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Grußwort des Bundespräsidenten Johannes Rau bei der Veranstaltung "Ruf nach Freiheit und Demokratie. Das Erbe des 17. Juni 1953".

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

I.

mein besonderer Gruß gilt all denen unter uns, die den 17. Juni 1953 als Demonstranten erlebt haben. Vielleicht sind auch einige aus den Familien derer hier, die damals von der Roten Armee und von der Volkspolizei getötet wurden. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Trost und Genugtuung darüber empfinden, dass Ihre Angehörigen nicht vergessen sind.

II.

Meine Damen und Herren,

ich freue mich über diese Veranstaltung und ich bin gern hierher gekommen.

Zwar ist der Anlass ernst: Wir erinnern an einen Volksaufstand für Freiheit und Demokratie, der blutig unterdrückt wurde, und wir gedenken der Toten. Aber so ernst das Thema ist, gibt es heute doch gute Gründe zur Freude und Zuversicht, und vor allem darüber will ich kurz sprechen.

III.

Der Aufstand am 17. Juni 1953 war ja selbst am Anfang ein wirklich fröhliches Ereignis. Überall in der DDR, in Stadt und Land, strömten Menschen zusammen, um für mehr soziale Rechte, für demokratische Wahlen und auch für die deutsche Einheit zu demonstrieren. Sie taten das fast überall friedlich. Wo es zu Sachbeschädigungen und zu einzelnen Gewalttaten kam, da erhob sich dagegen sogleich breiter Widerspruch.

Die Menschen waren voller Hoffnung, und diese Hoffnung auf ein friedliches, ein gutes Gelingen ist in den Anfangsstunden noch gewachsen. Es gibt Fotos von den Kundgebungen, auf denen sieht man fast nur fröhliche Gesichter, die wie befreit wirken. Nicht zuletzt diese friedfertige Fröhlichkeit zeichnet den 17. Juni 1953 aus, der ein Höhepunkt ist in der Geschichte des Ringens um Freiheit und Demokratie in Deutschland.

IV.

Heute können wir sagen: einunvergessenerHöhepunkt. Das hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, als wir des 50. Jahrestages dieses Aufstands gedachten. Die Deutschen haben dieses historische Ereignis gewissermaßen wiedergefunden und für ihr Geschichtsbewusstsein wiedergewonnen. Auch das ist ein Grund zur Freude, denn lange Zeit schien der 17. Juni 1953 immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Wenn das endgültig geschehen wäre, wäre das ein später Sieg für das SED-Regime gewesen. Die SED hat ja immer versucht, die Erinnerung an den Volksaufstand zu unterdrücken und totzuschweigen.

V.

Ich habe ein wenig dazu beitragen können, den 17. Juni wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Darüber freue ich mich an einem Tag wie heute natürlich auch. Gemeinsam mit der Körber-Stiftung habe ich dem 17. Juni einen Sonderdurchgang des "Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten" gewidmet; und ich war Schirmherr eines Plakat- und Filmwettbewerbs zum selben Thema, den die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ausgerichtet hat. Beide Wettbewerbe fanden großen Anklang und führten zu vielen ausgezeichneten Arbeiten, und ich denke gern an die Siegerehrung im Schloss Bellevue zurück.

Besonders wichtig war mir dann, bei der Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag am 17. Juni 2003 zu sprechen. Ich habe bei dieser Gelegenheit gefragt, ob wirklich schon genug geschehen ist, um den Gegnern und Opfern des SED-Systems die verdiente materielle und immaterielle Anerkennung zuteil werden zu lassen. Auch ein Jahr danach bleibe ich dabei, dass "da manches hinter dem zurückgeblieben (ist), was wir uns unter Gerechtigkeit vorstellen - so schwierig das oft rechtlich zu regeln sein mag." Natürlich muss auch der Bundespräsident die Entscheidungen der Legislative respektieren, doch ich wünschte mir noch immer eine überzeugendere Antwort auf meine damals gestellte Frage.

Aber ich wollte heute ja mehr von dem sprechen, worüber ich mich freue, und dazu zählt unbedingt das - ich zitiere die amtliche Bezeichnung: "Sonderpostwertzeichen 50. Jahrestag des Volksaufstandes am 17. Juni 1953". Diese Sonderbriefmarke wäre in jedem Fall erschienen. Die "Eine-Million-Euro-Frage" war nur: Sollte sie alsZuschlagsmarke erscheinen? Ich sage Ihnen: Wenn die Politikwissenschaftler wüssten, wie viel Überredungskunst, wie viel Druck und wie viel freundliche Gewalt ein Bundespräsident und sein Bundespräsidialamt mitunter aufbringen können und müssen, um ein "Sonderpostwertzeichen mit Zuschlag" durchzusetzen und den Zuschlagserlös - bis jetzt immerhin fast eine Million Euro! - den Gegnern und Opfern des SED-Systems zukommen zu lassen, dann würden diese Wissenschaftler manche Passagen in ihren Lehrbüchern umschreiben.

Zu guter letzt habe ich dann übrigens auch noch eine Reihe von Briefen auf den Weg gebracht und dafür geworben, dem 17. Juni 1953 auch nach dem 50. Jahrestag die verdiente Aufmerksamkeit zu widmen. Adressaten waren die obersten Bundesorgane, eine Reihe von Spitzenpolitikern und auch der größte Fachverband der deutschen Kalenderhersteller, denn die sollten in ihren Produkten alle wieder auf den 17. Juni 1953 hinweisen.

