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Antrittsrede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seiner Vereidigung im Deutschen Bundestag in Bonn

Mein erster Gedanke gilt heute dem Mann, aus dessen Hand ich mein Amt übernehme: Karl Carstens.

Ich danke Ihnen für Ihren klugen und uneigennützigen Rat bei der Überleitung des Amtes. Sie sind Ihren Aufgaben stets und unbeirrbar überparteilich, aber nie mit neutraler Standpunkt­losigkeit nachgegangen. Sie haben die Pluralität der Auffas­sungen in unserem Gemeinwesen stets geachtet. Dennoch haben Sie positiv hineingewirkt in eine Sphäre der Meinungs- und Bindungslosigkeit, die der Pluralismus gelegentlich erzeugt.

Ihre Amtsführung war geprägt von der Geradlinigkeit Ihres Den­kens und Handelns. Sie haben unser Land mit sicherem Stil und mit Würde vertreten. Dafür möchte ich Ihnen und auch Ihrer von uns allen verehrten Frau von Herzen danken.

Unsere Verfassung spricht ausführlich von unseren Rechten als Bürger. Pflichten dagegen werden kaum erwähnt. In umgekehrter Weise behandelt das Grundgesetz das Amt des Bundespräsidenten, und zwar aus wohlerwogenen Gründen. Von seinen Befugnissen ist nur spärlich die Rede. Dagegen werden seine Pflichten hervor­gehoben, und sie werden an die höchsten Ziele gebunden. Denn was könnte es Größeres, aber auch Schwereres im Staat geben, als dem Wohl des Volkes zu dienen, seinen Nutzen zu mehren, Scha­den von ihm zu wenden und Gerechtigkeit gegenüber jeder­mann zu üben?

Das sind die Ziele - wörtlich in der Verfassung vorgeschrie­ben -, auf die ich soeben meinen Eid geleistet habe. An ihnen orientieren sich meine Pflichten. Sie sind es, die mich auch heute legitimieren, Ihnen aus Anlass meiner Amtseinführung ei­nige persönliche Gedanken vorzutragen.

Meine Kraft dem deutschen Volk zu widmen ist meine Aufgabe. Dem deutschen Volk? Wer ist gemeint? Stocken wir hier schon? Ich glaube nicht. In beiden deutschen Staaten lebt das deut­sche Volk. Von ihm, von dem ganzen deutschen Volk, geht die Präambel unseres Grundgesetzes aus.

Unmittelbar verpflichtet mich unsere Verfassung auf die Bun­desrepublik Deutschland. In ihr und von ihr aus wollen wir un­sere Beiträge für die Zukunft leisten, um nach innen und außen in Frieden zu leben, die Teilung zu überwinden, die Vereini­gung Europas zu fördern und unserer Verantwortung in der Welt gerecht zu werden. Dazu müssen wir unsere heutige staatliche Gegenwart ernst nehmen.

Die Bundesrepublik Deutschland muss eine handlungsfähige Ein­heit sein. Dies ist es, was auch die Deutschen in der DDR von uns erwarten. Europa wächst nicht aus verunsicherten Völkern, die auf der Flucht vor ihrer Gegenwart leben, sondern nur aus lebensfähigen, von ihren Bürgern getragenen Einheiten.

Gewiss, wir haben unsere besonderen Schwierigkeiten mit unserem Nationalgefühl. Unsere eigene Geschichte mit ihrem Licht und ihrem Schatten und unsere geographische Lage im Zentrum Euro­pas ha­ben dazu beigetragen. Aber wir sind nicht die einzigen auf der Welt, die ein schwieriges Vaterland haben. Das sollten wir nicht vergessen. Nirgends sind zwei Nationen einander gleich. Jedes Nationalgefühl hat seine besonderen Wurzeln, seine un­verwechselbaren Probleme und seine eigene Wärme.

Unsere Lage, die sich von der der meisten anderen Nationen un­terscheidet, ist kein Anlass, uns ein Nationalgefühl zu versa­gen. Das wäre ungesund für uns selbst, und es wäre nur unheim­lich für unsere Nachbarn.

Wir müssen und wir dürfen uns in der Bundesrepublik Deutsch­land zu unserem nationalen Empfinden bekennen, zu unserer Ge­schichte, zur offenen deutschen Frage, zur Tatsache, daß wir überzeugte Bündnis- und Gemeinschaftspartner sein können und doch mit dem Herzen auch jenseits der Mauer leben. Wir sind kein Volk verwirrter Gefühle oder romantischer Grübeleien. Wir sind auch keine wandernden Missionare zwischen den Welten. Wir sind Menschen wie andere auch. Unsere Nachbarn dürfen davon ausgehen, daß auch sie in unserer Lage ganz ähnlich empfinden würden.

Zwei Grunddaten sind es, die diese Lage kennzeichnen. Das eine ist die Zugehörigkeit zum Westen. Sie beruht auf unserer Ent­scheidung für die Grundwerte des freiheitlichen und sozialen Rechtsstaates. Sie ist endgültig und unwiderruflich. Es ist dieser geistige und humane Boden, auf dem unsere Mitglied­schaft in der Europäischen Gemeinschaft und im Atlantischen Bündnis beruht.

Nur weil die Partnerschaft auf gemeinsamen Überzeugungen von Menschenrecht und freier Gesellschaft gründet, kann sie Inter­essen ihrer Mitglieder schützen. Unser Wille zu dieser Part­nerschaft ist keine opportunistische Episode von vor­überge­hender Dauer und schon gar kein Gegensatz zu unserer deutschen Identität, sondern vielmehr ihr unentbehrlicher Bestandteil. Wir haben länger als andere gebraucht und es nur unter größe­ren Schmerzen erreicht, zu dieser Lebensform zu kommen. Umso weniger werden wir sie je wieder preisgeben wollen.

