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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass des 60. Geburtstages von Professor Dr. Dr. h.c. Richard Schröder

Lieber Richard Schröder,

ich gehöre zu denen, die Dir 1989 zum ersten Mal begegnet sind. Du warst mir damals aber nicht unbekannt, denn natürlich hatte jeder, der mit dem Sprachenkonvikt, der mit den theologischen Ausbildungsstätten in der damaligen DDR zu tun gehabt hatte, schon einmal den Namen Richard Schröder gehört.

Die ersten Begegnungen waren in der Zeit, in der Du zu denen gehört hast, die die SDP, die spätere SPD, in der DDR gegründet, aufgebaut und gestaltet haben. Mein Eindruck ist, dass wir vieles aus dieser kurzen Zeitspanne der Jahre 1989 - 1990 zu schnell vergessen haben. Ich erinnere mich, als wir Lothar de Maizières sechzigsten Geburtstag und gleichzeitig die zehn Jahre seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Schloss Bellevue gefeiert haben. Wir saßen anschließend aus unterschiedlichen politischen Lagern zusammen und Anekdoten entstanden, sprossen und wurden wiedererzählt.

Immer wieder sind mir Situationen aus jener Zeit bewusst, die unvergesslich bleiben. Für mich bleibt zum Beispiel ein Treffen mit den Bezirksbeauftragten Brandenburgs in Caputh unvergesslich, wo ich eine Nachricht bekomme, dass ein Freund in Oranienburg im Sterben liegt. Ich fahre hin und besuche ihn in Oranienburg und fahre von da aus zu einer von Richard Schröder geleiteten Fraktionsvorstandssitzung im Palasthotel. Das sind Tage, an denen drei unterschiedliche Ereignisse einen in eine solche Spannung versetzen, dass man nicht weiß, wie man mit diesem Tag zurechtkommen soll.

Viele von denen, die damals gewirkt, mitgewirkt und gestaltet haben, sind heute nicht mehr präsent, sind heute nicht mehr aktiv. Du bist es zum Glück!

Du bist es auf eine unverwechselbare Weise, und darum möchte ich Dir danken. Da gibt es einen Satz, den Du gesagt hast und den ich nicht wörtlich nachsprechen kann. Dieser Satz ist für mich die aktuelle Auslegung von Luthers "Freiheit eines Christenmenschen". Der eine Satz schon ist jede Feier in jedem Dom wert: "Ein Christ verbeugt sich vor niemandem, aber er beugt sich für jeden." So ähnlich heißt der Satz, aber Du hast das viel prägnanter formuliert wie überhaupt die Prägnanz Deiner Äußerungen unübertroffen und unübertrefflich ist. So hast Du unter anderem einmal gesagt: "Wenn wir einen Jubilar feiern, darf das im Vordergrund stehen, was wir an ihm schätzen. Über seine Macken ärgern wir uns am Morgen wieder." Ich habe mich nie über Deine Macken geärgert, sondern ich habe immer Freude gehabt an der Klarheit der Sprache, an der Eindeutigkeit der Aussagen, an der Verlässlichkeit und Verbindlichkeit, mit der Du lebst und Zeitgenosse bist.

Darum meine ich, es gehe heute nicht um protokollarische Fragen, es gehe heute nicht um parteipolitische Fragen, sondern es geht darum, einem Menschen zu danken, der sechzig geworden ist. Das ist auch nicht aufregend. In der Bibel kommen die Sechzigjährigen bekanntermaßen nicht vor, die Fünfzigjährigen nur einmal, die Siebzigjährigen häufiger.

Es kommt heute darauf an, einem Menschen zu danken, der mit seinem klaren Wort dafür sorgt, dass wir nicht nur zusammenbleiben, sondern zusammenkommen. Das, was Willy Brandt gemeint hat mit dem "Zusammenwachsen dessen, was zusammen gehört", das ist ja kein Prozess, der sich von selber vollzieht. Das ist ein Geschehen, das nur gelingt, wenn Menschen es tun. Wenn Menschen sagen, was sie tun und tun, was sie sagen. Darum dem Theologen und Philosophen, dem Weggefährten und Freund Richard Schröder, dem Mann klarer, erkennbarer, verständlicher Worte, auch in unverständlichen und schwer begreiflichen Situationen, ein Wort herzlichen Dankes und freundschaftlich gemeinter Ermutigung.

Deine Stimme wird gebraucht. Vielleicht hast Du daran gelegentlich Zweifel gehabt, wenn Du erlebt hast, wie Parteifreunde mit Parteifreunden umgehen. Es sind hier mehrere im Saal, die von solchen Erfahrungen berichten können. Aber dass Deine Stimme gehört wird, dass Dein Wort gebraucht wird, das soll vor aller Augen und vor aller Ohren kund sein.

Du weißt, dass man sich im alten Israel "Hundertundzwanzig!" wünscht. Dann wäre also heute Halbzeit. Du weißt aber auch, dass Konrad Adenauer, als er neunzig wurde und jemand ihm wünschte, er solle hundert werden, sagte: "Warum wollen Sie der Barmherzigkeit Gottes so enge Grenzen setzen?"

Also sage ich Dir, lieber Richard, viele gute und gesunde Jahre und der Barmherzigkeit Gottes keine Grenzen!