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Rede von Bundespräsident Johannes Rau bei der 460. Schaffermahlzeit am 13. Februar 2004 in Bremen

Meine Dame,

meine Herren,

Bremen ist immer eine Reise wert. Darum komme ich oft und gern in Ihre schöne Stadt. Die Schaffermahlzeit aber darf man als Auswärtiger nur ein einziges Mal erleben. Darum ist der heutige Tag selbst für einen recht häufigen Bremen-Gast wie mich etwas ganz Besonderes.

Ich danke Ihnen für die Einladung, und ich danke im Namen aller Gäste den kaufmännischen Schaffern und den Kapitänsschaffern für ihre splendide Gastfreundschaft!

Als ich die Einladung bekam, habe ich kurz über mein Verhältnis zur Seefahrt nachgedacht: Ich bin mit ihr zwar nicht innig vertraut, war aber immer an ihr interessiert und immer bereit zu lernen. Einerseits: Ich stamme aus demBergischenLand, von der Wupper, deren Schiffbarkeit für Überseedampfer seit der Karbonzeit sehr nachgelassen hat; und ich habe mich als Politiker vor allem damit beschäftigt,Brückenzu bauen.

Andererseits: Es gibt ja sogar eine Atlantikbrücke; mein zweiter Wohnsitz, Spiekeroog, liegt mitten im Meer, und die Seefahrt hat mich als Kind schon fasziniert - die Reisen der Forscher und Entdecker, die Abenteuer mit Freibeutern und Piraten, die Jagd auf den weißen Wal und natürlich auch die Geschichte von Robinson Crusoe.

Der war übrigens der Sohn eines Bremers und hieß eigentlich Kreutznaer. Das schreibt Daniel Defoe gleich im ersten Absatz seines Buches und lässt Robinson hinzufügen: "Aber man nannte uns Crusoe, wie man in England eben gerne die Namen verstümmelt."

Ja, so sind sie wohl, die Engländer - kein Gefühl für ausländische Namen.

Noch schlimmer sollen in dieser Hinsicht allerdings die Franzosen sein. Die Neue Zürcher Zeitung hat jüngst berichtet, selbst renommierte französische Zeitungen schrieben nicht selten denselben fremden Namen auf einer Seite viermal anders. Außerdem buchstabierten sie viele Fremdwörter mehr nach dem Gehör als nach dem Lexikon, und auch sonst hapere es bei dieser Nation offenbar mit der Fremdsprachenkenntnis. Bei amerikanischen Fluglotsen jedenfalls hießen Flüge aus Frankreich angeblich nur noch "Keskidi-Flüge". Die französischen Piloten fragten einander nämlich bei jedem Befehl aus dem Kontrollturm: "Qu'est ce qu'il dit?" - "Was hat er gesagt?" Soweit die Neue Zürcher Zeitung aus der ebenso verlässlichen wie vielsprachigen Schweiz.

Solche Geschichten stiften Heiterkeit und Wohlbehagen. Sie lassen sich meist leicht auf andere Nationen umschneidern - das Englisch deutscher oder italienischer Piloten ist dem ihrer französischen Kollegen vermutlich auch nicht himmelhoch überlegen, und mancher Brite würde wohl sagen: "Alles immer noch besser als das sogenannte Englisch der Amerikaner!"

Derlei gutmütige Frotzeleien gibt es zwischen Nationen, zwischen Landsmannschaften und sogar von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf. Sie lassen sich meist als gutes Zeichen deuten: Wenn sich Menschen und Völker ganz gut kennen und insgesamt ordentlich miteinander auskommen, gerade dann nehmen sie sich auch einmal gegenseitig auf die Schippe. Dann funktionieren auch die Pointen besser: Die Zuhörer bringen Vorkenntnisse über die zu Verulkenden mit, sie erkennen sofort die Übertreibung, aber auch das Körnchen Wahrheit darin, und es herrscht Einverständnis, niemanden beleidigen oder verletzen zu wollen.

Selbst unter Freunden und Vertrauten aber können solche Sticheleien schnell spitz und scharf werden. Das haben wir im vergangenen Jahr während des Irak-Krieges erlebt. Da kam es auch zwischen guten Freunden zu einer ganz ungewohnten Entfremdung, und bald machten wechselseitig massive Vorurteile und giftige Witze die Runde. Diese Episode ist gottlob im großen und ganzen überwunden, aber sie lehrt, wie rasch selbst Freunde sich fremd werden können.

