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Grußwort des Bundespräsidenten zur Eröffnung des Gesprächs zwischen Fußballfans und den für die Sicherheit im Fußball Verantwortlichen

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

Herzlich willkommen im Schloß Bellevue!

Ich begrüße hier nicht wenige Staatsoberhäupter, Regierungschefs, Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft und führe Gespräche mit vielen Bürgern und Vertretern von Institutionen und Initiativen.

Dass aber heute Fußballfans aus der ersten und zweiten Bundesliga und aus den Regionalligen hier sind, das ist eine Premiere.

Leider ist kein Fan des Wuppertaler SV dabei - immerhin ist der WSV Spitzenreiter der Regionalliga Nord.

Aber ich freue mich darüber, dass heute Fans gemeinsam mit Polizisten, Vertretern des Deutschen Fußball-Bundes und der Deutschen Fußball Liga, mit Sozialarbeitern aus Fanprojekten, mit Fanbeauftragten und mit Mitarbeitern von Vereinen meiner Einladung ins Schloss gefolgt sind.

Der eine oder andere mag sich fragen, wieso sich der Bundespräsident für Fußballfans interessiert. Warum er einige von ihnen gemeinsam mit Verantwortlichen aus der Fußballwelt einlädt, um sie ins Gespräch zu bringen.

Auf diese Fragen könnte ich Ihnen schlicht mit ein paar Zahlen antworten:

Über fünfeinhalb Millionen Zuschauer saßen und standen in der gerade abgeschlossenen Hinrunde der Fußball-Bundesliga auf den Rängen in den Stadien. Das sind im Durchschnitt rund 37.000 Menschen pro Spiel. Das ist Rekord.

Über die Hälfte der Deutschen sind fußballbegeistert - ich gehöre dazu.

Ich könnte Ihnen jetzt noch die Einschaltquoten von Länderspielen der Nationalmannschaft nennen, aber ich denke, dass Sie auch so verstehen, warum Politiker oft so beeindruckt sind von der emotionalen Kraft des Fußballs, von der Hingabe und der Gefolgstreue der Fußballbegeisterten - auch in schlechten Zeiten.

Allein diese Zahlen und die Tatsache, dass der Fußball nun mal, zumindest in Deutschland,dasMannschaftsspiel ist, wären also Grund genug für das Interesse des Bundespräsidenten an den Fußballfans.
Es gibt aber wichtige andere Gründe, warum ich Sie eingeladen habe:

"Reden wir über Deutschland" war das Motto meiner Sommerreise im letzten Jahr, bei der ich mit Gruppen junger Menschen aus ganz unterschiedlichen Arbeits- und Lebenssituationen gesprochen habe.

Ich wollte viel von ihnen wissen und sie auch von mir. Wir haben über Politik und über die Zukunft Deutschlands gesprochen und diskutiert.

Bei allen Unterschieden zwischen den Gruppen, eines war fast allen jungen Menschen gemeinsam: Sie haben wenig Vertrauen in die Politik, in Parteien und Institutionen.

Ich habe gut zugehört. Aber ich habe nicht nur zugehört. Ich habe der Jugend in unserem Land auch meine Meinung gesagt. Ich habe ihnen gesagt: "Mischt Euch ein, macht mit, engagiert Euch. Wer nicht handelt, der wird behandelt!"

Ich will, dass die Generation, die einmal Verantwortung tragen wird, begreift, dass Verdrossenheit und Ohnmachtgefühle kein einziges Problem lösen. Wer will, dass sich etwas verändert, der muss etwas dafür tun.

Eine Station auf meiner Reise war das Dortmunder Westfalenstadion. Dort habe ich mit BVB- Fans gesprochen, zwei von ihnen sind heute mit dabei.

Das war ein ganz besonderes Gespräch. Nicht nur, dass die Fans so gar nicht dem Klischee entsprachen, das ihnen so oft in den Medien verpasst wird, sie haben mir auch einen Satz mit auf den Weg gegeben, der mich beeindruckt und gefreut hat: "Wir müssen aus Zuschauern Fans machen!"

"Aus Zuschauern Fans machen!", das heißt ja wohl, mitzumachen, sich einzubringen und das ganze Stadion mitzureißen: als "Zwölfter Mann" die eigene Mannschaft friedlich und einfallsreich zu unterstützen - in guten wie in schlechten Zeiten - und sich das auch etwas Kosten lassen, Zeit und Geld.

Auf solche Fans kann jeder Verein stolz sein. Sie sind das größte Kapital, das ein Verein haben kann. Sie schaffen die unvergleichbare Atmosphäre, ohne die der Fußball nicht die Attraktion wäre, die er ist.

Das sollten wir bei all den Fragen nach der Wirtschaftlichkeit und der Fernsehtauglichkeit im Fußball nicht vergessen.

Ich habe damals im Sommer erfahren, dass Fans eben mehr sind als nur Beobachter eines Spiels. Und ich wünschte mir, dass es nicht nur in den Stadien, sondern in ganz Deutschland weniger Zuschauer und mehr Fans gibt, die sich für unser Land und damit für ihre eigene Zukunft engagieren.

Die Fans in Dortmund haben mich gebeten, etwas zu tun, um das Verhältnis zwischen Sicherheitskräften und Fans im Stadion zu verbessern.

