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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Empfang für die Stifterinnen und Stifter aus Anlass des Stiftertages 2003

Meine Damen und Herren,

herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Ich freue mich darüber, Sie jetzt doch noch hier begrüßen zu können. Im September musste ich wegen eines Staatsbesuches kurzfristig absagen, deshalb sind Sie heute umso willkommener. Beim nächsten Mal wird hier das Haus renoviert und Sie haben es dann auch mit jemand anderem zu tun, hoffentlich mit jemanden, der Stiftungen liebt.

Diese Begegnung gehört für mich zu den angenehmen Verpflichtungen. In meinem Amt liegt es ja, dass ich oft mahnen muss oder ermuntern, versuchen, ausgleichend zu wirken. Heute darf ich ganz einfach danken für das, was Sie alle tun. Ich mag ja die Defilees nicht so sehr, die man immer so bei Staatsbesuchen hat. Sie vielleicht auch nicht, aber ich will Ihnen doch sagen: Fragen Sie mal Herrn Oetker und mich, wie viel man bei so einem Defilee lernen kann. Er kann das ja alles auswendig, aber ich kenne nicht alle Stiftungen, ich kenne nicht alle Stiftungszwecke, und ich kenne auch längst nicht alle Stifter; da ist ein solches Defilee etwas richtig Ermutigendes. Man merkt, es gibt viele Menschen, die für eine gute Sache nicht nur Zeit hergeben, sondern auch Geld, und da tun sich manch andere noch so schwer.

Sie kennen vielleicht die Geschichte von dem Unternehmer, der um eine Spende gebeten wurde und der dann einen Scheck überreichte. Dann sagte der Empfänger: "Verzeihen Sie bitte, Sie haben vergessen, den Scheck zu unterschreiben." Da sagte der Unternehmer: "Das habe ich nicht vergessen, ich möchte nur anonym bleiben." Also das ist ganz schwierig, bis man so eine Unterschrift kriegt. Ich weiß, was das heißt.

Ich freue mich darüber, dass es viele, viele Menschen gibt, die nicht nur das eigene Konto im Sinne haben und die immer mehr Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen wollen. Es gibt noch zu wenige, aber es gibt viele. Ihr Engagement, meine Damen und Herren, widerlegt alle Kassandra-Rufe. Sie beweisen, es gibt eine große Bereitschaft, etwas für das Gemeinwesen zu tun.

Ein anderes Engagement darf ich morgen würdigen. Morgen werde ich sechsundzwanzig Männern und Frauen - je dreizehn - das Bundesverdienstkreuz verleihen für ehrenamtliche Arbeit. Morgen ist der von der UNO ausgerufene Tag des Ehrenamtes und da habe ich jedes Jahr aus den sechzehn Ländern einige Frauen und Männer da, die von der häuslichen Pflege über das Diakonische oder Caritative Werk bis zum Sport und allen möglichen anderen Aktivitäten Freizeit hergeben, und ich denke, das beides gehört zusammen: Geld herzugeben, wenn man es hat, und Freizeit herzugeben, damit man nicht um sich selber kreist.

Heute aber geht es um Sie.

Es gibt manche, die meinen, Stifter müssten dem Staat aushelfen, müssten die Lücken füllen, die in den öffentlichen Haushalten klaffen. Das ist nicht so und das wäre auch nicht gut so.

Stiftungen dürfen nicht an die Stelle des Staates treten - sie sollen seine Arbeit ergänzen, aber nicht ersetzen.

So verstehe ich auch Ihr Engagement: Sie springen nicht da ein, wo der Staat sparen muss, sondern Sie weisen den Staat auf die Felder hin, auf denen er mehr tun sollte. So entlasten Sie den Staat nicht, sondern Sie fordern ihn im Gegenteil zu mehr Engagement und höheren Investitionen auf.

Dabei haben Sie freilich gegenüber dem Staat einen Wettbewerbsvorteil: Sie können ihr Geld flexibler einsetzen, als das öffentliche Haushaltsrecht das oft möglich macht. Sie können Dinge unterstützen, für deren Förderung der Staat erst einmal eine Reihe von Richtlinien erlassen oder ändern müsste.

