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Laudatio von Bundespräsident Johannes Rauanlässlich der Verleihung des Staatsbürger-Preises der Staatsbürgerlichen Stiftung an Professor Dr. Klaus Töpfer

Nach den vielen Namen, die schon gefallen sind, muss nun ein Name fallen, der noch nicht genannt worden ist. Den kennen möglicherweise die wenigsten hier: Er heißt Munzinger. Das ist ein "Personalarchiv". Dahin wendet man sich, wenn man etwas über eine bestimmte Person wissen will. Das ist abgesichertes Wissen.

Über Klaus Töpfer gibt es acht Seiten DIN A4 im Munzinger-Archiv. Würde ich die auch nur in den Hauptsätzen vortragen, redete ich viel länger als alle bisher zusammen geredet haben, und die haben mich ja schon in Schwierigkeiten gebracht, weil es ja bei Karl Valentin heißt: "Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von allen."

Also versuche ich als jemand, der schon zum zweiten Mal eine Laudatio auf Klaus Töpfer hält - denn auch beim Umweltpreis durfte ich als Bundespräsident vor zwei Jahren dabei sein -, noch ein paar Akzente zu setzen, die anders sind als das, was die Vorredner sinnvollerweise gesagt haben.

Da steht zum Beispiel im Munzinger, Klaus Töpfer sei ein "talentierter Skatspieler". Das nimmt einen mit. Jetzt kommt es, man darf es gar nicht sagen, aber wie heißt es bei Paulus: "Gerühmt muss sein". Bei Johannes Rau steht: Er sei ein "exzellenter Skatspieler". Es gibt also sogar für Klaus Töpfer noch neue Herausforderungen.

Herr Bürgermeister: Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Worte, herzlichen Dank auch für die Zusage, dass Klaus Töpfer gleich ein frisch gezapftes Bier kriegt. Wer aber den Munzinger genau liest, der weiß, er war nicht nur Professor, Staatssekretär und Minister. Er war auch der Weinkontrolleur des Landes Rheinland-Pfalz.

Nun will ich aber Ernsthaftes sagen und trotzdem fröhlich bleiben: Mir gefällt, dass Klaus Töpfer nicht zu den Umweltschützern gehört, die so traurige Zeitgenossen sind. Ich kenne eine Fülle von Umweltschützern, viele von denen sind außerordentlich liebevoll und sympathisch. Manche sind aber so griesgrämig, als ob sie eine eigene Sodbrennerei hätten.

Klaus Töpfer ist nicht dröge, dieser Schlesier aus Höxter in Nairobi ist nicht sauertöpfisch. Dieser Mann passt nicht in diese Schublade. Er ist Wissenschaftler, er ist Politiker, er ist ein begnadeter Lobbyist für die Umwelt - und er hat Humor; und diese Kombination ist knapp und preiswürdig.

Dass die Umweltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro ein Erfolg geworden ist, ist entscheidend ihm zu verdanken, auch wenn nicht alles Erfolg war, was in Rio zustande gekommen ist und was man sich vorgenommen hatte. Bis heute ist Rio ein Meilenstein in der internationalen Umweltpolitik.

Umweltfragen sind, darauf hat der Innenminister soeben hingewiesen, heute wieder in der Gefahr, durch den vermeintlichen Primat der Ökonomie vom Feld gedrängt zu werden., dadurch dass man denkt: Das kann man wieder machen, wenn der Aufschwung da ist. Aber Ökonomie und Ökologie stehen nicht gegeneinander, wenn man beides intelligent betreibt. Ökonomismus ist so wenig erfolgversprechend wie Ökologie um jeden Preis.

Man darf das nicht vergessen, vor allem nicht in einer Zeit, in der viel von Generationengerechtigkeit die Rede ist, also davon, dass das, was wir tun, verantwortet werden muss vor den nächsten Generationen. Da denke ich an diesen alten Spruch, der zu den ersten Aufklebern auf den Autos gehörte: "Wir haben die Welt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen."

Generationengerechtigkeit, das heißt: Wer da von Ökologie nicht reden will, der muss von Ökonomie auch schweigen, wenn es nach der Generationengerechtigkeit geht. Denn auf lange Sicht ist ökonomisch nur verantwortbar, was ökologisch vernünftig ist.

Nun habe ich Klaus Töpfer bei vielen Gelegenheiten getroffen: Im Schloss Bellevue bei Expertengesprächen, beim Umweltpreis damals in Magdeburg, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten. Er hat auch mal eine Laudatio auf mich gehalten. Ich hätte da noch viel länger zuhören können...

Nun kommt meine gute Nachricht, Herr Conrad: Gestern Abend haben wir den 70. Geburtstag von Roman Herzog in Berlin nachgefeiert. Er war da, seine Frau war da, Veronika Carstens, die immer noch als Ärztin in Bonn und in Meckenheim praktiziert, war da, Richard von Weizsäcker war da. Es geht Roman Herzog wieder gut.

