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Ansprache von Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Octavio Paz in der Paulskirche in Frankfurt am Main

Mit unseren Kenntnissen von Lateinamerika zählen wir zu den Unterentwickelten dieser Erde, sehr zu unserem eigenen Nachteil. Wir Europäer denken an dortige soziale Gerechtigkeit und Armut, an fehlende Freiheiten und Menschenrechte. Wir sehen ein Feld der Konfrontation von Großmächten.

Unsere eigenen ideologischen Kämpfe verstärken wir mit halb verstandenen lateinamerikanischen Parolen. Zugleich suchen wir Wirtschaftsbeziehungen, Rohstoffe und Absatzmärkte. Nicht zuletzt deshalb sorgen wir uns um Zinsen und Tilgungen gigantischer lateinamerikanischer Schulden, als deren Gefangene wir uns empfinden.

Das Gefühl politischer und geistiger Überlegenheit der alten Welt hat sich in den Glauben an einen Entwicklungsvorsprung verwandelt, den wir uns in der modernen Welt der Technik und Wirtschaft gegenüber Lateinamerika zuerkennen. So prägen noch immer eine Mischung von Interesse und Unkenntnis, von Gleichgültigkeit und Zukunftssorge unseren lateinamerikanischen Horizont.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels setzt mit dem Friedenspreis für Octavio Paz an der entscheidenden Stelle zur Korrektur an: bei der Kultur.

Paz bringt uns Lateinamerika mit seinen eigenen Worten ganz nahe: "Imagination, Sensibilität, Liebenswürdigkeit, Sinnlichkeit, Melancholie, eine gewisse Religiosität und ein gewisser Stoizismus gegenüber dem Leben und dem Tode, ein tiefes Gefühl für das Jenseitige und ein nicht weniger ausgeprägter Sinn für das Hier und Jetzt ... Lateinamerika ist eine Kultur."

Die Kritik des Mexikaners Octavio Paz am Begriff der Unterentwicklung ist notwendig und heilsam. Er enthüllt ihn als ein technokratisches Vorurteil, das "die wahren Werte einer Zivilisation, die Physiognomie und die Seele einer jeden Gesellschaft gering schätzt". Ein jedes Volk, auch das mexikanische, ist unterwegs, um seinen Weg in der modernen technischen Welt zu finden. Soll dies gelingen, so muß es ein Weg sein, der auf dem überlieferten und lebendigen Wesen des eigenen Volkes beruht, auf seiner eigenen Kultur.

Niemand hat die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Probleme Lateinamerikas tiefer durchdacht als Octavio Paz. Ihnen gilt sein großes kritisches Werk, seine gewaltige geistige Produktivität.

Was kann im Angesicht der immensen Belastungen und Herausforderungen geschehen? Seine Antwort: Als erstes, klar und unabhängig denken; sodann, vor allem, sich nicht der Passivität ergeben.

Danach hat er sich selbst stets orientiert. Sein Lebensweg bezeugt es von Jugend an.

Der Großvater, ein Vorkämpfer des Bekenntnisses zur Urbevölkerung, hatte ihm die Geschichte und Literatur Mexikos nahegebracht. Der Vater, Freund und Anwalt des legendären Führers der Campesinos, der Kleinbauern, Emiliano Zapata, hatte an der mexikanischen Revolution teilgenommen.

Octavio Paz veröffentlichte mit 14 Jahren seine ersten Gedichte. Im Alter von 17 Jahren gründete er die erste Literaturzeitschrift. Sein Studium brach er ab. Er wollte Autodidakt bleiben. Mit 23 Jahren zog er nach Yucatan, um eine Sekundarschule für Kinder der Campesinos zu gründen. Hier begegneten ihm Elend, Armut und Große der Eingeborenenkultur.

1937, zum Kongreß antifaschistischer Schriftsteller nach Madrid eingeladen, stand er im spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite. Alsbald verwahrte er sich gegen die Verwechselung des stalinistischen Kommunismus mit dem Sozialismus und erteilte jenem beim Hitler-Stalin-Pakt eine klare Absage.

