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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass der Gedenkfeier des sechzigsten Jahrestages des Aufstandes der Sinti- und Roma-Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

I.

"Alles, was hier geschah, war unfaßbar", so hat eine Überlebende der Gemeinschaft Sinti und Roma ihre schrecklichen Erfahrungen in Auschwitz zusammengefasst. Wir haben das gehört.

Alles, was dort geschah, war damals unfassbar - und ist unfassbar bis heute. Mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft war der Schrecken ja nicht vorbei.

Das gilt zuallererst für die, die den nationalsozialistischen Völkermord überlebt haben. Das Unfassbare, das damals geschehen ist, hat sie für immer gezeichnet, körperlich, vor allem aber seelisch.

Überleben kann eine schwere Last sein. Wir wissen aus den Berichten von Überlebenden: Der Schritt zurück und nach vorn vom Überleben zum Weiterleben ist sehr groß, für manche zu groß. Sie fühlen sich ihr Leben lang aus der Welt gefallen.

Das hat in erster Linie mit ihren Erfahrungen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu tun. Das hat aber häufig auch damit zu tun, wie sie nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes behandelt worden sind: Zu lange ist verdrängt, zu lange geleugnet und verharmlost worden.

Das gilt für alle Gruppen von Opfern der rassistischen nationalsozialistischen Gewaltpolitik und des nationalsozialistischen Völkermords: für Juden; für Zwangsarbeiter, für Menschen mit Behinderungen; für Homosexuelle. Das gilt in besonderer Weise für die Opfer des nationalsozialistischen Genozids an den Sinti und Roma.

Wie viele von ihnen haben sich nach 1945 wieder ihren ehemaligen Peinigern gegenüber gesehen, die ihnen absprachen, Opfer von Verfolgung gewesen zu sein! Wie lange sind ihnen Entschädigungszahlungen versagt worden! Ich denke auch an die unwürdigen Debatten darüber, ob es sich bei den Verbrechen an Sinti und Roma überhaupt um einen Völkermord gehandelt hat!

Besonders denke ich aber daran, dass Sinti und Roma bis heute die am stärksten diskriminierte und verfolgte Minderheit in Europa sind. Wie sehr muss das all die schmerzen, die am eigenen Leibe erlebt haben, wohin Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung vor sechzig Jahren geführt haben!

Bei dieser Gedenkfeier sind Überlebende dabei, und an Sie wende ich mich jetzt besonders: Es fällt Ihnen gewiss nicht leicht, hier zu sein, denn wir erinnern an ein schmerzliches Geschehen, und manche von Ihnen haben das selber erlebt.

Es stimmt, dass die Zeit Wunden heilt. Es gibt aber Wunden, die die Zeit nicht heilt. Auch Gedenkfeiern können solche Wunden wieder öffnen. Trotzdem haben manche von Ihnen beschwerliche und lange Reisen auf sich genommen, um heute hier zu sein. Dafür möchte ich Ihnen meinen Dank und meinen tiefen Respekt sagen.

II.

Wir erinnern heute an ein Ereignis, von dem wir lange Zeit nichts gewusst haben und das bis heute viel zu wenig bekannt ist: Wir erinnern an den erfolgreichen Aufstand der Sinti und Roma im sogenannten Zigeunerlager in Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944.

Genau heute vor sechzig Jahren wollte die SS sie alle in die Gaskammern schicken. Das Lager sollte, wie es in der Sprache der Unmenschlichkeit hieß, "liquidiert" werden. Aber einige der Häftlinge waren vorher gewarnt worden. Ein großer Teil von ihnen bewaffnete sich daraufhin mit Steinen und Werkzeugen und verschanzte sich in den Baracken. Darauf zog sich die SS zurück.

Die Häftlinge retteten ihr eigenes Leben und das Leben aller Häftlinge im sogenannten Zigeunerlager, wenn auch für die meisten von ihnen nur für eine kurze Zeit. Im Sommer 1944 lebten im Lager noch etwa dreitausend Menschen, vor allem Kinder, Frauen und alte Menschen. Sie alle wurden in er Nacht vom 2. zum 3. August 1944 ermordet. Viele von ihnen wehrten sich bis zuletzt.

Ich finde es gut, dass wir in diesem Jahr an beide Ereignisse erinnern, an den Genozid an den Sinti und Roma und an ihren Widerstand dagegen.

Der jüdische Talmud sagt uns: "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt." Genau das ist am 16. Mai 1944 geschehen.

Manch einer mag fragen, ob es nicht vermessen ist, das Zitat aus dem Talmud mit dem Geschehen am 16. Mai 1944 im sogenannten Zigeunerlager in Auschwitz-Birkenau in Verbindung zu bringen.

Ist die Zahl derjenigen, die damals Widerstand geleistet haben und damit ihr Leben und das anderer Häftlinge gerettet haben, nicht viel zu klein angesichts von Hunderttausenden von ermordeten Sinti und Roma? Und ist die Zeitspanne, für die sie Leben gerettet haben, nicht viel zu kurz?

Ich meine nein: Die Häftlinge, die damals Widerstand geleistet haben, haben durch ihren Mut sich selber und anderen ein Stück Welt zurückerobert, in der sie die Würde hatten, die ihnen per Gesetz und Verordnung der Nationalsozialisten geraubt worden war. Sie haben das unter Bedingungen getan, die sich die meisten von uns nicht vorstellen können.

