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Rede von Bundespräsident Johannes Rau beim Kongress der Internationalen Verleger Union

Meine Damen und Herren,

als ich vor langer Zeit - vielleicht ein bisschen leichtsinnig - zugesagt hatte, beim Kongress der Internationalen Verleger Union zu sprechen, da habe ich noch nicht geahnt, wie viel Termine gerade in den letzten Tagen meiner Amtszeit auf mich zukommen würden.

Nun muss ein Bundespräsident natürlich Wort halten, vor allem wenn er eine Zusage gegeben hat. Das ist mir aber in diesem Falle nicht schwergefallen, da ich ja gewissermaßen einer von Ihnen bin - oder doch auf jeden Fall einmal war.

Ich bin also zu Ihnen gekommen aus einer alten Verbundenheit heraus - vielleicht aus einer Komplizenschaft? Immerhin habe ich zwei Jahrzehnte als Verleger gearbeitet. Ich weiß also, was es bedeutet, Bücher zu verlegen. Ich weiß, was es bedeutet, Autoren zu gewinnen und zu pflegen, eine Auflage zu kalkulieren, Verträge abzuschließen, Märkte zu beobachten, ein Programm zu entwickeln, eine schlüssige Werbung zu entwerfen. Ich weiß auch, wie Papier sich anfühlt, wie Druckerschwärze riecht - und ich kenne das jedes Mal neue Glück, den Einband zu spüren, wenn man ein druckfrisches Buch in den Händen halten kann.

Wenn ich also sage, dass Sie alle einen wunderbaren Beruf haben, dass Sie einem nicht nur nützlichen, hoffentlich ertragreichen, sondern auch beneidenswerten Geschäft nachgehen, dann kommt das aus eigener Erfahrung und aus ganzem Herzen. Das ist ehrlich, das ist fast ein bisschen wehmütig gemeint, denn ganz habe ich meine alte Profession nie vergessen.

Nun möchte ich Ihnen keine Geschichten aus meiner Zeit als Verleger erzählen. Das ist zu lange her; und auch wenn sich der Beruf im letzten vielleicht gleich geblieben ist, dann haben sich doch die äußeren Umstände so dramatisch gewandelt, dass meine Erfahrungen nur noch wenig mit dem modernen Verlegerberuf und dem modernen Verlagswesen zu tun haben.

Ich denke nur an die großen Konzentrationen, wo Verlage jetzt zu Medienimperien und den entsprechenden Verwertungsketten gehören, an die Globalisierung, an die Internationalisierung, die auch in Ihrer Branche einschneidende Änderungen bewirkt haben. Ich denke aber vor allem an die elektronischen Kommunikationssysteme, an die zu meiner Zeit als Verleger noch niemand zu denken gewagt hatte. E-Books, Books-on-demand und nicht zuletzt der elektronische Buchhandel und Buchversand haben das ganze Verlegergeschäft entscheidend verändert. Dem Buch, vor allem aber Zeitungen und Zeitschriften ist durch das Internet eine Konkurrenz entstanden, an die bis vor wenigen Jahren niemand denken konnte.

Sie werden nicht erwarten, dass ich diese neuen Entwicklungen kommentiere oder sogar Lösungsvorschläge für die damit verbundenen Probleme und Krisen mache. Das werden Sie - nicht zuletzt auf diesem Kongress - selber tun, und Sie verstehen davon mehr als ich.

Mir geht es heute um etwas anderes. Mir geht es um die Inhalte, ohne die Verleger nichts zu verlegen haben. Mir geht es um die Sprache und die in Sprache verfassten Gedanken. Wie immer Verlagspolitiken sich ändern, welche Vertriebswege auch immer gesucht und gefunden werden, welche Medienrevolutionen auch immer hinter uns liegen oder uns noch bevorstehen: Niemand kann irgendetwas verlegen, was nicht zuvor gedacht und geschrieben, gemalt oder gezeichnet oder fotografiert worden ist. Und niemand wird irgendetwas verlegen, von dem er nicht annimmt, dass andere an diesen Gedanken und Erkenntnissen, an diesen Sätzen und Geschichten interessiert sein können.