Nach längeren Aufenthalten in Paris und in den USA trat er in den diplomatischen Dienst seines Landes ein, der ihn nach Japan und später als Botschafter nach Frankreich und Indien führte.

Als seine Regierung 1968, im Jahr der Olympiade und des Prager Frühlings, auf unbewaffnete Studenten schießen und ein Massaker anrichten ließ, verließ er sofort den Dienst. Für die Studenten in ganz Lateinamerika wurde er zum Symbol innerer Freiheit und moralischer Integrität. Später gründete er wieder Zeitschriften, zuletzt 1976 "Vuelta", eine der anspruchsvollsten und einflußreichsten politischen und literarischen Zeitschriften der Welt.

Kritisch und undogmatisch, unabhängig und einsam bleibt er im Denken und im Verhalten. Er weiß, daß Kritik von sich aus weder Kunst noch Politik hervorbringt. Aber er glaubt daran, daß nur sie den physischen, sozialen und moralischen Raum zu schaffen vermag, in dem sich Kunst, Literatur und Politik entfalten.

Paz spricht solche Gedanken für Lateinamerika aus. Aber ich glaube nicht, daß unsere Erfahrungen geeignet wären, sie zu widerlegen.

Diesem kritischen Geist dient er, und um seinetwillen hält er Distanz zur Macht. Auch anderen gibt er denselben Rat: "Wenn der Philosoph an die Macht kommt, endet er entweder auf dem Schafott oder als gekrönter Tyrann."

Das ist eine strenge, gewiß wohlbegründete Empfehlung. Aber man sollte es auch nicht umgekehrt übertreiben. Ein Unglück wäre es jedenfalls nicht, wenn Politiker sich gelegentlich für Fragestellungen der Philosophie interessierten.

Octavio Paz ist auf seinem Weg zur prägenden Stimme lateinamerikanischer Kultur geworden, zu ihrem Gewissen:

- Durch ihn erfahren wir, wie sein eigenes Land und wie Lateinamerika um Identität ringt - ein politischer, sozialer und geistiger Prozeß von größter Bedeutung auch für uns. Paz beobachtet und gestaltet ihn zugleich.

- Wir begegnen in ihm dem kritischen Denker und Schriftsteller der Freiheit, der seinen Weg in unerbittlicher Unabhängigkeit und kosmopolitischer Einsamkeit geht.

- Seine tiefste Wirkung aber bezieht er aus seiner lyrischen Dichtung. Seine Poesie bereichert die Weltliteratur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie nur wenige andere.

Paz ist ein Schriftsteller von außerordentlicher politischer Wirkung. Letzten Endes ist es aber weniger die Politik als die Geschichte, die ihn bewegt und die er als Geschichte der Kultur begreift. In seinem berühmten "Labyrinth der Einsamkeit" und zahlreichen Essays macht Paz uns mit dieser Geschichte vertraut.

Seit zwei Jahrhunderten, so sagt er, ringen die besten Lateinamerikaner um eine umfassende soziale, politische und geistige Reform. Modernisierung ist ihr Ziel. Aber so lang wie der Kampf, so lang ist die Reihe der Irrtümer über die geschichtliche Wirklichkeit. Schon die Vielzahl der Namen für den Kontinent verwirrt.

Welcher stimmt genau genug? Lateinamerika, Hispanoamerika, Iberoamerika, Indoamerika? Jeder Name bezeichnet und verschweigt zugleich einen Teil der Wirklichkeit.

Was wir bei Paz über Lateinamerika erfahren, ist immer auch eine Auskunft über unsere eigene Geschichte. Er schildert die besondere Version christlich-abendländischer Kultur, die von der Iberischen Halbinsel nach Lateinamerika gekommen ist: die Verschmelzung des Religiösen mit dem Politischen, in deren spanischen Wesenszügen er Spuren des Islams entdeckt; die Identifizierung mit einem universalen, einer einzigen Auslegung zugänglichen Glauben; die Verweigerung der anbrechenden Modernität.

