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Dankesworte von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Verleihung des Olympischen Ordens in Gold

Herr Präsident Rogge,

verehrte Frau Rogge,

meine Damen und Herren,

ich möchte mich herzlich bedanken für die hohe Auszeichnung, die Sie mir soeben verliehen haben.

Ich bin ein bisschen erleichtert darüber, dass man nicht unbedingt selber ein Olympionike sein muss, um den Olympischen Orden tragen zu dürfen, denn sonst müsste ich ihn wahrscheinlich meiner Frau abgeben.

Aber der Sport liegt mir in der Tat sehr am Herzen, weil seine Wirkungen weit über die Grenzen des Stadions hinaus reichen. Sport schafft Gemeinschaft, er verbindet Völker und er kann helfen, den Frieden zu bewahren.

Mir ist der olympische Friede besonders lieb und wertvoll: Alle, die nach Olympia unterwegs waren in der alten Zeit der Olympischen Spiele, hatten die Garantie, dass sie ungestört und unbehelligt reisen konnten - auch wenn sie ihr Weg durch feindliches Land führte. Der Zweck dieser Reise - die Teilnahme an den Spielen als Athlet oder als Zuschauer - hat die, die unterwegs waren, unter einen besonderen Schutz gestellt.

Ich finde, dass das eine faszinierende Idee ist: dass eine sportliche Großveranstaltung die Macht hat, Waffen zum Schweigen zu bringen und den Ausbruch offener Feindschaft zu verhindern, zumindest eine Zeit lang.

Die Olympischen Spiele standen nur denen offen, die "nicht vorbestraft" waren, wie wir heute sagen, und die feierlich gelobten, sich an die Regeln zu halten.

Seine Entsprechung heute hat dieser Eid darin, dass die Sportlerinnen und Sportler sich zu fairem Verhalten verpflichten und dass sie sich einem Doping-Test unterziehen.

Die Grundidee der Olympischen Spiele fordert alle Teilnehmer persönlich heraus: Natürlich will jede und jeder gewinnen, will beim Wettkampf der oder die Erste sein - schneller, höher oder stärker als die anderen.

Diesem Ziel dürfen die Athleten aber nicht um jeden Preis nachjagen: Die Werte von Ehrlichkeit und Fairness müssen dem sportlichen Ehrgeiz Grenzen setzen. Sonst deformiert der Sport die Person; er soll ja aber gerade das Gegenteil bewirken. Ich brauche Ihnen nichts zu sagen von den Gefährdungen dieser Werte durch Doping und - auf ganz andere Weise - durch grenzenlose Kommerzialisierung.

Wir verwenden das Wort "sportlich" ja auch im übertragenen Sinne, und daraus leite ich für mich eine gewisse Berechtigung ab, Ihre Ehrung entgegenzunehmen, ohne dabei rot zu werden:

Eine Sache "sportlich sehen" oder sie "auf sportliche Weise betreiben", das heißt: nicht nur die Werte zu respektieren, die ich eben schon genannt habe; das heißt auch, dass man sich bei allem Ehrgeiz die nötige Gelassenheit bewahrt. Vor allem die Verlierer haben das nötig, wenn ihnen der Satz "Dabeisein ist alles" nicht über die Lippen kommen will.

In der Politik könnte mehr sportlicher, mehr olympischer Geist nicht schaden. Bei manchem Wettlauf in der internationalen Rennbahn wünschte ich mir mehr Fairness: Sieger, die nicht überheblich werden und Verlierer, die ihre Enttäuschung zügeln können.

Ich wünschte mir übrigens auch Medien, die mehr Respekt haben und mehr Diskretion üben. Wo es um Siegen oder Verlieren geht, wo viel Anstrengung und Ehrgeiz dahinter stecken, da sind die Menschen verletzlich. Das macht sie angreifbar. Das gilt für den Sport, so wie es für die Politik gilt und für viele andere Lebensbereiche.

Ich lese und höre häufig, dass jemand bei einer Weltmeisterschaft "nur Zweiter" geworden ist, und wer als Drittbester die Bronzemedaille gewinnt, muss sich gelegentlich nachsagen lassen, er habe die Erwartungen gründlich enttäuscht. Da sind oft Häme, Hochmut und auch Unbarmherzigkeit im Spiel.

Wir wollen auch Enttäuschungen nicht jedes Mal wieder in Großaufnahme sehen. Auch ein minutenlang ausgestrahlter Siegestaumel kann der sportlichen Idee schaden, von der ich soeben gesprochen habe. Die Medien, die uns berichten, sollten uns nicht zu Voyeuren machen.

Gelassenheit und Selbstdisziplin sind olympische Tugenden. Wer sie beim Wettkampf ganz obenan stellt, der verdient auch olympische Ehren.

Manchmal wirkt es ja heute veraltet, wenn man von Tugenden spricht. Die Sache ist das aber ganz und gar nicht. Sie ist aktuell, für die Gesellschaft und für jeden Einzelnen; so aktuell und so populär wie der Sport, der auch eine Geschichte von mehreren tausend Jahren hat.

Die olympische Idee hat eine lange Tradition, die nicht von gestern ist.

Ich wünsche mir, dass diese Idee nicht nur im Sport wirkt, sondern dass sie zeitlose Wirkungen entfaltet. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Geduld beim Zuhören und für die schöne Auszeichnung, die Sie mir verliehen haben.