Navigation und Service

Rede bei dem Festakt anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Dortmund an Bundespräsident Johannes Rau in Dortmund, Auditorium maximum der Universität

Herr Rektor,

Frau Dekanin,

Herr Oberbürgermeister,

Herr Töpfer,

meine Damen und Herren,

ich danke Ihnen ganz herzlich für die mir zuteil gewordene Ehrung, für die ich dankbar und auf die ich stolz bin. Als ich am 28. Juli 1970 das Amt des Wissenschaftsministers übernommen habe, gab es in Dortmund 2.000 Studenten, die hatten eine Adresse: Rheinlanddamm 200. Das war die damalige pädagogische Hochschule, Abteilung Dortmund.

Es war richtig, wie Klaus Töpfer es uns erzählt hat: Kaiser Wilhelm ist ein Stück weiter gegangen, er hat gesagt: Zwei Dinge sollen nicht ins Ruhrgebiet: Universität und Kaserne. Er wollte weder Soldaten noch Studenten, wohl damit der Arbeitseifer der Menschen nicht eingegrenzt würde. Sie sehen, was Staatsoberhäupter alles denken können!

Ich wollte etwas ganz anderes: Ich wollte, dass die Menschen nicht zur Bildung geholt werden, sondern dass die Bildung zu den Menschen geht. Es gab eine wissenschaftliche Arbeit, die ich gelesen hatte, aus der hervorging, dass im Landkreis Hannover, in Bayern und an einem dritten Ort das Interesse der Studenten an Tiermedizin mehrfach so hoch war wie an anderen Orten, weil in der Region, in der diese Schüler waren, tiermedizinische Fakultäten bestanden. Weil man erst lernen musste, dass Hochschulstandorte nicht nur Studenten abschöpfen, sondern Studienbereitschaft fördern, daher entstand die Idee der Regionalisierung unseres tertiären Sektors in Nordrhein-Westfalen, beginnend mit Paul Mikat, von mir dann in den Jahren 1970 - 78 besonders intensiv vorangetrieben und auch im Anschluss daran zum Glück bis heute fortgesetzt.

Martin Luther hat einmal gesagt, der Doktorhut sei keine Schlafmütze. Das will ich gerne hier zitieren und Ihnen sagen: Ich will auch nicht müde werden in dem Bemühen, deutlich zu machen: Wir in Deutschland geben weniger Geld für Bildung aus, als wir uns leisten können. Wir müssten erkennen, dass alles, was wir mit den Stichworten Innovation und Globalisierung bezeichnen, nur zu bewältigen ist, wenn Bildung und Entwicklung, Wissenschaft und Forschung, Erziehung und Ausbildung zu Selbstverständlichkeiten und zu Prioritäten werden. Wenn uns das nicht gelingt, dann hilft uns keine PISA-Studie, eine Studie, die wichtig und aufregend ist, aber die missverstanden wird, wenn wir sie nur beziehen auf die Berufstätigkeit und die Karriereplanung junger Menschen.

Es geht immer um mehr in der Bildung als nur um Berufsausbildung und Karriere. Es geht darum, ob wir Menschen bekommen und haben, die orientierungsfähig sind und die ihr Leben selber führen können und deshalb nicht verführbar sind. Das ist ja in der modernen Mediengesellschaft, in der wir alle - wie sagen die Engländer - over newst aber under informed sind -, in der es so viel Informationsmüll gibt, dass das Informieren schwer geworden ist, eine nach meiner Überzeugung dauerhafte Aufgabe für uns alle.

Nun haben Sie meine Leistungen für das, was ich zustande zu bringen versucht habe, ausgerechnet mit einem ingenieurwissenschaftlichen Ehrendoktor gewürdigt. Meine Frau meldet da Zweifel an. Aber ich gestehe, wenn ich an die Jahre 1970 - 74 denke, an die Auseinandersetzungen in Dortmund um P1, P8, um das Verhältnis zur Architektur und Raumplanung, um Städtebau und Wohnungsbau, um Wohnungswirtschaft und an all das, was damals in den ersten Jahren der Universität hier erörtert - und streitig erörtert - worden ist und in das ich einzugreifen versucht habe mit Diskussionsbeiträgen, dann finde ich es trotzdem schön, dass Sie ausgerechnet mir ausgerechnet diese Ehrendoktorwürde gegeben haben.

