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Ansprache von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 60. Todestag von Reichspräsident Friedrich Ebert im Rathaussaal der Stadt Heidelberg

Dank möchte ich Ihnen sagen für den freundlichen Empfang in Heidelberg, auf den ich mich sehr gefreut habe, Dank für den liebenswürdigen Dispens durch den Landesvater, daß ich schon nach Heidelberg kommen darf, obwohl ich in Stuttgart noch nicht war.

Nach Heidelberg zu kommen, bedarf freilich keiner näheren Begründung, auch nicht, wenn man aus Stuttgart stammt. Der geistige Rang Heidelbergs, sein Ruf in der ganzen Welt, seine menschliche Atmosphäre, dies alles hat auch in meiner Familie stets dazu beigetragen, Heidelberg einen besonderen Platz einzuräumen. In der Generation meiner Eltern war es der Bruder meines Vaters, der uns von früher Kindheit an Heidelberg nahegebracht hat. Ich selber habe in den ersten Nachkriegsjahren zwar nicht in Heidelberg studiert, aber das, was ich an meinem eigenen Studienort nicht verstand, hier in Heidelberg beigebracht bekommen. Mein Verhältnis zur Jurisprudenz hat sich normalisiert, seitdem ich hier in Heidelberg mit Medizinern, Theologen und Sozialwissenschaftlern über den Sinn der Jurisprudenz die Erleuchtungen bekam, die mir in Göttingen nicht gegeben worden waren. Und die Tradition der Familie setzt sich fort durch meinen jüngsten Sohn, der heute Heidelberger Bürger ist und es gern ist - und ich freue mich darüber.

Wir sind hier zusammengekommen, um Friedrich Ebert zu ehren. Er ist hier geboren, hier begraben. In der Eingangshalle meines Amtssitzes hängen zwei Bilder: Friedrich Ebert und Theodor Heuss. Theodor Heuss, der erste Präsident der republikanischen Demokratie, die von nahezu allen Deutschen innerlich akzeptiert und bejaht wird, Friedrich Ebert als Repräsentant einer sowohl guten wie tragischen Episode des Werdens dieser republikanischen Demokratie. Ebert hatte einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Er war Anhänger einer beharrlichen Reformpolitik; er hat sich um ein harmonisches Verhältnis zwischen seiner Partei und den Gewerkschaften bemüht. Er hat die Arbeiter-Jugendbewegung mit aufgebaut und geleitet. Zugleich hat er an Weichenstellungen der Geschichte unseres Landes vor schweren Entscheidungen gestanden. Er war davon überzeugt, daß im Krieg die Arbeiter und seine Partei sich in einer Form bewähren müßten, die nicht nur die Stellung seiner Partei, sondern die vor allem die überfälligen Reformen zustande bringen sollte, für die er arbeitete und auf die hin er lebte.

Aber schon im Krieg geriet er in Anfeindungen und Schwierigkeiten, die auch spätere Stationen seines Weges kennzeichneten. Ich denke vor allem an den Munitionsarbeiter-Streik, bei dem er versuchte, sich vermittelnd einzusetzen und bei dem ihm dann doch im Grunde von beiden Seiten ganz zu Unrecht Verrat vorgeworfen wurde. Als die Niederlage des Deutschen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges kam, mußte die parlamentarische Demokratie quasi als Trabant dieser Niederlage in Deutschland Einzug halten. Ein abgewirtschaftetes System schob dieser parlamentarischen Demokratie die Verantwortung für die Liquidation zu. Aber es war Eberts Absicht zu verhindern, daß aus dem Ende und dem Bankrott der Kaiserzeit der Ruin des deutschen Staates würde. Es war nicht der Kaiser, der ihn gerufen hatte, sondern das Volk - und deswegen übernahm er eine Verantwortung, die ihm unausweichlich erschien, so schwer sie war.