Eine besondere Gemeinschaft verknüpft uns mit den Deutschen im anderen deutschen Staat. Das ist das andere Grunddatum unserer Lage. Die Geschichte hat ihnen am Ende des Zweiten Weltkrieges den schwereren Teil als uns auferlegt. Umso mehr sollten wir sie spüren lassen, daß wir die Verantwortung für diese Geschichte mit ihnen ebenso teilen wie die Wurzeln unseres geistigen und sozialen Lebens, allen Systemunterschieden zum Trotz. Dies gilt nicht nur für die großen Zeugnisse aus der Vergangenheit, für die Dome in Naumburg, Erfurt und Güstrow, für den Geist aus Wittenberg und Weimar, für die Musik aus Leipzig und Dresden. Es kennzeichnet auch die heutige lebendi­ge Wechselwirkung. Bewegend war etwa die Aufnahme, die die Berliner Philharmoniker im neuen Gewandhaus zu Leipzig gefun­den haben. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Die Aussa­gen von Christa Wolf haben auch für uns im Westen eine bestim­mende geistige Bedeutung. Man denke nur etwa an ihre Frankfur­ter Kassandra-Vorlesungen.

So schön Teneriffa ist und so wichtig das Silicon Valley für unsere Entwicklung auch sein mag, der Neuaufbau der Semperoper in Dresden und das Leben der christlichen Gemeinden in der DDR berühren auch uns zutiefst.

Uns Deutsche in Ost und West verknüpft eine elementare mensch­liche Zusammengehörigkeit. Erzwungene Abgrenzung und Zeitab­lauf haben sie nicht absterben lassen. Man denke nur an die Mauer. Die Absicht ihrer Erbauer war nur allzu klar und folge­richtig. Es galt, das eigene politische System zu konsolidie­ren. Die Bevölkerung der DDR sollte sich abfinden mit Teilung und Trennung. Aber fast noch deutlicher als vor 23 Jahren se­hen wir heute, daß die Mauer dieses Ziel verfehlt. Wider Wil­len ist sie der überzeugende täglich frische Beweis, dass die Frage offen ist, die sie abschließend zu beantworten versuch­te. Sie macht die Zusammengehörigkeit nur augenfälliger, die sie vergessen machen wollte.

Sorgen im Ausland über die Beständigkeit der deutschen Politik können wir umso glaubwürdiger begegnen, wenn wir unbequeme Realitäten der deutschen Lage nicht verschweigen, denn sie ge­hören zur menschlichen Natur. Wiederum ist die Mauer in Berlin dafür Beispiel. Ich habe dort noch keinen Polen oder Franzo­sen, keinen Afrikaner oder Amerikaner erlebt, der in ihrem An­gesicht nicht so empfunden hätte wie wir. Übrigens hat auch Chruschtschow sie eine "hässliche Sache" genannt, die wieder weichen müsse, wenn die Gründe für ihren Bau entfielen. Und welche Gründe? Auf einer Synode in der DDR war davon unlängst eindrucksvoll die Rede: Die Menschen in der DDR fühlen sich ihrer Heimat verbunden. Sie wollen nicht weg.

Heimat ist aber, so hieß es, nicht nur dort, wo man geboren ist. Heimat ist der Ort, wo man in Verantwortung genommen wird und wo man verantwortlich sein kann. Mehr Mitsprache und Mit­verantwortung einräumen - das nimmt das Gefühl von Heimatlo­sigkeit und macht Ausreiseanträge und Abgrenzung überflüssig.

Was die Menschen in zwei deutschen Staaten miteinander verbin­det, kann nur im Frieden gedeihen. Die Deutschen haben nicht mehr Angst oder mehr Friedensliebe als andere Völker auch. Aber ihre Zusammengehörigkeit über Paktgrenzen hinweg gibt ihnen besondere Impulse in Richtung auf den Frieden. Lebten wir ohne inneres Band gleichgültig nebeneinander in zwei Lagern, so wäre vielleicht unser Engagement für den Frieden weniger intensiv.

Die Teilung ist ein großes Leid. Die Trennung von Menschen, die zusammengehören, erzeugt aber auch eine friedensstiftende Kraft, die uns besonders nachdrücklich nach Beiträgen zur Ver­ständigung in der internationalen Lage suchen lässt.

Wir sind in beiden deutschen Staaten einig im Begriff der Ver­antwortungsgemeinschaft. Die Führungen auf beiden Seiten be­kennen sich dazu, daß nie wieder Krieg vom deutschen Boden ausgehen soll. Das ist gut. Aber damit ist, wie jeder weiß, der Frieden noch nicht gesichert. Unser Frieden hängt von der Lage zwischen Ost und West im Ganzen ab.

Auf sie, auf das Ganze einen friedlichen Einfluss zu suchen, darauf kommt es an. Nur so dienen wir unseren deutschen Inter­essen, nicht aber mit dem Gaukelbild einer Neutralisierung. Es gibt nur einen Ausstieg, nämlich den mit dem Kopf in den Sand.

Das Atlantische Bündnis, zu dem wir fest stehen, hat schon in den späten sechziger Jahren mit dem Harmel-Bericht die Rich­tung gewiesen, die auch heute gilt: Verteidigung und Entspan­nung als untrennbare Bestandteile unserer Politik gegenüber der Sowjetunion und ihren Verbündeten. Wir müssen und wir wer­den unsere Freiheit schützen. Daher lassen wir mit uns über unseren Platz im Bündnis und über seine Fähigkeit zur Vertei­digung nicht verhandeln. Sicherheit ist erforderlich. Sie ver­langt die Fähigkeit zum Selbstschutz auf möglichst niedrigem Niveau.