Sich entfremden, einander fremd werden, voneinander befremdet sein - in diesen Worten klingt es schon an: Die Begegnung mit Fremden weckt nicht nur Neugier, Interesse und Gastfreundschaft. Wo vom Fremden die Rede ist, da schwingt im Wortsinn auch das Gefühl mangelnder Vertrautheit mit, fehlenden Vertrauens, ja der Beunruhigung bis hin zum Gefühl des Bedrohlichen; und so ist es beileibe nicht allein im Deutschen - man denke an Wörter wie "strange".

Erst vor dem Hintergrund dieser Begleitvorstellungen von "fremd" ermisst man so ganz, welche Zumutung es eigentlich für Menschen bedeuten kann, mit Fremden zu leben.

II.

Methusalix, der Dorfälteste bei Asterix und den Galliern, drückt diese Zumutung so aus: "Ich hab' nichts gegen Fremde! Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier."

Das klingt paradox und lustig, aber es beschreibt gar nicht schlecht einen Prozess der gegenseitigen Gewöhnung, der immer wieder neu stattfinden muss und der allen Beteiligten immer wieder eine Menge abverlangt. Aus der Sicht der Alteingesessenen gehören die Fremden zunächst einfach nicht dazu, sie passen nicht hinein, sie sind anders und stören irgendwie. Dann beginnt man sich an sie zu gewöhnen, an die meisten jedenfalls, wird vertraut miteinander, lernt einander schätzen, und dann gehören die Fremden auch dazu - aber dann sind sie ja keine Fremden mehr!

Die als Fremde hinzukommen, erleben es ähnlich, bis sie sich heimisch fühlen; doch ihr Part ist fast immer schwerer. Sie haben ihre Heimat hinter sich gelassen - mehr oder weniger gezwungen oder auch freiwillig - und sind ins Ungewisse gegangen. Am neuen Ort sind es gewöhnlich zuerst die Einheimischen, die über das Maß der Annäherung und darüber entscheiden, ob und wann die Fremden heimisch werden können. Das kann bitter lange dauern. Nicht umsonst bedeutet das Wort "Elend" ursprünglich: Wohnen in der Fremde.

III.

Kaum ein Land hat so viel Einwanderung und Auswanderung erlebt wie Deutschland. Darum lässt sich auch bei uns an vielen Erfahrungen zeigen, was das Zusammenleben mit Fremden bedeutet und wie es gelingen kann.

Der Blick zurück lehrt uns zunächst einmal: "Fremde", das sind beileibe nicht immer Menschen aus fremden Nationen und anderen Kulturkreisen. Auch ungezählte Inlandsdeutsche sind hierzulande als Fremde betrachtet und behandelt worden und hatten es schwer, heimisch zu werden - diese traurige Erfahrung haben zum Beispiel viele Flüchtlinge und Vertriebene aus den früheren deutschen Ostgebieten gemacht.

Es stimmt: Fremde sind Menschen, die von jenseits der Grenzen kommen. Es können aber ganz unterschiedliche Grenzen sein - politische und ethnische, geographische und religiöse, kulturelle und soziale. Alle diese Grenzen sind Menschenwerk. Fremder wird man durch Unterscheidung, durch Abgrenzung und Ausgrenzung. Wir haben es darum fast immer auch selber in der Hand, wo und für wie lange wir die Grenzen ziehen zwischen uns und Fremden.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt uns noch etwas: Wir sollten nicht glauben, die innere Distanz zwischen Einheimischen und Fremden sei im Lauf der Jahrhunderte größer und das Zusammenleben darum schwieriger geworden, nur weil in unserer Zeit der Mobilität und der Globalisierung mehr Fremde aus weit entfernten Ländern und Kulturen stammen. In der Zeit der Postkutsche war doch auch das Gefühl für Entfernungen ein anderes, und wer in den Archiven die Quellen aus der Zeit zwischen 1650 und 1800 studiert, der erkennt: Damals waren die Gläubigen der unterschiedlichen christlichen Konfessionen einander in ihrem Verständnis von Gott und der Welt ähnlich fremd wie heute die Gläubigen unterschiedlicher Weltreligionen.

Dennoch fanden sie zu Gemeinsamkeit und gutem Miteinander. Die heutigen Herausforderungen des Zusammenlebens mit Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis nach Deutschland gekommen sind, sind gewiss nicht geringer, aber auch sie lassen sich meistern.