Verleger handeln ja mit einem sehr kostbaren Gut, das einen unschätzbaren Wert hat und letztlich doch immateriell ist: Mit menschlichen Erfahrungen und Erkenntnissen, die in sprachliche Form gebracht werden.

Dieses Geschäft ist ein großer Dienst an der Gesellschaft. Es dient nicht nur der Information und der Wissensvermittlung, es dient der Unterhaltung und der Verständigung und der Selbstverständigung, der Debatte und der Kritik, es dient der Beratung. Das führt immer wieder dazu, dass so etwas wie Kultur entsteht - für den einzelnen und für die Gesellschaft; Lese- und Lebenskultur haben entscheidend miteinander zu tun.

Ich könnte darüber jetzt abstrakt philosophieren, einen kleinen Essay vortragen über das Verlagswesen als Schmuggelagentur des Geistigen in die materielle Wirklichkeit oder auch über die Funktion von Literatur im gesellschaftlichen Leben. Ich möchte heute, neun Tage vor dem Ende meiner Amtszeit, etwas anderes tun.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, nachzuschauen, zu welchen Ereignissen, bei welchen Einrichtungen und mit welchen Menschen ich im Laufe meiner Amtszeit als Bundespräsident gesprochen habe, die im weitesten Sinne mit Literatur zu tun haben. Von einigen dieser Begegnungen möchte ich Ihnen erzählen. Vielleicht ergibt sich aus dieser kleinen Rhapsodie, die natürlich etwas Zufälliges hat, doch eine Perspektive auf die gesellschaftliche Bedeutung von Literatur.

Mein Bericht ist weder chronologisch noch vollständig. Würde ich beides versuchen, dann könnte ich Ihren Kongress alleine bestreiten, das können Sie mir glauben. Ich erzähle also. Nehmen Sie es jeweils exemplarisch.

Ich war zum Beispiel in Köln dabei, als dort das Literaturhaus eröffnet worden ist. In vielen Städten gibt es inzwischen solche Einrichtungen. Literatur muss unter die Leute, das ist ein Anliegen dieser Häuser - und ich glaube, Verleger sollten froh sein, dass es solche Foren gibt - und sie sollten, wo es geht, solche Einrichtungen unterstützen. Literaturhäuser können nicht nur Schwellenängste nehmen, sie können auch für einen lebendigen Kontakt zwischen Autor und Publikum sorgen. Dass Literatur unter die Leute muss, ist heute noch wichtiger als immer schon.

Ich weiß, dass eines der großen Ziele der Internationalen Verlegerunion der Kampf gegen den weltweiten Analphabetismus ist. In den entwickelten Ländern wie bei uns in Deutschland gibt es das Problem gewiss auch. Es gibt aber vor allem einen sekundären Analphabetismus, wie man das vielleicht nennen kann; das heißt: es gibt viele Menschen, die zwar Lesen und Schreiben können, aber kein Buch lesen. Das ist nicht nur schade, weil ihnen vieles entgeht - das hat auch Folgen für die Gesellschaft.

Menschen, die lesen, Menschen, die es gelernt haben, sich auf einen längeren Gedankengang einzulassen, auf eine hintergründige Geschichte, auf einen vielschichtigen Roman - das sind meist auch Menschen, die wissen, dass das Leben nicht aus einfachen Lösungen besteht, dass es kompliziert sein kann, dass oft Umwege zu wichtigen Zielen führen. Das sind auch Menschen, die kritisch und selbstkritisch sind, weniger manipulierbar, weniger verführbar. Sie sind anspruchsvoller, auch was öffentliche Verlautbarungen angeht. Und schließlich: Sie können sich selber besser ausdrücken, sie können formulieren, was sie denken und wollen. All diese Eigenschaften brauchen wir gerade in den unübersichtlicher gewordenen Gesellschaften von heute, in den demokratischen Prozessen der Willens- und Meinungsbildung. Insofern ist die private Lektüre nicht nur ein persönliches Hobby, sondern sie hat auch gesellschaftliche und politische Bedeutung.