Wir wollen unseren vollen Anteil an der Verteidigung tragen. Wir tun es im Bewußtsein, dass die Verantwortung für den Frie­den im atomaren Zeitalter fast übermenschlich groß ist. Allzu ­oft schon in der Geschichte sind die Völker in Kriege gegen­einander geraten, zumeist gegen ihren Willen, oft durch Pannen und Irrtümer. Die Wirkung der heutigen Waffen aber hat den Charakter eines Krieges verändert. Wenn die Menschheit überleben will, dürfen die Waffen nicht eingesetzt werden.

Damit wird von uns eine ganz neue Kraft, eine ganz andere Qua­lität im Umgang mit Konflikten verlangt. Es gibt keinen unent­rinnbaren Weg in die Katastrophe. Aber es gibt beileibe auch keinen zwingenden Grund zu Optimismus. Im Zeichen der Kernwaf­fen erlebt Europa heute eine seiner längsten Friedenszeiten, und wir sind dankbar dafür. Es ist aber leichtfertig zu glau­ben, daß uns nur deshalb auch eine friedliche Zukunft für immer sicher sei.

Zahl und Perfektion der Waffen steigen von Jahr zu Jahr. Viele Menschen haben das Gefühl, daß dennoch oder vielleicht gerade darum die Sicherheit abnimmt. Jede Provokation, jedes Impo­niergehabe, jedes waffentechnische Überholmanöver und auch je­des unbeabsichtigte Missverständnis können gefährlich sein.

Es ist mit den Waffen wie mit anderen Bereichen der wissen­schaftlichen und technischen Revolution auch. Der Mensch hat sich im Umgang mit der Natur schier grenzenlose Möglichkeiten eröffnet. Nun stößt er an eine neue Grenze, näm­lich die seiner eigenen herkömmlichen Einsicht und Verantwortung.

Da liegt die gewaltige Gefahr, aber auch die große und neue Chance. Weil die Kernwaffen die Menschheit auslöschen können, können sie keine Konflikte mehr lösen. Wir müssen um des Le­bens willen zu einer neuen Einsicht und Verantwortung im Umgang mit Konflikten vorstoßen. Das ist die große Her­ausforde­rung vor uns.

Werden wir diese Herausforderung bestehen? Werden wir denen, die die Hauptverantwortung tragen, helfen können, anstatt es ihnen zu erschweren? Werden wir zur Vertrauensbildung beitra­gen? Keinen Tag dürfen wir uns dem Druck dieser Fragen entzie­hen - keinen Tag inmitten des Friedens, in dem wir dankbar leben.

Wir Deutschen wollen in Frieden auch mit unseren Nachbarvöl­kern des Warschauer Paktes leben. Sie gehören einem fundame­n­tal anderen System zu, aber mit uns sind sie durch gemeinsame Geschichte, Kultur und Friedenswillen verbunden. Sie sind Eu­ropäer wie wir, und das sollten wir nie vergessen.

Friedliche Beziehungen zur Sowjetunion haben für uns ein be­sonderes Gewicht. Dazu müssen wir die Realitäten ernst nehmen wie sie sind. Kein Bündnis wird das andere mit einem Rüstungs­wettlauf in die Knie zwingen. An den Verhandlungstisch wird die Sowjetunion kommen, wenn es gelingt, ihre eigenen Interes­sen dafür zu mobilisieren. Zu einem inneren Reformkurs wird sie sich durch Druck von außen nicht nötigen lassen. Es gilt, bei der Sowjetunion, aber auch bei uns selbst, einem gegensei­tigen allzu vereinfachten Weltbild entgegenzuwirken.

Unzureichende Informationen und Vorurteile erzeugen wechsel­seitig unbegründete Angst, die nicht weniger gefährlich sein kann als Rüstung. Auch fördert es den Frieden nicht, die Welt in gut und böse einzuteilen.

Wir verlieren unser Unterscheidensvermögen zwischen Freiheit und Tyrannei keineswegs, wenn wir die Menschen in der Sowjet­union für so gut oder so böse halten wie uns selbst.

Auch wenn wir alle Kraft auf eine besonnene und verantwortli­che Sicherheitspolitik verwenden, so sollten sich doch die Ost-West-Beziehungen nicht in Sicherheitsfragen er­schöpfen. Rüstung, Abrüstung, Rüstungskontrolle, kurz, der ganze Bereich der Sicherheitspolitik ist von großer Bedeu­tung, aber er ist die Rahmenbedingung der Ost-West-Bezie­hungen, dagegen nicht ihr eigentlicher Inhalt. Er darf, was die friedensstiftende Wirkung betrifft, nicht ein Monopol über unser Denken und Han­deln annehmen. Denn diese friedensstiftende Wirkung, so lehrt historische Erfahrung, zeigt, dass in der Regel nicht Abrüstung den Weg zum Frieden ebnet, sondern friedliche Zusammenarbeit den Weg zur Abrüstung.

In diesem Zusammenhang kann es auch deutsche Friedensbeiträge geben. Wir sind keine Führungsmacht, wie verfügen nicht über Kernwaffen, aber wir haben eine Klimaverantwortung für das Ost-West-Verhältnis. Die Kontakte zwischen verantwortlichen Politikern beider deutschen Staaten sind zahlreicher geworden. Man spricht unbefangener miteinander als früher. Man verliert weniger Zeit mit propagandistischen Einleitungen. Nun gilt es, die Substanz anzureichern. Wir wollen die anderen nicht ge­sundbeten, uns aber auch nicht ineinander verkrampfen. Ent­scheidend ist die Entspannung, die sich nicht in Begegnungen der Politiker erschöpft, sondern von der Bevölkerung selbst am eigenen Leib erlebt werden kann. So können Klima und Beziehun­gen der beiden deutschen Staaten eine verklammernde Wirkung mit sich bringen, die sich gegen niemanden richtet, aber die dem Frieden in Europa nützen kann.

In diesem Sinne wäre ein Besuch des Generalsekretärs der SED und Staatsratsvorsitzender der DDR bei uns zu begrüßen.

