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Rede von Bundespräsident Johannes Rau vor der deutsch-chilenischen Handelskammer

Ich freue mich sehr darüber, heute bei Ihnen zu sein und vor einem ausgewählten Kreis von erfolgreichen Unternehmern aus Chile und Deutschland sprechen zu können. Ich möchte mich auch im Namen der mich begleitenden Unternehmer bei der deutsch-chilenischen Handelskammer dafür bedanken, dass sie uns ein Forum zur Verfügung stellt, damit wir gemeinsam überlegen, ob und wie wir ganz konkrete Projekte auf den Weg bringen können.

I.

Chile mag - von Deutschland aus gesehen - auf der anderen Seite der Erde liegen und deshalb auf der Landkarte weit entfernt scheinen. Trotz der geografischen Distanz gilt allerdings, dass Chile für uns Deutsche über viele Generationen hinweg ein guter und wichtiger Partner gewesen ist.

Die deutschen Einwanderer nach Chile haben den besonderen Charakter der Beziehungen zwischen Chile und Deutschland mitgeprägt. Ich werde viele von ihnen später am heutigen Tag in Valdivia im Süden Chiles treffen und freue mich darauf, von ihren Erfahrungen in der Vergangenheit und ihren Erwartungen an die Zukunft zu hören. Die deutschen Einwanderer nach Chile haben den Kontakt zu ihrem Heimatland nie ganz abreißen lassen, viele von ihnen sprechen Deutsch, und dieser andauernde Kontakt hat die deutsch-chilenische Zusammenarbeit in vielen Bereichen begünstigt.

II.

Wie Sie wissen, haben die Ereignisse der jüngeren chilenischen Geschichte uns auch in Deutschland sehr bewegt und niemanden unbeteiligt gelassen. Umso mehr freue ich mich heute darüber, Gast in einem demokratischen Chile zu sein, dessen Entwicklungsstand zu Beginn des 21. Jahrhunderts und dreißig Jahre nach den dramatischen Ereignissen von 1973 wirklich beeindruckend ist. Der Fortschritt Ihres Landes ist geradezu mit Händen zu greifen: Eine funktionsfähige Demokratie, eine moderne Infrastruktur und ein leistungsfähiges Telekommunikationsnetz im ganzen Land.

Meine Delegation, meine Frau und ich waren am Sonntag Abend auf dem Cerro San Christobal. Für uns hat das Wort Naturereignis einen ganz neuen Klang bekommen, und ich glaube sagen zu können, dass wir alle sehr begeistert waren - nicht nur von der landschaftlichen Schönheit des Ortes, sondern auch von der wirtschaftlichen Dynamik, die in den Hochhäusern und der modernen Büroarchitektur Santiagos ihren Ausdruck findet. Chile hat in verhältnismäßig kurzer Zeit beeindruckende Schritte zu mehr Wohlstand unternommen.

Dabei freut mich besonders, dass die notwendige Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit deutlichen Fortschritten auch im Sozialen, also bei der Situation der Menschen in Ihrem Land und bei der Bekämpfung der Armut einhergegangen ist. Ich bin überzeugt davon, dass eine harmonische gesellschaftliche Entwicklung nur erfolgen kann, wenn Wirtschafts- und Sozialpolitik zusammenwirkten und sich die Lebenschancen aller verbessern. Finanzpolitische Disziplin und wirtschaftspolitische Reformen müssen von der Teilhabe der gesamten Gesellschaft am Wohlstand begleitet werden, wenn diese Gesellschaft diese Disziplin und diese Reformen mittragen soll.

Chile ist heute ein Ruhepol politischer und wirtschaftlicher Stabilität auf einem Kontinent mit vielen Problemen und Krisen. Auch darin liegt seine besondere Bedeutung für Deutschland. Sie können sicher sein, dass in Deutschland genau beobachtet worden ist, dass gerade Chile ein Übergreifen der regionalen Krisen der letzten Jahre erfolgreich hat verhindern können.

Sie, die Chilenen, haben deshalb allen Grund zu Stolz und Zufriedenheit. Natürlich gibt es aber auch weitere Herausforderungen zu bewältigen: Auch bei uns in Deutschland ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, wie wichtig ein leistungsfähiges Bildungswesen ist. Bildung ist die zentrale Voraussetzung für Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt. Der Zugang zur Bildung für alle wiederum und damit die Chancengleichheit ist die Basis sozialer Gerechtigkeit.

III.

Deutschland ist immer ein Partner und Freund Chiles gewesen. Wir haben das nach dem Ende der Militärdiktatur gezeigt, als wir die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit Chile sofort wieder aufgenommen haben. Entwicklungshelfer, Experten und politische Stiftungen sind ins Land zurückgekehrt und haben beim Aufbau der Infrastruktur und der Stärkung der Demokratie in Chile geholfen. Mit einigen dieser deutschen Experten, die noch heute hier arbeiten, habe ich am vergangenen Sonntag sprechen können. Sie haben mir von ihrer Einschätzung der Lage in Chile berichtet. - In der technischen und finanziellen Zusammenarbeit sind von Deutschland seit 1990 mehr als 450 Mio. Euro in die Entwicklung Chiles investiert worden. Sie werden verstehen, wir freuen uns sehr darüber und sind auch ein wenig stolz darauf, dass wir mit dieser Arbeit einen Beitrag leisten konnten zur positiven Entwicklung Ihres Landes.