Fremde bringen Handel und Wandel, und das bringt Gewinn - auch das ist eine uralte Erfahrung und Erkenntnis. Das hat die Kapitäne und die Kaufleute übrigens immer schon zu besonders gerngesehenen Gästen und geschätzten Mitbürgern gemacht. Vermutlich hat sich der Handel überhaupt aus der Begegnung mit Fremden entwickelt, denn als Zeichen guten Willens brachte man sich gegenseitig Gastgeschenke, und am Ende wurde eine ständige Liefer- und Geschäftsbeziehung draus. Nur schade - jedenfalls aus der Sicht der Kaufleute -, dass dann bald die Obrigkeit kam und ihrerseits bei jedem Besuch als Gastgeschenk Zoll forderte.

Um Fremde mit Talent und Kapital muss man werben - auch das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Schon immer betrieben Staaten und Städte im wohlverstandenen eigenen Interesse Zuwanderungspolitik. Die deutschen Fürsten und Städte boten Kaufleuten, Ärzten Gelehrten und anderen hellen Köpfen viele Privilegien als Niederlassungsanreiz, nicht zuletzt das Bürgerrecht. Das winkte auch Handwerkern, Mägden und Knechten - denen freilich erst nach Grunderwerb oder Heirat oder nach dem Ablauf bestimmter Fristen.

Dabei zeigten nicht zuletzt die großen Hansestädte Bremen und Hamburg: Gerade Städte und Staaten mit einer großzügigen Fremdenpolitik gediehen besonders gut. Je mehr sie sich tüchtigen Fremden öffneten, je mehr Gleichberechtigung und Aufstiegschancen sie ihnen gaben, um so stärker wuchs der Wohlstand für alle. Außerdem gewann man so nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen der Neubürger: Sie identifizierten sich mit dem Gemeinwesen, das sie aufgenommen hatte, und wurden oft zu besonders glühenden Patrioten und Lokalpatrioten.

Es gibt eine bekannte Rede über diese besonders intensive Loyalität dank Bürgerrecht und Gleichberechtigung. Sie ist von Carl Schurz, dem deutschen Freiheitskämpfer von 1848. Gehalten hat er sie elf Jahre später, in Boston, und er begann sie mit den Worten: "Vor einigen Tagen stand ich auf der Kuppel Ihres Rathauses und überblickte zum erstenmal Ihre ehrwürdige Stadt und das sie umgebende Land (...) und ein stolzes Gefühl regte sich in meinem Herzen, als ich mir sagte: 'Auch ich bin ein amerikanischer Bürger!'"

Auch da gab es freilich zeitweise harte Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern. Schurz hielt seine Rede auch gegen Politiker, die das Recht auf Einbürgerung drastisch verschlechtern wollten. Das Zusammenleben mit Fremden ist eben selten eine reine Harmonieveranstaltung, und Integration ist nie ein Selbstläufer. Dabei spielen vor allem die Furcht vor Überfremdung, vor wirtschaftlicher Konkurrenz und die Angst der Einheimischen um ihre Arbeitsplätze eine große Rolle. Als die Hugenotten nach Preußen kamen, wollten ihnen viele deutsche Kaufleute keine Waren abkaufen und viele Zünfte weigerten sich, die Fremden aufzunehmen. Hie und da wollte man sie nicht einmal in die Kirchen lassen!

Der Staat half beim Start ins Wirtschaftsleben: Er verlieh den Hugenotten das Recht, zehn Jahre als "Freimeister" tätig zu sein, und er erließ das Gebot, sie unentgeltlich in die Zünfte aufzunehmen - beides veritable Hilfen für Existenzgründer, die aus der Fremde kamen.

Auf der anderen Seite neigen Zuwanderer leicht dazu, sich abzukapseln, sich nur in ihrer Muttersprache zu unterhalten, in einer Art Parallelkultur zu leben.

In den Vereinigten Staaten von Amerika wollten viele europäische Siedlergruppen geschlossene Siedlungsgebiete schaffen, und auch ein "Neu-Deutschland" im amerikanischen Westen war durchaus im Gespräch.

