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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass der Bekanntgabe der diesjährigen Preisträger des Praemium Imperiale

Auch von mir ein Wort herzlichen Willkommens an einem Tag, an dem die diesjährigen Preisträger des Praemium Imperiale und des Förderpreises für junge Künstler bekannt gegeben werden. Ich freue mich darüber, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus diesem Anlass die Pforten des Pergamonmuseums geöffnet hat, eines Museums, das auf seine Weise einzigartig ist. Mit dem Pergamonaltar und dem Ischtar-Tor beherbergt es zwei Bauwerke, die zu den beeindruckendsten Gütern des Weltkulturerbes zählen.

Als ich zum ersten Mal vor dem Pergamonaltar stand, war ich wie viele andere auch überwältigt: von seiner Größe und von seiner Großartigkeit! Wie muss dieser Altar auf die Menschen seiner Zeit gewirkt haben, für die er eine Kultstätte war und nicht bloß ein Kunstwerk. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, und wir finden uns vor diesem Altar zusammen - nicht um zu opfern, sondern um auszuzeichnen.

Die Auszeichnung, die uns heute Abend zusammen führt, das Praemium Imperiale, verdanken wir dem japanischen Kaiserhaus. Seiner Kunstsinnigkeit, seiner Großzügigkeit schulden wir diesen großartigen Preis, der längst zu einem Begriff geworden ist in der Welt der Kunst. Dass dieser höchstdotierte internationale Kunstpreis weltweit als "Nobelpreis der Künste" gilt, brauche ich Ihnen nicht zu sagen; dass er jährlich von der Japan Art Association ausgelobt und in den Sparten Malerei, Skulptur, Architektur, Musik, Film/Theater vergeben wird, wissen Sie auch.

Auf eine Besonderheit will ich aber doch hinweisen: Das Praemium Imperiale feiert in diesem Jahr ein kleines Jubiläum. Es gibt diesen Kunstpreis seit 15 Jahren, seit 1989.

1989 war aber nicht nur ein bedeutsames Jahr für die Kunst. Es war vor allem ein bedeutendes Jahr für Berlin, für unser Land, für Europa. 1989 fiel die Berliner Mauer. Ohne den 9. November 1989 hätte es am 1. Mai dieses Jahres keine EU-Osterweiterung gegeben. Ohne dies Ereignis wären in den vergangenen Jahren vielleicht nur wenige oder gar keine osteuropäischen Künstler mit dem Praemium Imperiale ausgezeichnet worden. Ohne dies Ereignis fände heute die Bekanntgabe der Preisträger ganz gewiss nicht hier im Pergamonmuseum statt!

Sie alle wissen: Es geht um die Förderung und um die Vertiefung der internationalen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Kultur. Darum werden Künstler ausgezeichnet, deren Werke - so heißt es - eine "Bereicherung der Weltgemeinschaft" darstellen. Mir gefällt diese Formulierung besonders gut. Sie macht deutlich, wie weit der Kreis der potentiellen Preisträger zu ziehen ist. Sie macht auch deutlich, dass ein Kunstwerk ein Geschenk sein kann: an einen Einzelnen, an ein Volk, an die Weltgemeinschaft.

Wir haben die Namen gehört: In diesem Jahr wird das Praemium Imperiale verliehen an den Maler Georg Baselitz, an den Bildhauer Bruce Nauman, an den Architekten Oscar Niemeyer, an den Komponisten Krzysztof Penderecki und an den Regisseur und Drehbuchautor Abbas Kiarostami. Ihnen, verehrte Preisträger, sage ich meinen herzlichen Glückwunsch und meine große Anerkennung für Ihr Werk.

Wenn ich mir die Preisträger der vergangenen Jahre in Erinnerung rufe, muss ich sagen: Sie alle sind in bester Gesellschaft. Das Verzeichnis der Preisträger des Praemium Imperiale liest sich wie ein "Who Is Who" aus dem Bereich der Künste.

Ich finde es gut, dass dieser Preis Künstler ehrt, die sich in ihrem Fach in langen Jahren künstlerischer Arbeit weltweit einen Namen gemacht haben. Ich finde es auch gut, dass es einen Förderpreis gibt, der junge Künstler dazu ermutigt, es solchen Frauen und Männern gleich zu tun.