Für mich hoffe ich auf eine Entwicklung der Verhältnisse für eine spätere Gelegenheit, in die DDR reisen zu können, mit de­ren Menschen ich mich tief verbunden fühle und die ich herz­lich grüße.

Ich komme aus Berlin in mein neues Amt. Die Geschichte dieser Stadt war immer geprägt von Weltoffenheit, Toleranz und Libe­ralität. Berlin wurde zum Zentrum des Deutschen Reichs. Es war nicht die Geburtsstätte, aber Machtmittelpunkt der nationalsozialistischen Herrschaft. So wurde Berlin auch Ausgangspunkt für Weltkrieg und schließlich für den Holocaust. Wir alle haf­ten für unsägliches Leid, das im deutschen Namen geschehen ist.

Aber nicht nur Schrecken und Verbrechen verbreiteten sich von Berlin, sondern auch immer wieder und bis zuletzt tapfere und selbstlose Taten der Menschenhilfe und des Widerstandes. Wir werden ihrer am 20. Juli in Berlin gedenken.

Trotz Zerstörung, Teilung und isolierter Lage ist Berlin der Platz geblieben, der uns - wie kein anderer - Maßstäbe für un­ser Denken und Handeln gibt. Bald nach dem Krieg wurde die Stadt unter notvollem Druck von außen zum Symbol der Frei­heitsliebe der Menschen. Unter gegenseitigem Respekt wurden dort aus ehemaligen Kriegsgegnern Freunde.

Dafür gilt heute unser Dank den Franzosen, den Briten und nicht zuletzt den Amerikanern, denen wir überall in Frieden herzlich verbunden sind.

Und erlauben Sie mir bei diesem Anlaß als Vertreter des Kon­gresses der Vereinigten Staaten einen alten Freund der Deut­schen, den Senator Mathias, herzlich zu grüßen.

Von Berlin aus sind wir einander berechenbare und zuverlässige Partner geworden, und wir werden es bleiben.

In Berlin leben die wichtigsten Impulse der Zusammengehörig­keit aller Deutschen. Nirgends erklärt sich der notwendige Zu­sammenhang von Schutz der Freiheit im Bündnis und von friedli­cher Entspannung nach Osten so selbstverständlich wie in Ber­lin. In Berlin hat sich auch gezeigt, daß Ost und West sich auch dort über praktische Regelungen verständigen können, wo prinzipielle Meinungsverschiedenheiten zur Zeit nicht über­brückbar sind.

In Berlin hat sich im vollen Bewusstsein der fruchtbaren Ver­gangenheit wieder eine jüdische Gemeinde zusammengefun­den, um einen neuen Anfang mit uns zu machen. Nicht ver­drängen, sich erinnern hilft weiter. Daran hat sie sich gehalten. Inzwischen ist weit über Berlin hinaus im Juden­tum wieder Vertrauen gewachsen. Eine menschliche Brücke ist entstanden. Sie ist noch zart und anfällig. Aber sie trägt wieder, und sie darf nie wieder einstürzen.

So erfüllt Berlin entscheidende nationale Aufgaben für alle Deutschen. Ich bin froh, auch im neuen Amt mit Herz und Ver­stand Berliner bleiben zu können.

Die wichtigste Aufgabe für uns, die wir heute Verantwortung tragen, ist die lebenswerte Zukunft für nachfolgende Genera­tionen. Unsere Nachfahren werden nicht fragen, welche Zu­kunftsvisionen wir für sie bereithielten; sie werden wissen wollen, nach welchen Maßstäben wir unsere eigene Welt einge­richtet haben, die wir ihnen hinterlassen. Woraufhin also le­ben wir heute, in unserer Zeit?

Die Maßstäbe dafür kann niemand vorschreiben. Auf der Suche nach ihnen gibt es ständig Konflikte und Veränderungen. Jahre­lang herrschte ein neuer, ein aufbruchartiger sozialer und kultureller Fortschrittsglaube vor. Das Zutrauen, daß wir die guten Dinge machen können, bestimmte die Diskussionen. Den Utopien folgten Ernüchterung und Enttäuschung. Heute sind die Stimmungen von einem Zeitgeist geprägt, der zwischen Zukunfts­angst und Optimismus hin- und herschwankt. Seine heftigen Aus­schläge sind kein sehr stabiles Zeichen.

Nutzen mehren, Schaden abwenden - beides gilt dem uns allen anvertrauten Wohl. Worin sehen wir dieses Wohl?

Nach wie vor beschäftigten wir uns stark mit unserer wirt­schaftlichen Lebensgrundlage, mit unserem materiellen Wohler­gehen. Wir leben im Bestreben, weit vorn in der Weltrangliste von Wirtschaft und Technik zu stehen. In unserer Lage kann das auch gar nicht anders sein. Aber damit erfüllen wir den poli­tisch-humanen Begriff des Wohls nur sehr mager. Das Wohl, das uns anvertraut ist, weist auf das Dauernde im unaufhaltsamen Wandel hin, auf das, was es in der Natur der Welt und des Menschen zu bewahren gilt. Es zielt auf eine Sittlichkeit, die für sich in Anspruch nimmt, über den Tag und die Generation hinaus zu bestehen. Sie fragt nach einem huma­nen Maßstab für die Anwendung wissenschaftlicher und techni­scher Fähigkeiten. Sie betrifft die Kultur im Umgang von Men­schen mit Menschen, mit Dingen und mit der Zukunft. Dafür kann ich nur Beispiele nennen.

Es kommt meinem Amt zu, Fragen zu stellen und die Arbeit für Antworten auf sie zu ermutigen, nicht aber Rezepte anzubieten. Von den Gefahren immer neuer, wirkungsgenauerer Waffen war schon die Rede.

Den Ertrag des Bodens kurzfristig zu steigern, haben wir ge­lernt. Können wir aber auch verhindern, dass der Boden auf die­se Weise langfristig abstirbt? Werden wir angesichts unserer angewachsenen Macht, die Zukunft schon heute zu verbrauchen, auch in unseren Enkeln unseren Nächsten erkennen lernen?