Darum habe ich in den vergangenen Jahren verschiedenes unternommen, um die Freude am Lesen und an der Lektüre zu unterstützen. Ich habe die Schirmherrschaft über die Stiftung Lesen übernommen und war bei einigen ihrer Aktionen dabei. Ich habe Leseabende veranstaltet, beispielsweise mit Märchen, einer Literaturgattung, die alle Generationen ansprechen kann, oder mit Bernhard Schlink, einem Autor, der in viele Sprachen in aller Welt übersetzt ist.

Um die Popularisierung des Lesens, um die Popularisierung auch anspruchsvoller Literatur hat sich in Deutschland Marcel Reich-Ranicki in besonderer Weise verdient gemacht, vor allem mit seiner Fernsehsendung "Das literarische Quartett". Nicht nur um ihn zu ehren, sondern auch um das Fernsehen zu ermutigen, weiterhin auch solche Programme zu senden, hatte ich dazu eingeladen, dass die letzte Sendung des Literarischen Quartetts aus meinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue, übertragen wurde. Ich freue mich übrigens sehr darüber, dass auch die Sendung mit Elke Heidenreich inzwischen erfolgreich für Autoren und Bücher wirbt, die nicht zur Massenware gehören. Nach der Sendung finden sie dann erfreulich oft viele Käuferinnen und Käufer.

Verleger brauchen die Lust der Menschen am Lesen. Ich habe also einiges versucht, um diese Lust am Lesen zu fördern.

Sie werden sich denken können, dass man als Bundespräsident viel im Lande herumkommt. Man trifft auf große, unübersehbare Institutionen, man trifft aber auch auf kleine, aber feine Einrichtungen, die der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt sind, die aber sehr wertvolle Arbeit leisten.

Eine dieser kleinen Einrichtungen, die mir geradezu ans Herz gewachsen ist, ist das Europäische Übersetzerkolleg in Straelen. Straelen ist ein kleines Städtchen am Niederrhein, an der Grenze zu den Niederlanden. In diesem Übersetzerkolleg können Übersetzer Tage, Wochen oder Monate leben und an einem Projekt arbeiten. Eine fast klösterliche Atmosphäre, Gemeinschaft mit Kollegen und eine hervorragende Bibliothek bieten beste Arbeitsbedingungen. Ich bin froh darüber, dass es dieses Kolleg gibt. Ich glaube nämlich, dass gute Übersetzungen immer wichtiger werden - und dass Übersetzer beste Bedingungen verdienen, damit sie ihre schwierige Arbeit möglichst gut tun können.

Wer übersetzt, der tut professionell das, was wir alle tagtäglich leisten müssen: er versucht, das Fremde zu verstehen und eine Form zu finden, in der es in der eigenen Sprache sagbar wird. Wenn wir in der Welt, vor allem aber in Europa, zusammenwachsen wollen, wenn wir uns wirklich verständigen wollen, dann brauchen wir gute Übersetzungen von Literatur. Ich denke in diesen Tagen, da wir am Anfang der Erweiterung der Europäischen Union stehen, besonders an die neuen Mitglieder.

Gewiss, wir kennen in Deutschland einige polnische und tschechische Autoren - und wir wissen, dass ein Schriftsteller, Vaclav Havel, als erster demokratisch gewählter Präsident auf der Prager Burg residiert hat. An Begegnungen mit ihm denke ich übrigens besonders gern zurück. Ganz gewiss gibt es aber noch viel mehr zu entdecken, erst Recht aus Ländern wie Estland, Lettland und Litauen. Ich wünsche den Verlegern internationale Entdeckerfreude - und ich wünsche mir, dass Übersetzer vernünftige Arbeitsbedingungen haben und anständig bezahlt werden. In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, es kann und es sollte aber noch besser werden. In unserer globalisierten Welt, in der das gegenseitige Verständnis der Kulturen immer wichtiger wird, spielen Übersetzer eine ganz wichtige Rolle.