Als er sein Reichspräsidentenamt antrat, sagte er: "Ich bekenne, daß ich ein Sohn des Arbeiterstandes bin, aufgewachsen in der Gedankenwelt des Sozialismus, und daß ich weder meinen Ursprung noch meine Überzeugung jemals zu verleugnen gesonnen bin." Und dieses Bekenntnis verband er mit der Ankündigung, nicht als Vormann einer Partei sein Amt zu übernehmen, sondern sich für sein Land im Ganzen einzusetzen. Das hat er auch getan. Er hat ebenso bedächtig wie energisch und unter Verleugnung persönlichen Ehrgeizes sich in der Politik betätigt ganz so wie einer, der auch einmal in Heidelberg gelehrt und einen großen Namen begründet hat, jenes starke, langsame Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß, wie es Max Weber geschildert hat.

Ich wüßte kaum jemanden wie Friedrich Ebert, auf den diese Empfehlung in seinem eigenen Leben so gut paßt. Seine Ziele waren, den alten Obrigkeitsstaat zu Fall zu bringen, eine klassische Demokratie zu errichten, zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum Verständigung herbeizuführen. In den ersten Jahren seiner Amtszeit, so schwer sie waren, entwickelte sich langsam, Schritt für Schritt, eine positive Gewöhnung an die neuen Verhältnisse. Die Deutschen begannen - auch soweit sie sie nicht gewollt hatten - sich nolens volens mit der Republik abzufinden. Es gab eine zunehmende Wirklichkeitsnähe. Ebert hatte entscheidenden Anteil am Entstehen nicht nur der Republik, sondern auch solcher noch zarter Gefühle.

Er verkörperte in seiner Position wie kein anderer diese Republik. Ohne viel Aufheben hat er ihre politische Wirklichkeit in entscheidenden Punkten geformt. Er hat die Republik stets über seine Parteimitgliedschaft gestellt, auch wo ihm dies Entfremdung eintrug. Und als er dann einer neuen schweren Welle von Kränkungen ausgesetzt war und schließlich in einem Prozeß nur noch formal, aber nicht mehr wirklich im Kern seiner Person und seiner Seele den Schutz fand, auf den er wirklich Anspruch hatte, da starb er, und damit war ein schwerer Rückschlag für die Republik eingetreten.

Hagen Schulze sagt: "Sein Tod war fast ein Mord, ein Mord mit Worten und Paragraphen." Die Mißverständnisse, Fehlurteile, der Haß galten letztlich nicht seiner Person, sondern sie galten noch immer jener Demokratie, deren würdiger Repräsentant er war.

Friedrich Ebert war ein Demokrat in einer noch weithin undemokratischen Zeit. Darin liegt seine Tragik wie auch seine Größe. Darin liegt seine Bedeutung auch für uns in der Bundesrepublik Deutschland. Er war für Reformen, nicht für Revolution. Er setzte sich sein Leben lang ein für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, aber er war kein Klassenkämpfer. Er hatte ein in seiner klaren Menschlichkeit wurzelndes soziales Gewissen, aber er war nicht der Prototyp des Ideologen. Dieser Geist von Friedrich Ebert hat wesentlich Pate gestanden für Entwicklungen und Entscheidungen auch in unserer Zeit. Friedrich Ebert hat mehr als jeder andere zur Stabilisierung der Weimarer Republik getan, aber es war nicht genug. Es mußten erst Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg mit ihren Schrecken und mit ihrem Unrecht kommen, bevor unser Volk in seiner übergroßen Mehrheit begriff, was Friedrich Ebert schon in aller Klarheit wußte: daß die Demokratie unsere historische Aufgabe und Chance ist.

Ebert war ein Patriot. Er, der Mann des Volkes, hat das Volk geliebt, besonders die Jugend seines Volkes. In den letzten Tagen seines Lebens kreisten seine Gedanken um die Frage, wie die Jugend mit dem Geist der Demokratie zu erfüllen sei. Und das ist wirklich die alles entscheidende Frage.

Von der Pfaffengasse zum Friedhof - es war ein schweres, ein gutes Leben in Deutschland, was dazwischenlag. Ihn, den ehrenhaften, in seiner Ehre unbeschützten Mann zu ehren, sind wir heute hier versammelt.