Fragen wir uns unerbittlich genug, ob aus dem, was wir heute tun, keinem Nachgeborenen ein Schaden entsteht? Können wir uns aus der menschlichen Überheblichkeit befreien und Rücksicht auf die Natur um ihrer selbst willen lernen?

Die Produktionstechnologie macht sprunghafte Fortschritte. Sie macht schwere Arbeit leichter, und das ist human. Sie macht vielfach Arbeit überhaupt überflüssig, und mit den Folgen wer­den wir bislang nicht fertig. Technischer Wandel schafft zwar auch neue Arbeit, er verändert und verlagert sie. Die Übergän­ge aber sind es, die uns zu schaffen machen. Viel zu alte und junge Menschen suchen zur Zeit vergeblich Arbeit. Wir brauchen die Tarifautonomie; wir dürfen Arbeitskämpfen nicht auswei­chen.

Auch ich möchte den Vermittlern im jetzigen Konflikt meinen herzlichen Dank sagen.

Aber werden wir nach diesen schweren Monaten eine Neubesinnung auf eine Sozialpartnerschaft erleben, die wir dringender als je brauchen? Die Verbände haben große wirtschaftliche und so­ziale Macht, weit über ihre Mitglieder hinaus. Werden sie sich und werden wir alle uns mit ihnen im wirklich uneigennützigen Kampf zugunsten Dritter, nämlich derer bewähren, die Arbeit suchen?

Europa ist für uns und für die Zukunft von entscheidender Be­deutung. Die Stimme der Europäer und ihre Verantwortung in der Welt sind dringend gefragt. Die Notstände verlangen es gebie­terisch: die Überbevölkerung, der Hunger, die sozialen Span­nungen, die Zahlungsunfähigkeit. Wir kommen auf unserem stei­nigen Weg langsam vorwärts.

Gerade jetzt sind wir für Fortschritte dankbar, die in Fon­tainebleau erzielt wurden. Aber Großes und Schweres bleibt zu tun. Junge Menschen z. B. werden wir für Europa erst gewinnen, wenn wir ein System überwinden, mit dem wir hier bei uns Ernährungsüberschüsse finanzieren, die dort nicht einsetzbar sind, wo Menschen Hungers sterben.

In Australien haben Ärzte aus einem monatelang tiefgekühlten Embryo ein Kind entwickelt. Eine amerikanische Zeitschrift meinte dazu, die Embryos würden hier "mit ebensoviel Respekt wie gefrorene Erbsen" behandelt. Verständlicherweise werden die besorgten und heftigen Fragen zunehmen. Was für wissen­schaftlich entwickelte Wickelkinder wird es noch geben?

Was uns Not tut, ist aber nicht die Emotionalisierung, sondern die gemeinsame sachliche und strenge Suche nach einer angemes­senen Ethik. Auch die Forschung am Menschen ist Teil der frei­en Wissenschaft. Aber die Freiheit ist nicht schrankenlos.

In vielen Bereichen haben wir genaue Vorschriften für den Um­gang mit dieser Freiheit, z. B. beim Eigentum. Reicht für die Forschung am Menschen und ihre Anwendung die verantwortliche Selbstkontrolle der Wissenschaft aus? Oder müssen wir ihr nicht doch mit klareren Rahmenregeln helfen? Will sie es nicht in Wirklichkeit selbst?

Maßstäbe für den Umgang untereinander ergeben sich aus den Er­fahrungen während der Kindheit. Maßgeblich dafür ist das Bei­spiel der Älteren in der Familie, sind die Schulen, ist aber auch das Fernsehen.

Besonders viele Fragen richten sich an die Entwicklung der elektronischen Medien. Werden uns die Gründerjahre der neuen Medien, wie manche meinen, das neue Heil bringen?

Werden wir mit ihnen beweisen können, daß wir dem technischen Fortschritt menschlich gewachsen sind? Oder werden sie eine Industrialisierung des Bewußtseins bringen, eine neue, tiefge­hende Entfremdung? Werden sie uns die eigenen Erlebnisse rau­ben und sie durch vorgefertigte, standardisierte Erfahrungen ersetzen? Werden wir uns, wenn die Videofilme immer perfekter und zahlreicher Gewalttaten und Katastrophen elektronisch ver­breiten, auch hier damit zufrieden geben, der Gebrauch der Freiheit kenne nun einmal keine Grenzen? Werden uns die Medien also ungehemmt nahe bringen, wie man gegeneinander lebt? Oder werden sie uns helfen, zu lernen, was viel schwieriger, aber auch viel wichtiger zu lernen ist, nämlich wie wir miteinander auskommen?

Die Sehnsucht des menschlichen Herzens geht gewiss über eine Denver-Clan-Koexistenz hinaus. Aber wir dürfen uns nicht al­lein auf die Stärke der menschlichen Natur zur Selbstbehaup­tung verlassen. Es genügt auch nicht, auf die beruhigende Statistik zu bauen, wonach bisher nur 26 Pro­zent aller Zuschauer beim Fernsehen noch nie eingeschlafen sind.

Ich gestehe, meine Damen und Herren, auch ich gehöre nicht zu dieser standhaft wachen Minderheit.

Müssen wir nicht vielmehr die gewaltige, langfristige Proble­matik einfach noch viel ernster nehmen als bisher? Ich meine nicht nur die Programm-Macher, sondern auch uns Zuschauer. Denn wir sind ja dieselben Menschen - hüben und drüben. Es ist erstaunlich, wie viele Forschungsgebiete der Staat seit Jahr und Tag fördert, wie stiefmütterlich er aber bisher die Medienwir­kungsforschung behandelt hat.