Klaus Töpfer, den ich grüße, der hat die Gabe und er hat die Erfahrung, wie Wirtschaft und Markt und Umwelt sinnvoll und nutzbringend miteinander verbunden werden.

Er hat eine Gabe, die man in der Politik auch braucht: Die Gabe rhetorisch zuzuspitzen, ohne zu verfälschen und ohne persönlich zu verletzen.

Ich erinnere mich gut an ein Interview, das er einer Zeitung vor etwa vier Jahren gegeben hat. Da hat Klaus Töpfer gesagt: "Während bei der Artenschutzkonferenz in Nairobi beispielsweise von den Europäern mit Nachdruck der Schutz von Elefanten gefordert wird, fällt zeitgleich in Hamburg und Brüssel die Entscheidung für eine Flughafenerweiterung in einer ökologisch sensiblen Flusslandschaft. Der Wachtelkönig oder die Löffelente haben das Pech, nicht in Afrika zu leben."

Man muss sich das nicht nur auf der Zunge zergehen lassen, sondern man muss das auch übertragen in die politischen, kommunalpolitischen und landespolitischen Diskussionen in Hamburg - über die Frage Finkenwerder so oder so. Dann wird deutlich, wie nötig diese Art der Zuspitzung ist.

Er hat mit einem Satz, der heute schon zitiert worden ist, beschrieben, worüber andere ganze Bücher schreiben: Das schwierige und häufig spannungsvolle Verhältnis zwischen dem Norden und dem Süden unserer Welt. In den vergangenen Jahren konnte man gelegentlich den Eindruck haben, die Industrieländer entwickelten eine Art "Wagenburgmentalität", manche haben sogar von "Ökokolonialismus" gesprochen. Nachdem die Industrieländer ihren Wohlstand auf Kosten der Natur geschaffen haben, so sagen sie, wollen sie jetzt die Umwelt in anderen Regionen der Welt schützen und damit deren wirtschaftliche Entwicklung behindern, wenn nicht sogar verhindern. Das ist ein Thema, dem wir uns zuwenden müssen. Nicht alles, was wir im Norden gut meinen, ist im Süden richtig und kommt im Süden richtig an.

Glaubwürdigkeit ist nicht nur ein Faktor in der sozialpolitischen Diskussion, sondern auch in der umweltpolitischen. Glaubwürdigkeit ist ein Prüfstein für jeden, der in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und in der internationalen Umweltpolitik Erfolg haben will. Klaus Töpfer hat eindrucksvolle Erfolge.

Die Globalisierung, meine Damen und Herren, ist nicht bloß eine Sache der Wirtschaftsmärkte und der Finanzmärkte. Die Globalisierung hat längst alle Lebensbereiche und Lebensfelder erfasst: Die Arbeitsmarktpolitik, die Sozialpolitik, die Industriepolitik und ganz vorne an die Umweltpolitik. Was wir in den industrialisierten Ländern des Nordens tun, das hat immer auch Auswirkungen auf die Länder des Südens, und was im Süden geschieht, das hat auch Auswirkungen auf unser Leben.

Ich bin davon überzeugt, dass die Bedeutung der internationalen Umwelt- und Klimaschutzpolitik noch immer unterschätzt wird. Ich will dazu ein paar Fakten in Erinnerung rufen, die, wie ich glaube, immer noch zu wenig bekannt sind oder die oft verdrängt werden. Sie zeigen die Größe der Probleme, die allein mit der Wüstenbildung verbunden sind. Wir haben in Bonn ein Sekretariat gegen Wüstenbildung der Vereinten Nationen. Ich treffe mich regelmäßig mit diesen wenigen Mitarbeitern.

Ein Viertel der gesamten Bodenfläche der Erde ist inzwischen von Wüstenbildung betroffen, das sind insgesamt über 3,6 Milliarden Hektar. Seit 1990, also seit dem Jahr der Deutschen Einheit - seit fünfzehn Jahren - gehen Jahr für Jahr fünf bis sechs Millionen Hektar produktiver Landfläche durch Bodenschäden verloren. Das weltweit verfügbare Trinkwasser ist seit 1950 um fast zwei Drittel geschrumpft. Jedes Jahr sterben zwölf Millionen Menschen an Wassermangel oder an verseuchtem Trinkwasser. Die Wüstenbildung, die Ausbreitung der Wüste, gefährdet die Existenzgrundlage von einer Milliarde Menschen. Sie hat schon 135 Millionen Menschen heimatlos gemacht. Jedes Jahr verursacht die zusätzliche Wüstenbildung Einkommensverluste von 42 Milliarden Dollar. Wüstenbildung schafft Armut und Wüstenbildung wird durch Armut verstärkt.

Viel zu wenige bei uns, meine Damen und Herren, wissen, dass bei 30 von 85 Kriegen und bewaffneten Konflikten zwischen 1994 und 1997 die Ursache des Krieges in Umweltzerstörungen lagen und nicht in nationalen oder politischen Fragen.

