl sie über Wochen gezeigt wurde. Der Erfolg des Festivals "Mex@rtes" im vergangenen Jahr in Berlin beweist, dass die Deutschen sich nicht nur für die präkolumbianische Kultur Mexikos interessieren, die sie aus den Abenteuerbüchern ihrer Kindheit kennen, sondern durchaus auch für zeitgenössische Kunst aus Mexiko.

II.

Der kulturelle Austausch zwischen unseren Länder spielt sich heute wesentlich auch auf dem Gebiet der Populärkultur ab. Mexiko - und sein erheblicher Einfluss auf das Lebensgefühl junger Europäer - sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Globalisierung keine Einbahnstraße ist. Sie geht in beide Richtungen. Noch heute, das habe ich in den wenigen Stunden meines Aufenthalts gut erleben können, dominiert der Käfer, den Sie "Vocho" nennen, das Straßenbild in Mexiko-Stadt. Für eine ganze Generation von Deutschen - und offenbar auch von Mexikanern - hatte dieser Vocho Kultstatus und war Symbol einer deutsch-mexikanischen Erfolgsgeschichte. Heute wiederum ist gerade bei jungen Deutschen - und nicht nur beim französischen Präsidenten mexikanisches Bier groß in Mode. "Burritos" und "Tacos" gehören wie selbstverständlich zum Vokabular eines jeden jungen Deutschen, der etwas auf sich hält.

III.

Diese Produkte zeigen: Mexikanische Unternehmen können durchaus auf dem deutschen Markt erfolgreich sein. Langfristig kann so ein größeres Gleichgewicht in unseren Handelsbeziehungen entstehen, wie Sie es mehrfach gefordert haben. Seit der Gründung der Nordamerikanischen Freihandelszone ist das Interesse deutscher Unternehmen an Mexiko noch weiter gestiegen. So begleitet mich auch eine namhafte Unternehmerdelegation aus mittelständischen Betrieben. Mehr als 800 deutsche Unternehmen - und Sie haben diese Zahl genannt - sind in Mexiko präsent und zeichnen für rund fünf Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich.

IV.

Mexiko und Deutschland teilen gemeinsame Werte und Interessen. Dazu gehören das Bekenntnis zum demokratischen Machtwechsel, zu den Menschenrechten und der Kampf gegen Machtmissbrauch, gegen Korruption, gegen organisierte Kriminalität und gegen Drogenhandel. Gerade beim Kampf gegen den internationalen Drogenhandel können wir unsere Zusammenarbeit in der Zukunft noch verstärken. International sind wir mit neuen globalen Gefahren und Aufgaben konfrontiert, die es vielfach schon vor den Terrorangriffen des 11. Septembers 2001 gab, die seitdem aber allen politischen Akteuren als zentrale Herausforderung verstärkt präsent sind. Dazu zähle ich den internationalen Terrorismus und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, dazu zähle ich Regionalkonflikte und die Gesellschaften, die in einen Zustand der Vorstaatlichkeit zurückzufallen scheinen. Extreme Armut und Hunger, eklatante Einkommensunterschiede, Umweltzerstörung und Epidemien wie Aids oder Malaria sind vielfach Quelle für regionale Auseinandersetzungen und Terrorismus und darum eine Bedrohung des Friedens weltweit. Globale Probleme brauchen globale Antworten. Gerade in den letzten Wochen und Monaten ist am Beispiel des Irakkriegs und vor allem an der Frage des Wiederaufbaus deutlich geworden, dass allein das gemeinsame Handeln der Weltgemeinschaft eine angemessene - und legitime - Antwort sein kann. Deutschland bekennt sich daher zur Stärkung multilateraler Strukturen, wie wir sie in den Vereinten Nationen haben. Nur mit ihrer Hilfe lässt sich eine gerechte internationale Ordnung schaffen, die weltweit akzeptiert werden kann. - Mexiko und Deutschland haben als nicht-ständige Mitglieder des Sicherheitsrates in den vergangenen Monaten gut zusammengearbeitet. Beide wollen und müssen in Zukunft international noch mehr Verantwortung übernehmen, wenn sie die internationalen Beziehungen mitgestalten wollen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich unsere beiden Länder in Zukunft noch enger abstimmen. Das könnte etwa in der Form regelmäßiger Konsultationen geschehen.

V.

Lassen Sie mich zum Abschluss von der internationalen Politik zur mexikanischen Kultur zurückkehren. Teil ihrer Tradition sind die Gegensatzpaare von Sonne und Mond, von Tag und Nacht, von Leben und Tod. Meine Delegation und ich werde die Verkörperung dieses Prinzips morgen beim Besuch der Sonnen- und der Mondpyramide von Teotihuacan erleben. Gerade wurde an Allerheiligen und an Allerseelen daran erinnert. Wir Deutschen - das darf ich ruhig zugeben - neigen besonders im dunklen und kühlen November zur Melancholie. Mexikaner erinnern sich mit Heiterkeit und Hoffnung. Ich wünsche mir, daß wir Deutsche uns häufiger ein Beispiel daran nähmen, daß wir die Lebenslust der mexikanischen Fiesta bei der Bewältigung unserer wirklichen - und manchmal bei unseren scheinbaren - Probleme aufgriffen