Ich bin vor allem dankbar dafür, dass mein Engagement für die nordrhein-westfälische Wissenschaftslandschaft offenbar Langzeitwirkung hat. Denn ich bin vor 26 Jahren vom Amt des Wissenschaftsministers zurückgetreten, zugegebenermaßen, weil die andere Aufgabe mich noch mehr reizte.

Ich erkläre mir, dass Sie mich jetzt so gewürdigt haben, damit, dass Sie, liebe Frau Professor Hassler, eine Spezialistin für das Bleibende und das Vergängliche sind. Ich darf also annehmen, dass Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen mit wissenschaftlicher Akribie geprüft haben, ob ich diese Würde verdient habe. In Ihrer Publikationsliste finden sich ja so sprechende Titel wie: "Das Dauerhafte und das Flüchtige", "Von der Vergänglichkeit des Bauens" oder auch: "Über Risiken des Verschwindens und Chancen intelligenter Schrumpfung". Sie haben sich also in Ihrem Fach mit einer Frage auseinandergesetzt, die durchaus heikel sein kann, mit der Frage: "Was bleibt?"

Ich denke, da geht es, Professor Töpfer, um mehr. Ich habe Ihnen herzlich zu danken, ich habe, ehrlich gesagt, gern zugehört. Wir beide wissen: Gerade politisches Handeln ist oft so auf den Augenblick bezogen, auf schwierige Situationen, die schnell geändert werden müssen und schnell geändert werden sollen, dass wir nicht wissen und auch gar nicht fragen, was bleibt. Wir sind keine Hellseher, und wir wissen doch aus vorheriger Erfahrung, dass manches Handeln ganz schnell vergessen ist und anderes weit, weit in die Zukunft hineinreicht. Beides ist übrigens gut. Die "Furie des Verschwindens", wie Hegel das einmal genannt hat, kann auch eine barmherzige Macht sein.

Bei der Frage "Was bleibt?" dürften manche von uns, übrigens beileibe nicht nur Politiker, beim Blick in den Rückspiegel ihrer eigenen Aktivitäten ganz froh darüber sein, dass manches nicht geblieben ist. Ich gestehe: Die nordrhein-westfälische Hochschullandschaft gehört nicht zu den Dingen, denen ich das Verschwinden wünsche, sondern ich wünsche sie weiter ausgebaut.

Wie aber kann uns das gelingen, dass wir nachhaltig handeln?

Nichts ist in der modernen Welt so beständig wie der Wandel. Das gilt im Großen und im Kleinen. Auch in der Hochschul- und Bildungspolitik ist natürlich vieles nicht mehr so, wie wir es uns vor dreißig Jahren nach bestem Wissen und Gewissen zurechtgelegt haben.

Wir müssen vieles verändern. Es gibt diesen Spruch eines britischen Konservativen: Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, müssen wir vieles ändern; aber wir dürfen auch im Reformtaumel unsere Identität nicht aufgeben. Und diese dialektische Spannung zwischen dem Beständigen und dem Wandel, die ist Thema vieler Publikationen. Werner Finck hat einmal gesagt: "Es gibt Leute, die nennen es Dialektik, wenn sie sich ständig selbst widersprechen." Die meine ich nicht, sondern ich meine die Publikation "Umbau, Sterblichkeit und langfristige Dynamik", Frau Professorin und Dekanin. Das bezieht sich zwar bei Ihnen nicht auf die Hochschulpolitik, aber es passt auch hier ganz gut.

Damit bin ich wieder beim Bauen. Der Soziologe Hans Joas hat unlängst in einem Aufsatz über die Vermittlung von Werten geschrieben: "Schon die Verwahrlosung eines Gebäudes kann hinsichtlich der Werte mehr kommunizieren als jeder Lehrplan." Ich glaube, er hat Recht. Marode Bausubstanz sagt auch etwas aus über den Zustand unserer Gesellschaft. Welches Signal geben wir Kindern und jungen Menschen, wenn wir sie jeden Morgen in lieblos entworfene und schlecht gepflegte Schulhäuser schicken?

Noch ein Gedanke ist mir wichtig: Jedes Bauwerk istein Eingriff in die Natur. Wir überbauen den Boden, wir versiegeln Flächen, wir verbrauchen Rohstoffe und Energie. Architekten, Ingenieure und vieleBaufachleute werden sich noch weit stärker als bisher darum bemühen müssen,

  • dass umweltverträgliche Materialien verwendet werden;
  • dass ein möglichst geringer Energiebedarf entsteht;
  • dass Gebäude auch unterschiedlich genutzt werden können.