Es gibt viele Experten, die sagen: In den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird es noch mehr Konflikte geben, um die Nutzung natürlicher Ressourcen als jetzt. Nicht mehr der Kampf um Öl, der Kampf um Wasser wird der Kampf der vor uns liegenden Jahrzehnte. Warum nehmen wir das nicht ernst? Wir erhalten den Frieden doch nur, wir schaffen ihn doch nur, wenn wir gemeinsam alle Anstrengungen unternehmen, um die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und zwar im Norden und im Süden unseres Planeten.

Darum ist der politische Auftrag, die politische, die ökonomische, die ökologische und die soziale Stabilität aller Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft nicht nur herzustellen, sondern sie auch zu sichern. Der Friede muss sicherer und die Sicherheit muss friedlicher werden. Das ist die Zukunftsaufgabe, und Globalisierung darf nicht zur Armutsfalle werden.

Ich bin überzeugt davon, dass die schwierige Aufgabe, die sich Klaus Töpfer in Nairobi gestellt hat, dass er die mit Bravour wahrnimmt. Er weiß, und wir haben es heute Vormittag schon mehrfach gehört: Weltweiter Umweltschutz steht immer im Zusammenhang mit weltweiter Armutsbekämpfung.

II.

Ich bin vor wenigen Tagen zurückgekommen von einer Reise nach Nigeria und Tansania. Ich bin da auch hingefahren, weil so vielen Afrika als hoffnungsloser Fall gilt. Es ist ja richtig, es gibt in Asien mehr chronisch Hungernde, aber das Ausmaß des Hungers ist in den Ländern Afrikas südlich der Sahara eindeutig am größten.

Afrika, das ist einer der potentiell reichsten Erdteile. Einer der reichsten Erdteile ist zugleich der ärmste Kontinent. Da leben 340 Millionen Menschen in extremer Armut. Diese 340 Millionen müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Da gibt es keinen Fortschritt, die Lage hat sich entweder verschlimmert, oder sie stagniert. Die Gesamtzahl der Hungernden, ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung steigt immer noch.

Hunger, meine Damen und Herren, hat viele Ursachen. Da gehört Krieg dazu, da gehören ethnisch bedingte Konflikte dazu. Afrika war und ist der Schauplatz von vielen militärischen Auseinandersetzungen. Millionen von Menschen haben ihr Leben verloren, noch viel mehr Menschen werden ihrer Lebenschancen beraubt. Die Stichworte Burundi und Ruanda und das Versagen der Nationen, auch der Vereinten Nationen, erwähne ich nur.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Afrika "der vergessene Kontinent" wird. Ich glaube, dass die Arbeit von Klaus Töpfer dazu beiträgt, diesen Kontinent wieder stärker in unser Bewusstsein zu rücken; ich halte das für dringend nötig.

III.

Klaus Töpfer ist Mitglied einer raren Spezies: Ein Politiker, der den Kontakt zu Menschen nicht verliert, der zugleich ein hervorragender Wissenschaftler ist; ein Mann, der sich im "Elfenbeinturm" nicht wohlfühlt und zwar nicht nur wegen des Tierschutzes.

Ich habe mir sagen lassen, er sei ein begeisterter und begeisternder akademischer Lehrer. Wenn er redet, wird es erst still im Saal und wenn man dann sieht, wie die Menschen mitgerissen werden, dann versteht man, dass es am Schluss laut wird im im Saal. Bei ihm ist Beifall nie eine Form der Erleichterung.

Mit dem Amt in Nairobi hat sich nun sein Blickwinkel noch mal gewandelt: Vom Umzugsbeauftragten, vom Städtebauminister, vom Umweltminister, vom Hochschullehrer zum Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Ich glaube, er weiß, seit er in Nairobi lebt, was gemeint ist, wenn manche sagen: "In Deutschland werde "auf hohem Niveau gejammert". Er kennt nämlich die unterschiedlichen Sichtweisen der Menschen, ihre Sorgen und Nöte, ihre unterschiedlichen Wünsche. Das hat er in vielen Ämtern immer wieder gezeigt.

Ich bin gern nach Bad Harzburg gekommen, um jemanden mitzuehren und auszuzeichnen, der das tut, was wir heute brauchen: Brücken bauen, Gräben überbrücken - ganz klar in der Sprache und im Ziel, fordernd bei den Ergebnissen und doch immer den Menschen zugewandt.

Er weiß, Politik ist das beharrliche Bohren dicker Bretter. Weil er das weiß, darum hat er UNEP von einer fast vergessenen Organisation zu einer weltweit geachteten Institution gemacht.

Klaus Töpfer hat den heutigen Preis, so glaube ich, verdient, nicht nur als deutscher Staatsbürger, sondern als ein "Weltbürger" im besten Sinne.

Herzlichen Glückwunsch lieber Klaus Töpfer!