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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde in der "Universidad Austral"

Ich danke Ihnen allen ganz herzlich, vor allem dem Rektor der Universität Austral und dem Bürgermeister der Stadt Valdivia, für den freundlichen Empfang in der Universität und in der Stadt. Ich freue mich, daß ich nach dem Besuch in der Hauptstadt Santiago auch die Gelegenheit habe, Valdivia zu besuchen - die Stadt, die wie kaum eine andere in Ihrem Land eng mit der deutschen Einwanderung in Chile verbunden ist. Die Doktorwürde, mit der Sie mich soeben ausgezeichnet haben, ist für mich eine große Ehre und eine helle Freude.

I.

150 Jahre deutsche Einwanderung - das ist vielleicht doch ein Rückblick auf ein Stück Geschichte wert, auf eine Geschichte, die für Chilenen und Deutsche gleichermaßen von Bedeutung ist. Die deutsche Einwanderung nach Chile war Teil einer großen Bewegung, in der Millionen von Europäern ihre Heimat verlassen und sich auf allen Kontinenten angesiedelt haben. Die Einwanderung nach Chile unterscheidet sich von der in andere Länder dadurch, daß sie hier zu großen Teilen organisiert war. Der deutsche Naturforscher Bernard Philippi hatte auf seinen Reisen in Chile dünn besiedelte Landstriche gefunden und legte der chilenischen Regierung einen Plan zur Besiedlung durch deutsche Bauern vor. 1848 hat ihn die Regierung damit beauftragt, in Deutschland Auswanderungswillige für Chile anzuwerben.

Vor mehr als 150 Jahren haben die ersten Deutschen ihre neue Heimat erreicht. Ihr Zielort stand fest, die Ansiedlung war planvoll vorbereitet. Dennoch war es eine Fahrt ins Ungewisse. Ich glaube, daß wir uns in der heutigen Kommunikations- und Informationsgesellschaft nur ganz schwer vorstellen können, wie diese Menschen damals gefühlt und gedacht haben, die von Deutschland aus die lange, anstrengende und gefährliche Reise antraten in dies für sie so ferne, unbekannte Land.

Die Reisetagebücher der damaligen Zeit hielten die Entbehrungen fest, denen die Einwanderer auf der Überfahrt ausgesetzt waren. Eine solche Überfahrt dauerte zwischen 100 und 150 Tage. Der heute schon oft zitierte Karl Anwandter erzählt in seinen Aufzeichnungen, daß sich die Passagiere am Ende der Reise nur noch ernähren konnten von warmem Wasser, Mehl, Graupen und Schiffszwieback.

Sie alle waren aufgebrochen aus einem Deutschland, das noch der berühmte "Flickenteppich" in der Mitte Europas, denn damals existierte noch keine staatliche Einheit.

Sie waren aufgebrochen aus einem Deutschland, in dem kurz zuvor die erste demokratische Revolution niedergeschlagen worden war und die Reaktion wieder regierte.

Sie kamen aus einem Land, das in weiten Teilen von entsetzlicher Armut geprägt war und in dem es keine demokratischen Grundrechte gab.

Was sie bewegte, ihre Heimat zu verlassen, das war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich selber und für ihre Kinder. Nur wenige unter ihnen hatten ein klares Bild von dem, was sie erwartete. Sie kamen in ein Land, dessen Sprache sie nicht kannten, dessen Gebräuche und dessen Menschen ihnen unbekannt waren.

Und wir dürfen nicht vergessen, daß der mittlere Süden Chiles, das Zentrum der Einwanderung damals, wenig mit der Romantik zu tun hatte, die wir vielleicht heute empfinden, wenn wir uns alte Photographien aus dem 19. Jahrhundert anschauen oder wenn wir die alten Häuser aus der Zeit der Einwanderung betrachten, wie wir das heute vormittag haben tun können.

II.