Es gab viel ideologischen Streit, Konflikte um vermeintlich parteipolitische Vorteile, aber wenig empirische Sozialfor­schung. Muss das so bleiben? Sollten wir uns nicht auch hier die Frage nach Regeln für den rechten Gebrauch dieser Freiheit stellen?

Den Schulen gilt die Frage, ob sie nicht nur Lehranstalt sind, sondern Lebensraum. Lernen die Kinder neben der notwendigen kritischen Fähigkeit, Konflikte zu führen, auch, Konflikte zu beenden? Das Beispiel der Erwachsenen ist da mitunter recht trübe. Lernen sie, etwas von sich zu verlangen und dadurch Selbstbewusstsein und Lebensmut zu gewinnen?

Der Sport - Sie haben ihn schon erwähnt - ist dafür wertvoll; man kann dies vor allem beim Versehrtensport sehen. Freilich, die Erfahrung mit dem Sport gilt natürlich auch für Erwachse­ne, auch für Ältere. Die 680.000 Mitbürger, die im letzten Jahr das Sportabzeichen erworben haben, werden auch mir als gutes Beispiel dienen.

Welche Rolle spielt neben dem erlernbaren Wissen die Phanta­sie? Sie ist kein musischer Winkel für ein paar künstlerisch Begabte, sondern sie ist eine Lebenshilfe für jeden von uns in der technischen Welt. Ich bin kein sachverständiger Liebhaber aller Schöpfungen von Joseph Beuys. Aber ich bin beeindruckt von seinem pädagogischen Kunstbegriff und seinen Forderungen, daß wir uns nicht in Künstler und Nichtkünstler einteilen las­sen dürfen. Vielmehr sollten wir in jedem Menschen einen Mit­gestalter von Leben und Zukunft und damit einen auf seine Wei­se künstlerisch tätigen Mitmenschen sehen.

Kinder, die musisch erzogen werden und schon früh das Gefühl für Reim und Rhythmus bekommen, lernen später besser lesen. Wer gut lesen kann, versteht und verarbeitet überdies erwiese­nermaßen das Fernsehen besser. Ich hoffe, mit Schülern aller Schulen möglichst oft zusammenzutreffen und sprechen zu kön­nen.

Jahrzehnte hindurch haben wir die Lebensbedingungen der Fami­lie materiell und moralisch geschwächt. Das uns anvertraute Wohl nimmt dadurch schweren Schaden. Wie können wir ihn wen­den? Wie begegnen wir dem Zusammenwirken von familienfeindli­cher ökonomischer Struktur und menschlicher Bequemlichkeit? Wird uns die lebensnotwendige Korrektur eines Systems gelin­gen, welches den Gegenwartskonsum fördert, die Zukunftsvorsor­ge bestraft und damit den Wunsch nach Kindern entmutigt? Wer­den wir der viel zu weit gehenden, der unmenschlichen Isolierung alter Menschen wehren? Wird es gelingen, die Kinder wäh­rend ihrer ersten Lebensjahre unter besseren Bedingungen im eigenen Elternhaus zu erziehen und damit frühkindliche Ge­sundheitsschäden zu vermeiden?

Was Frauen in unserer Zeit vor allem bewegt und was sie fra­gen, ist berechtigt und ist Ausdruck einer historischen Verän­derung. Es ist in erster Linie an uns, an den Männern, zwar nicht immer die Antworten zu geben, aber sie möglich zu ma­chen. Wenn Männer die Fragen der Frauen ernst nehmen, ohne sie auf dem Rücken der Familie zu beantworten, dann müssen sie zunächst sich selbst stärker den Familien zuwenden.

Je mehr bloße Zweckbündnisse, vorübergehende Beziehungen unter Menschen entstanden sind, desto mehr wächst zugleich ein tie­fes Verlangen nach Entschiedenheit, nach Verbindlichkeit und Dauer, nach etwas anderem als dem Management von Beziehungs­krisen, nach Bindung, Wärme und Liebe. Es geht nicht um Part­nerschaft als Ehe-Ersatz, sondern es geht um partnerschaftliche Ehe.

Es gibt bei uns besondere Minderheiten. Ich denke an die bei uns lebenden Ausländer. Auch hier muß sich die Kultur im Um­gang vom Menschen mit dem Menschen bewähren. Das erfordert große Anstrengungen auf beiden Seiten. Gelingen kann es nur, wenn die Zahl der Ausländer nicht weiter wächst. Die allermei­sten von ihnen haben wir eingeladen, zu uns zu kommen. Das ist unsere Verantwortung. Sie erbringen ihre Leistungen, aber vie­le von ihnen leben in Spannungen und Zukunftssorgen.

Soweit sie auf die Dauer bei uns bleiben wollen, müssen sie die Fähigkeit und den Willen entwickeln, mit uns allmählich zusammenzuwachsen. Unsere Aufgabe ist es, Lebensbrücken zu bauen und der kulturellen Eigenständigkeit der Ausländer Raum zu lassen.

Die beste Friedenserziehung für Kinder wird es, so glaube ich, sein, Ausländerkinder in deren Familien zu besuchen und ihnen dort zu helfen. Dann erwerben sie ganz von selbst ein Empfin­den dafür, daß sich Deutsche und Ausländer gegenseitig achten und bereichern können.

Dringend unserer Zuwendung bedarf der Strafvollzug. Das ist kein Problem der Ideologie, sondern der praktischen Verhält­nisse, unter denen Insassen und Mitarbeiter im Vollzug leiden. Vor allem bei Jugendlichen und Erststraftätern sollte an ihre Zukunft gedacht werden.

Für das Gnadenwesen frage ich, wie wir verhindern können, daß es immer weiter verrechtlich und abstrahiert wird. Seine Hand­habung sollte daran erinnern, wo es herkommt. Das Recht ist ein wichtiger Maßstab für Gnade. Aber es darf nicht der einzi­ge sein. Recht ist auf Gnade angewiesen: Gnade vor Recht.