Neben dem abendländischen Einfluß, den Paz stets ohne Ungerechtigkeit und ohne polemischen Fanatismus beschreibt, steht das Gewicht des starken Bevölkerungsanteils der Indios. Paz schildert, wie sie die Sensibilität der Völker verfeinert und ihre Phantasie befruchtet haben. Vermischt mit den spanischen Einflüssen findet er die Merkmale ihrer Kultur in der Religion, den Märchen und Legenden, den Mythen, den Künsten, der Gesellschaftsmoral und der Küche seines Volkes.

Der Weg in die Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Völker sieht er begleitet vom immer neuen Scheitern am wichtigsten Ziel, nämlich an der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Modernisierung.

Er beschreibt, wie nordamerikanische Vorbilder die Väter der lateinamerikanischen Unabhängigkeit und Liberalität beseelt haben. Als um so tragischer empfindet er es, daß dasselbe Nordamerika allzu oft zum Hindernis für die Modernisierung Lateinamerikas geworden ist, weil es inmitten der typischen Machtaufteilung zwischen wirtschaftlichen Oligarchien und Militärs mit falschen Verbündeten zusammengearbeitet und interveniert hat.

Auch noch so häufige Militärputsche haben aber die geschichtliche Legitimität der Demokratie im Bewußtsein der lateinamerikanischen Völker nie in Frage gestellt: "Mit ihr", so sagt er, "sind wir geboren, und trotz der Verbrechen und Tyranneien war die Demokratie für unsere Völker so etwas wie ein geschichtlicher Taufschein."

So oft auch die Demokratie entstellt und verraten worden ist, so ist doch all das Gute, das seit anderthalb Jahrhunderten in Lateinamerika gewachsen ist, im Zeichen der Demokratie oder, wie in Mexiko, auf die Demokratie hin geschaffen worden.

Mit besorgter Aufmerksamkeit beobachtet Paz heute eine Revitalisierung alter politisch-religiöser Absolutheitsansprüche in neuer Form. Nunmehr wird geoffenbarte Wahrheit durch angebliche wissenschaftliche Wahrheit ersetzt, welche die Geschichte und Gesellschaft universal deutet und sich nicht mehr in einer Kirche, sondern in einer Partei verkörpert.

"Eine paradoxe Modernität: Die Ideen sind von heute, das Verhalten ist von gestern. Ihre Großväter beriefen sich auf den Heiligen Thomas von Aquin, sie berufen sich auf Marx, aber für die einen wie die anderen ist die Vernunft eine Waffe im Dienst einer großgeschriebenen Wahrheit ... Ihr Begriff von der Kultur und vom Denken impliziert Polemik und Kampf: sie sind Kreuzritter. So besteht in unseren Ländern eine geistige Tradition fort, welche die Meinung des anderen wenig achtet, welche die Ideen der Wirklichkeit und die geistigen Systeme der Kritik der Systeme vorzieht."

Die Meinung des anderen zu achten, bedeutet nicht, jede Position zu relativieren. Kritik der Systeme wendet sich nicht gegen die Suche nach Wahrheit. Aber wer eigene Überzeugungen als Wahrheit absolut setzt und politisch instrumentalisiert, macht freies Zusammenleben von Menschen unmöglich.

An Zentralamerika liest Paz das Mißgeschick der ganzen Geschichte seines Kontinents ab: Unabhängigkeit führt zur Aufsplitterung, zur Vereinzelung, zur Schwäche. Die Folge davon ist wieder eine Krise der Unabhängigkeit und fremde Intervention. Unrecht und Elend dauern fort, "gleich wer der Gewinner ist, der Obrist oder der Guerillero".

Paz analysiert und kämpft für den Weg zur Demokratie in Lateinamerika.

"Demokratie und Unabhängigkeit sind komplementäre und voneinander untrennbare Wirklichkeiten: Die erste verlieren heißt, die letztere verlieren und umgekehrt."

