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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt zum 80jährigen Bestehen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes

Frau Vorsitzende,

Frau Bundesministerin,

meine Damen und Herren,

als ich das Amt antrat, das ich gegenwärtig innehabe, haben mir die Mitarbeiter bestimmte Regeln mit auf den Weg gegeben, an die müsse ich mich unbedingt halten. Zum Beispiel: Der Bundespräsident geht zu Jubiläen nur ab 100 Jahre. Da habe ich doch vor einem Jahr gemeinsam mit der Bundesministerin Renate Schmidt den Kinderschutzbund in Potsdam zum 50. besucht. Ich durchbreche ständig Regeln, aber das darf man, wenn man das Amt hat.

Jetzt bin ich hier beim Paritätischen zum 80., natürlich, weil ich selber auch gern 80 würde und älter; natürlich, weil ich die Geschichte des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in vielen, vielen meiner bisherigen Funktionen immer wieder erlebt habe. Ich kenne sogar dieses Gedicht: Was ich nicht deklinieren kann, sehe ich als paritätisch an. Das hat bisher immer funktioniert.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband ist wahrscheinlich derjenige, der so viele Organisationen umfasst, dass die Mehrheit der Mitglieder der Organisationen gar nicht wissen, dass sie im Paritätischen sind, aber das macht den Reichtum aus. Das macht das aus, was diesen Paritätischen Wohlfahrtsverband so unverzichtbar macht. Es gibt ja eine Geschichte des Verbandes: Wir haben vor kurzem, Herr Dr. Ragati, als wir mit den Wohlfahrtsverbänden zusammensaßen, noch mal darüber gesprochen, wie sich Zeiten entwickeln, als das losging mit sogenannten Gastarbeitern vor 40 Jahren etwa. Was machte man da?

Da trafen sich die Wohlfahrtsverbände und fassten Beschlüsse. Die sagten: "Spanien und Portugal, das macht die Caritas, denn die sind alle katholisch. Griechen, das macht die Diakonie, denn die sind orthodox. Dann bleiben die Türken, das macht die AWO." Wenn man das heute in Relation setzt nach den Zahlen der Betreuten, der Gesprächspartner, ist das eine Wahnsinnsvorstellung, was man da vor 40 Jahren miteinander beschlossen und viele Jahre für richtig gehalten hat.

Nun ist heute ein achtzigster Geburtstag, zu dem der Bundespräsident nicht kommen darf, aber kommt. Das ist ein schöner Anlass einmal all denen zu danken, die nicht nur hauptamtlich, sondern die ehrenamtlich aktiv sind in den sogenannten Niederungen des Alltags. Diese Menschen verstehen mehr von unserer Wirklichkeit als viele von denen, die Artikel oder gar Leitartikel schreiben. Ich gehöre zu denen, die möchten bestimmte Dinge eigentlich immer wieder hämmern. Sie möchten sagen: Es gibt Arbeit, die ist unbezahlbar und entweder unterbezahlt oder ehrenamtlich.

Es gibt eine Fülle von Dienstleistungen, ohne die könnte und kann unsere Gesellschaft nicht überleben. Wenn alle Beamtenrechte erfüllt und alle Tarifvereinbarungen eingehalten werden, dann funktioniert unsere Welt, aber sie erfriert, denn wir leben von dem was Menschen zusätzlich tun über das ihnen eigentlich Zumutbare hinaus. Diese Leistungen, dieser Einsatz, die dürfen nicht verloren gehen und die dürfen nicht kleingeschrieben werden.

Ich habe gelegentlich den Eindruck, dass Solidarität sich im Selbstverständnis verändert, dass es Menschen gibt, die verstehen unter Solidarität, dass die Leistungsfähigen sich endlich zusammenschließen und dass die ihr Bild von der Welt weitergeben, statt dass wir Solidarität verstehen als das Miteinander von Leistungsfähigen und Leistungsschwächeren, von solchen, die der Hilfe bedürfen und solchen, die Hilfe geben können und geben. Es ist nicht das Scherflein der Witwe, um es im biblischen Bild zu sagen, von dem unser Sozialstaat lebt. Aber ohne das Scherflein der Witwe, ohne dass Menschen mehr einbringen als ihnen eigentlich zumutbar wäre, kann unsere Welt nicht überleben.

Dabei habe ich gelegentlich den Eindruck, dass wir, weil wir in einer Zeit der Umbrüche leben, auch in einer Zeit der Reformen, die nötig sind, dass wir in einer solchen Zeit unsere Welt schlechter darstellen als sie ist - auch unsere deutsche Welt.

Wenn ich die Zeitungen lese, erfahre ich zu wenig, dass wir immer noch die zweitstärkste Industrienation der Welt sind, dass wir immer noch, was die Patentanmeldungen angeht, an der Spitze aller europäischen Länder stehen, dass wir immer noch das Land sind mit einem hohen Lohnniveau, die Exportnation Nummer eins des vergangenen Jahres, das EU-Land, in dem die meisten Auslandsinvestitionen getätigt werden.

Wenn ich da manche Branchenvertreter reden höre, dann zeichnen die ein Bild von Deutschland, als wären wir kurz vor Rumänien. Das ist falsch. Die Zahl der Autos hat sich in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland verdoppelt. Die Zahl des Geldvermögens hat sich verfünfzigfacht. Die Frage ist nur: bei wem? Die Frage ist, was wir miteinander tun, damit solche Worte wie Solidarität oder wie Hannah Arendt das einmal gesagt hat: "Politik ist angewandte Nächstenliebe zur Welt", wie wir solche Worte übersetzen aus den Transparenten in den Alltag.