Deutschland steht Chile weiterhin als starker Partner in Europa zur Verfügung. In wirtschaftlich schwieriger Zeit schafft Deutschland im Moment auf dem Reformweg die Voraussetzungen zur Überwindung der Stagnation und für wirtschaftliches Wachstum in den kommenden Jahren. Lassen Sie sich von der manchmal verbreiteten Untergangsstimmung nicht täuschen. Es gehört in Deutschland schon zum guten Ton, dass die Stimmung schlechter ist als die tatsächliche Lage. Es gibt Menschen, die, wenn sie Licht am Ende des Tunnels sehen, sofort ein neues Stück Tunnel kaufen. Wir haben allen Grund, auf die Innovationsfähigkeit Deutschlands zu vertrauen und optimistisch in die Zukunft zu sehen.

Deutschland und Chile sind heute wichtige Wirtschaftspartner füreinander. Chile bietet - wie übrigens auch Deutschland - hervorragende Bedingungen für Investitionen aus dem In- und Ausland. Als wir vor Beginn der Reise über das Programm der Wirtschaftsdelegation nachgedacht haben, war zunächst auch ein Gespräch zu Investitionshindernissen in Chile vorgesehen. Wir haben dieses Gespräch dann aus dem Programm genommen, weil uns besser Informierte vor Ort gesagt haben, dass es für ein derartiges Gespräch jedenfalls weniger Stoff als zu Hause gebe, so gut seien die Investitionsbedingungen.

Chile ist zudem ein wichtiger Handelspartner Deutschlands. Dazu tragen auch die vielen Chilenen deutscher Abstammung bei, die seit vielen Generationen als Unternehmer am Aufbau Chiles mitwirken und heute wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg des Landes haben. Trotz der großen Entfernung zwischen unseren Ländern ist der Handelsverkehr zwischen Deutschland und Chile deshalb intensiv. Mit einem Volumen von mehr als 1,2 Mrd. Dollar im vergangenen Jahr und den in diesem Jahr erkennbaren Steigerungen sind wir auf einem gutem Weg. Deutsche Produkte, so habe ich mir sagen lassen, genießen in Chile seit langen Jahren einen herausragenden Ruf wegen ihrer hohen Qualität und ihrer Zuverlässigkeit. Chilenische Exportprodukte wiederum, besonders der chilenische Wein und die Vielfalt an Obst- und Gemüseprodukten, sind in Deutschland in nur wenigen Jahren bekannt geworden und erfreuen sich steigender Beliebtheit.

IV.

Die Beziehungen sind also gut. Die Voraussetzungen für eine weitere Intensivierung der wirtschaftlichen Aktivitäten stimmen. Was uns heute fehlt, ist ein Projekt, dass diesen erfreulichen Stand der Beziehungen nach außen hin dokumentiert und gleichzeitig der deutschen Wirtschaft deutlich signalisiert, dass sich das Geschäft mit Chile lohnt; ein Projekt mit Ausstrahlungskraft also. Chile entscheidet in wenigen Tagen über die Vergabe eines Projekts, von dem wir glauben, dass es diese Funktion erfüllen könnte, und wir warten mit gespannter Zuversicht auf die Entwicklung der kommenden Wochen.

V.

Auf dieser Reise nach Chile werde ich von einer Reihe von deutschen Unternehmern begleitet, die heute hier sind. Sie repräsentieren das, was eigentlich Deutschland wirtschaftlich stark und seine Menschen wohlhabend gemacht hat: den deutschen Mittelstand. Leider erinnern wir uns oft nur in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit daran, dass es vor allem die deutsche mittelständische Industrie ist, die Arbeitsplätze schafft und dauerhaft sichert, die Ausbildungsplätze anbietet und in der die Zahl der Patente höher ist als in der Großindustrie. Ich freue mich deshalb besonders darüber, dass über meine eigene Unternehmerdelegation hinaus eine weitere, noch erheblich größere Unternehmerdelegation aus Hessen zu uns gestoßen ist, so dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass wir heute in Santiago eine wirklich beeindruckende Vertretung der deutschen Wirtschaft aufbieten können.

Ich hoffe und ich wünsche mir, dass die Kooperationsgespräche, die Sie gleich miteinander führen werden, einen Beitrag zur weiteren Intensivierung unserer Wirtschaftsbeziehungen leisten werden. Die Voraussetzungen dafür, ich sagte es schon, sind gut.

Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass ein starker Impuls für die Realisierung konkreter Projekte und der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern zu den Ergebnissen meiner Reise führen wird, die noch weiter nach Uruguay und Brasilien geht.