In dieser Zeit kam auch einer der ganz überragenden Persönlichkeiten in der Geschichte der deutschen Einwanderung hierher nach Valdivia. Der genannte Karl Anwandter gehörte zu denen, die sich 1848/49 für ein geeintes, demokratisches Deutschland eingesetzt hatten und zu denen, die nach dem Scheitern der Revolution Deutschland verließen. Sein Gelöbnis gegenüber dem chilenischen Einwanderungsagenten steht stellvertretend für die Haltung der deutschen Einwanderer gegenüber ihrer neuen Heimat. "Wir werden", so sagte er, "ebenso ehrliche und arbeitsame Chilenen sein, wie nur der beste von ihnen es zu sein vermag. In die Reihen unserer neuen Landsleute eingetreten, werden wir unser Adoptiv-Vaterland gegen jeden fremden Angriff mit der Entschlossenheit und Tatkraft des Mannes zu verteidigen wissen, der sein Vaterland, seine Familie und seine Interessen verteidigt." So weit Katl Anwandter.

Die chilenische Regierung unterstützte ihre neuen Mitbürger, respektierte den spezifischen Charakter der deutschen Kolonie. Chile, das zu jener Zeit schon seit vielen Jahren eine Republik war, gewährte ihnen auch die erhofften Freiheiten. Dennoch waren die ersten Jahre für die insgesamt über 6000 deutschen Familien, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den mittleren Süden kamen, von Entbehrungen und Mühen geprägt. Gewiß haben auch viele Alteingesessene diese Deutschen mit ihrer für chilenische Ohren so schroff und hart klingenden Sprache, mit ihren ganz anderen Wertvorstellungen und Traditionen, mit ihrer fremden Konfession und ihrer ungewöhnlichen Küche auch mit Mißtrauen beäugt.

III.

Chile und die Chilenen gaben diesen Menschen aber eine Chance, durch ihre Arbeit und ihre Leistung zu überzeugen und sich als vollwertige und respektierte Bürger in diese Gesellschaft zu integrieren. Die Deutschen nutzten diese Chance, so wie Carl Anwandter das in seinem Gelöbnis ankündigt hatte. Sie gründeten Schulen und Firmen, Kirchen, Sport- und Feuerwehrvereine, sie machten das Land nutzbar. Valdivia ist dafür das beste Beispiel. Von einer provinziellen Kleinstadt entwickelte es sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Brauereien, Gerbereien, Werften und Fabriken zu einer der reichsten Städte Chiles.

Die Einwanderer und ihre Nachkommen identifizierten sich schnell mit ihrer neuen Heimat. Obwohl sich die erste und zweite Generation noch als Deutsche in Chile begriff, fühlten sich die Nachkommen der dritten und vierten Generation schon eher als Chilenen deutscher Herkunft, die aber mit großem Engagement ihre aus Deutschland mitgebrachten Traditionen, ihre Sprache und Kultur pflegten. Das ist bis heute so geblieben. Von Nord bis Süd, von Arica bis Punta Arenas gibt es über 150 deutsch-chilenische Institutionen mit dem Deutsch-Chilenischen Bund als Dachverband.

IV.

Der Beitrag dieser Einwanderer zur Entwicklung der chilenischen Gesellschaft übersteigt bei weitem ihre zahlenmäßige Bedeutung. Persönlichkeiten wie Carlos Haverbeck, Julio Buschmann und Gustavo Fricke zum Beispiel haben sich in der Wirtschaft und in der Wissenschaft große Verdienste erworben. Auch sprachlich ist dies Erbe heute noch sichtbar, wenn wir zum Beispiel das schöne deutsche Wort "Kuchen" hören, für das es in Chile keine spanische Entsprechung gibt. Und selbstverständlich trinkt man in Chile neben dem exzellenten chilenischen Wein auch das gute Kunstmannbier, man genießt die Wurstwaren der Firma Mödinger.

Nach der ersten großen Welle der deutschen Einwanderung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und einer kleineren Zahl von Deutschen, die nach dem Ersten Weltkrieg in Chile eine neue Heimat gefunden haben, kamen in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts viele Deutsche jüdischen Glaubens auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Unrechtsregime hierher. Auch ihnen bot Chile Zuflucht. Schließlich kehrten in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts viele Chilenen aus dem Exil in Deutschland in ihre alte Heimat zurück, die sie während des Militärregimes hatten verlassen müssen.

All diese Gruppen bilden wichtige Brücken zwischen unseren beiden Ländern. Es ist ihr Verdienst, daß die deutsch-chilenischen Beziehungen von großem Vertrauen und von herzlicher Freundschaft geprägt sind. Das sind hervorragende Voraussetzungen für den Ausbau und der Intensivierung unserer Zusammenarbeit.