Wir haben es gegenwärtig, so glaube ich, mit einer Vertrauenskrise zu tun, die Regierung und Opposition erfasst. Mir macht Sorge, dass es diese Vertrauenskrise gibt. Darum möchte ich mithelfen, dass wir wieder ein Grundvertrauen auch in unseren demokratischen Staat entwickeln und dass wir erkennen: Demokratie besteht nicht darin, dass man gelegentlich wählen geht. Demokratie lebt davon, dass wir eine Zivilgesellschaft aufbauen und erhalten, die Eigennutz und Gemeinnutz so ausgleicht, dass wir nicht erfrieren, dass wir auch nicht auf einem Hochofen sitzen, aber dass wir die Wirklichkeit erkennen, wie sie ist, und dass wir erkennen: Diese Welt ist nicht nur verbesserungsbedürftig, sie ist auch verbesserungsfähig. Man kann in ihr etwas bewegen, man kann in ihr etwas voranbringen.

Ich komme mit Verspätung, wie Sie gemerkt haben, weil ich heute im Ostharz war. Ich habe Städte und Gemeinden besucht, die hatten eine Wiederaufbauleistung zu schaffen, wie ich mir nur aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg vorstellen kann, dass sie eine ähnliche Größenordnung gehabt hatte. Ich bin überzeugt davon, dass in uns genug Kraft steckt, um diese Welt menschlicher zu machen, als sie jetzt ist. Wir können es aber nur, wenn Menschen mehr tun als absolvieren, was sie zu absolvieren haben. Dann müssen wir auch den Finger in die Wunden legen, dann müssen wir auch sagen: Eine Gesellschaft schädigt sich selber, amputiert sich selber, wenn sie nicht jedem jungen Menschen einen Ausbildungsplatz anbietet, der ausbildungsbereit ist. Dann müssen wir darüber reden, dass wir zusätzliche Leistungen erbringen müssen, dass wir eine Sozialpolitik brauchen, die immer wieder auf den Prüfstand muss und bei der nichts heilig gesprochen ist, wenn es nicht regelmäßig überprüft wird. Darum bin ich froh darüber, dass die Bundesregierung die Sozialverbände und die Wohlfahrtsverbände in einem Dialog hineingenommen hat über das, was im Zuge der Sozialreformen, der Gesundheitsreformen, der Arbeitsreformen, was denn da geht und was nicht geht, was reformbedürftig ist und was erhaltenswert ist. Ich bitte Sie, diese Aufgabe anzunehmen als eine der wichtigsten in den nächsten Jahren.

Es ist wichtig, dass wir mehr Wirtschaftswachstum bekommen. Es ist wichtig, dass wir auf internationalen Märkten weiter so gut bestehen können, vielleicht besser bestehen können als das heute der Fall ist, aber das Wichtigste ist, dass wir die Menschen dabei mitnehmen und dass die Menschen sich mitgenommen fühlen, wenn wir sie über Wege hin begleiten, die oft schwer sind.

Ich selber habe aus meiner persönlichen Biografie eine enge Beziehung zu allen Wohlfahrtsverbänden, stärker zur Diakonie und zur Arbeiterwohlfahrt als zur Caritas aber auch zum Roten Kreuz. Ich habe einen schönen Satz in den Lukasburger Stilblüten von 1924 gelesen: "Das Rote Kreuz ist eine Vereinigung von Männern und Frauen, die sich der freien Liebe hingeben, teils bezahlt, teils unbezahlt." Ich bin dann Mitglied geworden.

Wie viele von der Humanistischen Union bis zur Heilsarmee finden aber ihr Dach beim Paritätischen Wohlfahrtsverband? Wie viele unterschiedliche Menschen sind da aktiv, hilfreich aktiv? Deshalb finde ich, ein 73jähriger darf der 80jährigen schon gratulieren, auch wenn die Vorsitzende so viel jünger ist als ich.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie nicht nachlassen. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie nicht zu denen gehören, die nur griesgrämig durch die Welt laufen - auch durch die deutsche Welt. Mir begegnen immer wieder Menschen, bei denen habe ich das Gefühl, die haben eine eigene Sodbrennerei, so kucken die einen an.

Wir brauchen Zuversicht, wir brauchen Handlungsbereitschaft, wir brauchen die Bereitschaft anzupacken. Wir brauchen nicht diejenigen, die ständig nur Bedenken durch die Welt tragen. Ich möchte, dass Sie zu denen gehören, die Zuversicht vermitteln: Nicht Optimismus, nicht mit beiden Füßen fest in den Wolken, nicht diese Welt schöner machen, als sie ist; aber endlich im Inland so reden, wie wir reden, wenn wir im Ausland für Deutschland werben. Ich kenne da Verbände, die haben unterschiedliche Prospekte. Da steht in der deutschen Ausgabe das Gegenteil von dem, was in der englischen Broschüre steht. Die reden unseren Standort schlecht. Der ist aber gut. Wir alle wollen dafür sorgen, dass er besser wird, nicht nur effektiver, das auch, nicht nur gewinnbringender, das auch, sondern auch menschlicher. Helfen Sie dabei mit!

Vielen Dank.