Erst wenn die Demokratie gewonnen ist, ist die Unabhängigkeit vollendet.

In diesem Zusammenhang gehören die Gedanken von Paz zur Freiheit, die er aus seinem geistigen und politischen Verständnis von Kultur entfaltet. Er sieht in der Freiheit kein System allgemeiner Erklärungen und keine Philosophie. Denn "jeder von uns ist ein einzigartiges und besonderes Wesen. Die Freiheit gewährleistet mir meine Einzigartigkeit und löst sich in der Anerkennung des anderen und der anderen auf."

Paz knüpft an Rosa Luxemburg an. "Der andere ist zugleich Grenze und Quelle meiner Freiheit ... Wenn Freiheit und Demokratie auch keine äquivalenten Begriffe sind, so sind sie doch komplementär: Ohne Freiheit ist die Demokratie Despotie, ohne Demokratie ist die Freiheit eine Schimäre."

Erlauben Sie mir, aus den Schriften von Paz zur Freiheit noch einen Passus zu zitieren, mit dem er den Einfluß von Cervantes auf unsere Erfahrung mit Freiheit beschreibt: "Mit Cervantes beginnt die Kritik des Absoluten: Es beginnt die Freiheit. Und sie beginnt mit einem Lächeln, nicht der Freude, sondern des Wissens. Der Mensch ist ein prekäres, komplexes, doppeltes oder dreifaches Wesen, von Phantasmen heimgesucht, von Begierde getrieben, von Sehnsucht zernagt: ein prachtvolles und klägliches Schauspiel. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Wesen, und jeder Mensch ist allen anderen ähnlich. Jeder Mensch ist einmalig, und jeder Mensch ist viele Menschen, die er nicht kennt: Das Ich ist pluralistisch. Cervantes lächelt: Lernen, frei zu sein, heißt lernen zu lächeln."

Großartig und eindrucksvoll an Paz' Gedanken zu Unabhängigkeit und Demokratie, zu Freiheit und Frieden ist, daß sie uns nie als abstrakte Ideenkritik begegnen. Sie sind vielmehr lebensvoll und glaubwürdig, weil sie im Leben und Denken von Octavio Paz ein natürlicher Bestandteil der ihn tief bewegenden Frage nach der nationalen Wesensart und nach Identität sind.

Dieses zentrale Thema in Lateinamerika und zumal in Mexiko findet in Paz seinen großen Interpreten: "Der Mexikaner will weder Spanier noch Indio sein, ebenso wenig will er von ihnen abstammen. Er leugnet sie, und er behauptet, weniger ein Mestize zu sein als dessen Abstraktion: ein Mensch. Er möchte von niemand abstammen. Seinen Ursprung bei sich selber nehmen ... Den Mexikaner und die Mexikanität kann man als Bruch und Verneinung definieren, aber auch als Suche und Willen, den Zustand der Isolierung zu überwinden, kurz, als lebendiges Bewußtsein der Einsamkeit, der geschichtlichen wie der persönlichen."

"Mexiko hat", so sagt Paz an anderer Stelle, "kein Bündel von universalen Ideen zur Verfügung, die unsere Situation rechtfertigen könnten. Aber auch Europa, dieses Magazin fertiger Ideen, lebt heute wie in den Tag hinein.

Streng genommen, hat die ganze moderne Welt keine neuen Ideen. Deshalb ist sie, genau wie der Mexikaner, der Realität gegenüber einsam."

Octavio Paz zu ehren, heißt nicht nur einen großen Geist, sondern seinen Kontinent zu ehren, der vielleicht als erster mit Würde die ganze Problematik einer identitätslosen Existenz des modernen Menschen durchkämpft. Lateinamerika, wie es uns in Paz begegnet, ist uns in diesem Ringen voraus, in der Desillusionierung an einem "Fortschritt", welcher die eigentümlichen, geistigen Grundlagen eines Volkes und seines Lebens gefährdet.

