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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Staatsbanketts zu Ehren des Staatspräsidenten von Mali, Herrn Amadou Toumani Touré

I.

Meine Frau und sind glücklich darüber, dass Sie, Herr Präsident und Ihre Frau, unseren Besuch in Ihrem Land im Januar des vergangenen Jahres so rasch erwidern. Wir erinnern uns gern an die Herzlichkeit und an die Wärme, mit der uns Präsident Konaré, seine Frau und die Menschen Malis empfangen haben. Wir denken zurück an die Schönheit Ihres Landes, die uns damals so sehr beeindruckt hat. Besonders gern erinnern sich meine Frau und ich an unseren Besuch im Dogonland, wo jetzt mit deutscher Unterstützung ein Dorfmuseum aufgebaut wird. Ich hoffe sehr, Herr Präsident, dass Sie sich in Deutschland und in Berlin, aber auch in Hamburg und in Stuttgart ebenso wohl und willkommen fühlen werden wie wir uns in Mali willkommen gefühlt haben.. Noch einmal deshalb: herzlich willkommen im Schloss Bellevue.

II.

Deutschland und Mali sind seit langem freundschaftlich verbunden. Deutschland war der erste Staat, der Mali nach der Entlassung in die Unabhängigkeit anerkannt hat. Unsere Beziehungen beginnen, und das finde ich besonders schön, mit einer Geste der Gastfreundschaft gegenüber einem fremden Reisenden. Vor genau 150 Jahren, 1853, gewährte Sheikh Achmed El-Bakáy in Timbuktu dem deutschen Forschungsreisenden Heinrich Barth Asyl und Schutz. Barth veröffentlichte seinen Reisebericht unter dem Titel: "Im Sattel durch Nord- und Zentralafrika". Dies Buch ist auch heute noch in deutschen Buchhandlungen zu haben. Barth erhielt Schutz gegen die Nachstellungen religiöser Fanatiker. Diese großmütige Geste des Sheiks steht für die Toleranz, die in Mali Tradition hat. Sie steht auch für die Freundschaft und für die Hilfsbereitschaft Malis, die wir Deutsche 150 Jahre nach Heinrich Barth in diesem Jahr erneut auf ganz beeindruckende Art und Weise erfahren haben.

Sie alle wissen, wovon ich rede: Im August diesen Jahres kamen in Mali fünfzehn Menschen frei, die über sechs Monate hinweg in der Sahara als Geiseln festgehalten worden waren. Herr Präsident, es ist vor allem Ihrer Hilfe, Ihrer persönlichen Hilfe, Ihrer Besonnenheit und Ihrem Verhandlungsgeschick zu verdanken, dass es zu diesem glücklichen Ende, zu dieser Befreiung kam. Deutschland ist Ihnen und Ihrem Land in ganz besonderer Weise zu Dank verpflichtet, auf ganz andere Weise, als das sonst zwischen Staaten üblich ist. Ich möchte, dass Sie wissen: Wir betrachten diese Hilfe nicht als selbstverständlich. Unsere Beziehungen waren schon bisher sehr gut. Aber jetzt haben wir der Geschichte der Freundschaft zwischen Mali und Deutschland ein ganz besonderes Kapitel hinzu fügen können. Ich bin zuversichtlich, dass wir in Zukunft Gelegenheit haben werden, unsere Dankbarkeit auch durch ganz konkrete Taten zu erweisen.

III.

Wie oft hören wir hier in Europa schlechte Nachrichten aus Afrika!Das hat auch viel mit einer einseitigen Berichterstattung zu tun. Die Entwicklung in Mali in den letzten zehn Jahren gibt viel Anlass zur Hoffnung. Herr Präsident, Sie hatten sich 1992 aus der Politik zurückgezogen, die Macht abgegeben und so Mali den Weg zur Demokratie geebnet. Ihren Vorgänger, Präsident Konaré, habe ich bei meinem Besuch in Mali im Januar 2002 kennen- und schätzen gelernt, und wir haben uns einander auch später noch getroffen. Seit dem letzten Jahr amtieren nun Sie als frei gewählter Präsident Malis. Sie haben den Bürgerkrieg im Norden Malis schon vor Jahren friedlich beendet, und Sie haben als Vermittler in Burundi und in der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet. Damit haben Sie über die Grenzen Malis hinaus Verantwortung übernommen und sich Respekt verdient. Heute gilt Mali als Hoffnungsträger in Afrika. Afrika wird gelegentlich als verlorener Kontinent wahrgenommen. Sie, Herr Präsident, haben den Beweis dafür erbracht, dass das nicht stimmt.

Wir alle wissen: Afrika ist am besten geholfen, wenn es seine Geschicke in die eigenen Hände nimmt. Mit der Initiative "Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas" haben die afrikanischen Staaten einen mutigen und zukunftsweisenden Schritt in diese Richtung getan. Sie haben damit einen Weg eingeschlagen, auf dem wir Sie gerne begleiten und unterstützen möchten. Sie können auf unsere Solidarität zählen. Das politische Interesse an Afrika nimmt wieder zu, auch in Deutschland. Die Entschuldungsinitiative des Kölner G-8-Gipfels hat auf deutschen Vorschlag hin die Schuldenlast viele Länder Afrikas drastisch vermindert. Wir wollen, dass Ihnen das die Chance gibt, notwendige Investitionen, zum Beispiel in Schulen und in das Gesundheitswesen, vorzunehmen. Wenn das geschieht, dann können die Menschen Hoffnung für die Zukunft schöpfen.

IV.

Durch das Geiseldrama des letzten Sommers hatte Mali eine Zeitlang einen festen Platz in den deutschen Medien. Mit dem Ende der dramatischen Ereignisse ist Mali hier wieder aus den Schlagzeilen, aber nicht aus unserem Gedächtnis verschwunden.

Das gilt im übrigen auch für die Fußballnation Deutschland. Mit Diarra und Coulibaly, die beim SC Freiburg in der Bundesliga spielen, hat Ihr Land zwei spektakuläre Fußballspieler nach Deutschland entsandt. Ich wäre sehr froh, wenn wir Sie und die malische Fußballnationalmannschaft zur Weltmeisterschaft im Jahr 2006 in Deutschland begrüßen können.

Herr Präsident, hinter uns allen liegen ereignisreiche und aufregende Monate, in denen sich die deutsch-malische Freundschaft bewährt und vertieft hat. Darüber sind wir froh, und wir sind dankbar dafür.