Deshalb sage ich meinen herzlichen Glückwunsch den Mitgliedern des Jungen Klangforums Mitte Europa, das in diesem Jahr mit dem Förderpreis des Praemium Imperiale für Junge Künstler ausgezeichnet wird. Das Orchester hat sich in den wenigen Jahren seiner Existenz einen Namen gemacht, und das auf internationaler Ebene. Es vereint Musiker aus Tschechien, aus Polen und aus Deutschland. Sie alle sind hervorragende Künstler. Und es leistet noch etwas, und das erhoffen wir uns doch von internationalen Projekten: einen Beitrag zur Begegnung und zur Völkerverständigung.

Auszeichnungen wie das Praemium Imperiale sind Ehre und Würdigung. Besonders schön finde ich, dass sich die Anerkennung künstlerischer Leistungen auch finanziell niederschlägt. Dass Armut und Not die künstlerische Phantasie und Kreativität besonders anregten, ist ja doch eher ein gutbürgerliches Vorurteil. Vincent van Gogh ist, was seine Anerkennung und seine wirtschaftliche Situation angeht, gewiss kein Vorbild. Heute wird sein Werk zu Höchstpreisen gehandelt, er war aber so arm, dass sein Bruder ihn viele Jahre lang finanziell unterstützen musste.

Die hohen Preisgelder, die Summen, die am Kunstmarkt für manches Werk gezahlt werden, vermitteln in der Öffentlichkeit einen ganz falschen Eindruck davon, wie viel Geld mit Kunst zu verdienen sei. Sie vermitteln den Eindruck, dass man Künstler, Kunst und Kultur gar nicht besonders zu unterstützen brauche. Das ist wahrlich ein ganz falscher Eindruck!

Vielen Künstlern geht es finanziell nicht gut, auch vielen namhaften Künstlern. Das erfahre ich oft ganz unmittelbar von den Künstlern, die die Deutsche Künstlerhilfe des Bundespräsidenten seit vielen Jahren zu unterstützen versucht. Viele Künstler und Schriftsteller haben es schwer in Zeiten wirtschaftlicher Probleme, in Zeiten, in denen "der Groschen einmal mehr umgedreht werden muss".

Unser Land nimmt für sich in Anspruch, eine Kulturnation zu sein. Dafür müssen wir aber auch etwas tun. Wir müssen uns die Kunst, die Künste etwas kosten lassen - bei medienwirksamen, renommeeträchtigen Ereignissen, aber vor allem an der Basis. Da geht es um Künstlerförderung im weitesten Sinn: um den Ankauf von Kunstwerken, um Stipendien, um Förderprogramme.

Kultur muss zu den Pflichtaufgaben von Ländern und Gemeinden gehören. Die Länder und Gemeinden brauchen ausreichend Geld, damit sie auch diese Pflichtaufgabe auch wahrnehmen können. Von der Kunst allein - so heißt es - könne man nicht leben. Wir sollten mithelfen, dass dieser Satz mehr und mehr an Gültigkeit verliert.

Ich freue mich darüber, dass die Preisträger des Praemium Imperiale in diesem Jahr in Deutschland bekannt gegeben werden. Das liegt an den Statuten der Auszeichnung, die die Reihenfolge der gastgebenden Länder akribisch regeln; es ist aber auch Ausdruck der Verbundenheit unserer beiden Länder.

Japan und Deutschland verbindet vieles: weit mehr als intensive Wirtschaftsbeziehungen, weit mehr als die Liebe zum Fußball. Japan und Deutschland verbinden geradezu traditionell gute Beziehungen. Das zeigt sich auch daran, dass viele Japaner in Deutschland leben. Und sie leben gerne und oft schon viele Jahre hier. Nicht ohne Grund wird Düsseldorf ja als "Klein-Tokio am Rhein" bezeichnet. Düsseldorfs "japanische Gemeinde" ist nach London und Paris die drittgrößte Europas.

Den Japanern wird zu Recht ein besonderes Interesse an deutscher Kultur nachgesagt. Das kann man jeden Silvestertag erleben, wenn in Japan nahezu überall Beethovens Neunte Sinfonie zu hören ist. Das wird man im nächsten und im übernächsten Jahr erleben, wenn das "Deutschlandjahr" in Japan stattfindet. Da will sich Deutschland in Japan präsentieren - als demokratisches Gemeinwesen, als leistungsfähige und innovative Volkswirtschaft, als Wissens- und Lerngesellschaft und als lebendige, moderne Kulturnation mit großer Tradition.

Ich hoffe, dass unser Land dabei in Japan einen genauso guten und nachhaltigen Eindruck macht, wie Japan das in Deutschland tut. Die Kulturnation Japan hat sich mit dem Praemium Imperiale ein Denkmal gesetzt hat - in Deutschland, in Europa, in der Welt. Wir sind dafür von Herzen dankbar.