So werden Stiftungen auf vielfache Weise und häufig Wegweiser. Sie schieben Projekte und Entwicklungen an, sie leisten Starthilfe. Manchmal können sie sich zurückziehen, wenn sie auf das richtige Pferd gesetzt haben: Dann stellt sich der Erfolg ein und macht es dem Staat leicht, die Projekte fortzuführen. In vielen Fällen gewähren Stiftungen dem Staat auch so etwas wie das nötige "venture capital", um innovativen Ideen und Konzepten zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Felder, auf denen Sie überwiegend tätig sind, sind Bildung und Wissenschaft, Kultur und Soziales. Ich finde, das klingt wie eine Agenda für das 21. Jahrhundert:

Wer in Bildung und Wissenschaft investiert, der investiert in eine bessere Zukunft für uns alle.

Ein lebendiges Kulturleben hilft unserer Gesellschaft dabei, ihre Identität zu wahren: Man sagt ja nicht umsonst, die Kunst hält den Menschen einen Spiegel vor. Kunst kann uns helfen zu erkennen, wer wir sind.

Ich glaube, dass das ganz besonders wichtig ist in einer Zeit, in der die öffentlich geförderten Kultureinrichtungen immer stärker unter Druck geraten, weil sie bei vordergründigen Kosten-Nutzen-Rechnungen schlecht abschneiden.

Was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, das sind aber auch alle Formen sozialen Engagements. Und auch hier spielen Stiftungen eine besonders wichtige Rolle. Der Staat ist oft schon mit den beschriebenen Pflichtaufgaben bis an seine Grenzen gefordert. Bei vielen Stiftungen kommt aber eine ganz besondere und persönliche Motivation zum Helfen hinzu. Das unterscheidet Stiftungen von Behörden. Oft entsteht eine Stiftung mit einer sozialen Zielsetzung, weil die Stifterin oder der Stifter selber ein schweres Schicksal erlitten hat und aus eigener Erfahrung weiß, dass geholfen werden muss und wie am besten geholfen werden kann.

Ich glaube, dass Stiften das beste Bürgerengagement ist, das wir uns denken können. Unsere Demokratie lebt davon, dass sich der Einzelne für das Gemeinwohl einsetzt, dass er sich einmischt, dass er die Zukunft unseres Landes mitgestaltet. Wir brauchen diese Eigeninitiative, wir brauchen den Ideenreichtum. Wir brauchen auch die persönlichen Akzente, damit wir der Vielfalt in unserer Gesellschaft gerecht werden.

Sie, meine Damen und Herren, haben sich dafür entschieden, Mittel zu stiften für gemeinnützige Zwecke. Damit geben Sie ein Beispiel. Das Wortspiel gehört nun einmal dazu: dass Stifter andere anstiften, es genauso zu machen. Dass die Zahl der neu gegründeten Stiftungen sich in den vergangenen zehn bis zwölf Jahren mehr als vervierfacht hat, das ist ein Anlass zur Freude. Das hängt sicher damit zusammen, dass sich in der heutigen Generation mehr vererbtes Geld auf weniger Nachkommen verteilt. Es hängt auch damit zusammen, dass gesetzliche Veränderungen Hürden abgebaut haben für Stifter. Aber mir bleibt, bevor ich Herrn Dr. Oetker das Mikrofon übergebe, Ihnen und dem Stifterverband herzlich zu danken. Sie haben, wenn ich es richtig weiß, Herr Dr. Oetker, inzwischen 350 Stiftungen unter Ihrem Dach. Ohne Ihre Unterstützung wäre es vielen kleineren Stiftungen gar nicht möglich, Gutes zu tun. Das macht ja eine Menge Arbeit, ich weiß das selber, weil ich auch so eine kleine Stiftung habe: Gelder verwalten, Anträge prüfen und Projekte begleiten. Da ist die langjährige Erfahrung des Stifterverbandes wichtig und hilfreich.

Also sage ich nicht: "Was bleibt, stiften die Dichter", sondern: "Was bleibt, stiften die Stifter!"

Ich grüße Sie alle herzlich und freue mich, dass Sie gekommen sind.