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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Festveranstaltung und Preisverleihung "40 Jahre Grimme Preis" im Theater Marl

I.

Als ich eben hier durch Marl fuhr, ging mir vieles durch den Kopf. Wie oft bin ich hier gewesen früher, und fast hätte ich gedacht "Ach, Marl." Dann musste ich wieder an die Rede denken, die Sie heute bei mir bestellt haben, und dann dachte ich lieber "Ach, das Fernsehen." Ich dachte daran, wie das vor 40 Jahren war, als hier der erste Grimme-Preis verliehen wurde. Damals regierte hier Heiland. Das war der Bürgermeister. Dieser Rudolf Heiland sagte damals einen bemerkenswerten Satz: "Das Fernsehen ist eine Macht, die Menschheit zu humanisieren."

II.

Die Menschheit humanisieren. Starke Worte. Das Fernsehen? Am 16. Januar 1964, am Tage der ersten Verleihung des Grimme-Preises, hatte der Durchschnittsdeutsche drei Programme - wenn er überhaupt einen Fernseher hatte, nur 35 Prozent hatten damals einen, und viele Bildungsbürger waren sich für das Fernsehen zu fein. In der ARD kam an dem Abend eine Fernsehbearbeitung von "Caesar und Kleopatra" von George Bernard Shaw - "geeignet ab 16", schrieben die Fernsehzeitungen damals, im ZDF lief ein Dokumentarspiel zum "Fall Krantz", geeignet ab 18, in den Dritten regionale Nachrichten. Die meisten schauten an dem Abend übrigens Caesar und Kleopatra, ein Straßenfeger, mit einem Marktanteil von geschätzten 60 Prozent (kleine Pause) - ich vermute, auch bei den 15-49jährigen, das zählte man damals aber noch nicht.

Wenn man damals nach Vorbildern oder Stars fragte, dann waren das nicht gerade Leute aus dem Fernsehen. Eher der gerade ermordete John F. Kennedy, der Berliner Bürgermeister Willy Brandt, natürlich auch die Beatles oder Freddy Quinn.

Den Grimme-Preis in Bronze bekam damals Günter Gaus für seine Sendung "Zur Person: Gustav Gründgens". "Mit seiner unaufdringlichen Interviewführung habe er ... den Bedürfnissen eines schon aufnahmebereiten Teiles des Publikums entsprochen", hieß es damals in der Begründung der Jury.

III.

40 Jahre später. Heute Abend kann der Durchschnittsdeutsche zwischen über 30 Programmen wählen - die meisten werden wohl nicht uns zuschauen, sondern "Wer wird Millionär" oder "Big Brother" gucken.

Manche Fernsehsender haben die Erzeugung von Kultfiguren perfektioniert. Die Haltbarkeit ihres Ruhmes hängt allerdings sehr von der Verkaufs- oder Einschaltquote ab. Zu diesen "Kultfiguren", die für kürzere oder längere Zeit das ganze Land bewegen, blicken die meisten Menschen nicht auf. Man behandelt sie eher mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid, aus ein bisschen Neid und viel Ironie. Der große Wirbel um Kultfiguren und Superstars geht tatsächlich einher mit einer ziemlich umfassenden Ironisierung - ja einer Ironisierung von Vorbildern an sich. Das ist ein besonderer Ausdruck dessen, was man Spaßgesellschaft nennt.

Die Menschheit humanisieren?

Günter Gaus kann heute Abend nicht hier sein. Wir alle wünschen ihm, dass er bald wieder gesund wird. Günter Gaus jedenfalls schrieb kürzlich (22.8.03, Süddeutsche Zeitung), er fühle sich heute nicht mehr als Demokrat. "Weil aus dem gesellschaftlichen Zusammenwirken von Wählern und Gewählten mehr und mehr eine Schauveranstaltung geworden ist. Stars, aus dem Fernsehen bekannt und ausgewählt nach dem Gelingen ihrer Auftritte, buhlen von Zeit zu Zeit um die Gunst des Publikums, das einst seinem Anspruch nach der demokratische Souverän gewesen ist."

IV.

40 Jahre nach der ersten Veranstaltung hier scheinen wir also nicht so richtig vorangekommen zu sein mit dem Ziel, die Menschheit zu humanisieren. Kulturpessimistisch könnte man wohl sagen, damals gab es noch Ideale und so etwas wie ein Gefühl für Relevanz. Heute erscheint vieles nur noch kultig und schräg, ja beliebig.

Das wäre mir jedoch zu einfach, und ich hoffe, dass es nicht so ist. Ich muss aber gestehen: Ein bisschen Sorgen mache ich mir schon.

Keine Frage: Unterhaltung ist wichtig, und natürlich schalten wir den Fernseher abends auch an, um uns zu erholen, um abzuschalten.

Wir haben aber den Anspruch auf mehr, und auch das Interesse daran. Wir schauen auch Programme und Sendungen, die außerhalb reiner Markt- und Unterhaltungsmechanismen funktionieren - übrigens auch im privaten Fernsehen. Wir leisten uns das teuerste Gebührensystem der Welt gerade deshalb, weil wir überzeugt davon sind, dass das deutsche Modell des dualen Rundfunksystems eine Qualität bietet, die auf der Welt ihresgleichen sucht.

Wir müssen aber auch einen Blick für Fehlentwicklungen im Fernsehen haben.

In den Hauptnachrichten privater, aber auch öffentlich-rechtlicher Sender erfahren wir, dass ein Autounfall mit einem Gurkenlaster in Niederbayern offenbar genauso wichtig ist wie ein Bombenattentat in Israel oder die Reform der Hochschulen. Wir erleben, wie versteckte Werbung für Fernseh- oder Sportereignisse in den Nachrichten das gleiche Gewicht bekommt wie Schicksalsfragen unseres Zusammenlebens.