Und was die Muttersprache angeht: Der Bremer, schreibt ein bekannter Wuppertaler namens Friedrich Engels, liebe das Bremer Platt so sehr, dass er es über den Ozean trage: "Ich kenne Leute, die in New-York und Vera Cruz von den dort sehr zahlreichen Bremern den Dialekt ihrer Vaterstadt vollkommen erlernt haben." Bei den Hugenotten in Preußen wiederum dauerte es fast hundert Jahre, ehe sie ihre Bibeln zweisprachig druckten und ihre Kinder in der Schule auf Deutsch unterrichten ließen.

Als wirksamstes Mittel gegen solche Tendenzen zur Absonderung hat sich überall erwiesen, von jedem Einwanderer solide Kenntnisse in der Landessprache zu verlangen und sie jedem beizubringen, am besten von Kindesbeinen an. Selbst dann, auch das lehrt die Geschichte, braucht es Zeit, bis das Miteinander zur Selbstverständlichkeit wird, bis die Fremden keine mehr sind und sich selber nicht mehr in der Fremde fühlen. Gut Ding will wirklich Weile haben.

IV.

Vor ein paar Wochen fand in Berlin zum 69. Male die Internationale Grüne Woche statt, die einzigartige Ausstellung über Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Da wird auch die Deutsche Meisterschaft im Kartoffelschälen ausgetragen. Es war wieder eine spannende Entscheidung.

Und so berichtete der Berliner "Tagesspiegel" darüber: "In der Halle 20 haben sich lange vor dem Wettbewerb Fangruppen aus Bremen, Schleswig-Holstein und Hessen postiert. Die Schleswig-Holsteinerinnen (...) singen sich nach Art der Wikinger warm. (...) Die Hessen haben bedruckte Schilder mitgebracht. (...) Die Bremer stehen etwas entfernt auf einer Balustrade. Ihre Chorgesänge dringen kaum durch. Dann treten die Kandidaten der Bundesländer auf."

Um es kurz zu machen: Deutscher Meister im Kartoffelschälen wurde Titus Dickinson, ansässig in Potsdam, geboren im Sudan. Noch einmal der Tagesspiegel: "Er reißt die Arme hoch, winkt ins johlende Publikum. (...) Gegen die hochfrequente Raspeltechnik des Afrikaners aus Brandenburg hatte die Konkurrenz keine Chance. Die Kartoffelkönigin aus Sachsen-Anhalt schaffte nicht mal halb so viele Knollen. (...) Den Hausfrauenverbänden steht eine Phase der Selbstprüfung bevor."

Solche Meldungen sagen vielleicht mehr über das Zusammenleben von Einheimischen und neu Dazugekommenen als mancher Kommissionsbericht. Das gute Miteinander ist für Millionen nicht etwa die große Ausnahme, sondern ein ganz normaler Teil ihres Alltags. Viele Vorurteile und Klischees sind nur noch Anlass, sich gemeinsam über sie lustig zu machen. Dabei haben die Deutschen erkennbare Fortschritte in Sachen Selbstironie gemacht, und die ist ja bekanntlich ein Zeichen für gelassenes Selbstvertrauen.

Das soll nicht heißen, es gäbe in diesem Zusammenleben keine Probleme mehr, sondern nur noch eitel Sonnenschein. Aber die Bilanz fällt doch überwältigend positiv aus:

