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Begrüßungsworte von Bundespräsident Johannes Rau bei seinem Besuch der Vollversammlung des Wissenschaftsrats

Ich glaube, dass Bildung und Wissenschaft gegenwärtig eine gute und fruchtbare Zeit erleben. Wir haben Jahre des Schweigens hinter uns, die durchbrochen sind, die zu Ende sind. Es wird wieder öffentlich diskutiert. Ich nehme an dieser Diskussion so engagiert wie möglich teil; auch, weil ich mich den Hochschulen in Deutschland eng verbunden fühle.

Ich war außerdem viele Jahre Mitglied des Senats der Max-Planck-Gesellschaft, so dass ich auch die außeruniversitäre Forschung ein wenig zu kennen glaube.

Und ich bin der Vater von drei Kindern, die sich gegenwärtig um Hochschulzugang beziehungsweise um die Voraussetzung zum Hochschulzugang bemühen - mit unterschiedlicher Intensität, wie ich zugebe, aber nicht ganz ohne Erfolg.

Das Einzige, was ich hier sagen will, weil ich es gestern auch bei anderer Gelegenheit in Leipzig gesagt habe: Die PISA-Studie, das, was wir jetzt an neuen Studien haben, das alles ist wichtig, gibt Anstöße, gibt Stichworte. Ich bitte dennoch darum, dass wir nicht allein statistische Daten zum Indiz für Bildung machen.

Es geht immer um den ganzen Menschen, es geht nie nur um das Kognitive. Es geht immer auch um die Breite, um die Vielfalt, um die Tiefe. Es geht bei Erziehung immer darum, dass ein Mensch befähigt wird, sein Leben selber zu führen. Das, was man früher unter dem Stichwort "höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit" bezeichnet hat, mit dem bekannten Goethe-Wort, das ist heute die Frage nach dem orientierungsfähigen Bürger.

Die bewegt mich, weil ich glaube, dass die Demokratie nicht gefährdet wird durch Radikale oder Extremistische, sondern durch die Indifferenz und durch die Gleichgültigkeit der Demokraten oder der potenziellen Demokraten. Darum wünsche ich mir eine Gesellschaft, die hellwach ist, die kontroversfähig und konsensorientiert ist, und ich wünsche mir, dass alle gesellschaftlichen Kräfte daran mitwirken, dass wir eine solche Gesellschaft erhalten, und zwar im doppelten Sinne des Wortes.

Ich wünsche Ihnen für Ihre Beratungen gute Einfälle und die Gabe, sie zu formulieren, und ich höre Ihnen gern zu. Herzlichen Dank!