Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Johannes Rau anläßlich des Abendessens, gegeben von Präsident Luis Inácio Lula da Silva

Ich danke Ihnen für die Herzlichkeit und Wärme, mit der Sie uns in Brasilia aufgenommen haben. Ich freue mich darüber, daß ich Ihrer freundlichen Einladung zu einem Gegenbesuch, die Sie in Berlin im Januar dieses Jahres ausgesprochen haben, schon so bald Folge leisten konnte. Ich war auch gespannt auf das Wiedersehen mit Ihrer Hauptstadt Brasilia. Die Stadt ist eine der kühnsten städteplanerischer Entwürfe des zwanzigsten Jahrhunderts und ist zu Recht in das kulturelle Erbe der Menschheit aufgenommen worden. Schon nach einem halben Tag fühlen wir uns hier sehr wohl und wir bedauern, daß unser Besuch nicht länger dauern kann.

Im Jahre 2006 wird Deutschland die Fußballweltmeisterschaft ausrichten. Spätestens dann werden wir uns für Ihre Gastfreundschaft erkenntlich zeigen können. Schon jetzt freuen sich Millionen Fußballfreunde darauf, den faszinierenden Sambafußball des fünfmaligen Weltmeisters in deutschen Stadien zu sehen. Noch immer habe ich das dramatische Endspiel vor Augen, das ich in Yokohama gesehen habe. Sollte es noch einmal zu einem Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften kommen, dann werden für 90 Minuten die Regeln der Gastfreundschaft suspendiert, und es wird die alte Sportmaxime gelten: Möge der Bessere gewinnen! Ich weiß, daß Sie dafür Verständnis haben.

I.

Die langjährige Freundschaft zwischen Brasilien und Deutschland hat sich über die Zeiten bewährt. Ihr erster bilateraler Besuch, Herr Präsident, hat Sie schon wenige Wochen nach Amtsantritt nach Deutschland geführt. Sie haben aber nicht nur dadurch deutlich gemacht, welche Bedeutung Sie unserem Land beimessen. Das hat mehr als politische Gründe. Ihre Teilnahme an den 40-Jahr-Feiern von Mercedes-Benz und an den 50-Jahr-Feiern von VW do Brasil rührt auch von einem ganz persönlichen Engagement her. Ihr beruflicher Werdegang und die Geschichte der von Ihnen gegründeten Gewerkschaft waren ja in besonderer Weise mit dem größten ausländischen Arbeitgeber in Brasilien verbunden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Sie mich bei meinem ersten Besuch begrüßt haben, als Sie Betriebsratsvorsitzender von VW in São Paulo waren.

Beide Jubiläen demonstrieren die Langfristigkeit der Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern. Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika. 800 deutsche Tochterunternehmen sind in Brasilien tätig. Deutschland ist mit mehr als 8,5 Milliarden € der drittgrößte Auslandsinvestor in Brasilien. Allerdings hat sich der deutsche Anteil an den Auslandsinvestitionen in Brasilien in den letzen Jahren stark verringert. Ich hoffe, daß sich das schon bald wieder ändern wird. Sie, Herr Präsident, haben sich ein ehrgeiziges Reformprogramm für Ihr Land vorgenommen. Ihr besonderes Interesse gilt dem Mittelstand. Sie wollen gerade die kleinen und mittleren Unternehmen zu einem wichtigen Bestandteil der Volkswirtschaft machen. Mittelständische Unternehmer begleiten mich auf meiner Reise. Ich weiß aus Gesprächen mit ihnen, daß sie die Chancen nutzen wollen, die ihnen der große und attraktive brasilianische Markt bietet.

II.

Heute begehen wir ein besonderes Jubiläum deutsch-brasilianischer Beziehungen: 40 Jahre Zusammenarbeit bei der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Ergebnisse der vierzigjährigen Kooperation können sich - das ist der Eindruck, den ich von der Ausstellung in diesem Hause mitgenommen habe - sehen lassen. Bei dieser Zusammenarbeit hat es sich von Anfang an um eine Partnerschaft unter Gleichen gehandelt. Diese partnerschaftliche Zusammenarbeit war und ist die Garantie dafür, daß die Projekte feste Wurzeln schlagen und nachhaltig wirken konnten.