  • Kaum ein Land der Welt profitiert so sehr von seiner Weltoffenheit und von seinen weltweiten Wirtschaftsbeziehungen wie Deutschland. Überall sind deutsche Kaufleute und Unternehmen gern gesehen, und aus aller Welt kommen Kaufleute und Unternehmen zu uns, um hier Handel zu treiben, sich niederzulassen, Arbeitsplätze zu schaffen.
  • Die meisten deutschen Betriebe sind darin geübt, mit anderen Ländern Geschäfte zu machen, und überall gehören Menschen zur Belegschaft, die gestern noch Fremde waren oder deren Eltern als Fremde nach Deutschland gekommen sind. Seit Jahrzehnten tragen Ausländer dazu bei, den Wohlstand in Deutschland zu mehren. Längst geht auch die Zahl der ausländischen Unternehmensgründer hierzulande in die Zehntausende. Unser Land ist durch das Zusammenleben mit Fremden weltläufiger geworden, farbenfroher, kulturell vielfältiger und durch diese Vielfalt auch toleranter und kreativer.
  • All das ist im Grunde auch unbestritten. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen erkennt an, wie viel Gutes, wie viel Bereicherung in jedem Sinne diese Weltoffenheit und das Zusammenleben mit Fremden mit sich bringen. Deutschland ist ein fremdenfreundliches Land.
  • Darum gibt es hierzulande eine Fülle von Initiativen, in denen sich Deutsche und Fremde gemeinsam für das gute Miteinander einsetzen und "Beziehungsarbeit" leisten. Solche Integrationsprojekte sind unverzichtbar, weil zwischen Einheimischen und Fremden eben nicht "praestabilierte Harmonie" herrscht, sondern weil es darauf ankommt, einander zu begegnen, sich kennen zu lernen und so Gemeinsamkeit und Vertrauen aufzubauen. Auf beiden Seiten mangelt es den meisten nicht an gutem Willen und auch nicht an ausgestreckten Händen.
  • Dem entspricht die Einsicht und Bereitschaft auch auf staatlicher Seite, mehr für die Integration zu tun. Die Erkenntnis, dass dabei gute Deutschkenntnisse absolute Schlüsselbedeutung haben - für den Erfolg in der Schule genauso wie für den Erfolg am Arbeitsmarkt - ist bei allen politisch Verantwortlichen Allgemeingut geworden.
  • Die Menschen in Deutschland stehen auch zu ihrer humanitären Verantwortung. Sie bejahen das Grundrecht auf Asyl als Kernbestandteil unserer Verfassung und als prägenden Ausdruck der Lehren aus der deutschen Geschichte.
  • Und zu guter letzt: Es herrscht eigentlich breite Übereinstimmung darüber, noch stärker um helle Köpfe aus dem Ausland zu werben. Wir brauchen Zuwanderung,weilsie unserem Lande nützt. Wir brauchen Zuwanderung,dieunserem Lande nützt. Also muss sie auch wirklich so gesteuert und begrenzt werden,dasssie den Menschen in Deutschland nützt. Auch darüber sind sich Politik und Wissenschaft, Gewerkschaften und Arbeitgeber im Grundsatz längst einig.

V.

Angesichts dieser guten Voraussetzungen: Verstehen Sie meine Ungeduld darüber, dass nicht viel schneller viel mehr geschieht, um das gute Miteinander in Deutschland zu sichern und voranzubringen und um unser Land für Spitzenkräfte aus aller Welt noch attraktiver zu machen?

Haben wir etwa noch nicht genug schlechte Erfahrungen damit gemacht, die Gestaltungsaufgaben in der Fremden- und Ausländerpolitik treiben zu lassen? Hat nicht gerade die wirklichkeitsblinde Behauptung, Deutschland sei ja gar kein Einwanderungsland, jahrzehntelang die Einheimischen geradezu gespenstisch verunsichert, die doch Augen hatten zu sehen?

Diese politische Desorientierung sei "eine wichtige Ursache für fremdenfeindliche Abwehrhaltungen" hat der renommierte Migrationsforscher Klaus Bade festgestellt. Er hat Recht!

Wer um tüchtige Fremde wirbt, wer ihnen gute Aufstiegschancen und gleiche Rechte bietet und wer dafür Loyalität und das Erlernen der Landessprache verlangt, der fährt auf Dauer gut damit, das lehrt die Geschichte. Warum halten wir uns nicht viel entschlossener daran?

Deutschland hat sich vor drei Jahren ein modernes Staatsangehörigkeitsrecht gegeben. Es ist ein großes Angebot an Menschen anderer Nationen, sich dauerhaft für Deutschland zu entscheiden und seine Zukunft als gleichberechtigte Bürger mitzugestalten. Nicht wenige haben dieses Angebot schon angenommen. Ich frage mich nur: Sind wir uns dessen ausreichend bewusst? Schätzen wir den Wert des Angebotes selber hoch genug ein, werben wir entsprechend dafür, und heißen wir die angemessen willkommen, die es annehmen?

Im Grunde ist dieser große Schritt doch dazu angetan, gemeinsam über die Werte und Ideale, über die Pläne und Träume nachzudenken, die uns als Bürger dieses Landes verbinden. Ich glaube, das Gespräch darüber hat noch gar nicht richtig begonnen - dabei müsste es doch das Herzstück einer Gemeinschaft von Freien und Gleichen sein!