So stelle ich mir nachhaltiges Bauen vor.

Gebäude beeinflussen unser Zusammenleben. Sie drücken etwas aus jenseits ihrer Zweck­bestimmung und ihrer Brauchbarkeit; sie machen uns, wie man so sagt, ein gutes oder ein schlechtes "Raumgefühl".

Sie können auf die Menschen bedrückend wirken, aber auch befreiend.

Ich wünsche mir Architekten und Ingenieure, die solche Empfindungen ernst nehmen und sie jeden Tag beim Planen und Entwerfen berücksichtigen.

Ich wünsche mir Architekten und Ingenieure, die Orientierungspunkte für gutes Bauen setzen:

  • für eine Baukunst, die sich am menschlichen Maß ausrichtet;
  • für eine Baukunst, die ihre gesellschaftliche Verantwortung auf dem Feld des Sozialen und auf dem Feld der Ökologie wahrnimmt,
  • für eine Baukunst, die nie vergisst, wie verletzlich und wie erschöpfbar unsere natürlichen Lebensgrundlagen sind.

Mir ist bewusst, dass ich heute der Geehrte bin und dass ich eigentlich nur danken sollte, anstatt zu wünschen. Aber wenn die Studierenden und die Lehrenden der Fakultät für Bauwesen meine Wünsche erfüllen könnten, so fühlte ich mich doppelt geehrt.

Und dreifach fühle ich mich dadurch geehrt, dass Professor Töpfer, der vor wenigen Wochen mit Kofi Annan bei mir war, so einfühlsam von dem gesprochen hat, was ich politisch zu bewirken versucht habe in diesen 46 Mandatsjahren.

Ich gestehe Ihnen, das wird ab 1. Juli für mich der schönste Titel, den es gibt, altersversichert, ohne Terminzwänge und dennoch weder untätig noch stumm, sondern bereit, Fragen zu stellen und nach Orientierung zu fragen; selber auch Orientierung zu geben, wo ich das kann und soweit ich das kann, und mit dem Bemühen, das zu tun, was der einzige Sinn der Politik ist: das Leben der Menschen ein wenig menschlicher zu machen. Dafür zu sorgen - nicht, dass das himmlische Jerusalem kommt, das können wir nicht besorgen - aber dass es weniger Tränen gibt, weniger Leid, weniger Hass, weniger Entfremdung. Das alles kann man immer nur schrittweise, nein stückweise erreichen.

Unsere Hand istzu kurz, unser Arm ist zu kurz, um den Horizont zu erreichen, aber die Schritte gehen in Richtung auf den Horizont. Den Weg beschreiten, den Weg ebnen für andere, das ist eine Aufgabe, die ist nicht an Ämter gebunden, sondern die gilt in Dortmund und in Berlin, in Wuppertal und in Nairobi. Diesen Auftrag kann man nicht kündigen, den kann man nicht abgeben und auch nicht zurückgeben, sondern dem muss man verpflichtet bleiben, wenn man sich selber versteht als jemanden, der weiß, dass er sein Leben nicht sich selber verdankt und dass er darum auch nicht das Maß für die ist, für deren Leben er Mitverantwortung trägt. Sie haben erfreulich oft Karl Popper zitiert. Für mich steht Karl Popper ein Stück weit zwischen Lessing und Kant.

Ich glaube, wir brauchen auch solche Leuchttürme wie Lessing gestern, Karl Popper heute, und dann in wenigen Tagen Immanuel Kant. Menschen, die mit klaren Worten dafür sorgen, dass wir aus dieser Beliebigkeit und aus dieser Orientierungslosigkeit herauskommen. Dass wir nicht mehr den Schlagzeilen nachlaufen, sondern dass wir bei aller Notwendigkeit schnellen Wandels doch auch immer wieder nachdenklich darüber sind, ob wir Maß und Ziel und Sinn des Lebens erreichen oder verfehlen.

Ich wünsche auch dieser Universität Menschen, die nach dem Sinn fragen und die nicht den Staat danach fragen, welchen Sinn er liefert. Der Staat wäre überfordert, wenn er das tun sollte. Keiner von uns ist überfordert, wenn er gefragt wird nach dem, was seinem Leben Sinn und Maß und Mitte gibt. Ich wünsche mir solche Menschen. Herzlichen Dank!