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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau auf der Jahrestagung des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen

Verehrter Herr Elste,

Senator Freytag,

meine Damen und Herren,

gestern wollte ich hier sein, heute dürfte ich eigentlich nicht hier sein, weil andere Termine anstehen. Fünf Wochen vor dem Ende meiner Amtszeit drängen sich die Termine noch stärker als in den fünf Jahren, die ich dann hinter mir habe. Man weiß gar nicht, wie man dem ohne Atemnot gerecht wird. Deshalb prüft man dann manchmal: Soll ich da wirklich hin? Bei Ihrer Einladung habe ich auch geprüft. Dann ist mir aufgefallen, dass Sie laut Programm zwei verschiedene Arten von Reden haben: Verkehrspolitische Reden und Gastvorträge. Mich haben Sie für einen Gastvortrag vorgesehen. Da habe ich mir überlegt: Warum wohl?

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass Sie zu Recht vermuten, dass ich nur ganz selten die Busse und Bahnen des öffentlichen Personennahverkehrs in Anspruch nehme - jedenfalls solange ich das Amt als Bundespräsident habe und bei den Ämtern, die ich vorher wahrzunehmen hatte. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der öffentliche Personennahverkehr in Deutschland unverzichtbar ist für alle Menschen und dass er weiter gestärkt werden muss. Ich will dazu gerne meinen Beitrag leisten. Darum bin ich heute gerne in das liebenswerte Hamburg gekommen.

Mobilität ist ein elementares Bedürfnis der Menschen in modernen Gesellschaften. Mobilität ist ein Teil unserer Freiheit und unserer Lebensqualität. Wir müssen mobil sein, um unseren Arbeitsplatz zu erreichen, um Freunde zu besuchen, um einzukaufen, um in den Urlaub zu fahren. Mobilität ist aber auch Betonierung der Landschaft, Luftverschmutzung, Lärmbelästigung, Beeinträchtigung der Gesundheit vieler Menschen. Die Voraussetzungen für Mobilität können gleichzeitig die Lebensqualität mindern.

Mobilität hat immer mehrere Aspekte, die Verkehrsplaner und Politik beachten müssen:

  • Jeder will möglichst schnell von A nach B kommen, aber niemand will eine stark befahrene Straße vor der Tür haben.
  • Jeder will sein Ziel zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen können, aber niemand will vierundzwanzig Stunden Verkehrslärm ertragen.
  • Jeder will möglichst komfortabel, unabhängig und ungestört unterwegs sein, aber niemand will im Stau stehen.

Der Wunsch nach uneingeschränkter individueller Mobilität ist unerreichbar, er bleibt eine Illusion. Wir können aber mit einem optimalen Mix der verschiedenen Verkehrsträger individuellen Wünschen sehr viel weiter entgegen kommen als uns das bewusst ist, ohne die negativen Wirkungen für Mensch und Umwelt außer Acht zu lassen. Der öffentliche Personennahverkehr ist in dieser Mischung der Verkehrsträger ein Kernelement.

Heute fahren jeden Tag in Deutschland 27 Millionen Menschen mit Bussen und Bahnen. Das ist eine großartige Leistung und das ist ein Ausweis für die Leistungsfähigkeit der Verkehrsunternehmen. Trotz dieser Leistung sind die Straßen vieler großen Städte vor allem morgens und abends noch immer hoffnungslos überfüllt. Wir können das nicht dadurch in den Griff bekommen, dass wir immer mehr und immer breitere Straßen bauen und noch mehr Parkhäuser. Das werden wir nur in den Griff bekommen, wenn wir Busse und Bahnen noch leistungsfähiger und noch attraktiver machen.

Unsere Städte wurden nicht als Verkehrsraum für Autos gebaut, sondern als Lebensraum für Menschen. Das sollen sie auch bleiben, und das sollen sie da wieder werden, wo sie lebensfeindlich geworden sind.