Zwischen der Verleihung der Staatsbürgerschaft und dem bloßen Dulden der Anwesenheit liegt ein weites Feld. Es ist bei uns noch immer bedeckt von einer kafkaesken Fülle von Aufenthaltstiteln und ausländerrechtlichen Vorschriften. Ich kann mir vorstellen, wie lähmend Vieles davon auf Menschen aus anderen Ländern wirkt, die damit verwaltet werden. Je schneller dieses Paragraphendickicht gelichtet wird, desto besser für alle. Auch den Ausländerbehörden macht es ja wenig Freude, darin zu arbeiten.

In diesem Zusammenhang: Immer wieder lerne ich Fälle kennen, bei denen die Starrheit des geltenden Rechts zu ganz unbefriedigenden, ja inhumanen Ergebnissen führt. Da müssen Menschen abgeschoben werden, die als Fremde kamen, aber längst zu Kollegen, Nachbarn und Freunden geworden sind. Ihre Lebensperspektiven werden vernichtet. Auch die Ausländerbehörden wünschen sich für solche Konflikte mehr rechtliche Spielräume.

Seit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts erwerben die Kinder von dauerhaft hier lebenden ausländischen Eltern mit der Geburt in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft. Erwerben sie dann aber auch das nötige Rüstzeug, um in Deutschland ihr Glück zu suchen und bestmöglich zum Wohl des Ganzen beizutragen? Viele Untersuchungen zeigen: Bisher leider meist nicht. Wir wissen, wie sehr jede Sprachbarriere den schulischen und beruflichen Erfolg behindert; wir wissen, wie sehr fehlende Sprachkenntnisse und mangelnde Ausbildung die Integration erschweren und das Gemeinwesen belasten. Noch immer aber gibt es keine Pflichtsprachkurse für Zuwanderer, noch immer zu wenig Deutschunterricht für ausländische Mütter, noch immer allzu selten kindgerechte Deutschstunden schon in der Vorschule.

Übrigens: Viele deutsche Spätaussiedler aus Mittel- und Osteuropa und ihre Kinder stehen vor denselben Problemen und brauchen darum dieselbe Unterstützung. Wir können es uns nicht leisten, für all das kein Geld auszugeben. Was wir heute versäumen, wird uns teuer zu stehen kommen. Darum dürfen wir die nötigen Entscheidungen nicht immer weiter auf die lange Bank schieben!

Zugleich können und müssen wir verlangen, dass jeder, der auf Dauer in Deutschland lebt, deutsch sprechen kann. Das ist eine Bringschuld für alle Zuwanderer, denn nur so können Verständigung und gutes Miteinander gelingen.

Und wir können und müssen noch mehr verlangen als ausreichende Deutschkenntnisse: Unser Zusammenleben braucht eine klare Grundlage und einen stabilen Rahmen. Das sind Recht und Gesetz und die allgemeinen Umgangsregeln. Der Gehorsam gegenüber Recht und Gesetz sollte ohnehin selbstverständlich sein. Aber auch die allgemeinen Regeln des pfleglichen Umgangs miteinander - gegenseitiger Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme - müssen für alle gelten. Sie sind in einer Zeit wachsender kultureller Vielfalt und zunehmend unterschiedlicher Lebensstile wichtiger denn je für das friedliche und gedeihliche Zusammenleben in Deutschland.

VI.

Zu guter letzt noch einmal zurück zu Robinson Crusoe, dem Sohn des bremischen Zuwanderers ins englische York. Seine Geschichte ist auch ein spannender Bericht über die Begegnung mit dem Fremden - mit fremden Ländern, fremden Menschen, fremden Kulturen - bis hin zum Stamm der Kannibalen.

Das Buch ist natürlich kein Ratgeber für den Dialog der Kulturen und erst recht kein Schlüsseltext über Integrationspolitik. Der Leser erlebt aber mit, wie Robinson nach den Jahren der Einsamkeit in vielen Gesprächen mit Freitag auch sich selber besser verstehen lernt, eigene Gewissheiten überdenkt und klärt und am Ende erkennt: Sein neuer Mitbewohner hat - ich zitiere - "die gleichen Geistesgaben, dieselbe Liebeskraft, das nämliche Gefühl für Güte und Pflicht, die gleiche Erbitterung gegen das Unrecht, den Sinn für Dankbarkeit, Treue und alle die Kräfte zum Guten". So Robinson über Freitag.

Und wissen Sie was? Freitag ist umgekehrt zu demselben Schluss gekommen.