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Begrüßungsworte von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass des Abendessens für den Stifterverband

Ich möchte Sie hier in der Villa Hammerschmidt begrüßen. Ich wäre auch gerne ins Wissenschaftszentrum gekommen, aber ich finde es schön, dass Sie einmal hierher kommen und ich freue mich darüber, dass Sie meine Gäste sind.

Ich muss Ihnen eigentlich die Zahlen nicht vortragen, die zu Ihrem Lob gesprochen werden könnten. Vor einigen Wochen habe ich gemeinsam mit Herrn Dr. Oetker die neuen Stifter in Berlin begrüßt und diese Zahlen auch schon einmal gesagt:

Spendengelder von über dreißig Millionen Euro für Förderprogramme im letzen Jahr - das ist angesichts der konjunkturellen Situation sicher eine erfreuliche Summe. Sie kommt allen Hochschulen und allen Reformprogrammen zugute.

Hundert Millionen Euro sind an Stiftungskapital im vergangenen Jahr in die vom Stifterverband betreuten Stiftungen geflossen. Das Geld kommt einzelnen Projekten zugute.

In den letzten Jahren haben weitere Stiftungen unter dem Dach des Stifterverbandes zusammen gefunden. Inzwischen sind es über 350 mit einem Stiftungskapital von rund 1,5 Milliarden Euro. Ich finde das sehr beachtlich.

Weitere Zahlen will ich nicht nennen, sondern Ihnen allen danken.

Der Stifterverband ist fast so alt wie Helmut Schmidt, dessen 85. Geburtstag wir vorgestern noch einmal nachgefeiert haben, und er ist genauso jung und tatkräftig geblieben, wie das Helmut Schmidt vorgestern Abend gezeigt hat.

Die Stimme des Stifterverbandes wird gehört, und sie ist unersetzlich für den Dialog zwischen Hochschulen und Unternehmen. Ich will jetzt nicht auf die aktuelle Hochschuldebatte zu intensiv eingehen. Ich will Ihnen aber doch sagen, dass ich gelegentlich besorgt bin, wenn ich ein Bild gezeichnet bekomme - und zwar gerade in Deutschland und von Deutschen -, als hätten wir es mit verkrusteten, überalterten Hochschulen zu tun.

Ganz gewiss gibt es Reformbedarf, Reformnotwendigkeiten, aber wir haben den internationalen Anschluss nach meiner Überzeugung nicht verloren. Die Wissenschaft sitzt nicht im Elfenbeinturm, sondern sie kümmert sich auch darum, ihre Forschungsziele auf die Anwendbarkeit hin zu prüfen und auszurichten. Es ist auch nicht richtig, dass die besten Köpfe immer abwandern. Es ist gut, dass manche abwandern, weil das auch etwas über die Qualität deutscher Hochschulen sagt. Es ist gut, dass manche zurück kommen. Wer die Zahlen kennt, weiß auch, dass in der Max-Planck-Gesellschaft inzwischen vierzig Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter keine Deutschen sind, sondern Ausländer.

Ich wundere mich darüber, dass wir in unserem Volk sehr dazu neigen, unterschiedliche Schriften herauszugeben. Ich könnte Ihnen das an einem Beispiel sagen; das will ich nicht tun, das ist zu polemisch. Aber es gibt eine Schrift, in der wird alles, was wir hier bei uns tun, beschimpft. Und wenn Sie die englische Übersetzung sehen, wird alles, was bei uns geschieht, gelobt. Es handelt sich um die gleichen Sachverhalte und um die gleichen Autoren. Ich will Ihnen einen Zeugen nennen: Das ist Thomas Limberger, der Deutschlandchef von General Electric. Er hat vor kurzem gesagt über den Standort Deutschland:

"Ich kann in die allgemeine Litanei, dass alles schlecht ist und nichts funktioniert, beim besten Willen nicht einstimmen. Für ein Unternehmen wie General Electric, das mit langem Atem auf Innovationen setzt, sind die Bedingungen hier gut. Damit meine ich vor allem den hohen Standard in den Natur- und Ingenieurwissenschaften und die ausgezeichneten Technischen Universitäten und sonstigen Forschungseinrichtungen."

Und er sagte: "Deutschland ist besser als sein Ruf."

Ich glaube, dass wir das wiederholen sollten, dass wir das nachsprechen sollten, ohne uns damit freizusprechen von Reformnotwendigkeit, die es ohne Zweifel gibt. Es gibt ein sehr differenziertes System, und ob wir das, was uns aus Amerika jeweils angeboten wird, annehmen sollten, indem wir es kopieren, daran habe ich jedenfalls große Zweifel.

Ich will das hier nicht ausführen, weil ich Sie ja zum Abendessen gebeten habe, und das sollten wir auch wahrnehmen. Ich möchte Ihnen herzlich dafür danken, nicht nur, dass Sie heute Abend gekommen sind, sondern, dass Sie eine so wichtige Arbeit tun und dass Sie eine der Schaltstellen sind zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, die wir noch stärker brauchen als bisher.

Seien Sie also herzlich willkommen!

Da wir hier in Bonn sind, will ich Ihnen sagen: Es gab in Bonn einen Physiker, ich weiß nicht, ob ihn hier jemand noch kennt, der hieß Weitze, Walter Weitze. Und dessen Hobby war die Sammlung origineller Doktorarbeiten. Er war auch mal im Landtag, aber vor meiner Zeit - also in den vierziger oder fünfziger Jahren. Der sammelte originelle Doktorarbeiten, die originellste, die er fand, war eine hier aus Bonn, ein humanmedizinische aus dem Jahre 1906/1908. Die hatte als Thema "Augenverletzungen durch Kuhhornstoß". Der Verfasser wies nach, dass Augenverletzungen durch Kuhhornstoß in Großstädten sehr viel weniger vorkommen als auf dem Lande, obwohl die Bevölkerungsdichte das Umgekehrte vermuten lasse.

Ich wünsche Ihnen Erkenntnisse oberhalb dieser eben zitierten, auch an diesem Abend, und heiße Sie noch einmal herzlich willkommen.