V.

Ich frage mich, ob wir in Deutschland etwas aus dieser Geschichte lernen könnten.

Deutschland, das im 19. Jahrhundert ein Auswanderungsland war, ist gewiß kein klassisches Einwanderungsland - und lange Zeit hat man sich bei uns dagegen gewehrt, es überhaupt als Einwanderungsland wahrzunehmen. Als die ersten angeworbenen Arbeitssuchenden aus Südeuropa zu uns kamen, nannte man sie "Gastarbeiter" - dahinter stand die Vorstellung, sie würden früher oder später wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Inzwischen leben mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland, deren Eltern oder die selber in den vergangenen Jahrzehnten aus anderen Ländern zu uns gekommen sind. Sie haben unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert. Wir haben inzwischen begriffen, daß Zuwanderung nicht dem Zufall überlassen werden kann, sondern gesetzlich geregelt werden muß. Wir haben inzwischen begriffen, daß Integration eine Aufgabe ist, die die ganze Gesellschaft angeht.

Wir können bei der Integration nur erfolgreich sein, wenn wir zwei Haltungen überwinden, die weit verbreitet sind: Wir müssen Unsicherheit und Angst überwinden, die manchmal zu Fremdenfeindlichkeit und zu Gewalt führen - und wir müssen eine falsch verstandene Ausländerfreundlichkeit überwinden, die so tut, als gebe es überhaupt keine Probleme und Konflikte, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben.

Wenn wir die Integration gestalten wollen, dann kann uns ein Blick in die Geschichte helfen und ein Blick in andere Gesellschaften, die auf eine gelungene Integrationsgeschichte blicken können. Deswegen ist auch ein Blick auf die deutsche Einwanderung nach Chile hilfreich.

VI.

Manches läßt sich allerdings nicht übertragen. Die Zeiten sind anders. Durch die modernen Telekommunikationsmöglichkeiten, durch Satellitenfernsehen können zum Beispiel türkische Zuwanderer gewissermaßen in Deutschland wohnen und in einer virtuellen türkischen Welt leben. Auf die Dauer ist das für die Integration außerordentlich hinderlich.

Das erste und wichtigste Mittel zur Integration ist ja das Erlernen der Sprache des Landes, in dem man lebt. Ich habe Deutschkurse für Mütter ausländischer Kinder besucht und dabei feststellen müssen, daß viele von ihnen mehr als zehn Jahre in unserem Land wohnen, ohne auch nur einen deutschen Satz sprechen zu können. Wir werden in Zukunft große Anstrengungen unternehmen müssen, damit alle, die schon in Deutschland sind und alle, die neu zu uns kommen, möglichst rasch Deutsch lernen. Das ist auch im eigenen Interesse der Zuwanderer. Nur so haben sie Zukunftschancen.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, daß den islamischen Zuwanderern vieles in unserer Kultur sehr fremd ist. Und andersherum ist auch uns vieles fremd, was sie an Traditionen, Überzeugungen und Bräuchen mitbringen. Zuwanderung ist Bereicherung, aber immer auch Belastung. Sie ist anstrengend für beide Seiten - und sie ist deshalb - das gilt wohl für alle Gesellschaften in der Welt - niemals frei von Konflikten.

VII.

Für das Gelingen des Zusammenlebens der unterschiedlichen Kulturen in einem Land und in einer Gesellschaft halte ich einige Prinzipien für unerläßlich.

  • Niemand soll gezwungen werden, seine Kultur aufzugeben, sich schlicht zu assimilieren.
  • Es darf keine kulturellen Ghettos geben.
  • Ausländerfeindlichkeit und aggressive Intoleranz gegenüber Zuwanderern dürfen nicht geduldet werden. Dem Rassismus darf kein Fußbreit Boden überlassen werden!
  • Die Einwanderer müssen bereit sein, die Kultur des Aufnahmelandes zu respektieren.
  • Sie müssen sich an die Gesetze halten und an die grundlegenden Wertentscheidungen der Verfassung. Die Werte, die diese Verfassung zum Ausdruck bringt, sind für uns unverzichtbar. Dazu gehören vor allem: die gleiche Würde aller Menschen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Freiheit des Gewissens und der Religion, die Trennung von Religion und Staat.