Sie sehen: Der Bundespräsident sitzt nicht etwa bei Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser, sondern er mischt sich unverdrossen in ganz praktische Fragen ein, wenn es einer guten Sache dient.

VI.

Auch die drei Publikationen, die heute hier vorgestellt werden, zeigen, wie die Deutschen im Erinnerungsjahr 2003 den 17. Juni 1953 wiederentdeckt haben. Zugleich verstärken sie beträchtlich, was dadurch in den vergangenen anderthalb Jahren erreicht worden ist.

  • Die Herausgeber des Buches "Die Toten des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953" schreiben in ihrer Einleitung, es habe 2003 einen wahren "Erkenntnisschub" und eine gesteigerte Bereitschaft zur Mitarbeit an ihrem Projekt gegeben. Ihr Buch bewahrt die Toten auf beiden Seiten des Aufstands vor dem Vergessen. Es schildert die Lebenswege und Todesumstände von fünfzig getöteten Demonstranten, Zuschauern und Gefangenen und auch von fünf Bediensteten der DDR-Sicherheitsorgane, die damals im Laufe des Aufstands zu Tode kamen. Auch diesen Fünf ist Unrecht geschehen.

Die Machthaber in der DDR versuchten die Namen der getöteten Demonstranten zu tilgen. Meist konnten sie nicht einmal im Familienkreis begraben werden, und ihre Angehörigen wurden diskriminiert bis in die zweite Generation. Die Toten sollten vergessen werden, aber das Buch beweist und verbürgt: Sie bleiben unvergessen.

  • Das Jahr 2003 hat in vielen Zeitungen auch einen Schub an regionalgeschichtlichen Berichten zum 17. Juni 1953 gebracht. Angeblich ist ja nichts so überholt wie die Zeitung von gestern. Das stimmt in vielen Fällen, aber einige tausend Zeitungsartikel von gestern können ein exzellentes Archiv bilden und eine wahre Fundgrube für jeden historisch Interessierten. Darum überzeugt mich die Idee, dass die Tausende von Berichten über den Volksaufstand nun im Internet dauerhaft verfügbar sind. Dieses Medium wird zur weltweiten Information und Dokumentation von Tag zu Tag wichtiger. Auch zum Erfolg des Gedenkjahrs 2003 hat es schon gehörig beigetragen. Nun bewahrt die Stiftung Aufarbeitung dort in einer Datenbank, was die Zeitungen an Geschichte und Geschichten zum 17. Juni 1953 zusammengetragen haben.
  • Morgen fahre ich nach Nartum. Das liegt in Niedersachsen, und da wohnt Walter Kempowski, der vor kurzem 75 Jahre alt geworden ist und dem ich dazu noch persönlich gratulieren will. Er ist neben vielem anderen ein großer Sammler und Aufbereiter von Augenzeugenberichten.

Vor rund dreißig Jahren veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel "Haben Sie Hitler gesehen?" Diese Frage hatte er 500 Leuten gestellt, und die Antworten lesen sich noch heute spannender und informativer als manche wissenschaftliche Studie. Vor einem Jahr hat im Deutschlandfunk Peter Sodann die Zuhörer gefragt: "Wie haben Sie den 17. Juni 1953 erlebt?" Er bekam Hunderte von Antworten, und die Auswahl, die daraus entstanden ist, sagt mehr über das damalige Geschehen aus als manche gelehrte Abhandlung. Alles ist wieder da: Die Tristesse des angeblichen Arbeiter- und Bauernstaates, das Selbstbewusstsein und der Witz der Aufständischen, die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren, das Entsetzen über die Brutalität der Unterdrückung des Aufstands und die Niedergeschlagenheit in den Wochen und Monaten danach.

Und noch etwas ist da: Der Beweis für Widerständigkeit und Freiheitsliebe selbst in der Niederlage. Egon Kunze aus Dresden zum Beispiel erinnert sich: "Es war lange Zeit danach noch üblich - unter Gleichgesinnten - sich zu begrüßen mit Handschlag und der Bemerkung: 'Das nächste Mal klappt's'"

1989 haben die Ostdeutschen bewiesen: Das war mehr als nur eine Redensart.

Kurzum: Alle drei Publikationen verdienen viele und vor allem vielejungeLeserinnen und Leser, denn die Erinnerung an den 17. Juni 1953 muss weitergegeben werden. Er war einer der Tage in unserer Geschichte, die uns mit Stolz erfüllen und zuversichtlich stimmen können für die Zukunft.

VII.

Damit komme ich zu meiner Schlussbemerkung, und die widme ich der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seit sechs Jahren ist sie nun tätig und fördert die Dokumentation und Aufarbeitung der SED-Diktatur und des gegen sie tätigen Widerstands. Sie berät und betreut die Opfer politischer Verfolgung, sie meldet sich mit eigenen Publikationen und Veranstaltungen zu Wort und sie vergibt Stipendien und Preise für vorbildliche Projekte in ihrem Tätigkeitsbereich.

Ich habe in meiner Amtszeit die Arbeit der Stiftung mit Interesse verfolgt und nach Kräften zu fördern versucht. Projekte wie die drei hier vorgestellten und Veranstaltungen wie diese zeigen nach meiner Überzeugung: Gäbe es die Stiftung Aufarbeitung noch nicht, man müsste sie erfinden.

Das ist aber gottlob ja nicht mehr nötig, und auch darüber darf man sich in dieser Runde freuen.

Ich wünsche der Stiftung weiterhin viel Erfolg und viele so vorzügliche Verbündete wie den Deutschlandfunk; und ich wünsche Ihnen einen interessanten und lehrreichen Nachmittag.