Das habe ich ihnen versprochen, und darum sind Sie und darum bin ich heute hier.

Wir haben in der Vergangenheit erlebt, dass es Chaoten gibt, die den Fußball dazu missbrauchen, Gewalttaten zu verüben. Darum ist es richtig und notwendig, diese Straftaten zu verhindern.

Jeder Gewalttäter schadet dem Fußball und unserem Land.

Bei all den Maßnahmen, die den Fußball sicherer machen, müssen wir freilich darauf achten, dass die friedlichen Fans ihre Mannschaft weiterhin mit Begeisterung und Einfallsreichtum unterstützen können.

Gewalttäter und aktive, friedliche Fans dürfen nicht in einen Topf geworfen werden.

Bei meinem Gespräch in Dortmund hatte ich den Eindruck, dass die Fans das Verhalten der Sicherheitskräfte oft nicht verstehen, das ihnen manches Mal im Stadion und im Umfeld des Stadions begegnet.

Daher bin ich dankbar dafür, dass der für Sport zuständige Bundesinnenminister, der Präsident der Deutschen Fußball Liga und der Vize-Präsident des Organisationskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, der zugleich auch der Generalsekretär des DFB ist, meine Initiative unterstützen und heute anwesend sind. Sie unterstreichen damit, wie wichtig auch ihnen um der Sache willen der Dialog mit den Fans ist.

Ich wünsche mir und Ihnen einen offenen, einen echten Dialog. Sie haben alle Zutaten, die man dafür braucht: die notwendigen Fachleute, einen guten Gesprächsleitfaden und einen hervorragenden Moderator, dem ich ganz herzlich dafür danke, dass er diese nicht ganz leichte Aufgabe übernommen hat.

Aus meiner Erfahrung darf ich Ihnen etwas mit auf den Weg geben, das sich in meinen Gesprächen immer bewährt hat:

"Die Bereitschaft in einen Dialog einzutreten, setzt die Einsicht voraus, nicht allein im Besitz der ganzen Wahrheit zu sein - der andere hat in manchem vielleicht auch Recht."

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass das Gespräch, das Sie heute hier führen wollen, dazu beiträgt, das Verhältnis zwischen Fußballfans und Sicherheitskräften so zu verbessern, dass ein möglichst vertrauensvolles und vorurteilsfreies Miteinander entsteht.

Diese Atmosphäre brauchen wir, wenn in 876 Tagen die 2. Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland beginnt.

Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist auf den ersten Blick ein gigantisches Sportereignis und ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Auf den zweiten Blick aber ist eine Fußball-Weltmeisterschaft viel mehr. Sie ist für unser ganzes Land eine große Chance.

Milliarden Menschen auf der ganzen Welt werden für vier Wochen im Jahr 2006 auf Deutschland schauen.

Gemeinsam mit den vielen Gästen, die wir bei uns begrüßen dürfen, werden sie sich ein Bild machen nicht nur vom deutschen Fußball, sondern von uns Deutschen und von unserem Land.

Die Zuschauer und die Gäste aus allen fünf Kontinenten werden dies Bild von unserem Land mit nach Hause nehmen.

Was sie da gesehen und gehört, gelesen oder selber erlebt haben, wird auf lange Zeit ihr Bild von Deutschland prägen.

Darum müssen wir uns Gedanken darüber machen, welche Bilder von Deutschland mit der Fußball-Weltmeisterschaft in die Welt gehen sollen.

Wie diese Bilder aussehen, das liegt in unserer Hand. Dazu kann jeder von uns etwas beitragen.

Ich fände es schön,

  • wenn viele Bürger den Fußballfans aus aller Welt das Gefühl gäben, dass sie zu Gast bei Freunden sind,

  • wenn Städte Patenschaften für die Nationalmannschaften übernähmen, die bei ihnen wohnen,

  • wenn Familien ihre Häuser für Gäste öffneten,

  • wenn deutsche Fans und Fans aus anderen Ländern miteinander feierten.

Wenn uns das gelingt, dann können wir in nur einem Monat unendlich viel über unser Land erzählen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eine einzigartige Gelegenheit, um der Welt das moderne, weltoffene Deutschland zu zeigen.

"Die Welt zu Gast bei Freunden" das ist das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft. Ein gutes Motto, mit Bedacht gewählt, ein Motto, das uns als Gastgeber in die Pflicht nimmt - den Bundespräsidenten genauso wie den Fußballfan, den Sportfunktionär, den Polizisten, jeden einzelnen Bürger unseres Landes.

Deshalb ist es mir wichtig, dass Sie heute hier sind, denn gute Gastgeber können Sie nur gemeinsam sein: die Fans gemeinsam mit den Ordnungskräften.

Nur gemeinsam können Sie dazu beitragen, dass dieses herausragende Ereignis zu einem Fest der Freude, der Begeisterung und der Gastlichkeit wird, zu einem Fest, bei dem wir Deutsche ein gutes Bild abgeben.

Ich wünsche uns, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zu einer Sache aller sportbegeisterten Deutschen wird, dass sie getragen wird von einem Geist der Fairness und von einer Begeisterung, die uns gegenseitig und die unsere Gäste ansteckt.