Das berührt eine Schlüsselfrage journalistischer Arbeit, es berührt aber auch eine gesellschaftliche Schlüsselfrage. Welche Information ist wirklich relevant, was ist wirklich wichtig für unser Leben? Medien vermitteln ja nur einen Teil der Wirklichkeit. Sie gewichten und sie wählen aus, was sie für relevant halten. Ich habe gar nichts gegen die Superstars - aber sind sie wirklich genauso wichtig wie die großen Zukunftsfragen unserer Gesellschaft?

Wenn alles gleich wichtig ist, dann ist auch alles gleich unwichtig. Was geht denn in den jungen Menschen vor, die im Fernsehen auf der Suche nach kultigen Superstars sind? Feiern die Fans in den Superstars und Kultfiguren möglicherweise nicht auch ihren eigenen Wunsch nach Achtung und Beachtung?

Das wäre an sich ja noch nicht ungewöhnlich und im übrigen hat es das in unterschiedlichen Formen auch immer gegeben. Schwierig wird es aber, wenn Wunsch und Wirklichkeit immer mehr verschwimmen. Wenn die Scheinwelt des Boulevards in der Vermittlung durch die Medien dasselbe oder gar noch größeres Gewicht bekommt als die realen Probleme unseres Zusammenlebens, dann wird aus einem Medienphänomen ein gesellschaftliches Problem.

Die Demokratie lebt ja vom Streit, von der Einmischung mündiger Bürger. Einmischung verlangt aber Information, und gerade in einer Zeit der globalen Kommunikationsflut haben Medien eine enorme Verantwortung: Indem sie auswählen und gewichten, nehmen sie Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Agenda in unserem Land. Sie entscheiden mit, was wichtig ist oder wichtig erscheint, sie setzen in der öffentlichen Debatte Prioritäten. Sie entscheiden mit, wo es nach dem Empfinden der Menschen Handlungs- und damit Einmischungsbedarf gibt.

Wie aber sollen gerade junge Menschen lernen, sich zu engagieren, sich um das Gemeinwohl Gedanken zu machen, wenn ihnen gar nicht mehr bewusst gemacht wird, was wirklich wichtig ist? Warum sollten sie sich einmischen angesichts der Geschwindigkeit, in der die Moden wechseln? Warum sollte ihr Einsatz gefragt sein, wenn Show und Wirklichkeit beliebig wechseln - und damit gleichermaßen irrelevant erscheinen?

Gewiss, auch die Politik trägt eine Verantwortung dafür, glaubwürdig zu sein und ein Gefühl für Relevanz zu vermitteln. Muss man nicht sehr aufpassen, dass die Politik nicht selbst im Container spielt? Dass sie sich in ungezählten Sendungen zu Tode plaudert? Welche Rolle bleibt dem Parlament, wenn die wichtigsten Kontroversen in Talkshows ausgetragen werden?

Die Medien selber aber müssen sich fragen, nach welchen Kriterien sie auswählen, was wirklich wichtig ist - und hier natürlich an erster Stelle das Fernsehen. Ich will nun nicht für die Rückkehr zum Bildungsfernsehen werben. Die Medienvielfalt ist auch Ausdruck der Pluralität unserer Gesellschaft und schon deswegen ein Gewinn für die Demokratie. Ich gebe auch gerne zu, dass ich Harald Schmidt vermisse und gerne bei "Wer wird Millionär" einschalte. Aber ich wünsche mir, dass Relevanz und Quoten wieder häufiger zueinander finden.

Für all jene, die sich das auch gelegentlich wünschen, gibt es zum Glück den Grimme-Preis.

Der Grimme-Preis, so heißt es etwas gestelzt, wird für all diejenigen Produktionen vergeben, die "die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können".

Der Grimme-Preis ist also so etwas wie der Qualitäts-TÜV des deutschen Fernsehens. Und er ist eine Auszeichnung, die eigentlich jeder Fernsehschaffende mal in den Händen halten möchte.

Gewiss gibt es Spötter, die das Gegenteil kolportieren: Chefs privater Sender, zunehmend aber auch öffentlich-rechtliche Intendanten würden insgeheim stoßseufzen: "Verschonen Sie uns bloß mit dem Grimme-Preis!" Fernsehkunst, Anspruch: "Das geht doch gar nicht mehr. Wir wollen Mehrheitsfernsehen. Erfolg hat nur, was leicht zu konsumieren ist."

Dass das nicht stimmt, das zeigen die Reaktionen auf den Grimme-Preis. Harald Schmidt sagte einmal: "Gerade heute ist es so, dass in Zeiten des allgemeinen Trallala und der beliebigen Preise, der Grimme-Preis der deutsche Fernseh-Oscar ist". Unter Günter Jauch behauptete gar, es sei leichter, ZDF-Intendant zu werden als Grimme-Preisträger. Das ist gewiss kein Zeichen von Geringschätzung.

Das Fernsehen wird die Menschheit nicht humanisieren, wie es Bürgermeister Heiland damals noch hoffte. Besser ist wohl, wir Menschen humanisieren das Fernsehen. Das Fernsehen braucht Mut und Kreativität, um den Menschen die Wirklichkeit und die Menschen in ihrer Wirklichkeit zu zeigen. Eben das ist der Unterschied zwischen "human touch" und humanem Fernsehen. Das Leben ist schließlich mehr als eine Reality-Show.