So wie zur Kultur die Entdeckung und Erschließung des Fremden gehört, also die Übersetzung, so gehört zur Kultur auch die Bewahrung der eigenen Tradition, die Bewahrung des Bewährten, also die Überlieferung. Auch darauf konnte ich bei verschiedenen Anlässen aufmerksam machen. Ganz besonders gefreut hat mich die Feier zur Wiedereröffnung des Buddenbrook-Hauses in Lübeck. Das war ein großer Tag für die deutsche Sprache und die deutsche Literatur. Thomas Mann ist noch immer der herausragende Repräsentant der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Er steht auch für die Irrungen der deutschen Geschichte. Deutschland hat in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur ihn, seinen besten Autor, sondern viele andere Schriftsteller und Intellektuelle ins Exil getrieben. Viele Länder haben deutschen Autoren Unterkunft gewährt. Thomas Mann ist nach seinem Exil in den Vereinigten Staaten nie nach Deutschland heimgekehrt - und doch steht sein Name - von Japan bis Neuseeland, von New York bis Moskau - für die deutsche Literatur.

Thomas Mann gehörte zu denen, deren Bücher die Nazis verbrannt haben. Wir haben in Deutschland nicht vergessen, dass nicht nur Zensur und Unterdrückung des Geistes die Nazizeit bestimmt haben, sondern dass an ihrem Anfang ein für jedermann sichtbares Zeichen der Barbarei stand: die Verbrennung von Büchern. Und wir wissen, wie grausam sich bestätigt hat, was Heinrich Heine bereits 1821 geschrieben hatte: "Das war ein Vorspiel nur. Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Vor einem Jahr, am 9. Mai, habe ich an der Gedenkveranstaltung teilgenommen und daran erinnert.

Gleichzeitig musste ich daran erinnern und ich will es auch heute tun, dass weltweit noch immer Schriftsteller verfolgt werden - und zwar nicht nur unter fundamentalistischen Regimen. Auch für das vergangene Jahr, 2003, ist die Bilanz, die das internationale P.E.N.-Zentrum vorgelegt hat, erschreckend. Weltweit sind 1068 Fälle bekannt geworden, in denen Schriftsteller "verschwunden" sind oder erwiesenermaßen getötet, verhaftet, unter Hausarrest gestellt, ins Exil gezwungen oder auf andere Weise bedroht. Die Dunkelziffer dürfte um vieles höher liegen.

Ich weiß, dass Sie, die Internationale Verlegerunion, auch den Kampf gegen Zensur und für Meinungsfreiheit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ich darf Sie bitten, in diesem Kampf nicht nachzulassen. Wir müssen alles in unseren Kräften Stehende tun, um dafür zu sorgen, dass das Recht auf Meinungsfreiheit, das seit 1948 in der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" durch die UNO und seit 1950 in der "Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten" festgeschrieben ist, überall in Europa und überall in der Welt Geltung behält oder endlich Geltung bekommt.

Schriftsteller werden unterdrückt, weil sie die Wahrheit schreiben und sagen, weil sie das Schweigen durchbrechen, weil sie sagen, was von Staats wegen nicht gesagt werden darf.

Manche Schriftsteller haben in Zeiten größter Bedrängnis und in den Epochen korrumpierter Sprache und Lüge einen Ton getroffen, der Millionen Menschen Trost und Hoffnung gegeben hat. Zu ihnen gehört Reinhold Schneider, der leider inzwischen fast vergessen worden ist. Ich durfte an ihn erinnern, als mir 1999 die Reinhold Schneider-Plakette verliehen worden ist. Reinhold Schneider, den ich in den Fünfziger Jahren noch persönlich kennenlernen durfte, war ein Mann zwischen allen Stühlen. In der Nazi-Zeit wurde er nicht verfolgt, aber unterdrückt und an den Rand gedrängt. Hunderttausende haben seine Sonette gelesen, und der berühmte Gedichtanfang: "Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten..." ist in Hunderten von Feldpostbriefen zitiert.

Reinhold Schneider: Ein Schriftsteller ohne Auftrag, keiner Partei zugehörig, allein sich selber und seinem Gewissen verantwortlich. Zugleich tief gläubig und tief verzweifelt, wandte sich der Katholik gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands und geriet unter Acht und Bann selbst bei seinen Glaubensbrüdern.