Integration ist nicht Entwurzelung und gesichtslose Assimilation. Integration ist die Alternative zum beziehungslosen Nebeneinander unvereinbarer Kulturen. Integration ist die immer wieder zu erneuernde Bindung an gemeinsame Werte. Wir können nur dann eine offene Gesellschaft sein und bleiben, wenn sich keine Inseln bilden, die außerhalb des gesellschaftlichen Grundkonsenses liegen. Das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in einem Land und in einer Gesellschaft stellt sich heute als eine der ganz großen Aufgaben aller Gesellschaften dar.

VIII.

Das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen ineinemLand und ineinerGesellschaft - das ist die eine Seite der Aufgabe. Daß Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, Menschen, die unterschiedlichen Religionen angehören, Menschen, die mit unterschiedlichen Traditionen großgeworden sind, weltweit friedlich zusammenleben können - das ist die andere Seite dieser Aufgabe im Zeitalter der Globalisierung.

Wir alle leben in der einen Welt, die täglich enger zusammenwächst. Es darf nicht dazu kommen, daß zukünftige Historiker einmal schreiben, der Terroranschlag vom 11. September 2001 sei der Beginn des Kampfes der Kulturen gewesen. Damit es nicht dazu kommt, müssen wir der Kulturpolitik einen viel größeren Stellenwert einräumen als bisher. Jedes Land muß gleichzeitig seine eigene Kultur und Tradition bewahren und nach außen darstellen und zugleich den Dialog mit anderen Kulturen fördern.

Eine der wichtigsten Aufgaben auswärtiger Kulturpolitik - und das gilt nicht nur für Deutschland - besteht darin, Verständnis dafür zu wecken, daß die Vielfalt von Sprachen und Kulturen, von Religionen und Zivilisationen in der Welt nicht als Hindernis, nicht der als Bedrohung empfunden wird, sondern als Bereicherung. So gesehen ist die Globalisierung auch eine große Chance, weil sie wie noch nie in der Geschichte der Menschheit die Chancen und Möglichkeiten eröffnet, fremde Kulturen kennenzulernen.

In Mexiko, woher ich komme, habe ich davon gesprochen, daß wir die Globalisierung zivilisieren müssen, daß wir Mut zur Zivilität brauchen. In diesem Sinne ist auswärtige Kulturpolitik auch beste zivile Konfliktprävention. Die Bundesregierung hat im letzten Jahr etwas über 1,1 Milliarden € für die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ausgegeben. Die Ausgaben für Kultur am Bundeshaushalt betragen also rund 0,5 %. In den vergangenen zehn Jahren ist der Kulturetat geschrumpft. Ich wünschte mir, daß in diesen wichtigen, zukunftssichernden Bereich trotz aller Sparzwänge wieder mehr investiert würde.

Ich möchte nicht mißverstanden werden: Ich rede nicht einer Kulturpolitik das Wort, die Mittel zum Zweck ist, mit Aufgaben überfrachtet, die sie nicht erfüllen kann, die die Magd fremder Herren ist. Kultur ist Selbstzweck, Kultur ist Ausdruck unseres Menschseins. Kultur begleitet die Menschen seit ihren Anfängen. Wenn wir Menschen in aller Welt mit deutscher Sprache, deutscher Literatur und Kunst bekanntmachen, dann wecken wir das Interesse an unserem Land, dann wecken wir auch das Interesse und das Verständnis für unsere demokratischen Lebensformen.

IX.

Die deutschen Auslandsschulen sind und bleiben die Ecksteine unserer auswärtigen Kulturpolitik. Deutsche Schulen sind gewissermaßen die Tür, durch die Kinder, Jugendliche und junge Menschen in aller Welt am besten den Weg zu uns finden.

Bildung ist längst international geworden. Schul- und Universitätsaufenthalte in anderen Ländern gehören zum Bildungsalltag. Überall suchen Eltern für ihre Kinder eine gute, international geprägte Schulausbildung.