Ein Mann vom Range Paz' macht uns deutlich, wie fruchtlos alle bewußten oder unbewußten Versuche einer geistigen Kolonialisierung gegenüber Lateinamerika geblieben sind. Lateinamerika sucht seinen eigenen Weg. Dazu muß es seine eigene Kraft entwickeln. Von welcher universalen Großidentität sollte es auch leben? In welcher technisch-wissenschaftlichen Großkultur sich wiederfinden? Welche Grundsätze des Internationalen Währungsfonds als eigene kulturelle Lebensregeln verstehen?

Die Mexikaner, vergewaltigt in der Geschichte, auf der Suche nach sich selbst, haben den Mut zur Eigentümlichkeit. Der Mensch findet zu sich selbst in seiner Kultur. Kultur ist Geschichte nicht von Ideen, sondern vom konkreten, ja einmaligen Menschen.

Kultur ist für Paz keine unbewegliche, stets mit sich selbst identische Wesenheit, kein Wertekatalog, sondern Lebensweise. In dieser Kultur findet der Mensch Frieden mit sich. Er entwickelt die Fähigkeit zum friedlichen Zusammenleben. Paz gilt in seiner Heimat als pazifistischer Demokrat in des Wortes ureigenster Bedeutung, als ein Demokrat, der Frieden schafft für eine überschaubare Gemeinschaft von Menschen.

Auch wir sind unterwegs. Es gibt keine universale Modernität oder Identität, die wir uns selbst zu verkünden oder zu exportieren hätten. Wir suchen ständig unseren eigenen Weg der Kultur.

Das ist entscheidend wichtig. Er darf uns nicht in eine Frontstellung gegen das technische Zeitalter treiben. Erst recht ist er kein unpolitischer Weg. Aber er weist über Wissenschaft, Wirtschaft und Sicherheit hinaus. Er ist ein Weg, der in unseren eigenen, uns eigentümlichen geistigen Beziehungen gründet und der Politik Kontinuität gibt. Kultur ist Politik. Kultur, verstanden als Lebensweise, ist vielleicht die glaubwürdigste, die beste Politik.

Wieder können wir bei Paz lernen. Uns begegnet bei ihm ein Verständnis von Kultur, das uns aus der deutschen Geistesgeschichte wohlvertraut ist. Paz hat, entgegen einem ihm von Ortega y Gasset gegebenen Rat, nie Deutsch gelernt. Aber er bekennt sich zu prägenden Einflüssen durch die deutsche Philosophie und Literatur, vermittelt nicht zuletzt durch Ortega. Er spricht mit Bildern und Gedanken, die wir verstehen. "Nach Deutschland zu reisen, ist für mich eine Art von Jugenderfahrung, die ich nicht gelebt habe."

Wir können nicht dankbar genug sein, daß er gekommen ist und uns hilft, den Weg seines Denkens nachzuvollziehen. Er vertieft nicht nur unser Verständnis von Lateinamerika, sondern er hilft uns auch, unsere eigenen Aufgaben besser zu erkennen.

Paz verbindet viele fruchtbare geistige Tätigkeiten in einzigartiger Form. Sein Überblick über Kulturen und Literaturen der Welt mit Schwerpunkten in Indien, Japan, Europa und Nordamerika ist ohnegleichen. Er ist ein Vorbild der Unabhängigkeit und der Kraft des kritischen Denkens. Er ist zum Interpreten und Erzieher seines Volkes geworden.

Zum tiefsten Kern der Dinge aber dringt er vor mit seiner Poesie. Seit seiner Jugend hat Paz den Aufruf zur Aktion und zur Kontemplation verspürt. Beiden ist er gefolgt.

Die Brücke zwischen beiden hat er in der Poesie gefunden.

Die Poesie:

"Sie sagt,

was ich verschweige,

sie verschweigt,

was ich sage,

sie träumt,

was ich vergesse.

Sie ist nicht Sagen,

...

Die Augen sprechen,

die Worte schauen,

die Blicke denken."

Gewiß auch in seinen großen Gedichten, so etwa in "Sonnenschein", "Weiß" und im "Nachtstück von San Ildefonso" bleibt er verbunden mit den zentralen Themen, die uns bei ihm immer wieder begegnen.

