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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau beim Trauergottesdienst für Herrn Günter Gaus

Liebe Frau Gaus, liebe Bettina Gaus,

liebe Nora,

in den vergangenen Tagen habe ich oft an Günter Gaus denken müssen und an unsere vielen Begegnungen und Gespräche bis in die letzten Monate hinein. Wir kannten uns seit Jahrzehnten. Ich habe seine Stimme noch im Ohr - er war ja, ähnlich wie Sebastian Haffner, einer von den Menschen, deren Stimme man nie wieder vergisst. Günter Gaus konnte doppelt faszinieren: durch das, was er sagte, und dadurch, wie er es sagte.

Sollte ich jemandem, der Günter Gaus nicht kannte, diesen Mann beschreiben, ich würde mit dem Satz beginnen: Günter Gaus hat als Journalist und als Politiker unübertrefflich gezeigt, was Herz und Vernunft gemeinsam leisten können.

Er war ein kühler Kopf, und wenn er sprach, glaubte man mitunter fast die sprichwörtliche Stimme der Vernunft selbst zu vernehmen. Seine Ruhe und Gelassenheit waren freilich der Ausdruck überaus konzentrierter Anteilnahme, und die kam immer auch von Herzen.

Diese Mischung machte ihn zu einem unvergleichlichen Beobachter und Gesprächspartner. Seine Politikerporträts für den "SPIEGEL" und die "Süddeutsche Zeitung" zum Beispiel zeugten von genauer Aufmerksamkeit für die Person, von psychologischer Klarsicht und politischer Urteilskraft. Seine Gesprächskunst leistete im Fernsehstudio wahre Hebammendienste für menschliche und politische Wahrheiten, auch wenn es gelegentlich schwierige Geburten waren.

Günter Gaus ging es niemals darum, andere in die Enge zu treiben oder irgendwelche vorgefassten Meinungen zu beweisen. Er ging gewiss mit einem Vorverständnis und immer exzellent vorbereitet in seine Gespräche, aber eben nicht mit irgendwelchen Vorurteilen. Das merkten die Zuschauer, und darum strichen es Viele im Kalender an, wenn seine Sendungen gezeigt wurden.

Mit Herz und Verstand hat Günter Gaus auch in seinen öffentlichen Ämtern Bestes geleistet. Als "Chefunterhändler" - so nannte man das damals - führte er ungezählte schwierige Vertragsverhandlungen mit der DDR, und als "Ständiger Vertreter" vermittelte er in politisch ausgesprochen heiklen Zeiten getreulich zwischen Ost und West. Er hatte die Ostdeutschen ins Herz geschlossen und er ist darum schon bald auch so etwas wie ihr "Ständiger Vertreter ehrenhalber" in Bonn geworden. Seine Zuneigung zu Land und Leuten hat die Jahre überdauert. Umso kritischer sah er dann manche Entwicklungen nach 1990, die den Ostdeutschen viel und mitunter zuviel abverlangten.

Das lateinische Wort inter-esse hat viele Bedeutungen: Es kann unter anderem heißen "zugegen sein", "Anteil nehmen", "einen Unterschied machen" und "dazwischen liegen".

Günter Gaus hat als kundiger Betrachter und als Handelnder fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte begleitet und mitgestaltet. Er hat Anteil genommen an seiner Zeit und an seinen Zeitgenossen, und er hat das immer auf die gleiche Art getan: fair und präzise, mit Takt und mit klarem Kopf. Sein Sinn fürs Detail, für die Nuance, für den entscheidenden Unterschied war legendär; und es gereicht ihm auch zur Ehre, dass er mitunter mit seiner eigenen Position "dazwischen lag" und keiner Streitpartei ganz Recht geben konnte.

Am Ende seines Lebens hat sich allem Anschein nach sein Blick auf die Demokratie verdüstert. Er zweifelte nie an ihren Möglichkeiten, aber er verzweifelte daran, dass sie zu wenig genutzt werden. Ich bleibe zuversichtlicher, aber ich konnte verstehen, was ihn umtrieb.

Günter Gaus hegte eine gesunde Skepsis gegen Vorbilder. Sagen wir also: Er hat uns ein Beispiel gegeben, ein Beispiel dafür, wie man mit Herz und Vernunft zu Werke gehen kann. Ich wünschte unserem Land viele Menschen, die diesem Beispiel folgen.

Günter Gaus hat sich um unser Vaterland verdient gemacht.