Zehn Beispiele für Fragen nach einer lebenswerten Zukunft, die uns heute bewegen, habe ich genannt.

Bei den Konflikten, die sie mit sich bringen, haben wir es mit einer Polarisierung quer durch Parteien, Schichten und Alters­gruppen hindurch zu tun. Die einen wollen die Gesellschaft mit radikalen Protestaktionen aufrütteln und auf Gefahren für die Zukunft aufmerksam machen. Andere sehen in der Radikalität von Protesten eine Gefahr für die freiheitliche Demokratie und da­mit einen Grund zur Sorge um die Zukunft.

Ich glaube, wir müssen beide Ansätze ernst nehmen. Die Demo­kratie kann nur bestehen, wenn die langfristigen Überlebens­fragen der Menschheit schonungslos erörtert und glaubwürdig beantwortet werden. Angesichts des gewaltigen Ausmaßes der Probleme kann dies nicht ohne Härte und Ungeduld abgehen.

Es ist fatal, wenn beim Bürger der Eindruck entsteht, auf ihn käme es gar nicht an, denn "die da oben" machten ja doch, was sie wollten. In Wirklichkeit wissen doch wir Politiker oft selbst noch keine Lösung und sind dringend auf Mitberatung an­gewiesen.

Ich meine, es ist ehrlicher und überzeugender, dies offen ein­zugestehen, statt zu glauben, wir Politiker - egal welcher Richtung - schuldeten dem Publikum nur einen ermutigenden Op­timismus und dem Gegner scharfe Konfrontation.

Andererseits können wir die Überlebensfragen der Menschheit nirgendwo mit einer größeren Chance auf Erfolg behandeln als in der Demokratie. Sie ist offener und lernfähiger als jede andere Regierungsform. Auch wenn es oft nicht schnell genug geht und nicht immer auf Anhieb der Weg gefunden wird, so ist doch die Demokratie am besten in der Lage, Fehler zur Sprache zu bringen, sich zu korrigieren, Einsichten und Vernunft im Widerstreit der Meinungen zu entwickeln.

Entscheidend ist die Freiheit. Sie allein macht es möglich, gemeinsam die Wahrheit, das richtige Ziel und die richtigen Mittel und Wege zu suchen.

Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die den stets not­wendigen Weg zum Wandel in Frieden finden läßt. Damit dies möglich bleibt, darf die Radikalität des Streitens niemals die Regeln des Rechts verletzen, denn diese sind die Bedingungen für die Freiheit und die Kraft zur Reform.

Damit wir in dieser Freiheit zu Entscheidungen kommen können, muß es nach dem Mehrheitsprinzip gehen. Dabei wissen wir alle, daß die Mehrheit genauso wenig über die Wahrheit verfügt wie die Minderheit. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zum Kompromiß und über­haupt zum Zusammenleben; er würde kein Mitbürger, sondern ein Tyrann. Wer das Mehrheitsprinzip auflösen und durch die Herr­schaft der absoluten Wahrheit ersetzen will, der löst die freiheitliche Demokratie auf.

Deshalb können wir die Stimmen nur zählen, wir können sie nicht wägen.

Aber das genügt nicht. Von Mehrheiten und Minderheiten wird mehr verlangt, als zählen zu können. Die Minderheit muß der Mehrheit das Recht zur Entscheidung zugestehen. Die Mehrheit hat beim Umgang mit diesem Recht die Pflicht, sich in der of­fenen Suche nach Wahrheit besonders zu engagieren. Sie muß ih­re Entscheidung auf Grundsätze stützen, die von allen eingese­hen und als legitim empfunden werden können. Die Entscheidun­gen müssen zumutbar sein. Keiner soll sich durch sie in seiner Existenz bedroht oder ausgebürgert fühlen.

Nur so ist ein demokratischer Grundkonsens möglich, den die Ver­fassung zwar nicht vorschreibt, ohne den aber die Demokra­tie auf die Dauer nicht leben kann. Nur so ist auch die Zu­stimmung der freien Bürger zu ihrem freien Staat zu gewinnen. Nur so wachsen ihre Mitarbeit und ihr Gemeinsinn.

Es gibt bei uns eine große Aktivität der Bürger. Man kann ein gestärktes Bürgerbewußtsein, verbunden mit einem geschwächten Staatsbewußtsein, beobachten. Aber heißt dies, daß sich die Bürger damit ganz grundsätzlich gegen den Staat wenden? Das glaube ich durchaus nicht.

Gewiß, die einzelnen und die Gruppen nehmen in erster Linie ihre eigenen Interessen wahr. Aber sie empfinden doch sehr deutlich, daß nicht jeder frei ist, durchzusetzen, was er will, sondern daß zur Vielfalt der Einzelinteressen die Ein­heit der Gemeinwohlentscheidung treten muß.

Das ist es, was die Bürger vom Staat erwarten. Wenn er sie da­rin enttäuscht, wenn er nur eine Dienstleistungsmaschine ist, wenn er seine ganz eigenständige Gemeinwohlaufgabe in der Ge­sellschaft nicht überzeugend durchzusetzen weiß, wenn er also am Ende bestenfalls ein bald beklatschter, bald ausgepfiffener Schiedsrichter ist, wie will er dann seine Bürger binden und gewinnen? Wie kann er damit etwas anderes erzeugen als Ver­drossenheit gegen sich selbst?

Und gibt es bei den Bürgern wirklich so wenig Gemeinsinn, wie man oft hören kann? Ist es wahr, was in Magazinen zu lesen ist, Gemeinsinn und Selbstlosigkeit lösten hierzulande nur hä­mische Mitbürgerglossen aus? Ich deute die Zeichen ganz an­ders. Es gibt viele - zumeist im Stillen erbrachte - soziale Dienste aller Art in der Nachbarschaft. Junge und Alte sind daran beteiligt.