Es bleibt ein Ruhmesblatt für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dass er Reinhold Schneider den Friedenspreis 1956 zuerkannt hat. Das hat damals einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Immer wieder in seiner Geschichte hat der Börsenverein markante Zeichen gesetzt in der Auswahl seiner Friedenspreisträger - und immer wieder gab es - mal von der einen, mal von der anderen Seite - Entrüstung und Protest. Ich erinnere nur, stellvertretend für andere Namen, an Ernst Bloch, an Ernesto Cardenal oder Annemarie Schimmel. Verlegern und Buchhändlern steht es gut an, wenn sie sich mit ihren Autoren dem Streit der Öffentlichkeit stellen. Dass der Börsenverein in dieser Hinsicht Vorbildliches geleistet hat, wollte ich auch mit meinem Besuch bei seiner 175-Jahr Feier im Jahr 2000 zum Ausdruck bringen.

Das Erbe bewahren: Das bedeutet Pflege und Aktualisierung, nicht Musealisierung. Die Klassiker - und auch die vergessenen Klassiker - brauchen nicht so sehr Aureolen. Sie verlangen vielmehr danach, immer wieder in das Tageslicht der Aktualität gehalten zu werden. Erst wenn sie diesem Tageslicht standhalten, verdienen sie zurecht, Klassiker genannt zu werden und immer wieder neue Auflagen zu erleben.

Solcher Art Pflege des Erbes fühlen sich viele Verlage und Verleger auch heute noch verpflichtet - zum Glück für uns Leser. Beispielhaft dafür steht der Insel-Verlag, den ich zu seinem 100jährigen Jubiläum besucht habe. Neben den vielen klangvollen Namen des Insel-Verlages, die auch international von bleibender Bedeutung sind, findet sich übrigens auch der Name Reinhold Schneider, von dem ich gerade gesprochen habe.

Klangvolle Namen - als Bundespräsident habe ich das unschätzbare Privileg, mit Künstlern zusammenzutreffen, die mir schon immer viel bedeutet haben, mit Schriftstellern zumal. Wenn ich jetzt einige dieser Begegnungen nenne, dann um die Vielfalt und Verschiedenheit gegenwärtiger deutscher Literatur und gegenwärtigen deutschen Geisteslebens hervorzuheben. Es sind wie gesagt Autoren, die die Inhalte für die verlegerische Arbeit liefern. Ohne sie gäbe es im Höchstfall schön gebundene, aber leere Seiten.

In Deutschland ist das Zusammentreffen von Politikern und Künstlern immer von einer gewissen Spannung geprägt. In anderen Ländern mag das ein wenig anders sein. Bei uns ist immer schnell von einem grundsätzlichen Konflikt zwischen "Geist" und "Macht" die Rede. Ich halte solche grundsätzlichen Debatten in den meisten Fällen für überflüssig. Ich finde es fruchtbarer, wenn man über konkrete Dinge diskutiert, und das habe ich - auch mit Schriftstellern - immer gerne getan.

Da der Bundespräsident aber keineswegs die politische Klasse oder wie immer Sie das nennen wollen, verkörpert, sondern Repräsentant aller Deutschen ist, hat er auch die Pflicht und die Freude, bedeutende künstlerische Leistungen zu würdigen und im Namen aller Deutschen dafür zu danken. Auch dazu hatte ich in meiner Amtszeit reichlich Gelegenheit.

Als Günter Grass den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, haben sich nicht nur seine deutschen und ausländischen Verleger darüber gefreut. Er selber ganz gewiss, aber auch viele Deutsche, die treue Grass-Leser sind, waren froh darüber, dass wieder einmal ein Autor deutscher Sprache mit diesem höchsten Preis ausgezeichnet wurde.

Als ich ihn aus diesem Anlass zu einem Essen ins Schloss Bellevue eingeladen habe, konnte ich nicht nur Freude und Dank zum Ausdruck bringen. Ich konnte die Gäste auch daran erinnern, wie sehr Günter Grass immer ein unbequemer Bürger gewesen ist, wie sehr er sich immer eingemischt hat in die Belange des Gemeinwesens. Das gehört für ihn und für viele andere Schriftsteller einfach zu ihrem Selbstverständnis. Ich finde, von solcher Einmischung und von solcher Kritik können alle profitieren, wenn nur Rechthaberei und eingebildetes Besserwissertum vor der Tür bleiben. Dass die Autorität für gesellschaftliche Einmischung eines Schriftstellers von der überzeugenden Qualität seines Werkes abhängt - das versteht sich für Günter Grass und andere von selbst.