Neben der Armutsbekämpfung und der Entwicklung ländlicher Gebiete gehört der Umweltschutz und ganz besonders die Erhaltung der tropischen Regenwälder zu den Schwerpunkten dieser Zusammenarbeit. Deutschland hat das internationale Pilotprogramm zum Schutz der tropischen Wälder mit rund 250 Millionen € unterstützt. Dies Programm ist weltweit einmalig.

Es freut mich, daß Brasilien und Deutschland beim Umweltschutz auch im internationalen Rahmen seit langem gut zusammenarbeiten. In der internationalen Klimapolitik hat Brasilien entscheidend zur Brückenbildung zwischen Entwicklungs- und Industrieländern beigetragen. Es ist unser gemeinsames Anliegen, daß das Kyoto-Protokoll in Kraft gesetzt wird.

III.

Aus der kulturellen Zusammenarbeit unserer beiden Länder will ich an dieser Stelle nur einen Aspekt herausgreifen: den Wissenschaftsaustausch. Bislang konnten schon über 28.000 Studenten und Wissenschaftler von den vielen Stipendienprogrammen profitieren, und es bestehen über 50 Partnerschafts- und Forschungsprogrammvereinbarungen zwischen deutschen und brasilianischen Universitäten. Die Werbemesse für den Studienstandort Deutschland, die ich morgen zusammen mit Professor Gruss und Professor Berchem, den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft und des DAAD, eröffnen werde, wird sicherlich dazu beitragen, daß noch mehr junge Brasilianer entdecken werden, wie bereichernd und karrierefördernd ein Studien- und Forschungsaufenthalt in Deutschland sein kann.

IV.

Der Austausch zwischen unseren beiden Ländern umfaßt nicht nur unsere beiderseitigen Anliegen, er geht weit darüber hinaus. Auch bei unserem Gespräch im Januar stand daher die internationale Politik im Mittelpunkt. Wir waren uns darin einig, daß die globalen Herausforderungen, vor denen die Nationalstaaten stehen, nur gemeinsam gemeistert werden können. Wir müssen mit den Mitteln des Multilateralismus und der Integration gemeinsame Regeln aufstellen und eine gemeinsame Politik entwerfen. Ob es um die Bekämpfung des internationalen Terrorismus geht, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, um den Umweltschutz, um die Durchsetzung der Menschenrechte, um den Welthandel zu fairen Bedingungen, um die Armutsbekämpfung: Überall sind Fortschritte nur möglich, wenn alle Beteiligten mitmachen.

Die Vereinten Nationen sind und bleiben das beste Instrument, um unsere Energien zu bündeln. Auch diese Auffassung teilen unsere beiden Länder, die im nächsten Jahr zusammen dem Sicherheitsrat angehören werden. Wir wissen freilich auch um die Mängel im gegenwärtigen System der Vereinten Nationen, das in vielem noch die Ordnung gleich nach dem Zweiten Weltkrieg widerspiegelt. Brasilien und Deutschland verfolgen deshalb gemeinsam das Ziel, die Vereinten Nationen den Veränderungen anzupassen, die im vergangenen halben Jahrhundert eingetreten sind, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden.

V.

Sie, Herr Präsident, nehmen sich im Zuge der immer größeren internationalen Verflechtung Brasiliens vermehrt außenpolitischer Themen an. Das gilt vor allem für die regionale Integration Lateinamerikas. Sie haben den Ausbau von Mercosur zu einer Priorität in Ihrem Regierungsprogramm gemacht und streben eine politische Dimension für die Handelsorganisation an. Ich wünsche Ihnen, daß diese ehrgeizigen Ziele verwirklicht werden, und ich kann Sie nur ermutigen, auf diesem Wege entschlossen voranzuschreiten. Europa hat mit dieser Politik die besten Erfahrungen gemacht.