Und wenn junge Menschen eine Alternativkultur aufbauen, dann folgen sie damit zunächst einmal dem Wunsch jeder neuen Gene­ration, nämlich dem, daß sie ihre Welt selbst in die Hand neh­men wollen und nicht einfach Museumswärter einer Welt ihrer Vorfahren sein wollen. Darüber hinaus aber suchen sie Aufga­ben, die ihnen das Leben lohnend machen, die ihnen Gemein­schaft bringen, die sie spüren lassen, daß sie menschlich ge­braucht werden.@

Mit unserem Staat werden sie sich um so eher identifizieren, je mehr er ihnen nicht nur das notwendige und willkommene so­ziale Netz bietet, sondern auch ein soziales Band, das sie vermissen.

Der Bürger - so sagte mir einer von ihnen - wird versorgt, er wird entsorgt, er kann unbesorgt sein. Aber kann er auch genü­gend mitsorgen, miterleben, mitarbeiten? Solche Fragen ernst nehmen, das halte ich für unsere Aufgabe. Sie mögen kritisch gesagt und gefragt sein, aber sie sind positiv zu verstehen. Manche Bürgerbewegung nimmt - vielleicht unbewußt - für einen Staat Stellung, der persönliche Verantwortung und mitmenschli­che Verbindung nicht überflüssig macht, sondern ermutigt. Auch das gehört zur Gemeinwohlaufgabe des Staates.

Herr Bundespräsident Carstens und ich haben uns über unsere An­sprachen nicht verständigt, aber es ist doch kein Zufall, daß wir beide mit einem ganz ähnlichen Gedanken abschließen. Und so lassen Sie auch mich an den Anfang unserer Verfassung an­knüpfen.

Diese Verfassung beginnt, wie wir wissen, für das deutsche Volk mit den Worten: "Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen ..."

Für die Berufung auf Gott gab es in der deutschen Verfassungs­geschichte keine feste Tradition. Der Parlamentarische Rat fand den Mut zu diesen Worten im Hinblick auf das Unheil des Nationalsozialismus und auf den Wahn, daß ein Volk oder der Mensch selbstmächtig, selbstherrlich, Herrenvolk, Herrenmensch sei.

Die Verantwortung vor Gott ist nicht dazu da, nachgeprüft zu werden. Vielen mag sie vielleicht nichts bedeuten. Wer weiß, ob sie heute Eingang fände, falls wir eine neue Verfassung zu schreiben hätten. Die Verweltlichung aller Lebensverhältnisse ist fortgeschritten. Eindeutig klar bleibt nur das Bekenntnis des Grundgesetzes zur Pluralität weltanschaulicher Auffassun­gen, zur Neutralität gegenüber der Vielfalt religiöser oder areligiöser Leitlinien.

Dennoch ist es nicht müßig, an das Verfassungsbekenntnis zur Verantwortung vor Gott zu erinnern. Der Verweltlichung und Sä­kularisierung stehen neue, teilweise heftige religiöse Zuwen­dungen und Ausschläge gegenüber. Aufklärung, Rationalität, naturwissenschaftliche Forschung - sie alle schaffen nicht nur tiefere Einsicht in die Komplexität, sie bringen auch von neuem die Erkenntnis hervor, daß nicht alles erklärbar ist.@

Wir begegnen der Erfahrung, daß der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, daß er nicht alles deuten, nicht allem und nicht sich selbst den letzten Sinn geben kann. Wenn er aber in einer Welt leben soll, die ihm diese Erfahrung bestreiten und alles weltlich erklären will, dann reagiert er darauf oft mit einer Flucht; zuletzt flieht er in Sekten und in den Fanatismus. Dies ist nicht auf den christlich geprägten Teil der Welt be­schränkt; wir finden es im Abendland und im Morgenland.

Was folgt für uns darauf? Ganz gewiß kein politischer Auftrag zu religiöser Verkündigung. Aber es geht uns alle an, was die Wirklichkeit der Religion in der Gesellschaft bedeutet.

Jacob Bruckhardt hat darauf hingewiesen, daß die Religion im neutralen Staat den Unterschied zwischen heilig und profan verdeutliche: Das Heilige, so sagt er, ist die Ehrfurcht vor Gott, die in die Welt vordringt, in die Ehrfurcht vor dem Men­schen, vor seiner Einmaligkeit, seiner Würde, seiner unsterb­lichen Seele.

Dazu mag jeder seine eigenen Auffassungen haben. Schaden aber bringt es niemandem, sich immer wieder von neuem den Unter­schied zwischen dem Letzten und dem Vorletzten klarzumachen, zwischen unserer Verantwortung und unseren Grenzen. Weder Na­turwissenschaftler noch Geistes- und Sozialwissenschaftler können alles erklären, erst recht nicht wir Politiker.

Die Verfassung erinnert an die Verantwortung vor Gott. Sie überläßt jedem sein Gottesbild und sein Weltbild. Aber uns al­len legt sie ein Menschenbild ans Herz, das uns entscheidend helfen kann. Gerade dort, wo uns unter den oft ausweglos er­scheinenden Spannungen im Leben und in der Welt die Verzweif­lung anfällt, gerade dort kann sie uns tiefe Zuversicht geben.

Es geht nicht um große Taten, die wir uns vornehmen, es geht um die Pflichten und Freuden eines jeden Tages. Der weise alte Berliner Moses Mendelssohn schrieb:

"Auf dem dunklen Pfad, auf dem der Mensch hier auf Erden ge­hen muß, gibt es gerade soviel Licht, wie er braucht, um den nächsten Schritt zu tun."

Dieses Licht sucht der Mensch, und ich meine, er kann es fin­den.

Davon wollen wir uns leiten lassen im täglichen Leben und in unserer Arbeit. Was ich mit meinen Kräften dazu beitragen kann, soll geschehen. Jeder, der mithilft, ist willkommen.