Wen konnte ich noch besonders ehren? Da denke ich zuerst an Christa Wolf. Auch sie eine Autorin, die bewegende Bücher geschrieben hat, aber gleichzeitig Repräsentantin einer Haltung; auch sie nicht nur Autorin, sondern Symbolfigur. Ihr Werk und ihr Lebensweg nötigen Respekt ab. Sie ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass die Literatur die Fragen der Menschen formuliert - ohne fertige oder gar gültige Antworten liefern zu wollen. Literatur wie Christa Wolf sie schreibt, begleitet die fragenden und suchenden Menschen. Sie teilt ihre Wahrheiten und ihre Irrtümer. Sie ist nicht klüger oder weiser als ihre Leser, aber sie bringt in Form, was diese vielleicht nur verschwommen fühlen. Christa Wolf, eine politische Autorin, die von den allerpersönlichsten Fragen ausgeht und immer wieder zu ihnen zurückkehrt. Sie zeigt, was Politik anrichten kann im menschlichen Leben und in den menschlichen Beziehungen. Und sie wird nicht müde, eine bessere Politik einzuklagen, für eine bessere Welt zu schreiben.

Einen, wenn man so will, Antipoden zu Christa Wolf habe ich kürzlich zu Hause besucht: Walter Kempowski. Auch er, auf seine Art, ein sehr deutscher Schriftsteller. Er hat in Romanen eine deutsche Chronik geschrieben, die Geschichte des deutschen Bürgertums im zwanzigsten Jahrhundert - und auch er geht vom Persönlichen aus, von der Geschichte seiner Familie. Dann hat er in seinem "Echolot" ein kollektives Tagebuch vorgelegt, eine Riesencollage aus Briefen und Tagebüchern, Statistiken und Archiveinträgen, von bekannten und Unbekannten, das von den dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte ein eindrucksvolles und unvergleichliches Zeugnis ablegt. Zudem hat Walter Kempowski - vielleicht kann das den einen oder anderen Verleger interessieren - das weltweite größte Archiv an unpublizierten Tagebüchern und Biographien angelegt. Ich könnte mir denken, dass unter den 8.000 Konvoluten das ein oder andere dabei ist, das eine separate Veröffentlichung verdiente.

Und dann noch ein ganz anderer, den zu ehren mir ein besonders großes Vergnügen bereitete. Vicco von Bülow, genannt Loriot. Lebender Beweis dafür, dass es ein leider immer wieder wiederholtes Vorurteil ist, die Deutschen hätten keinen Humor. Nun könnte man einwenden: Ein einziger sei ja noch kein stichhaltiger Gegenbeweis. Aber dass doch fast alle Deutschen schon einmal über eine Geschichte, einen Dialog, einen Sketch, eine Karikatur von Loriot gelacht haben, also seinen Humor offenbar teilen, das zeigt in meinen Augen: wir brauchen uns, was den Humor angeht, nicht zu verstecken. Dass diesem Humor eine tiefe Menschlichkeit zugrunde liegt, eine Achtung vor dem Kleinen, Alltäglichen, in dem sich die wahren Tragödien und Komödien des Lebens abspielen, das schätze ich besonders.

Zum literarischen Leben gehören schließlich auch die Gelehrten, die Intellektuellen. Sie sind es, die den gesellschaftlichen Diskurs immer wieder beleben, die immer wieder Kritik üben an Missständen. Gewiss: nicht alle Gelehrten, zumal nicht in Deutschland, sind bereit, sich politisch oder gesellschaftlich zu engagieren. Noch immer gilt viel zu vielen der akademische Elfenbeinturm als ideale Behausung. Ich halte das für falsch. Wir brauchen den Einspruch, gelegentlich allerdings auch den Zuspruch, von Leuten, die über den Tag hinaus denken. Die sich nicht zu schade dazu sind, ihr sicheres akademisches Gelände gelegentlich zu verlassen. Vielleicht sollten Verleger auch von sich aus auf den ein oder anderen Professor zugehen, und ihn ermutigen, einmal nicht nur für die Kollegen zu schreiben.