Sie haben damit nicht nur für sich, sondern auch für alle Nachgeborenen ein Stück Welt gerettet: Sie haben sich gegen die Barbarei in Deutschlands dunkelster Zeit aufgelehnt und damit an der Unantastbarkeit der Menschenwürde festgehalten. Dafür verdienen sie unseren Respekt, und darum sollte ihr mutiges Verhalten in der Öffentlichkeit viel bekannter werden, als es das bis heute ist.

III.

Seit 1997 arbeitet in Heidelberg ein Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, und seit 2001 ist in Auschwitz eine ständige Ausstellung über den Völkermord an den Sinti und Roma zu sehen.

An beiden Orten erfahren wir, welche Katastrophe die rassistische nationalsozialistische Politik auch für Sinti und Roma bedeutet hat. In Heidelberg erfahren wir auch etwas über die Jahrhunderte lange Diskriminierung und Verfolgung von Sinti und Roma.

Gewiss: So wenig, wie ein christlich geprägter Antijudaismus und Antisemitismus unausweichlich im Völkermord an den europäischen Juden enden mussten, so wenig gibt es eine direkte Linie von jahrhundertealten Vorurteilen gegen Sinti und Roma zum Völkermord an ihnen. Ohne diese Vorurteile wäre der Völkermord aber nicht möglich gewesen.

Darum ist es so wichtig, dass wir uns mit diesen Vorurteilen auseinandersetzen. Wir müssen das tun, wenn wir verstehen wollen, warum die Minderheit der Sinti und Roma noch weniger Hilfe und noch weniger Mitgefühl ihrer Mitmenschen erfahren hat als die deutschen und europäischen Juden.

Wir müssen uns aber vor allem deshalb mit diesen Vorurteilen auseinandersetzen, weil sie mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft nicht aufgehört haben. Es gab sie noch lange danach - auch bei Behörden und bei Gerichten - und es gibt sie bis heute. Auch die Medien - ich denke da an manche Schlager und manche Filme - tragen dazu bei.

Die Sinti und Roma und ihre Interessenorganisationen haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten darum bemüht, Vorurteile und Klischeebilder über Sinti und Roma abzubauen. Das war und das ist nicht leicht, und dafür müssen wir alle noch viel mehr tun.

Darum bin ich froh darüber, dass so viele Schulklassen das Dokumentations- und Kulturzentrum der Sinti und Roma in Heidelberg besuchen. Was sie an diesem Lehr- und Lernort sehen und erfahren, das kann ein wichtiger Schritt sein zum Abbau von Vorurteilen und Überheblichkeit. Sie lernen dort nämlich etwas über die Jahrtausende alte Geschichte und Kultur der Sinti und Roma.

Wir erinnern heute an die Verfolgung der Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus. Diese Erinnerung muss wach gehalten und an die jüngeren Generationen weitergegeben werden. Wir sollten darin aber nicht die Summe ihrer Geschichte sehen - genauso wenig, wie die Geschichte jüdischen Lebens in Europa auf die Shoah reduziert werden darf.

Wie viele Menschen wissen denn, dass Sinti und Roma seit mehr als tausend Jahren in Europa leben? Wer weiß denn, welche Berufe sie ausgeübt haben? Wer kennt ihre religiösen Vorstellungen? Wer weiß um ihren Beitrag zu unserer Kultur?

Nur wenn Menschen, besonders junge Menschen, die Chance haben, sich mit der ganzen Geschichte und mit der Kultur von Roma und Sinti vertraut zu machen, können sie verstehen: Sinti und Roma gehören zur Geschichte und Kultur Deutschlands. Sie gehören zur Geschichte und Kultur Europas. Sie sind keine "Fremden" in unserem Land.

IV.

In Europa leben heute achteinhalb Millionen Sinti und Roma. Sie sind Europas größte Minderheit. Noch heute leben sie in vielen Ländern unter besonders schwierigen Bedingungen. Viele leben in großer Armut, oft werden sie diskriminiert, mancherorts offen verfolgt. Im Zusammenhang mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien haben viele von ihnen wieder Vertreibung erleiden müssen.

Der Europarat hat mit seiner Konvention zum Schutz von Minderheiten ein wichtiges Signal gesetzt. Diese Konvention darf auch für die Roma nicht bloß bedrucktes Papier bleiben. Die Vereinbarungen müssen mit Leben erfüllt werden.

Das sind wir den Opfern von Diskriminierung und Verfolgung schuldig - den Opfern in Vergangenheit und Gegenwart, und ganz besonders den Opfern des nationalsozialistischen Völkermords. Wir müssen uns aber auch um unserer selber willen dafür einsetzen. Die Stärke demokratischer Gesellschaften zeigt sich ja gerade im Umgang mit den Minderheiten, die in ihr leben.

Wenn das Unfassbare, das vor siebzig Jahren von Deutschland ausgegangen ist, sich nicht wiederholen soll, dann müssen wir im Alltag dafür sorgen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Religion und unterschiedlicher kultureller Tradition gemeinsam und in Achtung und Respekt voreinander leben - hier in Deutschland, hier in Europa und überall auf der Welt.

Lassen Sie uns gemeinsam Vorurteile und Verunsicherung abbauen, die diesem Ziel heute oft noch entgegen stehen.