Er denkt nach über die Geschichte, das tragische Spiel der Irrungen in der historischen Zeit, über Schuld und Scheitern mit den Idealen der Gerechtigkeit, über Rationalismus und Humanität. Wieder begegnen wir seinen Gedanken über Identität, liberale Tradition und Ideologie.

Aber wenn er dort meditiert über Geschichte, Kultur und den Menschen, dann geht er den entscheidenden Schritt weiter in Richtung auf Wahrheit. Wahrheit, wie Kultur, lebt für Paz nicht in der abstrakten Idee, sondern im konkreten Menschen. Kein Mensch besitzt und verfügt über die Wahrheit. Aber es gibt Augenblicke, in denen ihn die Wahrheit berührt. Dann wird er seiner selbst gewahr. Es ist der Augenblick der Erfahrung, der Erleuchtung, der Liebe, der Ekstase oder der ruhigen inneren Gewißheit, der Augenblick, der die Widersprüche aufhebt, der Klarheit bringt, der den Menschen in unaussprechlicher Weise eins sein läßt mit dem Leben.

Wenn der Augenblick vorbei ist, kehren wir zurück zur Zeit mit ihren Widersprüchen, zurück an den Anfang eines Kreises, den wir wieder von neuem ausschreiten. Aber der Augenblick hat uns verwandelt.

Diesen Augenblick zu bannen, ist die Aufgabe des Gedichtes. Die Verse belagern den Augenblick, sie umzingeln ihn, da er uns unser wahres Wesen offenbaren wird.

So wird das Gedicht für Paz die "Pforte zum Augenblick, wo die Wahrheit wohnt". Die Dichtung dient der wesensmäßigen Einheit des Augenblicks, sie macht seine ewige Gegenwart erfahrbar.

Dichtung ist nicht Wahrheit. Wahrheit ist nicht Geschichte. In seinem "Nachtstück von San Ildefonso" sagt Octavio Paz:

Die Wahrheit

ist der Grund der Zeit ohne Geschichte.

Das Gewicht

des Augenblicks ohne die Last der Wichtigkeit:

...

Die Dichtung,

wie die Geschichte, wird gemacht:

die Dichtung,

wie die Wahrheit, wird gesehen.

...

Die Dichtung,

Hängebrücke zwischen Geschichte und Wahrheit,

ist nicht ein Weg zu dem oder jenem:

sie ist Schauen der Ruhe in der Bewegung,

des Übergangs in der Ruhe.

Die Geschichte ist der Weg:

er führt nirgendwohin,

wir alle beschreiten ihn,

die Wahrheit ist,

ihn zu beschreiten.

Wir gehen nicht,

wir kommen nicht:

wir sind in den Händen der Zeit.

Die Wahrheit:

uns zu wissen,

von Anfang an,

in der Schwebe,

Brüderlichkeit über der Leere.

Große Gedichte der Weltliteratur! Wo gibt es Vergleichbares in unserer Zeit? Wo sind Verstand und lyrische Empfindung, wo Kopf und Herz so im Lot?

Wir verdanken sie Lateinamerika. Und wir verdanken es dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem hervorragenden Engagement von Verleger, Übersetzer, Interpreten und Kritikern, uns endlich für sie zu öffnen.

Paz geht seinen eigenen Weg. Er geht seinem eigenen Volk, den Mexikanern, voran. Er spricht für Lateinamerika.

Dabei stöße er zum Kern des Lebens vor. Indem er es tut, verleugnet er nicht Zeit, Geschichte, Tradition, Geographie, Hautfarbe, soziale Befindlichkeit.

Und doch überschreitet er sie zugleich. Er denkt und fühlt, er spricht und dichtet auch für uns. Wie er begabt ist zum Leben und Zusammenleben, so dient er dem Frieden des Menschen mit dem Leben.

Dafür ehren wir Octavio Paz. Wir ehren Mexiko. Wir ehren Lateinamerika.