Beispiele dafür sind zwei Männer, die ich aus Anlass runder Geburtstage geehrt habe. Der eine ist Hans Küng, der weltweit wohl bekannteste und am meisten in alle Sprachen übersetzte Theologe. Er zeigt, wie man auch komplizierte theologische und kirchenpolitische Sachverhalte so sagen kann, dass viele Menschen sich angesprochen fühlen und darüber diskutieren und streiten können. Ohne an sogenannter "Wissenschaftlichkeit" Abstriche zu machen, hat er es geschafft, aus Theologie eine Angelegenheit allgemeinen Interesses zu machen. So stelle ich mir wissenschaftliche Publizistik mit dem Anspruch auf allgemeines Gehör vor. Seine Idee des "Weltethos" wird mittlerweile in aller Welt diskutiert.

Gemeinsam mit ihm konnte ich Walter Jens ehren, sozusagen den anderen großen alten Tübinger. Wie kaum ein anderer hat er sich um geschliffenen Stil verdient gemacht, wie kaum ein anderer vermochte er zu zeigen, wie literarische Bildung, politischer Anspruch und Kritik gesellschaftlicher Zustände einander bedingen können.

Solche Autoren haben ganz gewiss ihre Ecken und Kanten - ganz gewiss auch für ihre Verleger. Aber sie stehen für den Anspruch, dass unsere Zivilisation und unsere Kultur auf kritischem und kreativem Geist beruhen - und der ist seit alters her mit dem Buch verbunden - und er wird es trotz aller neuen Medien auch in Zukunft sein. Ich habe gelesen, dass die derzeit stattfindende Buchmesse in Madrid unter dem Thema steht: "Europa wird mit Büchern gebaut". Ich halte das für ein ganz wunderbares Motto. Gewiss ist es überspitzt, einseitig. So sind Motti eben. Aber es steckt sehr viel Wahrheit darin. Zivilisation, Geist, Kultur - das beste an Europa, an "Old Europe", wenn Sie so wollen, hat immer auch mit Büchern zu tun gehabt.

Eine besondere Stimme Europas, einen herausragenden Vertreter und Verteidiger der Zivilität, des demokratischen Bürgersinns will ich zum Schluss erwähnen, weil ich ihn in drei Tagen anlässlich seines 75. Geburtstages zu einem Essen einladen werde. Es ist Jürgen Habermas. Er ist gewiss der bedeutendste lebende, höchst lebendige deutsche Geisteswissenschaftler, seine Bücher und Theorien werden international diskutiert - bis hin nach China, wie ich auf meinen Reisen erfahren konnte - und er verkörpert die besten Traditionen kritischen europäischen Geistes.

Dass er dazu selbstkritisch genug ist, Lücken in seinem eigenen geistigen Entwurf zu spüren und sich auch nicht scheut, mit einem großen Antipoden, dem Kardinal Ratzinger, einem anderen, weltweit bekannten deutschen Intellektuellen, in einen sehr ernsthaften, konstruktiven Dialog zu treten, das kann nur die erstaunen, die Habermas´ Denken nicht verfolgt haben. Eine ganz spezielle deutsche Geisteskultur ist mit seinem Namen untrennbar verbunden, und die hat George Steiner einmal bekanntlich nach Habermas´ deutschem Verlag benannt: die "Suhrkamp-Kultur".

Nicht jeder Verlag prägt mit seinem Namen eine Kultur. Jeder Verleger aber hat Anteil an dem, was die Kultur eines Landes, eines Gemeinwesens, einer Sprache ausmacht. Gewiss: Verleger wollen und müssen Geschäfte machen, Gewinne erzielen, aber sie handeln mit dem Geist - das ist nicht nur etwas ganz Wunderbares, das gibt auch Verantwortung auf.

Meine Damen und Herren,

vielleicht kann ich meine bunte Rhapsodie in einem kurzen Satz zusammenfassen: Unsere Kultur, unsere Zivilisation, unsere Gemeinwesen: das alles hängt auch davon ab, welche Bücher erscheinen; und da sind Sie gefordert.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.