Wir wissen doch alle: Viele junge Familien ziehen aus den Städten ins Umland, weil dort die Luft besser ist und weil der starke Verkehr in den Städten eine Gefahr für die Kinder ist. Wir wollen aber, und wir müssen wollen, dass junge Familien in den Städten bleiben, damit auch unsere Städte jung und lebendig bleiben. Nach meiner Überzeugung kann der öffentliche Personennahverkehr ein gutes Teil dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen.

Der öffentliche Personennahverkehr hat auch eine soziale Funktion. Ich glaube, dass dieser Aspekt neben dem Umweltschutz in Zukunft noch wichtiger wird. Das gilt nicht nur für die Tarifgestaltung oder für behindertengerechte Verkehrsmittel - die sollten eigentlich selbstverständlich sein.

Der Anteil älterer Menschen wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen. Wir lesen das jeden Tag in der Zeitung. Ich sehe darin eine große Chance für den öffentlichen Personennahverkehr. Diese Chance werden Sie aber nur wahrnehmen, wenn sich die Verkehrsunternehmen noch stärker auf die Bedürfnisse älterer Menschen einstellen. Hier spreche ich nicht nur in eigener Sache, weil ich selber ja bald zu den Rentnern gehöre, sondern weil ich weiß: Ältere Menschen legen mehr Wert auf Sicherheit als junge Menschen. Für verbesserte Sicherheit haben die Verkehrsunternehmen in den letzten Jahren schon einiges getan. Das kann aber noch nicht alles gewesen sein.

Ältere Menschen tun sich oft schwer mit moderner Technik: Fahrkartenautomaten sind auch heute schon vielen Jüngeren ein Gräuel oder zumindest ein Buch mit sieben Siegeln. Es muss entweder die Technik noch kundenfreundlicher werden oder die guten alten Fahrkartenschalter müssen wieder her.

Das kostet gewiss Geld. Den Betriebswirten, die jetzt laut aufstöhnen, sage ich: Man kann ein Dienstleistungsunternehmen auch so durchrationalisieren, dass die Kunden wegbleiben. Das ist aber nicht der Sinn von Betriebswirtschaft. Das gilt übrigens auch für den öffentlichen Personennahverkehr in der Fläche. Ich halte es für kurzsichtig, aus engen betriebswirtschaftlichen Gründen Bahnhöfe und Bahnsteige zu schließen und Busverbindungen einzustellen.

Jüngere Kunden, die heute verloren gehen, sind morgen als ältere Kunden nur schwer zurück zu gewinnen. Wir wollen aber doch alle, dass Busse, Straßenbahnen und U-Bahnen für jeden Bürger und für jede Bürgerin ein attraktives Fortbewegungsmittel werden - in den Städten und - wenn auch in eingeschränktem Umfang - auch auf dem Land.

Viele Städte in anderen Ländern erkennen erst langsam, wie wichtig ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrssystem ist. Diese Städte - nicht nur Los Angeles, sondern auch viele, viele andere - sind mühsam damit beschäftigt, das aufzubauen, was wir schon lange haben und was wir gut pflegen sollten.

Darum sage ich zum Schluss: Ich bin froh darüber, dass der öffentliche Personennahverkehr in Deutschland eine feste Institution ist, dass der Nutzen dieses öffentlichen Personennahverkehrs nicht in Frage gestellt wird und dass so viele Menschen an der guten Zukunft dieses öffentlichen Personennahverkehrs ernsthaft mitarbeiten.

Ihrem Verband und allen Mitgliedsunternehmen danke ich für Ihr Engagement, das ja auf mehr zielt als nur auf Umsätze: Sie helfen mit, unsere Städte und Gemeinden noch lebenswerter zu machen.

Deutschland ist ein modernes Land. Ein modernes Land braucht moderne Busse und Bahnen und braucht ein modernes System der öffentlichen Nahverkehrs. Ich werde Sie im Amt und außerhalb des Amtes immer stützen, wenn es das zu sagen und zu sichern gilt.

Ich wünsche Ihrer Tagung aufmerksame Zuhörer. Ihnen persönlich wünsche ich, dass Sie ein bisschen von Hamburg mitbekommen, dieser liebenswürdigen Stadt, in der ich immer wieder gerne bin.