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Tischrede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Staatsbanketts, gegeben von Staatspräsident Benjamin William Mkapa

[Anrede],

meine Frau und ich danken Ihnen für die freundliche Einladung, Tansania einen Staatsbesuch zu machen. Die herzliche Gastfreundschaft, die uns seit unserer Ankunft entgegengebracht wurde, hat uns beide sehr bewegt.

Tansania hat für Deutsche eine ganz besondere Bedeutung. Das hat nicht nur mit der Geschichte zu tun, die unsere beiden Länder vor hundert Jahren eng miteinander verbunden hat. Tansania ist für die meisten von uns das "natürliche", das ursprüngliche, manchmal gar das paradiesische Afrika. Wenn Sie Menschen in Deutschland fragen, was ihnen beim Stichwort "Afrika" spontan einfällt, dann werden viele höchstwahrscheinlich die Serengeti beschreiben, freundliche Menschen und weite Steppen voller wildlebender Tiere am Fuße des Kilimanjaro - noch bevor sie von Hunger, von Kriegen oder von Naturkatastrophen sprechen. Als bei uns in den sechziger Jahren das Fernsehen immer weitere Verbreitung fand, gehörte der Frankfurter Zoologe Professor Bernhard Grzimek zu den Persönlichkeiten - heute würde man sagen, zu den Medienstars - die jedes Kind in Deutschland kannte. Zu einem guten Teil ist es gewiss ihm zu verdanken, dass viele Deutsche in Tansania das "eigentliche Afrika" sehen.

Viele politisch interessierte Menschen in Deutschland verbinden mit dem Namen Tansania natürlich auch den Namen Julius Nyerere, den Mann, der Tansania zu dem Staat gemacht hat, den wir heute besuchen und für den wir Anerkennung und Achtung empfinden, und ich erinnere mich einer Begegnung mit Nyerere in den 70er Jahren mit ganz besonderer Dankbarkeit.

Herr Präsident, es ist gerade sechs Monate her, dass ich die Ehre hatte, Sie und Ihre Frau als Staatsgäste in Berlin begrüßen zu dürfen. Es ist für unser Protokoll eher ungewöhnlich, dass der Gegenbesuch, zu dem Sie mich in Berlin eingeladen haben, schon nach so kurzer Zeit stattfindet. Zumeist dauert das doch mehrere Jahre. Das ist auch ein Zeichen für den hervorragenden Stand der Beziehungen zwischen unseren Staaten.

Ich möchte mit meinem Besuch aber auch zeigen, wie sehr ich Ihr persönliches Wirken, Herr Präsident, schätze und das politische Engagement Ihres Landes in der Region, in der Sie leben. Ihr Land gibt, auch unter schwierigen Umständen, vielen Tausend Menschen aus den Nachbarstaaten Asyl, Menschen, die durch Kriege ihre Heimat verloren haben und oft jegliche menschenwürdige Zukunft bedroht sehen müssen. Weil Sie in Tansania keine ethnischen, keine territorialen und keine religiösen Konflikte haben, daher können Sie eine anerkannte Rolle als uneigennütziger Vermittler spielen. Es ist ja kein Zufall, dass Regierungen und Oppositionsgruppen, Rebellen und Vermittler aus aller Herren Länder immer wieder zu Gesprächen in Daressalam und Arusha zusammengekommen sind - so wird Daressalam seinem Namen gerecht, ein "Ort des Friedens" zu sein.

Ihr Land, Herr Präsident, ist, wie auch Deutschland, nicht zentralistisch organisiert. Sie werden in fast genau einem Monat den 40. Jahrestag des Zusammenschlusses von Tanganjika und Sansibar zur Vereinigten Republik Tansania feiern. Der Name Sansibar weckt in Deutschland positive Assoziationen. In der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg war Sansibar eine Chiffre für den Ort, an dem man von den Sorgen um das tägliche Brot frei ist - in wie weit diese Vorstellung der Wirklichkeit entspricht, können Sie besser beurteilen als ich, und wir werden es morgen auch nicht genau erfahren.

Herr Präsident, Sie wissen, dass meine Amtszeit als Präsident der Bundesrepublik Deutschland in drei Monaten enden wird. Ihr Land ist also das letzte Land Afrikas, dem ich einen Staatsbesuch abstatte. Ich bin ganz besonders gerne hier, denn ich weiß mich unter Freunden, die bereit sind, die demokratischen Regeln und Verfahrensweisen ernst zu nehmen und danach zu handeln. Sie zeigen damit, dass Demokratie nicht nur etwas "für die Reichen" ist, und Sie widerlegen die These all jener, die sich vor demokratischen Spielregeln fürchten und deshalb behaupten in Afrika könne Demokratie nicht funktionieren. Gerade für Afrika, wo es ja noch nicht überall selbstverständlich ist, dass Verfassungen nicht auf einzelne Personen zugeschnitten werden, ist das ein wichtiges Signal.

Sie, Herr Präsident, haben gegenwärtig den Vorsitz in der Entwicklungsgemeinschaft der Staaten des Südlichen Afrika inne. Diese erfolgreiche Regionalorganisation spielt im politischen Leben des afrikanischen Kontinentes eine herausgehobene Rolle. Auch in Afrika sind heute viele Aspekte des täglichen Lebens nicht mehr an die Grenzen eines Staates gebunden. Dem müssen wir durch verstärkte Zusammenarbeit Rechnung tragen. Nach meiner Überzeugung werden Regionalorganisationen wie die Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen Afrika und die Ostafrikanische Gemeinschaft deshalb immer wichtiger.

Afrika hat sich mit NePAD, mit dem Programm für die neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas, ein hohes und ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Die Vision, der dieses Programm folgt, hat starke Ausstrahlungskraft. Wir werden Tansania und alle anderen Staaten Afrikas bei der Umsetzung der Prinzipien und Ziele unterstützen, die in diesem Programm niedergelegt sind.

Erlauben Sie mir, mein Glas zu erheben. Trinken Sie mit mir auf das Wohl von Staatspräsident Mkapa und seiner Frau, auf die Zukunft von Tansania und auf die weitere Vertiefung der Beziehungen zwischen Tansania und Deutschland.