Für die Eltern steht der Gedanke einer guten Schulbildung für ihre Kinder im Vordergrund. Eine solche Ausbildung ist die beste Voraussetzung für den Erfolg im Beruf. Ich weiß, daß das auch hier in Chile so ist. Auch hier haben die traditionsreichen deutschen Schulen wegen ihrer leistungsmäßigen Spitzenstellung landesweite Ausstrahlungskraft. Vielleicht bedauern manche so wie ich, daß von den dreiundzwanzig Schulen in Chile nur noch die in Santiago und in Valparaiso einen durchgehenden muttersprachlichen Zweig haben. Wichtiger ist aber, daß viele junge Menschen jedes Jahr über diese Schulen Zugang zu Deutschland finden.

X.

Ich sehe mit Freude, daß auch die deutschen Hochschulen die Herausforderung weltweiter Konkurrenz gut angenommen haben. Die Erfolge der "Konzertierten Aktion" haben gezeigt, daß sich deutsche Universitäten und Hochschulen im internationalen Wettbewerb behaupten können. Durch bessere Bildungs- und Forschungsangebote, durch bessere Rahmenbedingungen, aber auch durch bessere Werbung ist die Zahl ausländischer Studierender in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren um fast zwanzig Prozent gestiegen.

XI.

Auswärtige Kulturpolitik ist nicht nur eine staatliche Aufgabe. In Deutschland ist sie auch nie so verstanden worden. Die sogenannten Mittlerorganisationen waren und sind autonom. Sie standen immer in einer gewissen Distanz zum Staat. Darüber haben sich die Politiker manchmal geärgert, wenn ich an umstrittene Programme etwa der Goethe-Institute denke. Damit wird besser für Deutschland als liberales, weltoffenes, pluralistisches Land geworben, als es eine noch so effektive, professionelle Werbekampagne wohl könnte.

Bei meinem Besuch in Mexiko habe ich erfahren, daß sich vor sechs Jahren eine Kulturstiftung der deutschen Wirtschaft gegründet hat, die mittlerweile Kulturprojekte mit rund 150.000 € jährlich fördert. Das ist ungefähr das Doppelte der Mittel, die dem Goethe-Institut in Mexiko-Stadt für seine gesamte Arbeit zur Verfügung stehen. Wirtschaft, Goethe-Institut und Botschaft legen dabei einvernehmlich das Jahresprogramm fest. Ich hoffe, daß dies bisher einzigartige Beispiel Schule machen wird.

XII.

Wir alle wissen, daß kulturelle Leistungen und kulturelle Ausstrahlungskraft nicht programmiert werden können. Sie sind nicht das Ergebnis wirtschaftlicher oder politischer Stärke eines Landes oder einer Nation. Weimar gehörte ja gewiß nicht zu den europäischen Großmächten des 18. und 19. Jahrhunderts und es war doch für lange Jahre das kulturelle Zentrum Europas.

Es scheint sich dabei um eine Art unwandelbarer Grundtatsache menschlichen Lebens zu handeln. Dies erstaunliche Phänomen ist auch heute, im Zeitalter der Globalisierung, zu beobachten. Ich denke an den nigerianischen Schriftsteller Achebe, ich denke an die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer und an den Literaturnobelpreisträger dieses Jahres John Maxwell Coetzee, an den mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes und an den Kolumbianer Gabriel Garçia Marques. Hier in Chile liegen einem natürlich sofort die Namen von Pablo Neruda und Isabella Allende auf der Zunge. Sie alle haben mit ihren Werken das Leben von Millionen von Menschen in aller Welt bereichert, sie haben ihnen neue Welten erschlossen.

Das alles bestärkt mich in der Überzeugung: Es ist kein Naturgesetz, daß Globalisierung mit der Preisgabe kultureller Identität verbunden sein muß. Ich sehe vielmehr eine Zukunft, die geprägt ist von der Vielfalt und dem Reichtum der unterschiedlichen Kulturen. Ich wünsche mir, daß immer mehr Menschen die Chance haben, an diesem Reichtum teilzuhaben.

Albert Einstein hat seine Rede zum 60. Geburtstag von Max Planck mit dem Satz eingeleitet: "Ein vielgestaltiger Bau ist er, der Tempel der Wissenschaft. Gar verschieden sind die darin wandelnden Menschen..." Das klingt vielleicht pathetisch. Ich hoffe aber, daß ich auch in Zukunft noch diese Worte von dem vielgestaltigen Bau, in dem ganz verschiedene Menschen wandeln, von der Kultur in unser einen Welt sagen kann.